Alf Rolla
Der
Abschreiber.Oder Mein ganz persönlicher Horror
In einem Rundfunkstudio in Köln wird die verstümmelte Leiche einer jungen Frau gefunden. Die Tote war die Freundin eines bekannten Reporters. Bei den Ermittlungen führen Kommissar Paul Kratzenstein und seine junge Assistentin Petra Braun die verzweigten Spuren zusammen: Spuren, die in ein Netz von Entführung und Psychoterror führen. Als die beiden den Fall lösen, bricht für den erfahrenen Polizisten eine Welt zusammen ... und er steht am Wendepunkt seines Lebens.DER PSYCHOKRIMI VERMITTELT EINEN EINBLICK IN DIE ARBEITSWEISE EINER BOULEVARDZEITUNG
Dienstag, 29. August
Scheinwerfer heizen seit einer Viertelstunde die Luft auf. Für einen kurzen Augenblick bildet der Sekundenzeiger der Bahnhofsuhr eine Einheit mit einem anderen Zeiger. Den Zeitmesser hat eine Werbeagentur vom Sperrmüll geholt: als Blickfänger für erhoffte Pressefotos.
Dr. Wolfram Heintzen stützt das Kinn tapfer in die Hände und fragt zweifelnd seinen Nebenmann: "Warum geht's nicht los?" Der tippt auf seine Rolex: "Die geht etwas vor."
Nach zwei Sekunden dröhnen die Lautsprecher:
"Beim nächsten Ton ist es 8 Uhr, 30 Minuten und null Sekunden ... Tüt.
"Taaatataaa – Taatataaa"
Erleichtert blickt Dr. Heintzen zu dem Mann hinter der Glasscheibe. Der Milchbubi mit Namen Bernd Rellenberger hat gerade den Regler für die Zeitansage herunter- und dafür einen anderen hochgezogen. Jetzt drückt er die Starttaste für den CD-Player. Und Liza Minelli stimmt "Losing My Mind" an.
Zu Ehren der Kölner trägt Rellenberger ein Sakko mit Lederärmelecken, die Krawatte eng am Hals. Und vergisst keinen Augenblick, dass er sich in der Öffentlichkeit befindet. Vor einer Stunde hat ihm Dr. Heintzen die Devise des Senders eingetrichtert: "Die Einschaltquoten stimmen erst dann, wenn das Niveau sinkt ... Also, strenge dich an." Sprüche dieser Art hielt er immer für besonders witzig. Beklemmendes Schweigen beherrscht die nächsten Sekunden. Der Jungmoderator rutschte auf dem Stuhl hin und her und wurde im Gesicht ganz starr. "Sollte ein Scherz sein", sagte Dr. Heintzen schließlich, als könne er Gedanken lesen. Und lachte das Lachen der Humorlosen. Da konnte sich auch das Gesicht von Rellenberger entspannen. Sofort stimmte er ein. Schließlich hat sein Boss, der schon seit Stunden allen Gästen mit einem perfekt dosierten Lächeln entgegentritt, die Vorgabe gemacht.
Wenige Meter neben ihm hört Björn Nielsson per Kopfhörer den Westdeutschen Rundfunk ab. Weil "Radio Mittelrhein" noch nicht die Staumeldungen vom Düsseldorfer Innenministerium erhält, muss er sie beim WDR klauen. Pech für die Hörer: Die privaten Staumeldungen sind mindestens 30 Minuten alt und manchmal schon überholt. Macht nichts. Bernd Rellenberger hält den 30-jährigen Kollegen für total professionell. Aber das ist auch nicht verwunderlich. Schließlich hat Björn Nielsson den Sender jahrelang mit Topmeldungen versorgt. Nur waren sie nur in Ausnahmefällen exklusiv. Fünfmal am Tag hörte Björn Nielsson die WDR-Regionalnachrichten ab, Und dann tat er das, was er am besten kann, unter Zeitdruck formulierte er sie komplett um und gab sie dann an "Radio Mittelrhein" in Linz weiter. Es war auch eine Spezialität von ihm, den Schnee von gestern als frisch zu verkaufen: "Auch sieben Tage nach dem schrecklichen Unfall steht die Ursache noch immer nicht fest ..." Dr. Heintzen erkannte, dass der Job als Korrespondent nicht die Obergrenze der Fähigkeiten von Björn Nielsson entsprach. Darum bot er ihm einen Job als Chef vom Dienst an: "Koste es, was es wollte." Nielsson überlegte nicht lange: "Wo sie recht haben, haben sie Recht. 300 Euro am Tag." Ein richtig cooler Typ. Aber nicht immer.
Wo bleiben denn nur die Scheiß Zeitungen? fragt er sich heute. Zumindest eine hat mir doch zugesagt. Die Lippen von Björn Nielsson fangen an zu zittern.
Bernd Rellenberger spricht ins Mikrofon und merkt sofort voller Entsetzen: Defekt! Zum Glück liegt ein zweites auf dem Tisch. Das funktioniert. Aber sein Selbstvertrauen beherrscht ihn nicht mehr. Er spricht mit einer Stimme, die erst noch in den Stimmbruch kommen muss:
"Hallo, liebe Hörer von "Radio Mittelrhein", zu Hause
und hier im Kölner Olivandenhof ..."
Rellenberger macht eine Pause, um die Wirkung zu erhöhen. Dabei lächelt er. Es ist ein strahlendes Lächeln. Zu strahlend.
"... Zum ersten Male live aus unserem neuen Studio."
Mit der linken Hand fuchtelt er wie wild herum. Doch keiner der Ehrengäste kann damit was anfangen. Röte steigt in das Gesicht von Rellenberger. Steine rollen gegen seine Magenwände.
"... Ja, ... äh ... Radio MRH live aus Köln. Wie gesagt."
Die Stimme der kommerziellen Quasselbude klingt gequält wie die eines Folteropfers.
Dr. Heintzen neigt sich zu einem Mann mit einer hohen Stirn neben ihm, fasst ihn an: "Was will der?" Er guckt wie jemand, der beim Intelligenztest von Kommissar Rex geschlagen wurde. Der Mann im "C&A"-Hemd, das sich über seinem Bauch spannt, fährt jäh herum und schüttelt den Kopf. In seinen Augen funkelt es zornig. Denn der Griff von Dr. Heintzen ist so fest, dass es ihm weh tut. Der Mann im anthrazitfarbenen Einreiher lässt ihn los, schnellt erleichtert von seinem Stuhl auf und klatscht wie bei einer Oscarverleihung. Und das hat Folgen. Auch die anderen Frühaufsteher applaudieren heftig. Schließlich weiß man, was man dem Gastgeber schuldig ist. Und erst der Presse. Wo ist die eigentlich?
Bernd Rellenberger nutzt seine körperliche Größe, indem er etwas verachtend auf die Leute herunter blickt. Doch beim anschließenden Blick geradeaus wird ihm wieder kalt vor Angst.
Vor der dünnen Scheibe ist alles verstummt - auch das Klirren der Gläser und das Klappern der Teller. Wie ein gehetztes Tier rennt eine Frau durch die Menge. Flackernde Angst in ihren bernsteinfarbenen Augen. Ihr sinnlicher Mund ist zu einem schmalen Strich verkommen.
"Doktor! Doktor!" Mehr kann Sofie Wilms nicht hervorbringen. So würgt es sie in der Kehle. Sie starrt ihren Chef an, als sei er ein Gespenst. Jeder kann ansehen, dass etwas ihr den Magen umgedreht hat.
Dr. Heintzen schaut von einem zum anderen, um zu sehen, wohin sie sehen. Dann funkelt er die Frau böse an. Aber sofort fühlt er alle Augen auf sich gerichtet. "Was ist denn los?", erkundigt er sich fast lautlos.
"Da ... da ist eine Tote", stammelt Sofie Wilms und wird abwechselnd kreideweiß und feuerrot. In ihren Augen glänzen Tränen.
Ein Entsetzen beherrscht ihre Stimme.
(...)
Werner Schlagseite - Schlaggi für seine Bekannten, von denen es freilich nicht so viele gibt - genießt es regelmäßig, wenn die Augen der Leute über seine Kleidung gleiten. Seine Jeans sehen aus als seien sie bei der Altkleidersammlung vom Deutschen Roten Kreuz liegengeblieben oder würden aus dem Nachlaß von John Wayne stammen. Spötter behaupten neuerdings, sie seien von jemandem ausgeliehen, dessen große Zeit mit dem Aufkommen des Twistes abflaute. Wie es auch sei, er macht sich nichts daraus und geht so zu der Amtseinführung eines neuen Bischofs - oder zu der Premierenfeier von ‚Radio Mittelrhein‘. Schlaggi ist 30 Jahre alt, ledig und Reporter bei der Boulevardzeitung ‚punkt!‘. Vor zwei Tagen hat er erfahren, dass er als ‚punkt!‘-Chefreporter für ganz Nordrhein-Westfalen im Gespräch ist. Natürlich, der ‚Express‘ besitzt seit gut zwei Jahrzehnten die Schürfrechte auf dem Kölner Pressemarkt, und "punkt!" muss sich, um einigermaßen über die Runden zu kommen, nach seinen Spielregeln richten: täglich mindestens drei Lokalseiten. Sie werden in der Redaktion an der Aachener Straße gemacht. Seit fünf Jahren hat Schlaggi dort seinen Schreibtisch. Und niemand weiß bis heute viel von Schlaggi. Zum Beispiel, ob er nur eine Jeans besitzt oder zwanzig. Immer sieht er gleich aus. Bei manchen Kollegen vom ‚Stadt-Anzeiger‘ ist dieses Outfit als ordinär verpönt. Aber die ziehen sich jeden Tag so an, als müssten sie mit einem Blitzbesuch im Palais Schaumburg rechnen. Mit seiner Kleidung trieb Schlaggi, damals noch Werner, schon als Kleinkind seine Eltern und seine Großmutter auf die Palme. Als kleiner Junge musste er sich sehr viel um seine depressive Oma kümmern und hypererwachsen sein: In den Jahren, in denen das Fundament der Persönlichkeit gelegt wird. Die frühen Jahre ... Seine Großmutter hat einen Teil ihres Geld in Bauherrenmodelle verplempert, den Rest in ein Penthouse gesteckt und es ihrem Enkel vererbt. Den letzten Willen der Frau wollte Schlaggi nicht ablehnen. Und hätte es auch nicht gekonnt. Wegen seiner Erziehung. Seine Eltern hatten ständig bedingungslosen Gehorsam verlangt, aber er spurte nicht immer. Wie das natürlich auch bei Rheinländern so üblich ist.
