Draußen herrscht eine klare Sommernacht. Noch nicht einmal der Russ aus dem
Kölner Süden kann sie verdunkeln. Von der Schwüle ganz zu schweigen.
Der viel zu große Jogginganzug in Navy wäscht sich die Hände, trocknet sie aber
nicht ab. Und hütet sich vor einem Blick auf das Spiegelbild. Dafür schaut er
auf seine Armbanduhr und nickt erleichtert: acht Minuten vor Mitternacht.
Dann dreht er sich um 180 Grad und starrt auf die hellbraune Tür. Er füllt die
Lungen mit Luft und geht nach nebenan. Noch nicht einmal eine Sekunde später
zerrt er einen Wäschekorb in das Badezimmer und hievt ihn auf eine Sackkarre.
Dann stützt er beide Ellenbogen auf den Korb und lässt für einen Moment den Kopf
sinken. Er stößt Luft durch die Lippen aus, so wie Bergleute es gerne tun, wenn
sie sich an den Förderkorb lehnen.
Ihm ist so, als habe er eine Filmrolle im Kopf. Zwei Spatzen im Vogelnest lassen
sich Shrimpscocktail mit jungem Lauch, Champignons und lauwarme Minibrötchen
servieren. Schnitt. Schwitzen im französischen Bett. Schnitt. Abkühlen im
Whirlpool. Wann ist endlich diese Spätvorstellung zu Ende? Wann holt sich das
Zentrale Nervensystem wenigstens ein Magnum? Mann, reiß dich zusammen!
Langsam schiebt er die Karre auf den Gang. Zur Tür zum Notausgang. Leise öffnet
er die Eisentür und ist im gelbgestrichenen Treppenhaus. Grüne Neonröhren
verschenken ein trübes Licht. Der Boden ist schmutzig. Zwischen den
Staubbällchen rollt die Karre die Treppen herunter: Plooop! Etage für Etage,
Stufe für Stufe.
Plooop!
Er hat das Gefühl, er sei seinem Körper entstiegen. Und würde nur als Zuschauer
eine traurige Gestalt ächzen sehen. Das Fieber steigt.
Die Nike-Schuhe quietschen auf dem Boden. Auf jeder Etage dreht er den Kopf und
wirft der Tür einen finsteren, ängstlichen Blick zu. Doch niemand geht
Patrouille auf dem fast vergessenen Trimm-dich-Pfad.
Plooop!
Auf einem Flur tönt jemand mit einer Gackerstimme. Der Wortlaut scheint nicht
für den Flur bestimmt zu sein. Plooop! Irgendwo zwischen zwei Etagen beugt er
sich über die Karre, rollt die Schulter und schnauft leise. Und weiter geht es.
Plooop!
Nach Wieviel-Minuten-auch-immer ist er unten. Plooop! Da ist wieder eine
Eisentür. Er zögert etwas. Leise öffnet er sie. Und schiebt die Karre weiter.
Das Licht in der Küche lässt sein Blut auf Kühlschranktemperatur sinken. Er
steht da wie angewurzelt unter der Eiswasserdusche. Ein billiges Radio plärrt
Bat Out Of Hell. Aber sonst ist nichts zu hören. Nur Schwüle wälzt sich durch
den Gang. Weiter!
Er reißt wieder eine Eisentür auf. Nichts passiert. Er lugt um die Ecke,
plötzlich steht er in der Tiefgarage und entdeckt den Dinosaurier der Straße in
Altrosa. Der messerscharfe Blick kann in sekundenschnelle kalt funkeln.
Er sieht den Korb an, lacht leise und reibt sich die Hände. Trotzige Züge
ummalen den Mund. Die Haut des viel zu großen Jogginganzuges in Navy glüht. Aber
nicht von der Sonne. Er lehnt sich an die Wand und seine Knie geben nach. Gleich
kann er sich umziehen. Auf ihn wartet das grüne Trikot des Siegers. Er ist dem
gottverdammten Dschungel entkommen.
Donnerstag, 9. Juni
Der silbergraue Vectra 2000 ist innen heiß wie ein Backofen. Hans-Werner
Koritzius schleicht die Mülheimer Freiheit entlang und sucht einen Parkplatz.
