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Es gibt immer wieder Fragen, die sollte jemand nicht stellen, der beim Erzählen keine neue Nebelbomben zünden will – zum Beispiel diese hier: "Wollen Sie wirklich alles wissen?" Alf Rolla wäre mächtig ins Grübeln gekommen, hätte die Antwort "Nein!" gelautet.

Aber dazu kam es nicht.

Und so konnte er die Geschichte aus den 60-er Jahren erzählen, als er im Bus der Linie 23 in Herne den Fahrer gebeten hatte: "Darf ich mal die Haltestellen ansagen?" Er durfte. Mit pulsierender Halsschlagader brüllte er durch den Wagen: "Schule Sodinger Straße. In Richtung Castrop-Rauxel hier umsteigen!" Der so erwachte Berufswunsch hatte wahrscheinlich nichts außer rührender Selbstüberschätzung zu bieten: "Ich werde später mal Ansager."

In einem hochmodernen Stellwerk der Bahn holte er sich ein paar Jahre später den nächsten Adrenalin-Stoß, zum ersten Mal durfte er in ein Mikrofon sprechen: "Bochum-Langendreer, hier Bochum-Langendreer. Nach Herne Hauptbahnhof bitte hier umsteigen." Sein grenzenloses Selbstvertrauen wurde noch um einige Grade intensiver.

So mag es gewesen sein, möglicherweise aber nicht genau so, wie es uns die stets zu Verklärungen neigende Erinnerung heute glauben machen will!

Nur: Es gab damals in Herne gar keinen "Hauptbahnhof", nur einen "Bahnhof", der auch so hieß. Und das wurmte den Jungen mächtig. Eine Großstadt und kein Hauptbahnhof, nein, das sollte sich ändern. Zusammen mit einigen Freunden machte der inzwischen 13-Jährige eine Straßenumfrage: "Sind Sie nicht auch für die Umbennung des Bahnhofs?" Gut 80 Prozent der Befragten waren es. Kein Wunder, bei dieser Fragestellung. Auf das Ergebnis war der Iniator der Umfrage mächtig stolz. Und er wollte seinen Triumph nicht für sich behalten.

Mit den Notizen wanderte er am nächsten Tag zu den Lokalblättern. Und bei den "Ruhr Nachrichten" traf Alf Rolla auf sein Schicksal in Gestalt des Redaktionsleiters Heinz Kurzbach und dessen Kollegen Rolf Gerhard Lange, denn die meinten bei der Verabschiedung: "Und wenn Du mal wieder etwas hast, komm ruhig vorbei."

Tat der Schüler auch. Das ZDF hatte gerade in der Show "Der goldene Schuss" einen Wachwechsel vollzogen. Wegen einer privaten Affäre wurde Moderator Lou van Burg gegen den Sänger Vico Torriani ausgetauscht. Das gleiche Spiel noch einmal. In den "Ruhr Nachrichten" war zwei Tage später zu lesen: "ZDF-Entscheidung lässt Schüler nicht ruhen." Da wurde der Bergmannssohn endgültig vom Virus mit dem Namen Journalismus befallen – und er beschloss: Entweder gehe ich später mal zum Rundfunk ... oder zur Zeitung.

Dabei hatte ihm der Text des Artikels gar nicht so gefallen. Denn da war immer von "Schüler Hubert" die Rede. Und seinen Taufnamen, den auch sein Vater trug, fand er spießig, scheußlich und überhaupt. Was machen, wenn man keinen zweiten Vornamen hat?

Nun war der Junge damals ein leidenschaftlicher Hörer von Radio Luxemburg. Also schrieb er die Namen einiger Sprecher "der vier fröhlichen Wellen" (Camillo, Frank, Jörg, Alf und Pierre) auf einzelne Streichhölzer, schloss die Augen, brach von einigen (aber eben nicht von allen) die Köpfe ab und zog dann ein Streichholz. So wurde Alf geboren. Wenn er später übrigens Verwandten anbot, sie könnten ihn "Hubert" oder "Alf" nennen, herrschte innerlich Remmidemmi. Schließlich zierte der Wunschname längst Telefonbuch, Visitenkarten und Türklingel. Natürlich zeigte er seine Gefühle nicht offen.

Wie auch später im Berufsleben nicht. Alf Rolla: "Die meisten Jahre meines Leben bin ich von Menschen umgeben gewesen, für die es erste Bürgerpflicht war, Gefühle in ein Korsett zu packen. Sie hielten sie einfach für zu kostbar, um sie anderen Menschen zu zeigen."