Schlaggi stammt aus Kerpen. Einer Kleinstadt, in der man eigentlich nur Selbstmörder oder Lokalpolitiker werden kann. Doch seine Eltern entschieden ganz anders. Gegen seinen Willen musste der Sohn eine Lehre als Industriekaufmann bei der "Klöckner-Humboldt-Deutz AG" im nahen Köln beginnen. Sein Vater bestimmte es so: "Solange du die Füße unter meinem Tisch stellst, entscheide ich!" Mit 19 wollte Schlaggi beides nicht mehr: Der ewige Junge zog aus und kriegte ein Zeitungsvolotariat bei der ‚Kölnischen Rundschau‘. Seine Mutter weinte Rotz und Wasser. Zwei Jahre verbummelte ihr Sohn im Bergischen Land. In der Lokalredaktionen Bergheim nahm er schließlich Reißaus vor dem Dornröschenschlaf. Etwas hat er dort gelernt, nämlich Alkohol zu vertragen. Danach ging Schlaggi zu ‚Bild‘, ‚frau aktuell‘ und legte sein Gesellenstück bei "Radio Luxemburg" ab. Schließlich landete er bei ‚punkt!‘. Mit ihm natürlich sein Spitzname. Wie er zu dem kam, weiß er noch genau. Es ist im Kindergarten gewesen. Werner konnte schlecht mit einer Tasse Kakao balancieren, bekam Schlagseite, drohte zu stürzen, und alle lachten über ihn und er hatte seinen neuen Namen weg. Mit diesem schmerzhaften Ereignis kann er heute prima umgehen. Er ist sogar überzeugt davon, dass viele Kölner ihn zu Recht bedeutend finden. Wenn er eine seiner Geschichten exklusiv hat, schaut er sie sich bestimmt fünfmal hintereinander an und kann sich selbst nicht genug loben. Er ist ein Mann, der nur ein Interesse hat - sein eigenes.
An diesem Tag soll er einen 30-Zeiler mit Foto über den Sendestart von
‚Radio Mittelrhein‘ machen. Obwohl Schlaggi Textredakteur ist, macht er oft die Bilder selbst. Die neue Technik macht ihm aber einen Strich durch die Rechnung. Irgendwann in aller nächster Zeit kommt für herkömmliche Kameras bei ‚punkt!‘ das endgültige Aus. Schon jetzt gibt es in der Kölner Redaktion drei elektronische Kameras. Das klingt nach teurem High-Tech, und das ist auch so. Die Fotografen schauen nicht länger durch einen Sucher, statt dessen auf einen Bildschirm, der die Ausmaße eine Sonderbriefmarke hat. Auch haben sie nichts mehr in der Dunkelkammer, dem Labor, zu suchen. Denn diese Räume wurden überflüssig. Die Motive werden in den neuen Kameras nicht länger auf Papierfilme gespeichert, Speicherchips haben sie abgelöst. Direkt vor Ort können sie an einen Laptop angeschlossen und per Funk in die Redaktion übermittelt und dort in die ‚Apple Macs‘ eingeklinkt werden. Ein Printer kann außerdem die Bilder auswerfen. Natürlich in Farbe. In einem kleinen Notlabor können noch herkömmliche Filme entwickelt werden. Für Kamera, Computer, Drucker und Software gehen gut 20.000 Euro drauf. Eine Stange Geld. Besonders für die Freien. Aber dank ‚punkt!‘ brauchen sie sich keine Sorgen um die Zukunft zu machen. Nur linke Lästermäuler fragen: Oder doch? Dabei greift einigen ausgesuchten Freelancern der Verlag unter die Arme und finanziert vor. Sie stottern den zinslosen Kredit mit 500 Euro im Monat ab.
Probleme dieser Art hat Schlaggi natürlich nicht. Seine Einstellung zum Beruf lässt sich in etwa so beschreiben: Es kommt stets darauf an, sich etwas einfallen zu lassen, sagt Schlaggi sich. Da spielen Fakten schon mal die zweite Geige. Hauptsache, es liest sich locker und spritzig. Dann sind die Fakten gar nicht so wichtig - wenn man ihn fragt. Vorige Woche musste er mit einem neuen Fotografen ausrücken. Als er den Frischling gefragt hat, was er denn früher gemacht habe, bezeichnete der sich als Kölner Literat, worauf in Schlaggi der Verdacht aufkam, dass dieses Arschloch ihn auf die Schippe nehmen wollte.
Schlaggi muss jetzt voll in die Eisen treten. So heftig, dass sich sein Gurt strafft. Vor einer ‚Golf‘-Fahrerin hat er eine Parklücke gekapert. Er stellt den Motor seines Wagens ab. Es ist ein unerläßliches Statussymbol für Optimisten oder Neureiche: ein funkelnd neuer BMW ‚M3‘ mit Ledersitzen. Beim Aussteigen schnappt er sich seinen Fotokoffer vom Rücksitz und reibt sich die Müdigkeit aus den Augen, die tief in ihren Höhlen liegen und undurchdringlich wirken. Das Fenster auf der Fahrerseite säuselt rauf. Dabei sieht Schlaggi einen Augenblick auf seine ‚Junghans‘-Funkuhr, 10 vor 9. Zeit, zu dem Termin zu gehen, der um 8.30 Uhr begonnen hat. Schlaggi glänzt selten durch pünktliches Erscheinen.
Draußen steckt er den Schlüssel in das Schloss, dreht ihn nach links, alle vier Verriegelungen senken sich mit einem Scheppern. Schlaggi wirft einen zufriedenen Blick auf sein Kraftpaket mit den 286 PS. Erste Sahne. Die Luft zieht er durch die Nase ein, so wie dies viele Wanderer gerne machen, wenn sie mitten im Wald aus dem Auto klettern. In den Fensterscheiben erhascht er sein Spielbild: ein Gesicht mit zerzaustem, rötlich-schimmerndem Haar. Er prüft, ob alle Seitenfenster geschlossen sind. Spätestens seitdem ihm letzte Woche jemand den Rest eines Cheeseburgers auf den Fahrersitz geworfen hat, musste sein Vertrauen in das Gute im Menschen ein jähes Ende erfahren.
Im Augenwinkel entdeckt der gut 1,85 Meter lange und knapp 80 Kilo schwere Schlaggi die Frau mit dem graugesprenkelten Haar in dem Schlitten, dem er vorhin deb Abstellplatz geklaut hat. "War mir ein Vergnügen", sagt er von oben herab und lächelt. Nicht ständig beherrscht er das Lächeln. Oftmals gehen nicht einfach seine Mundwinkel nach oben, sondern nur die Oberlippe. Und die zeigt bleckende Zähne.
Schlaggi nimmt die Sonnenbrille ab und blinzelt ins Morgenlicht. Im Grunde, denkt er, es ist viel zu heiß, um zu arbeiten. Er gähnt ausgiebig und nimmt sein Frühstück ein - eine ‚Camel‘.
Überhaupt ist er für sein Selbstbild Spitze. Ein kleiner Rest der Welt braucht halt etwas länger, um das zu begreifen, das ist alles.
"Schlaggi, schon wieder hier?", ruft ihm ein Karottenkopf zu. Es ist der Wächter in dem Parkhaus.
Der Reporter beachtet ihn nicht. Er zieht an seiner Zigarette und geht weiter und späht zu ‚Karstadt‘. So lange, als zähle er die Etagen. Das Haus sieht aus wie die Kulisse zur Neuverfilmung von Tarzans größtem Abenteuer. Dort geht die Routine um 8.50 Uhr ihren Gang: Eine kläffende Meute von Lieschen Müllers lauert in den Startlöchern.
Schlaggi geht rüber zum Olivandenhof. Er wirkt, als schwebe er eine Handbreit über dem Boden. So wie er jetzt in die Morgensonne blinzelt, findet sich Schlaggi mindestens genial. Vor dem Olivandenhof springt gerade ein livrierter Fahrer aus einem weißen ‚Mercedes‘.
Der Reporter sieht wieder einmal aus wie das schwarze Schaf eines jeden Empfangs. Auch heute steckt sein Körper wieder in einem weißen T-Shirt und Jeans. Wie immer sind sie ausgebeult. Für seine Beine hat er allerdings handgenähte Wüstenstiefel mit Absatz ausgesucht. Der Sechs-Tage-Bart-Träger spaziert mit den lockeren Bewegungen eines Sportlers an ‚Douglas‘ vorbei. Dann hat ihn das einnehmende Wesen der Drehtür des Olivandenhofs eingenommen. Kalter Zigarettenrauch hängt zwischen den Glasscheiben. Drinnen ist es weitaus schlimmer. Täglich wird dort der Boden geschrubbt, so dass es morgens ständig wie in einem Schwimmbad riecht.
"Gehen sie auch zu diesem Empfang? Eigentlich stinklangweilig", blubbert auf der Rolltreppe jemand hinter ihm. Schlaggi dreht sich um, bläst ein paar Rauchkringel in die Luft und hebt gelangweilt die Brauen. Er zaubert ein höhnisches Lächeln auf sein Gesicht. Und blickt in das Gesicht einer blässlichen Tante mit roten Haaren. Die rot genug sind, um in einer spanischen Arena den Stier zu reizen. "Ich meine, hier im Haus könnte man doch herrlich Golf spielen oder eine Schnitzeljagd veranstalten, ja?"