Vor dem "Pelikan" ist einer frei. Rückwärts fährt er in die Lücke und verlässt
schnell den Brutkasten. Er geht ein paar Schritte zurück, biegt in die
MünzStraße ab und riecht schon den nahen Rhein. In seinem Innern bemüht er sich
um Ruhe. Doch die Angst geht Patrouille. Sie ist wie ein Bluthund an einer
scharfbewachten Grenze.
Der Hauptkommissar schaut auf seine Armbanduhr. Vier Uhr. Um diese Stunde ist
längst jeder Optimismus verflogen. Für einen Moment wünscht er sich, er hätte in
einem Tiefkühlhaus haltgemacht. Denn er fühlt sich wie abends um 8, wenn seine
ganze Energie im Keller ist.
Sein volles Gesicht zeigt die Züge eines abgeklärten, gemütlichen Mönchs. Viele
halten ihn für ein Felsgestein, dabei ist er zerbrechlich wie hauchdünne
Stalagmiten. Er zeigt regelrecht Aversionen, unter Leute zu gehen.
Freizeitmenschen scheinen ihm Angst einzujagen. Schon seit einiger Zeit taucht
er nicht mehr bei Spielen der Haie auf. Besucht keine Versammlung vom
SPD-Ortsverein Neustadt-Süd. Und lässt auch den Stammtisch im "Wikinger" sausen.
Dafür hat er keine Zeit. Bei ihm ist nach Feierabend ÄrzteShopping angesagt.
Erst klagte er über Juckreiz und Skabies. Ein Dermatologe probierte alle
Mittelchen aus. Ohne Erfolg. Dann folgte eine Knochenhautentzündung. Ein
Orthopäde war gefordert. Und versagte. Schließlich klagte Koritzius über
Gleichgewichtsstörungen. Ein HNO-Arzt verschrieb Pillen. Ein Heilpraktiker auch.
Nichts brachte etwas. Schließlich rief seine Frau Bärbel den Hausarzt an, um zu
hören, dass wahrscheinlich seine Seele krank ist.
Hans-Werner Koritzius ging wieder auf die Suche nach einem Arzt. Einem
Psychotherapeuten. Aus dem Branchenbuch suchte er sich Dr. Regine Schwirtz aus.
Weil die ihre Praxis in der Nähe seiner Wohnung in der Jülicher Straße hat.
Obwohl bei der Seelenklempnerin eine Couch in der Ecke steht, bevorzugt sie
nicht das von Freud erprobte Werkzeug. Von Angesicht zu Angesicht in
ungemütlichen Ohrensessel hat Koritzius in der letzten 50-Minuten-Stunde von
seinen Begegnungen im Freibad berichtet. Voller Stolz erzählte er von seinen
Plaudereien mit wildfremden Menschen. "Ich habe meine Schüchternheit
überwunden?" Doch das erwartete Schulterklopfen blieb aus. Dafür bekam er etwas
eingeschenkt, was er so nicht bestellt hatte: "Sie sind menschenverachtend! Sie
machen alle Leute zu Werkzeugen, nur um über den eigenen Schatten zu springen."
Starker Tobak.
Langsam steigt er jetzt mit routinemässig herabgezogenen Mundwinkeln die zehn
Stufen zum Uferweg runter. Die Luft ist von frischgemähtem Rasen erfüllt. Sein
rotes Poloshirt ist hinten aus der Hose gerutscht. Von weitem nickt er den
Beiden zu, die ihm von den drei Pappeln mit den schuppigen Rinden
entgegenblicken. Der Gedanke an die letzten Stunden ist wie ein Blutegel, der
nicht von ihm loslassen will.
Petra Braun steht vor der weißgetünchten Clemenskirche neben den Bäumen und
wartet auf ihn. "Kein schöner Anblick." Obwohl sie schon viele Leichen gesehen
hat, hat sie diesen Toten mit einer Mischung aus Ekel und Ungläubigkeit
betrachtet. Ihr Gesicht ist noch immer kreidebleich, die Knie zittern.