Zurück zur Lebensgeschichte: Nach einer (verkürzten) Ausbildung als "Industriekaufmann" hatte sich der schon erwähnte Heinz Kurzbach als Mentor erwiesen – er besorgte Alf Rolla ein Volontariat. Eine große Portion Talent und die damalige Blutarmut im deutschen Journalismus standen wohl auch Pate. Bald wurde auch eine andere Zeitung auf die originelle Schreibe des Jung-Redakteurs aufmerksam. Alf Rolla ging als Polizeireporter zu "Bild", und dass es dort nicht eben zugeht wie auf einem Kindergeburtstag, musste er sehr schnell erfahren. Nach knapp einem Jahr machte er einen Abstecher zur Yellow-Press ("frau aktuell"), ging wieder zu der Boulevardzeitung (zweiter Wagenlenker), arbeitete dann als freier Hörfunkjournalist (u.a. Radio Bremen, Sender Freies Berlin), erfüllte sich einen weiteren Kindheitstraum (Korrespondent bei RTL-Radio in Düsseldorf) und spielte schließlich als Redaktionsleiter bei "Bild-Köln" den Minenhund. Die Stufen der Karriereleiter hatte der Journalist ohne große Mühe erklimmen können, aber auch immer mehr holte ihn die Vergangenheit in Form von Minderwertigkeitskomplexen (fehlendes Abitur, kein Studium) ein. Einige Zeit ließen sie sich von den Götzen, die er anbetete, unterdrücken: Dienstwagen, zwei Sekretärinnen ... und ein Toupet.

Private Probleme brachten aber schließlich das Fass zum Überlaufen. Alf Rolla wurde krank. Und die Diagnose der Ärzte sprach Klartext ... Klartext wie er vernichtender nicht sein kann: Multiples Sklerose. Mit messianischem Impitus empfahl ihm die Krankenkasse (Barmer Ersatzkasse), doch zum Frührentner umzusatteln. So wurde Alf Rolla nie klamm. Aber es war auch ein Vorschlag, der Jahre später für das Unternehmen zum Muster ohne Wert werden sollte. Denn mit dem "Schmerzensgeld" hatte Alf Rolla, der nun nicht mehr im Geschirr stand, auch die Lizenz zum Unglücklichsein erworben.

Natürlich hängt das nicht direkt zusammen – aber wann reagiert der Bauch schon logisch?

Faulenzen und Alf Rolla, ja, das waren Dinge, die gegensätzlicher nicht sein konnten, so wie eine Suppenküche und das Hotel "Hilton". Die beste Stimmung geriet schon sehr bald bedenklich in die Nähe des Gefrierpunktes, wenn Alf Rolla auftauchte. Denn er hielt seinen Geist wachsam, indem er die Teufelsgeige auf den Nerven der anderen Menschen (Eltern, Freundin) spielte - ihnen bei jeder Gelegenheit kräftig einen einschenkte. "Wenn es mir schon schlecht ging, sollte es ihnen auch nicht gutgehen!" Fast jeden Nachmittag verbrachte er außerdem in Praxen. Es waren erstklassige Schauplätze für dauerhaft schlechte Launen. Denn in den Wartezimmern sagten die Leute lauter Sache, die man so sagt, wenn man zum Arzt oder zum Heilpraktiker geht. Und der Mann, der nach übereinstimmender Diagnose aller Mediziner von seiner Grundkrankheit längst geheilt war, hörte aufmerksam zu. Kurze Zeit später horchte er lange genug in sich selbst hinein, dann bemerkte er an sich die gleichen Symptome (Innenohrentzündung, Rückenschmerzen, erhöhte Cholesterinwerte), die man vorher ausführlich durchgekaut hatte. Ja, die Welt hatte für Jahre einen neuen Hypochonder, und das handelnde Personal der Krankenkasse schaute in die Röhre.

Und was machten neben dem Neurosen-Päckchen noch die Alf-Rolla-Passionsspiele aus? Er schmökerte in Krimis, hörte Jazzmusik oder verbrachte seine Zeit mit Meiser & Co. "Regelmäßig waren die Themen der TV-Talkshows von einem Kaliber, dass man sich ihnen auch im Stadium höchster Demenz hätte widmen können." Machmal traf er sich auch mit Bekannten, und bei diesen Treffen strotzte er nicht gerade vor Selbstvertrauen: "Es waren auch schon mal Leute darunter, die Texte sprachen, die erst einmal dechiffriert werden wollten." Keine Frage, warum er nicht mal die Möbel gerade rückte.