Schlaggi schaut sie mit äußerst schmalen Augen an. Dann legt er seine Stirn in Falten und schmunzelt, steckt sich eine neue Zigarette an und inhaliert lang und tief. "Ich bin nicht der Mensch, der irgendwelchen Hobbys frönt. Sie etwa?", fragt er steif zurück.
"Das ist schade. Für sie haben bestimmt Fantasien keine Bedeutung", erwidert sie.
Von so einer Frau analysiert zu werden, behagt Schlaggi ganz und gar nicht. "Unmöglich", knurrt er. Ein paar Sekunden später hat er sich wieder gefangen. "Trotzdem, war mir ein Vergnügen", sagt er schließlich mit der Stimme eines Mannes, der sich meistens nicht vorzustellen braucht, sondern alleine mit seinem energischen Auftreten viele Leute einzuschüchtern versteht. Ihr wird es sofort ungemütlich unter seinem Blick und ihr Lächeln geht in eine gerade Linie über.
Was immer Schlaggi auch macht, stets hält er Ausschau nach einer attraktiven Frau. Ob bei der Arbeit oder in der Freizeit. Kommt es zu einer Beziehung, durchläuft sie ein stets wiederkehrendes Schema. Am Anfang geht Schlaggi auf die Frauen total ein, ruft sie mindestens dreimal täglich an und trifft sich regelmäßig mit ihnen. Bald verlieben sich die Frauen in den so sensiblen Mann. Auf der einen oder anderen Weise zeigen sie es deutlich. Und das ist der Anfang vom Ende. Wenn er sich einer Partnerin sicher wähnt, ändern sich seine Gefühle: Sie sinken auf Kühlschrankniveau. Und die Jagd geht wieder los. Unabhängig von seiner festen Partnerschaft.
"Wir sind alle nicht so klar im Kopf, wie wir meinen", antwortet sie.
Darauf weiß Schlaggi nichts zu sagen.
Dabei hat der Blick auf die Frau bei Schlaggi sogar das Gefühl der Sympathie ausgelöst. Denn sie gehört zweifelsohne eine Klasse an, die für seinen Erfolg und seinen Wohlstand sorgt. Nichts haben die Leser von ‚punkt!‘ so gerne, wie Seitensprünge, Morde oder Scheidungen in diesem Milieu. Auch wenn ‚punkt!‘ manchmal etwas tantenhaft gegen den Verfall der Moral wettert. Trotzdem: ‚punkt!‘ sorgt Tag für Tag für die richtige Lektüre am Frühstückstisch.
Nicht, dass Schlaggi auf Leute mit tonnenweise Geld auf dem Konto eifersüchtig wäre, im Gegenteil, er fühlt sich sogar mehr und mehr von eben diesem Milieu angezogen.
(...)
Der Olivandenhof ist früher ein Möbelladen gewesen. Vor gut zehn Jahren wurde er zu einem Einkaufszentrum umgebaut. Nur die Außenmauern blieben stehen. Den Mittelpunkt bilden heute die gläsernen Rolltreppen im Lichthof. Läden für Socken, Postkarten und Krawatten sind auf vier Etagen vertreten. Im Schlepptau zogen sie ein paar Restaurants und Kneipen mit. In einem Laden in der ersten Etage bot ‚Karstadt‘ einige Monate lang Ladenhüter an. Dann wurde die Fläche in einem Monat zu einem professionellen Rundfunkstudio umgebaut. Radio MRH aus Linz am Rhein ist aber nur Untermieter. Töchter der Neuzeit bieten im Dienste eines Ludwigshafener Veranstalters hier ihr ausdrucksloses Lächeln und Karten für Popkonzerte an. An diesem Tag sind die Schreibtische in die Ecke geschoben worden, damit das kleine Studio hinter der Glaswand Premiere feiern kann.
Zweimal am Tag soll von hier aus eine Stunde lang gesendet werden. Der Rest des Programms kommt aus Linz, aber nicht nur die Kölner Hörer sollen davon profitieren - Radio MRH will sich so eine Scheibe vom Kölner Werbekuchen abschneiden.
Je näher Schlaggi jetzt auf der Rolltreppe dem Studio kommt, je stärker spürt er Panik, die ihm ins Gesicht schlägt.
Und er wird einen Horror erleben, der grauenhafter ist als alles bisher Erlebte!
Kein lachender Premierengast ist zu sehen. Dafür hetzt ihm eine Frau mit fahlgelben Haaren entgegen. Sie brüllt hysterisch und rennt dabei die Rolltreppe entgegengesetzt herunter. Die Aussicht auf eine originelle Premierenfeier macht ihm nur einen kurzen Moment Spaß. Der Instinkt lässt Schlaggi in den Laden hechten: Stühle sind dort umgefallen, Plastikbecher liegen auf dem Boden. Der Raum ist menschenleer, die Luft ist erfüllt von Qualm und Schweiß. Hinter der Glasscheibe faselt ein Yuppie etwas von "Mer klevve am Levve".
Was Schlaggi natürlich nicht wissen kann: Wenn die Stirn von Bernd Rellenberger dunkle Furchen durchziehen, dann ist eine Katastrophe im Anmarsch. Oder schon da.
"Was ist denn hier los?", brüllt Schlaggi in jener Stimmlage, die auch jeden Einschläfer zur Hysterie treiben kann. Doch der Nachwuchsmoderator kann ihn nicht hören.
Ein Junge mit Hochwasserhose rennt durch eine offenstehende Tür und macht schreiend wieder kehrt: "Neinneinnein!" Seine Stimme klingt so, als sei auch er gerade in den Stimmbruch gekommen.
"Was wird hier gedroschen?", will Schlaggi auch von ihm wissen. Aber er bekommt wieder keine Antwort. Nur die Schärfe einer Stimme dringt zu ihm durch: "Polizei! Polizei!" Schlaggi hält für einen Augenblick den Atem an und sieht, dass einige Leute aus dem Nebenraum stürzen und unter hysterischem Geschrei Reißaus nehmen.
Ein stiernackiger Mann mit einem wissenden Gesicht tapert auf ihn zu. "Gutes Timing, muss ich schon sagen. Die Rundfunkleute halten Köln in Atem", erklärt er mit dem Tonfall eines Schauspielers in der Provinz, der nach 50 Jahren anstrengender Bühnenarbeit als Kleinstdarsteller endlich die Garderobe übernehmen kann. Im Türrahmen sind drei Frauen eng zusammengekrochen, als wollten sie sich so vor etwas schützen.
Nebenan in der kleinen Redaktion stehen die Leute dichtgedrängt wie die Heringe. Jeder ist benetzt vom Schweiß des anderen. Kein Laut ist zu hören. Ein Pferdegebiss glotzt Schlaggi an. In seinen Augen schwingt etwas Grausames mit. Ein Pokerface quatscht leise in ein Telefon, in der Hand hält er ein dunkelrotes Notizbuch. An seiner Nase glitzert Schweiß. Eine Frau hält die Hände vors Gesicht, brüllt wie am Spieß, bewegt sich aber nicht fort. Neben ihr trommelt jemand, der geschniegelt wie ein Buchprüfer ist, auf die Schreibtischplatte. Aber in seinen Augen flattert das Entsetzen.
Die Leute starren auf eine blaulackierte Tür, die offenbar zum Klo führt. Schlaggi verzieht den Mund zu einem schiefen Lachen und drängelt sich mit einem flauen Gefühl im Magen durch. Unterwegs hört er das Flehen einer Frau: "Mach doch was". Ihr Begleiter zuckt nur mit den Schultern, wühlt in seiner Sakkotasche und zieht eine etwas zerbeulte Packung ‚Lord‘ hervor. Aber er raucht keine. Die Reaktion der Frau ist das Fuchteln ihrer Arme. Dabei stößt sie zwei üppig gefüllte Blumenvasen um, die auf einem summenden Kühlschrank stehen. Vor Nervosität und stickiger Luft beginnt das Make-up auf dem Gesicht der auf Entfernung Junggebliebenen zu verlaufen. Schweiß tropft an ihrer Nase herunter. Ihr ist schlecht vor Angst.
Alle Gedanken lösen sich bei Schlaggi auf, von einer Sekunde zur anderen schlägt ihm das Herz bis zum Hals: In einer Blutlache vor dem Waschbecken liegt ein verzogener menschlicher Körper. Eine halbnackte Frau. In ihrem Herzen steckt ein Dolch. Der Unterleib ist kreuz und quer zerschnitten, so dass die inneren Organe hervorquellen. Eine Hand ist abgetrennt worden und liegt daneben. Schlaggi sieht mit Entsetzen die blauen Augen, die ins Leere starren. Die Lippen sind bläulich verfärbt. Aus ihrem halb geöffneten Mund ragt ein Taschentuch.
An Schlaggis ganzem Körper bricht der Schweiß aus. Sein Puls beschleunigt sich. Er schreit auf. Schreit wie ein Tier in einer Fallgrube. "Nein!!!"
Seine Lippen sind blutleer. Er sucht nach Worten: "Das ist ..." Mehr bringt er nicht raus. Übelkeit würgt in ihm. Im Spiegel an der Wand kann er sein kalkweißes Gesicht sehen. Weit aufgerissene, total verstörte Augen starren ihn noch immer an. Entsetzt schreit er wieder auf: "Nein!!!"
Schlaggi beugt sich zu der Toten herunter. "Nichts anrühren," brüllt die Fistelstimme hinter ihm. Der Reporter wankt nach nebenan. Die Leute machen eine Gasse frei. Schlaggi kauert sich auf den Boden, zieht die Beine eng an seinen Körper und schlingt die Arme darum. Eine Woge ‚Sculpture‘ hüllt ihn ein ... Wir sehen uns gleich ... Ich freue mich. Das waren die letzten Worte, die zwischen ihnen gesprochen wurden. Er muss sich fast übergeben, so sehr haben ihm die Erinnerungen den Magen gehoben.
In das jähe Schweigen fordern die Bee Gees "Paying The Price Of Love"
Wer hat es getan? jagt es ihm durch den Kopf. Warum???
Und es erscheint ihm grausamer als alles, was er in seinen schlimmsten Albträumen je gesehen hat.
(...)
Es heisst von Paul Kratzenstein, man solle ihm nicht näher kommen als ein paar Meter, denn sonst würde man ihm verfallen. Wie die meisten Kollegen, die ihm in den letzten Jahren begegnet sind. Der Leitende Kriminaldirektor ist Chef der Mordkommission bei der Polizei. Sein Büro sagt nichts über seine Wichtigkeit aus. Es ist winzig: gefüllt mit Schreibtisch, Spülstein, Regalen, Garderobe und zwei Besucherstühlen.
Kratzenstein ist ein richtiger Widder: Wohl stets darauf bedacht, alle Seiten eines Falles zu beleuchten, ehe er eine Entscheidung über die Vorgehensweise trifft, von der er aber nicht so schnell abrückt. Er verlässt sich mehr auf seinen Kopf als auf seine Muskeln. Von Natur aus ist er etwas kleiner als mittelgroß. Doch seine Persönlichkeit scheint jeden Raum auszufüllen. Die letzten Jahrzehnte waren großzügig zu dem gebürtigen Hagener mit der glatten Haut. Seit fünf Jahren lebt er in Köln. Vor drei Jahren hat er eine dreigeschossige Villa für einen Apfel und ein Ei von einer Bank gekauft. Seitdem wohnt er im Kölner Nobelvorort Hahnwald. Bei allen Wahlen kommen hier die Sozialdemokraten auf schlappe 15 Prozent. Ohne die Stimme von Kratzenstein würde es noch schlechter aussehen.
Sein Mitarbeiter Mario Tauber ist vom Olivandenhof direkt zum Präsidium am Waidmarkt zurückgefahren. In diesem Augenblick, als Carlheinz Roth von einer großen Geschichte träumt, ist Mario Tauber gar nicht erfreut darüber, seinen Chef im Büro anzutreffen.
"Ich habe auf sie gewartet", sagt Kratzenstein, der vor einigen Monaten einer drohenden Beförderung nach Düsseldorf durch einen Herzinfarkt entging.
"Ich habe aber wenig Zeit." Tauber behält seinen Borsalino auf. "Nachher muss ich noch in die Gerichtsmedizin", antwortet Tauber. "Und heute muss ich pünktlich Feierabend machen. Ich tue was für mich. Ich gehe in die Volkshochschule."
"Aber es ist vielleicht wichtig", sagt Kratzenstein und zieht einen Brief aus dem Umschlag, den er gerade von seiner Sekretärin Nicole Ruschel erhalten hat. Es ist der Autopsiebericht über einen dunkelhäutigen Mann, den man vor zwei Tagen am Ufer eines Baggerlochs in Vogelsang gefunden hat. "Nicht so eilig", sagt Kratzenstein.
Tauber fühlt sich etwas unbehaglich. Er nimmt den Hut ab und setzt ein freundliches Sie-sind-der-Chef-Gesicht auf. Denn ihm ist klar, dass Kratzenstein nicht locker lässt, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat. In solchen Situationen fühlt Tauber sich immer wie ein Versager, neben dem jeder wie ein Erfolgsmensch aussieht: "Okay. Was kann ich für sie tun?"
"Was ist mit der Leiche aus dem Olivandenhof?" In den Augen von Kratzenstein blitzt Neugierde.
"Vermutlich erstochen ... Dem Schlagseite ist das ganz schön an die Nieren gegangen." Tauber denkt zurück an das Studio, in dem ein zerbrochener Reporter auf dem Boden kauerte. Er wischt sich die Schweißperlen von der Stirn.
"Warum?", fragt der Leitende Kriminaldirektor rasch.
Tauber bläst nachdenklich einige Rauchkringel in die Luft. "Weil die Tote seine Freundin war. Nehme ich an, oder?"
"Ja ... Aber jetzt möchte ich nicht in Schlaggis Haut stecken." Kratzenstein lehnt sich in dem Stuhl zurück und beginnt laut nachzudenken: "Erst will Bettina sich von ihm trennen, dann wird sie umgebracht. Und er hat noch eine Geliebte. Wussten sie das?" Er spricht weiter, ohne eine Antwort abzuwarten. "Heisst wohl Brigitte Quandt und ist bei seinem Vater angestellt. Schönes Durcheinander."
Mario Tauber hält den Atem an: "Was? Die wollten sich trennen? Und er hat eine Geliebte?"
"Ja, hat der Schlaggi ihnen nichts davon erzählt?", hört Tauber und hat das Gefühl, er sei in einem schlechten Film gewesen: "Kein Wort!"
"Wahrscheinlich hat er das mit der Trennung selber noch nicht wahrhaben wollen. Denn es gab mal eine Zeit, da sind beide davon überzeugt gewesen, dass keine Menschen in der Geschichte der Menschheit jemals so gut zueinander gepasst haben. Aber das liegt schon etwas zurück."
"Merkwürdig ... Merkwürdig kam mir auch vor, dass Schlaggi mit keinem Wort nach dem Täter gefragt hat ... Wussten Sie, dass die Frau bei ihm überhaupt nicht gemeldet war."
"Ja, sie war bei ihrer Schwester Maria in Brauweiler gemeldet. Bestimmt nicht grundlos."
"Gibt es sonst noch was?", will Tauber wissen.
"Eigentlich nicht", sagt Kratzenstein. "Wir müssen nur noch einen Fall zusätzlich aufklären." Mit dem letzten Wort steht der Chef der Mordkommission auf und geht. Mit einem leichten Klicken fällt die Bürotür hinter ihm zu.
Tauber steckt sich eine neue ‚Krone‘ an, obwohl die alte noch im Aschenbecher glüht. Er kramt in seinen Erinnerungen herum: Der Schlagseite war durch und durch überzeugend. Wollte der ihn nur aufs Kreuz legen?
Die Zweifel liegen auf der Lauer.
(...)
Eine Menge bunter Bilder, ein paar reißerische aufgemachte Geschichten und ein permanent unterschwellig erhobener Zeigefinger, der gegen Abtreibung, Ehebruch und alle Unmoral schlechthin zu Felde zieht: Eine Gruppe meist alerter junger Menschen erstattet an jedem Werktag Lageberichte aus aller Welt - in der Boulevardzeitung ‚punkt!‘ Wer sie allerdings für ein harmloses Klatschblatt hält, irrt sich gewaltig. Auf dem Profigleis fühlen sich die Machos wohl. Die wenigen Journalistinnen bei ‚punkt!‘ dürfen schon mal Alibi-Geschichten über den Fortschritt beider Geschlechter in Sachen Gleichberechtigung schreiben, wie viele Frauen gehen in die Politik, nicht aber, wie viele Männer werden Krankenpfleger. Negative Themen, die die Berliner Opposition betreffen, werden gerne auf die hinteren Seiten plaziert. ‚punkt!‘ spielt sie herunter, als ließe sich alles aus der Welt schaffen, wenn man nur nicht darüber groß redet. Zwischen den Zeilen, aber doch auf sehr plumpe Art und Weise, lässt man gerne auf den ersten Seiten seit 1989 durchblicken, was die Regierungsparteien doch für Deppen haben. Bei der Opposition dagegen kehrt ‚punkt!‘ schon mal gerne unter den Teppich, was unter den Teppich zu kehren geht. Aber Politik hat sowieso nur wenig Platz. Manchmal ist ‚punkt!‘ politisch flexibel: Wenn die Fotoredaktion zum Beispiel ein Nacktbild der Tochter eines Ministers aufgetrieben hat. Darüber kann man sich dann in Farbe aufregen. Ein Lieblingsthema bei ‚punkt!‘ sind perverse sexuelle Spiele in der gesellschaftlichen Oberschicht. Auch Kriminalfälle werden gerne in allen Einzelheiten ausgebreitet. Das alles kann über das Kaffeefahrtenimage der Zeitung aber nicht hinweg täuschen. Grundsätzlich darf der Intellekt der Leser nicht überstrapaziert werden. So sollen zum Beispiel möglichst keine Fremdworte in die Überschriften gepackt werden. Man will die Leser nicht bloßstellen. Denn die wenigsten dürften einen Duden besitzen. In der Zentralredaktion von ‚punkt!‘ in Bremen wird darauf strikt geachtet. In den Außenredaktionen ist man etwas lascher: Dort schleichen sich schon mal Dealer, Airport oder Joint ein. Dabei ist es im Grunde genommen mit den Geschichten so wie mit dem Wetter. Es kommt nicht darauf an, ob es gute oder sauschlechte Nachrichten sind, solange die Leser etwas haben, worüber sie reden können - am Arbeitsplatz, auf dem Flur des Arbeitsamtes oder in der Werbepause beim Privatfernsehen. Das wird den ‚punkt!‘-Lesern besonders schmackhaft gemacht. Wer einmal in das Handelsregister des Bremer Amtsgerichts blättert, wird nicht besonders erstaunt sein. Der Verlag ist an einem Sender zu 49 Prozent beteiligt.
Die Kölner Redaktion von ‚punkt!‘ nimmt die gesamte dritte Etage des Hauses Aachener Straße 213 ein. Die Redakteure, weitaus jünger als die meisten anderen Leute (Anwälte, Finanzmakler, Buchprüfer) in diesem Gebäude, zeichnen sich durch uniformierte Kleidung aus: weiße Turnschuhe, Nobeljeans, teure T-Shirts. Aber es gibt auch Ausnahmen ...