Bei den Bildern aus der Vergangenheit lacht Alf Rolla heute ein Lachen, das immer kehliger wird, je länger er es in die Länge versucht zu ziehen, dann gibt er zu: "Ich widersprach nie, wohl aus Angst, sonst auch diese Kontakte zu verlieren." Manchmal folgten allerdings Blicke vom Nachbartisch, die eine halbe Sekunde zu lang dauerten. Den Kontakt zu alten Freunden hatte er übrigens total abgebrochen (Eifersucht auf deren berufliche Erfolge oder privates Glück). Zuhause war er oftmals stinksauer auf sich, weil er Mitglied der Fraktion der Duckmäuser geworden war. "Ich fing an, nicht mehr zu sein, was ich bin."

Soviel Seelenqualen verkraftet auch kein breitschultriger Westfale!

Denn an vielen Stundes des Tages verlief sein Leben rückwärts: Alf Rolla begab sich auf Wanderschaft, und Stationen seines Berufslebens waren die Fotos an der Wand, die ihn bei Interviews mit Prominenten (wie Freddy Quinn, Udo Jürgens oder Hans Rosenthal) zeigten. Und in Gedanken konnte er selbst über sein Universum bestimmen, die Erinnerungen wurden einfach um- und umgewälzt. Bis ihn ein leerer Kühlschrank in die rauhe Wirklichkeit zurückholte. Und es stellte sich ihm die Frage: Kaufe ich meine Lebensmittel bei "Plus", "Kaiser´s" oder "Stüssgen" ein?

Hätte der Single nicht auf dem Weg zum Supermarkt - es war übrigens einer von "Kaiser´s" - ein neues Schild (Diplom-Psychologe) an einer Haustür entdeckt, wär´s vielleicht Essig geworden mit ihm! "So ein Psychoklempner fehlt mir noch in meiner Ärzte-Sammlung", das schoss ihm damals durch den Kopf. "Also ließ ich mir einen Termin geben. Ich rechnete mit einigen Stunden Behandlung, ohne aber genau zu wissen, was Psychotherapie überhaupt ist." Über drei Jahre dauerte sie, dafür wurden die Visiten bei anderen Ärzten immer seltener. Bald tat ihm nichts mehr weh... und der Besuch in der Muckibude machte "Mousse au chocolat" zum Auslaufmodell.

Dafür begann er wieder (ganz langsam) beruflich Fuß zu fassen. Obwohl er im November 1998 selbst noch keinen Internet-Anschluss besaß, richtete er sich im weltumspannenden Netzwerk eine eigene Seite ein. Auf www.krimi-umsonst.de veröffentlichte er seinen ersten Roman ("Abgebrüht"), der zuvor von 42 Verlagen abgelehnt worden war. "Deutschlandweit, wenn nicht gar europaweit war ich der Erste, der diese Art der Veröffentlichung wagte", erinnert sich der einstige "Zauberlehrling". "Damals haben manche alte Kollegen, die mit den Dollarzeichen in den Augen, vermutet, ich hätte meinen Verstand endgültig an der Theke der Tunnelschänke im Bahnhof abgegeben. Sie hielten das Internet für eine Totgeburt." Fast ein Jahr später kam sein zweiter Roman ("Die Eintagsfliege") auf den Markt, diesmal schon in gedruckter Form. Auch der Journalismus hatte ihn längst wieder: Alf Rolla schreibt heute u.a. Reportagen für ein Internetportal (www.flensburg-online.de).

Die Kratzer auf der Seele von Alf Rolla verblassen allmählich.

Obwohl ihn eine Gleichgewichtsstörung und eine Nervenlähmung im Gesicht täglich an die ausgestandene Krankheit erinnern.

Im Frühjahr 2002 startete Alf Rolla eine neue Aktion ("KLICK DIR EINEN HELDEN"). Die Leser des Romans "Der Abschreiber" können in die Rolle eines cleveren Kommissars schlüpfen: Sie legen Name, Alter und Aussehen des Beamten fest.

Auch die Beißreflexe reagieren wie früher: "Endlich weiß ich wieder anzuecken", lacht er – und seine Augen blinken, als der am Ostersonntag im April 1953 Geborene die "Deutsche Rundschau" (deutschsprachige Monatszeitung in Kanada) durchblättert, für die er neuerdings ebenfalls berichtet. E.B.

Wer nicht handelt, der wird behandelt. (Gustav Heinemann)