Genau 20 Schreibtische sind in dem Großraumbüro von ‚punkt!‘ plaziert. Jeweils zwei sind L-förmig zusammengestellt. Jeder Schreibtisch ist mit einer Latte von Geräten ausgestattet, die notwendig sind, um eine Zeitung zu machen: auf allen steht ein Telefon, auf den meisten zusätzlich ein Computer von ‚Apple‘. Sie haben auch bei ‚punkt!‘ das papierene Chaos auf den Schreibtischen verdrängt. In der Schublade eines Schreibtisches ganz hinten in dem Großraumbüro ist ein Handy-großer Scanner für den Polizeifunk versteckt. Denn die Benutzung dieser Geräte ist nicht verboten, wohl aber die Auswertung.
In der Kölner Redaktion ist der Raum für die Sekretärinnen besonders klein. Nebenan gibt es schon mehr Platz, dort entspannen sich die Fotografen von ihren Terminen, oftmals bei Rotwein. In einem ebenfalls großen Raum dahinter werkeln die Sportredakteure vor sich hin und zeigen ein permanent leichtes Grinsen. Ihre Redaktion ist quasi ein eigenes Königreich: mit einem eigenen Boss, eigenen Sekretärinnen, eigenen Fotografen, und so fort. Als einzige in der Kölner Mannschaft verfügen zwei Männer über Einzelbüros: Der Chef belegt ein großes Zimmer, sein Vize ein weitaus kleineres. Außerdem haben sie zusätzliche Schreibtische am Kopf des Großraumbüros, die größer als die anderen und ständig mit sehr viel Papier übersät sind. Von diesen Plätzen aus kontrolliert das Duo den Laden, telefoniert an zwei Apparaten oder tüftelt an Überschriften herum. Wenn es nicht gerade mit seinen Chefs in Bremen konferiert - mittags um 12 hören sich alle Außenredaktionen von ‚punkt!‘ an, wenn die Chefs der Zentralredaktionen am Konferenztisch, dem Balken, sitzen und per Konferenzschaltung, der Tröte, ausplaudern, was sie für Themen haben. Ganz exklusive Sachen werden aber nicht genannt. Es könnte ja sein, dass die Konkurrenz mithört. So haben diese Konferenz längst den Charakter von Sandkastenspielen. Nachmittags ist Bremen ganz Ohr, womit die Lokalseiten gefüllt werden sollen. Um 18 Uhr heisst es: Was soll von den Themen eurer Region nach vorne. Dann wird der Umbruch der Titelseite geändert. Das hat zur Folge, dass die Seite 1 zum Beispiel in Herne ganz anders aussieht als in Stuttgart.
Die Gesamtauflage von ‚punkt!‘ beträgt 3,1 Millionen verkaufter Zeitungen. In den ersten Jahren in Köln hat ‚punkt!‘ Geld für Werbung ausgegeben, als gäbe es kein Morgen. Mit Erfolg. Im Großraum Köln werden täglich rund 190.000 Blätter verkauft. Doch inzwischen ist Sparen angesagt. Besitzer von ‚punkt!‘ sind drei stockkonservative Brüder. Sie haben in ihren Gesellschafterverträgen alles geregelt, natürlich auch die Erbfolge. Stirbt ein Verleger, geht sein Anteil an seine Kinder. Die Witwe geht leer aus. Sie könnte ja wieder neu heiraten und so die Karten mit den Besitzverhältnissen neu mischen. Pech nur, einer der Brüder hat keine Kinder. Und da er bereits 89 ist, dürfte mit seiner Vaterschaft nicht mehr unbedingt zu rechnen sein. Die Anwälte brüten jetzt über neue Verträge. Und damit sind auch die Verleger voll beschäftigt und haben für Redaktionsinternas keine Zeit. Natürlich wissen sie nicht, dass in jeder ihrer 19 Außenredaktionen zwei Computer eine Besonderheit haben. Nur von ihnen können die Texte zur Druckerei geschickt werden. Alle sechs Ausgaben von Nordrhein-Westfalen werden zentral in Mülheim (Ruhr) gedruckt. Die einzelnen Redakteure können keine Texte losschicken - ihre Berichte wandern erst einmal zur Kontrolle auf die Bildschirme des Führungsteams.
Bekanntlich hat jedes Volk den Herrscher, den es verdient. Doch mit den ‚punkt!‘-Redakteuren in Köln scheint das Schicksal es nicht gut zu meinen. Es hat ihnen Otto Peters und Carlheinz Roth als Chefs, auch Häuptlinge genannt, auf die Augen gedrückt. Längst gibt es das Gerücht, die Berufung der beiden an die Spitze der Kölner Redaktion sei nur ein Probelauf, um festzustellen, ob sie genug Boshaftigkeiten für höhere Weihen im Bremer Epizentrum aufbringen.
Otto Peters ist wahrlich kein Neuling in diesem Beruf. Zuletzt war er beim ‚Express‘. Er ist 45 Jahre alt, hat den Ansatz zu einem Doppelkinn und seit zwanzig Jahren schmückt ihn eine Landkarte feiner Falten unter den Augen. Er ist einer, der außerhalb der ‚punkt!‘-Redaktion keine Blicke auf sich zieht. Als einfacher Redakteur setzte er sich ständig dem Zwang aus, für Bombenstimmung in den Redaktionen zu sorgen. Darum lernte er Kalendersprüche auswendig, einen mochte er besonders, den hat er behalten: "Glück ist, wenn du die richtige Chance bekommst und sie auch nutzt."
Heute kann er seine alten Angewohnheiten nicht mehr ablegen. Seine andere Angewohnheit zeigt er ständig am Telefon, wenn mal ein Leser zu dem Mann, der an einer beginnenden Leberzirrhose leidet, vordringt. Lästige Bittsteller speist er mit seiner barsch vorgetragenen Standardforderung ab: "Das müssen sie uns schriftlich reinreichen. Wiederhören!" Klack. Meistens spricht er so, als ob er für jedes überflüssige Wort mit einem Gehaltsabzug bestraft würde. Ganz gerne wirkt er wie jemand, der persönlich plant, die Prügelstrafe wieder einzuführen, für alle, die am Kiosk den ‚Stadt-Anzeiger‘, die ‚Rundschau‘, ‚Bild‘ oder ‚Express‘ kaufen.
Wie immer, wenn Peters sich aufregen will, fährt er sich wie jetzt mit allen zehn Fingern durch die kurzgeschnittenen Haare. Dann schiebt er seine Unterlippe vor: "Wo bleibt nur dieser Schlagseite, dieses Arschloch?" Der Büroleiter balanciert wieder am Rande des gutes Geschmacks. Wie hypnotisiert starrt er abwechselnd auf Eingangstür und Telefon. "Wenn der nicht bald hier aufkreuzt, mache ich dem die Hölle heiß!" Wut hat vollends von ihm Besitz ergriffen. "Der kann sich bei mir warm anziehen", sagt er und prügelt mit einem Kugelschreiber die Luft. Er ist auch der irrigen Ansicht, ein Meinungsmacher in Köln zu sein. Auf den Gedanken, dass er nie seinen Posten bekommen hätte, wäre seine Meinung nicht hundertprozentig die des Verlages, kommt er einfach nicht.
Das Gesicht seines neuen Stellvertreters Carlheinz Roth ist verzerrt zu seiner Nicht-schon-wieder-Fratze. Er ist 36 Jahre alt und seit 16 Jahren bei ‚punkt!‘ Das beweist stabile Gesundheit. Zugegeben, er ist nicht der Typ, der mit einer tollen Exklusiv-Story über Nacht die Sprossen auf der Karriereleiter überspringt. Er ist jetzt einfach mal drangewesen. Aber er spekuliert auf höhere Weihen. Seit kurzem schielt er nach dem Posten eines Redaktionsleiters. Was das betrifft, hat er bis jetzt versagt. Vielleicht, weil er seine Karriere nur sehr halbherzig vorantreibt und vor Konflikten zurückschreckt, bei denen er sich eine blutige Nase holen könnte. Aber insgeheim wünscht er sich schon, dass Otto Peters mal kräftig in die Scheiße tritt. Aber viel lieber würde er Romane schreiben. Oder es zumindest versuchen. Aber er ahnt, dass er dafür zu direkt denkt.
Hörer des ‚punkt!‘-Flurfunks wissen längst, dass die grundsätzlichen Ansichten von Otto Peters und seinem Stichwortgeber schon ziemlich weit auseinanderklaffen, nicht nur bei der täglichen Entscheidung über die Prioritäten der Geschichten, sonders auch bei der Frage, was kommt in die Meldungsspalten. Carlheinz Roth meint, selbst kurze Meldungen müssten mindestens zehn Zeilen lang sein: "Sonst steht doch nichts drin." Währenddessen Otto Peters so viele News wie möglich auf jeder Seite haben will, auch wenn sie nach Telegrammen riechen: "Man muss sogar die Bibel in sechs Zeilen erzählen können." Er musste es allerdings noch nie vormachen. Otto Peters kitzelt fast täglich den latenten Rassismus mancher Leser. So müssen über Polizeimeldungen ständig Standardüberschriften stehen - sind Polen oder Russen daran beteiligt: Ostmafia, bei Kurden: Kurden-Terror, bei Afrikanern: Schwarze Mafia. Dann wird der Mund von Carlheinz Roth schon mal knochentrocken, doch er sieht keine Veranlassung, an seinem eigenen Stuhl zu sägen.
Dafür sorgt schon Punkt 1 der offizielle Hackordnung bei ‚punkt!‘: Über nie Kritik an Deinem Vorgesetzten ...
Die zeigt sich sogar auf der Fensterbank. Die Lokalblätter aus dem ganzen Rheinland stapeln sich dort. Im Laufe des Tages wird die einschlägige Fachpresse fürs Abschreiben verfrühstückt, wie es im Jargon heisst. Der Umfang mancher Zeitungen ist eine karge Mahlzeit. Im Gegensatz zum ‚Stadt-Anzeiger‘ wirkt die ‚Rundschau‘ wie eine arme Verwandte, die nicht genug Mäuse für eine dicke Ausgabe hat. Roth und Peters nehmen sie trotzdem. Nur die beiden dürfen die Blätter nach geeigneten Geschichten durchforsten. Sie besitzen die größte Kompetenz im Aufbereiten von abgestandenen Meldungen.
Die meisten Besucher sind überrascht, welche Aufmerksamkeit den Lokalblättern geschenkt wird. Es ist einfach so, dass Boulevardzeitungen viele ihrer Geschichten irgendwo geklaut haben. Der Fairness halber: Lokalblätter machen es genauso - nur umgekehrt.
In einem Körbchen neben den Zeitungen liegt die Fernbedienung für den Redaktionsfernseher. Nur Roth und Peters dürfen sie benutzen. Das zeigt sich am Aufkleber für das Körbchen: Die Macht!
Roth überfliegt an diesem Tag nur die Pflichtlektüre. Auch die ‚Bild‘-Zeitung legt er unwirsch zur Seite. Das Klauen bereitet ihm keine Probleme. Jeder gute Journalist ist in seinen Augen ein Komponist und lässt eben neue Arrangements über alte Melodien laufen. Die alten Songs sind ein kulturelles Erbe, das schon mal aufgefrischt werden muss.
Roth fühlt sich jetzt beobachtet. Otto Peters guckt ihn schon seit einigen Minuten direkt an und stöhnt: "Wo bleibt nur der Klugscheißer?" Damit meint er natürlich Schlaggi. Und Roth kriegt den Auftrag, ihn endlich aufzutreiben. Zum achten Mal in der letzten Stunde. Roth kratzt sich am Kopf, presst die Lippen aufeinander und greift zum Telefon. Etwa zur gleichen Zeit, zu der Schlaggi bei Brigitte Quandt aufkreuzt ist.
Stress im Redaktionsalltag von ‚punkt!‘.
Dabei hat Peters ihn selbst angezettelt. Denn an diesem Morgen fand sich im ‚Express‘ und im Lokalteil von ‚Bild‘ keine Geschichte zum Abschreiben. "Weiß der Teufel, warum die Arschlöcher nichts im Blatt haben", tobte er. Nicht ohne Erfolg. Als dann die Meldung über die Tote im Rundfunkstudio über den dpa-Ticker lief, grunzte Otto Peters zufrieden. Carlheinz Roth musste sie als Angebot für die Bundesredaktion in seinem ‚Apple-Mac‘ umschreiben. Aber so ist sie nicht nach Bremen gegangen. Denn er hatte auch den Namen der Toten herausbekommen und nicht vermeldet. Otto Peters hat Roth die Meldung um die Ohren geschlagen, kräftig redigiert und den Namen sofort hinzugefügt. Obwohl er die Zusammenhänge wusste. Aber Geschichte ist Geschichte! Der Nachrichtenredakteur in der Zentrale ging noch mal über das Angebot: und tauschte den Namen aus - gegen "eine prominente Künstlerin". Als der Text schließlich bei der Chefredaktion auf dem Tisch landete, hat das Stille-Post-Spielchen längst Folgen angenommen: Aus der Studentin und Aushilfssekretärin war ein berühmtes Fotomodell geworden. Nur weil sie zweimal in der Kölner Ausgabe die Leser angelächelt hatte. Als Otto Peters die Miezen-Bilder nach Bremen funken lassen musste, schwante ihm Böses. Jetzt wird halbstündig der Text angemahnt. Die Überschrift steht längst fest: Eifersucht? Berühmter TV-Star erstochen - werden die Leser von ‚punkt!‘ am nächsten Tag erfahren: für 40 Cent in Köln, für zehn Cent mehr in Bremen. Denn dort ist das Blatt Marktführer.
Otto Peters schaut sich die zweite Lokalseite an und tobt: "Haben die Lahmärsche wieder ein Bilderrätsel gemacht." Damit meint er die Produktionsredakteure in Mülheim, die für das Layout verantwortlich sind. Sie haben eine Seite so gestaltet, dass nicht sofort erkennbar ist, welches Foto zu welchem Artikel gehört. Meint wenigstens Otto Peters, dem die intellektuellen Fähigkeiten seiner Leser ein Graus sind.
Barbara Hambach geht jetzt durch den Großraum. Otto Peters schaut ihr lüstern hinterher. Dabei hat er normalerweise für Frauen mit panzergleich gestärkten Spitzenblusen nichts übrig. Barbara Hambach ist die Ausnahme. Sie ist gerade 36 Jahre alt, 1,70 Meter lang und hat spülwasserblondes Haar. Auf sie trifft die Bezeichnung üppig am besten zu. Sie muss Kleidergröße 42 tragen. Unverdrossen hackt sie auf ihrer ‚Iris‘-Maschine der Pensionierung in einigen Jahrzehnten entgegen. Von Computern mit Textverarbeitung hält sie nichts.
Wolfgang Lärm kommt nach vorne. Er ist Redakteur, 31 Jahre alt, ziemlich devot und sieht durchschnittlich gut aus, aber bestimmt nicht mehr. Der Junggeselle trägt eine Brille von ‚Fielmann‘, hat einen Bart und seine blonden Haare sind schon recht schütter. Bei Terminen ist er immer höflich, aber so unverbindlich, dass er keinen bleibenden Eindruck hinterlässt.
"Chef, nichts los im Rheinland", hechelt er und schaut auf seinen Block: 23 Leitstellen von Polizei und Feuerwehr hat er angerufen und nach Einsätzen befragt - wie an jedem Morgen.
"Was heisst das?" Otto Peters senkt drohend seine Stimme, blicklos starrt er auf die Tafel rechts von ihm. Dort sind die ‚punkt!‘-Ausgaben der letzen sieben Tage angeheftet.
Wolfgang Lärm sieht ihn mit seinen stillen, flehenden Augen an: "Wie gesagt, heute ist nichts los."
"Und heute morgen im Berufsverkehr?", fragt Peters eisig und überfliegt die Ausdrucke der Agenturmeldungen, die alle zehn Minuten in einem Eingangskörbchen auf seinem Schreibtisch landen. Nur die Meldungen vom Sport-Informationsdienst landen zusätzlich in der Sportredaktion. "Gab es da nichts?", fragt er ziemlich mürrisch und bemerkt, wie ein Ausdruck von Unsicherheit das Gesicht seines Indianers überzieht.
Dabei ist Wolfgang Lärm ein Mensch, den normalerweise nur schwer etwas aus der Fassung bringt: "Nicht dass ich wüsste".
"Das wissen sie nicht?" Otto Peters straft ihn mit einem wütenden Blick. "Sofort abklären!"
Wolfgang Lärm nimmt einen kräftigen Zug aus seiner Zigarette, bevor er antwortet: "Jawohl, Herr Peters."
In seinen zwei Jahren bei ‚punkt!‘ weiß Wolfgang Lärm, dass der Hinweis "sofort" genau dies meint. Mit einem inneren Seufzen geht er an seinen Schreibtisch zurück.
Roth fährt herum und sagt aus dem Mundwinkel: "Alles ist eine verdammte Scheiße." Dabei streckt er die Finger vor sich aus und mustert seine Nägel. Warum muss immer ich meine Hände schmutzig machen, scheint er zu fragen.
Ohne Beziehungen wäre Schlaggi nie zu seinem Job gekommen, davon ist Peters überzeugt. Das journalistische Schwergewicht von eigenen Gnaden hält Schlaggi schlichtweg für eine Lusche: völlig unfähig im Kreise der Besten der Besten, gute Geschichten zu erkennen. Schlaggis politische Meinung, die so gar nicht zu ‚punkt!‘ passt, trägt ein Weiteres zu der Antipathie bei.
"Na, ja", reagiert Peters.
Beide verbindet übrigens etwas: Sie wollen auf keinem Fall als Weicheier gelten.
Otto Peters kann nicht lange über seine eigenen Worte nachdenken. Werbeleiter Friedhelm Pieper kommt jetzt mit einem Diktiergerät in die Redaktion und spielt einen Funkspot für eine neue Werbeaktion von ‚punkt!‘ vor: Ein Sprecher lacht darüber, dass ‚punkt!‘ an jedem Tag 1000 Euro verschenkt ... "Eine tolle Werbeoffensive, nicht?", fragt Friedhelm Pieper hinterher, ein wenig verunsichert durch das rote Gesicht von Otto Peters.
Dem schwillt der Kamm: "Eine tolle Werbeoffensive? ... Scheißescheißescheiße!" Er ist gerade so schön in Fahrt, darum macht er weiter: "Ein müdes Tischfeuerwerk ist das. Mit drei Knallfröschen." Dann schwellt seine Stimme zum Orkan an: "Über ‚punkt!‘ lacht man nicht!!! Das sollten selbst SIE wissen."
Sprachlos zieht Friedhelm Pieper seines Weges, nur begleitet von dem Rattern eines Fernschreiber, der gerade zum Leben erwacht ist.
Carlheinz Roth schaut ihm mitfühlend hinterher. Ein wenig schämt er sich, weil er diesmal nicht in den Disput eingestiegen ist. So eine Auseinandersetzung hat es vor drei Wochen schon einmal gegeben, da hatte Pieper an einem Zeitungsautomaten am Friesenplatz den Aufkleber entdeckt: ‚punkt!‘ - jetzt mit Text. Er konnte darüber lachen ...
Wolfgang Lärm taucht wieder auf: "Chef, heute morgen gab es auf der A 1 einen Stau von fünf Kilometern. Aber das ..." Er hält inne, denn sein Chef setzt an:
"Habe ich doch geahnt, dass etwas los war.. Also machen wir die Geschichte: Hunderttausend kamen zu spät zur Arbeit. Klar?" Er ist so vermessen zu glauben, dass er, weil er einen Gipfel für Boulevardjournalisten erklommen hat, ständig ein Gespür für leserfreundliche Themen hat.
"Aber das ...", will Wolfgang Lärm einwenden.
"... Ist das klar?", geht Otto Peters dazwischen.
"Ja, es ist klar, Chef", sagt Wolfgang Lärm ganz leise und schleicht zu seinem Schreibtisch zurück.
In diesem Moment legt Carlheinz Roth den Hörer auf. Sein Atem ist vom Stress übersäuert, als er sagt: "Du hättest wenigstens den Lärm anhören können."
"Jetzt höre mir mal gut zu, Kleiner. Man kann doch nicht ein dickes Gehalt aus Bremen kassieren, wie du es kriegst, und trotzdem einer der Indianer bleiben."
Carlheinz Roth gerät langsam in Wut, was bei ihm recht selten vorkommt: "Leck mich ..."
"Was wolltest du sagen?"
Der Vize weicht dem Streit aus. "Der Schlaggi ist nicht mehr da. Bei diesen Radiofuzzis hat sich der Sturm gelegt. Sogar Kratzenstein hat seine Gefolgsleute abgezogen ... Ich glaube, wir sollten die Geschichte in Bremen zurückziehen."
Otto Peters antwortet nicht, scheint darüber nachzudenken. Neuerdings braucht er immer öfter ein paar Augenblicke, bis er reagiert. Das Alter verlangt von seinem Geist einen Tribut.
Und bei dieser Gelegenheit sollte man ihm in Bremen langsam aber deutlich klarmachen, denkt Roth, dass seine Uhr bei ‚punkt!‘ abgelaufen ist und dass es Zeit für ihn ist, den Schreibtisch zu räumen. Früher ist er einmal einer der hellsten Köpfe bei ‚punkt!‘ gewesen. Ja, früher. Heute sind seine Geschichten schal und ... wie ein Auflaufmodell.
Plötzlich wird Otto Peters krebsrot im Gesicht. "Zurücknehmen?", erwidert er eisig. "Ich höre wohl nicht richtig. Bei mir wird nichts zurückgenommen. Das machen nur gottverdammte Trottel."
Carlheinz Roth hebt während der altvertrauten Sätze in neuer Dosierung seine Augen zur Decke. Na wunderbar.
Man muss schon ganz genau hinsehen, um auch die Spur von Dankbarkeit zu sehen, die in seinem Gesicht arbeitet. Denn denkbar ist er für eine Geschichte in der Bundesausgabe, für die er keine großen Klimmzüge machen muss, wie er glaubt.
(...)
Benommen vor Müdigkeit lehnt Schlaggi sich mit dem Rücken an das Fenster und blickt auf die blauen Haltegurte an der Decke, die am Ende kleine Kugeln haben.
Schlaggi ist erleichtert: Er nähert sich dem Ende seiner Reise, dem Ende seiner Aufgabe.
Seitdem er in der Schweiz ist, hat er sich, wohin er auch gegangen ist, ständig umgesehen. Ob seine Befürchtungen berechtigt gewesen sind oder nicht, ist ziemlich ohne Bedeutung.
Ganz unverhofft hat Schlaggi plötzlich das Gefühl, viel zu wenig Luft zu kriegen und in seinen Ohren rauscht es wie bei einer Winterflut. Jetzt bloß keine Angst aufkommen lassen, hämmert er sich ein, denn Angst schwächt das Reaktionsvermögen!
Langsam gleitet jetzt die Kabine dem ersten Betonträger entgegen. Schlaggi will erst nicht glauben, was seine Augen ihm sagen. Direkt dahinter fällt das Seil ab - 1000 Meter tief. Glaube einfach, du bist ganz woanders, redet sich Schlaggi ein.
Aber die Angst greift nach ihm!
Denn die Kabine fängt mit einem Mal an zu rasen. Sie wird schneller
und schneller
und schneller.
Was ist los???
Sofort bekommt Schlaggi feuchte Hände, was ihm gottverflucht unheimlich vorkommt. Es ist weiß Gott nicht das erste Mal, dass er einer gefährlichen Situation ausgesetzt ist, aber noch nie einer solchen. Die Kabine rast immer mehr – Schlaggi hat Angst. Riesige Angst. Und er spürt, wie sich eine kalte Faust um sein Herz krampft. Längst hat es seinen Rhythmus verloren und scheint durch den ganzen Körper zu hüpfen.
Die Bahn wird immer schneller und schneller.
Schlaggi würgt jetzt, ihm ist übel wie noch nie. Er starrt auf seine Schuhspitzen, um seinen Brechreiz zu unterdrücken. Seine Augen treten ihm schier aus den Höhlen. "Ach, du Scheiße", brüllt er.
Schlaggi ist von Panik erfasst. Aus allen Poren dünstet er sie aus. Ihm ist klar geworden, dass er jetzt keinerlei Kontakt mehr zu den Polizisten hat. Dieser Gedanke schnürt ihm die Kehle zu, dass er kaum noch Luft bekommt.
Und die Kabine rast immer mehr.
Ihm steigt das Herz in die Kehle. Er bebt. Sein Lächeln von vorhin gefriert zur Maske. Sein Gesicht ist verzerrt. Die Furchen auf seiner Stirn vertiefen sich. Die Augen sind fast doppelt so groß geworden. Irgendwo hat er mal gelesen, dass Tiere in den letzten Sekunden ihres Lebens, wenn sie in einer tödlichen Falle sitzen, in eine absolute Lähmung verfallen können ... Lieber Gott, lass mich ein Tier sein. Bitte.
Schneller und schneller.
Aber die Sekunden dehnen sich, während in seinen Augen Panik blitzt. Furchtsam, wie ein in die Enge getriebenes Tier, starrt er in das Tal. Auf seiner Stirn machen sich kalte Schweißperlen breit. Schlaggi friert. Er will nach seiner Jacke greifen. Aber es geht nicht. Er kann sich nicht bewegen.
Sein Gesicht ist dem Platzen nahe.
Schlaggi sieht einen Stahlträger auf sich zurasen. Und er spürt: Das ist der Tod!
Natürlich ist das nicht der Tod. Die rasende Kabine passiert nur einen Stützpfeiler. Das Rumpeln löst rasiermesserscharfe Schmerzen in seiner Brust aus. Ein geheimer Mechanismus lässt grauenvolle Bilder in ihm aufflackern. Sein Gehirn sprudelt wie kochendes Wasser. Für einen endlos langen Moment von ein paar Sekunden sieht er wieder Bettina auf dem WC-Boden liegen. Blutüberströmt. Sie schreit um Hilfe. Dann zuckt sie zusammen und stirbt. Die Bilder treffen auf ihn wie Laserblitze in einer Disco. Er öffnet den Mund, als müsse er kotzen. Aber es geht nicht. Dabei ist ihm übel bis ins Mark. Sein Magen ist ein Glutball aus Schmerzen. Sein Wirklichkeitssinn hat sich längst aufgelöst.
Dann knackt es irgendwo. Erst ganz leise, Augenblicke später ist das Geräusch ohrenbetäubend laut. Unerträglich.
Was ist das???
Leise fluten plötzlich Geigen aus einem Lautsprecher, sie werden immer lauter, dann hallen mexikanische Trompeten durch die Kabine: Taa-Taa-Taa-Ta-Ta-Ta, wieder Streicher, noch einmal Taa-Taa-Taa-Ta-Ta-Ta der Trompeten, schließlich schmalzt Freddy Quinn ‚A Quiet Tear‘. Nach zwei Minuten wird die Musik wieder ausgeblendet. Es folgt absolute Stille. Eine entsetzliche Stille. Sie wird vom Pochen seines Herzens erfüllt. Vor Schreck beisst sich Schlaggi auf die Zunge. Hinter seinen Augen flammen außerdem stechende Schmerzen auf. Die Augen sind so weiß und weit aufgerissen, als würden sie gleich aus ihren Höhlen treten. Ihm ist, als würde sein Hirn gefrieren.
Vielleicht ist das die letzte Seite im Buch seines Lebens.
Bitte, laß mich leben. Bitte!!!
Die Kabine scheint plötzlich im freien Fall in die Tiefe zu stürzen. Sie wird immer schneller und schneller und schneller.
Schlaggis Gesicht verzerrt sich vor qualvollen Schmerzen. Er ist jenseits aller Angst, die er je in seinem Leben gespürt hat. Das ist der Augenblick vor dem Tod, fährt es ihm durch den Kopf. Es entwurzelt sich alles, was ihm bisher etwas bedeutet hat: sein Beruf, sein Auto, seine Wohnung. Alles ist ein entsetzlicher Traum. Ein schrecklicher Albtraum.
Schlaggis Muskeln spannen sich. Das Blut schießt durch seine Adern. Hilfe! Hilfe! Hilfe! schreit er in sich hinein. Vor Entsetzen bringt er aber kein Wort hervor. Seine Stimmbänder sind wie gelähmt. Die Explosionen ist seinem Hirn sind unerträglich. Schmerzen überfallen seinen Körper aus allen Richtungen. Er kann sich kaum mehr auf das konzentrieren, was um ihm herum abläuft.
Das ist der nackte Wahnsinn!
Schlaggi kauert mit weit geöffnetem Mund in der Ecke. Auf seiner Stirn könnte man ein Ei braten. Er kann nicht mehr klar sehen. Aber er spürt, alles kommt näher und wird gleichzeitig immer unschärfer. Straßen, Häuser, das Wasser. Ihm wird abwechselnd heiß und kalt, Die Schaltkreise seines Gehirns funktionieren nicht mehr. Er sieht einen Tropf über sich hängen ... Er sieht sich irgendwo liegen. In einem Grab.
Hilfe!
Hilfe!
Hilfe!
Schlaggis Mund ist zu trocken und statt des Schreis dringt nur ein Krächzen aus seinem Hals. Er schluckt und versucht es noch einmal. Wieder vergeblich.
Die Kabine bockt ein wenig, als sie den nächsten Betonpfeiler passiert und geräuschlos weiter rast.
Die Stille wirkt lauter. In Schlaggis Kopf ist die Hölle los. Seine Gedanken befinden sich in wildem Aufruhr. Es ist vorbei, fährt es ihm mit einem Schock durch den Kopf. Gleich werde ich abstürzen.
Vorbei.
Vorbei.
Vorbei.
Mit jedem Atemzug wird ihm klar, dass sein Leben jede Sekunde zu Ende sein kann. Einen Moment bettelt er um sein Leben. Hier in der Schweiz sterben ... Was für ein schrecklicher Gedanke ... "Nein!!!" Der Schrei hallt von den Wänden, von dem Boden und der Decke wider. Er hat seine Stimme wieder. Sein Herz ist über die Phase des Hämmerns hinaus. Es droht in seinem Körper zu explodieren. Schlaggis Blick streift seine Uhr. Er kann sein Leben wahrscheinlich nur noch nach Minuten messen. In der Scheibe sieht er sein von Todesangst gezeichnetes Gesicht zucken ...Was um Gottes Willen hat das alles zu bedeuten?
Wieder fliegt ein Betonpfeiler vorbei. Es ist, als würde sich jedesmal eine weitere Stahlschlinge um seinen Hals legen.
Nach einer langen Schrecksekunde beginnt es Schlaggi zu dämmern, dass jemand ihm Angst machen will. Jemand, der das Geld haben will. Und es auch bekommen wird. Der Adrenalinstoß wallt heftig durch den Körper.
Die Kabine jagt noch immer dem Tal entgegen. Aber sie ist langsamer geworden. Jedes Rumpeln ist trotzdem wie ein weiteres Feuer in seinem Nervensystem. Unter ihm rasen Wälder, Felsen und Wiesen vorbei.
Plötzlich gibt es einen Ruck - und die Maschine stoppt. Schlaggi begreift im ersten Moment nicht, was überhaupt gelaufen ist. Instinktiv steht er auf, späht aus dem Panoramafenster nach oben und versucht zu entdecken, was den Halt womöglich verursacht hat. Aber nichts ist zu sehen. Und das beunruhigt ihn noch mehr. Es ist still in der Kabine, nur sein Herz hämmert wie wild. Seine keuchenden, tiefen Atemzüge sind ein verzweifelter Versuch, der Hölle zu entgehen.
In der Kabine ist wieder eine tödliche Stille eingezogen. Sie dauert fünf oder sechs Sekunden.
"Es sieht ganz so aus, als wären ihre Möglichkeiten im Moment beschränkt."
Fast hätte Schlaggi die Stimme nicht bemerkt – und erkannt. Aber er weiß nach einigen Sekunden, wem sie gehört. Es ist die coole Stimme, die er vorhin auch am Telefon gehört hat. Schlaggi blickt sich um. Nur seine Augen bewegen sich. Sein Kopf hält sich still.
Aber da ist niemand.
Oder doch?
Auf dem Boden liegt ein Funkgerät. Mit weit aufgerissenen Augen späht er auf den Apparat. Und traut sich nicht von der Stelle. Er blickt hoch. In der Scheibe spiegelt sich sein Gesicht. In ihm ist eine Furcht, die er noch nie gesehen hat. Ihm ist klar, dass er in einem der schlimmsten Albträume seines Lebens steckt.
"Wenn sie sich gleich genau an das halten, was ich ihnen sage, passiert ihnen nichts."
Er nickt dem Funkgerät zu und wartet auf eine glückliche Fortsetzung. Schon setzt sich wieder die Kabine in Bewegung und fährt dem Vierwaldstättersee entgegen. Ganz langsam. Auf halber Strecke kommt ihr eine Kabine entgegen. Sie ist leer.
Schlaggi wirkt total benommen. Und er fragt immer noch, ob er sterben muss.
Verdammt! Verdammt! Verdammt! Warum habe ich mich nur darauf eingelassen? ... Schlaggi leidet unter dem schmerzlichen Anblick seines eigenen Gesichts, wenn er durch die Scheibe blickt. Seine Augen blicken total gehetzt. Verzweifelt.
Nach acht Minuten ist er fast unten. Die Talstation wird immer größer und größer. Plötzlich gibt es einen Ruck, die Kabine stoppt. Diesmal ergreift Schlaggi keine Panik. Er sieht nach unten: Nur knapp drei Meter liegt unter ihm eine Wiese. Da ist die Stimme aus dem Funkgerät wieder:
"Legen sie den zweiten Hebel neben der Tür ganz um, drücken den ersten Knopf und öffnen die Tür ... Werfen sie den Koffer raus", fordert sie nach einer kurzen Pause im Ton eines hilfsbereiten Ortskundigen.
Direkt unter ihm taucht eine dunkle Silhouette auf: eine bebrillte Person in einem Regenmantel. Das Gesicht ist im speckigen Kragen verschwunden, auf dem Kopf ist eine rotschwarze Baseballkappe. Woher sie gekommen ist, hat Schlaggi nicht gesehen. Er öffnet die Tür, ihn trifft ein herrlich warmer Luftzug mit dem Geruch von frischem Gras. Nach einigen Sekunden krampft sich sein Magen zusammen. Er fühlt, wie sein ganzes Blut zu Eis gefriert.
Schlaggi blickt in den Lauf einer Pistole mit aufgesetztem Schalldämpfer.
"Hilfe! Hilfe! Hilfe!".
Das folgende Schweigen ist unheimlicher, als jede Antwort hätte sein können ... Mein Gott, was soll ich nur machen? ... Eine Wahnsinnsangst packt ihn. Er hat das Gefühl, dass alles Leben aus ihm weicht.
Aus, alles vorbei!
Die Zeit ist bleiern. Und der Albtraum geht weiter.
"Nicht schießen ... Bitte", presst er zwischen seinen blutleeren Lippen hervor. "Nicht schießen ... Bittebittebitte."
Schlaggi spürt sein Herz wie einen Hammer schlagen. Und brüllt plötzlich mit aller Kraft ein langgezogenes
"N-ei-ein!"
dem Himmel entgegen.
"Irgendwo in der Kabine ist Sprengstoff versteckt. Wenn du Scheiße machst, brauche ich nur auf einen Knopf zu drücken ...", meldet sich wieder die Stimme aus dem Funkgerät.
Schlaggi hört nicht richtig zu. Das kann alles nicht wahr sein. "Mache ...". Schlaggi kann nicht weitersprechen. Als er sich wieder gefangen hat, sagt er: "Was soll ich machen?"
"Mensch, Schlagseite, warum werfen sie das Geld nicht herunter?", nörgelt die Frau aus dem Funkgerät. Die Stimme hat einen feindseligen Klang, sie ist schrill und hysterisch.
Für einen Augenblick ist Schlaggi wie gelähmt: Er kann seine Hände nicht bewegen. Angst schnürt ihm die Kehle zu.
Dann geht es blitzschnell. Schlaggi sieht das Mündungsfeuer und lässt sich einfach fallen. Seine Knochen knallen auf den Boden. Dann rollt er sich zur Seite und kriecht unter einen Sitz. Neben ihm hastet eine Kugel durch die Luft. Bruchteile von Sekunden später zischt ein heißer Strahl an seinem Kopf vorbei. Ein zufälliges Plopp trifft die Außenwand der Kabine. Schlaggi kriecht unter dem Sitz hervor, packt die Tasche und erhebt sich mühsam. Dann wirft er das Geld aus der Tür. Der Regenmantel fängt die Tasche auf und verschwindet auf dem Parkplatz. In einem bohnenbraunen ‚Mazda‘ haut er ab.
"War mir ein Vergnügen", schnarrt es metallisch aus dem Lautsprecher.
Schlaggi ist schweißgebadet und glaubt, jede Sekunde umfallen zu müssen. Ihm ist noch immer übel, schrecklich übel. Er beginnt zu Schluchzen. Aber in einer Zehntelsekunde bringen seine Gehirnzellen es auf den Punkt. Sie sind sich ganz sicher, dass der Schütze ihn nicht treffen wollte. Denn sonst hätte er bestimmt getroffen. Schlaggi kann wieder klar denken. Aber seine Beine zittern, so dass er sich einen Moment ausruhen muss. Wie in Zeitlupe setzt er sich hin.
Der Puls in seiner Wange schlägt heftig. Sein Gesicht ist weiß wie eine Wand. Immer noch spürt er Angst. Eine unbeschreibliche Angst. Er sollte nicht wie ein aufgescheuchter Soldat in dieser Kabine herumzappeln, aber er ist noch immer halb wahnsinnig vor Angst. Ein Nerv in seiner Wange zuckt noch hektisch. Rund um sein Herz ist alles betäubt. Seine Beine zittern, als er auf sie blickt. Und Schlaggi wünscht sich sehnlichst, sein Herz würde ihm nicht so zusetzen.
Die Kabine bewegt sich keinen Zentimeter. Erneute Klaustrophobie erfasst ihn, nur raus aus dieser Kabine. Aber wie? Er schaut sich das Funkgerät näher an, das längst nicht mehr quatscht. Es ist gar kein richtiges Funkgerät, nur ein Radio. Mit ihm kann man nur empfangen, aber nicht senden. Schlaggi spürt, wie sich ihm im Nacken, direkt unter dem Haaransatz, die Haut zusammenzieht.
Mein Gott, ist das alles geschehen? Ist so ein Albtraum Wirklichkeit geworden?
Schlaggi rappelt sich auf, zwängt sich aus der halb geöffneten Tür und lässt sich fallen. In dem Moment, in dem er den Boden berührt, stößt er einen gutturalen Schmerzensschrei aus. Sein Knöchel. Er hat ihn nur verstaucht, aber nicht gebrochen. Einige Sekunden liegt er auf der Wiese. Regungslos. Jeder Knochen im Leib tut ihm weh.Die Hitze ist noch immer bedrückend. Das Gras ist direkt unter seinem Gesicht. In seinen Eingeweiden rumort es noch immer. Schlaggi versucht zu brechen, aber es klappt nicht.
"Mann, oh, Mann", stößt er hervor, "das war knapp."
Einige Minuten lang ist er der höchsten Prüfung menschlicher Existenz ausgesetzt gewesen:
dem Zusammentreffen mit dem Tod.