Die Worte verunsichern ihn nicht. "Stellen Sie sich nicht so an," entgegnet
Hans-Werner Koritzius ohne mit der Wimper zu zucken und blickt sich um. Der Mann
neben seiner Mitarbeiterin ist Dr. Giovanni Ahorn. Er blinzelt in die
Mittagssonne. Hat noch immer eine Gänsehaut auf Armen, Beinen und Hals. "Ein
Mann. Vermutlich erdrosselt." Seine Brauen ziehen sich zusammen, der Ausdruck in
seinen Augen ist leer. "Das Kinn ist zerschmettert, ein Backenknochen wurde
gebrochen." Er spricht mit fiebernder Lebhaftigkeit. "Ob das passiert ist, bevor
der Tod eintrat, kann ich so noch nicht sagen," fährt der halbitalienische
Glutaugenarzt fort. Wieder ziehen sich die Augenbrauen zusammen. Petra Braun
wirft ihrem Kollegen einen langen Blick zu. Sie kann das Schlagen des Pulses an
seinem Hals erkennen. Ihr Hirn hat immer noch Schwierigkeiten damit, dass viele
Kärrner offenbar einer Meinung sind, keine Emotionen zu zeigen. Neuerdings wirkt
sie auch zu oft wie ein unsensibler Klotz. Auch wenn sie das Hemd auf dem Rücken
kleben spürt.
"Schon eine Ahnung, wer das ist?", will Koritzius wissen. Er spricht, als würde
er eine schlichte Tatsache benennen. Wie jemand, der im Lexikon nachgeschlagen
hat, dass Asien mit über 40 Millionen Quadratkilometern der größte Kontinent der
Erde ist. Dabei schneuzt er sich. Er ist erkältet und verschnupft. Sommergrippe.
Die Kripo-Hauptmeisterin zuckt die Schulter und zeigt in Richtung der Leiche.
Dr. Ahorn gibt seine Vermutung preis: "Bestimmt ein Serientäter... Mit dem Hang
zum Spirituellen." Bei dem Serientäter zuckt Petra Braun etwas zusammen.
Unbeabsichtigt. Wie jemand, der längst den Punkt erreicht hat, an dem sich seine
Nerven selbständig machen. Dr. Ahorn greift zu seinen Zigaretten. Aber die
Packung ist leer. Er knüllt sie zusammen und steckt sie in die Hosentasche.
direkt unter dem Schild 692 liegt ein Tuch. Ohne jede Aufforderung schiebt es
ein junger Bulle mit einer Bardenfrisur zur Seite. Er wirkt noch immer sichtlich
blass. "Scheiße", sagt er mit leiser, zitternder Stimme. Hinter der Bank liegt
ein Mann. Nackt. Mit blicklosen Augen starrt er in den Himmel. Sein Körper ist
bedeckt mit roten Flecken von Verbrennungen oder Schlägen. Die Füße sind mit
bonbonfarbenen Plastikriemen zusammengebunden. Der Mund ist geöffnet. Die Zunge
hängt zwischen den Zahnreihen. Die Brustwarzen und der Penis sind mit sauberen
Schnitten entfernt worden. Im Mund steckt eine Glasscherbe. Über dem Toten
kreist ein Schwarm von Fliegen. Ungefähr zehn Zentimeter daneben liegt eine
Wäscheklammer. Zufällig?
Ein Blitz zuckt durch die Augen von Koritzius. Mehr Anteilnahme erlaubt er sich
nicht. Aber er spürt den Blick des Beamten, der abzuschätzen versucht, was
Koritzius gerade fühlt und denkt. "Wer hat ihn gefunden?", schnattert er und
fixiert seine Kollegin an, die mit aufeinandergebissenen Zähnen neben ihm steht.
Er muss sich nicht extra bemühen, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Sein
Unterbewusstsein weiß, was von ihm erwartet wird. "Eine Rentnerin, die sich auf
der Bank ausruhen wollte," sagt sie betroffen. "Die Frau hat hinter sich einen
Sack liegen gesehen und reingeschaut..." Koritzius hebt seine Stimme an, um ihr
mehr Gewicht zu verleihen: "... Und wo ist die?", will er wissen und gähnt
etwas. "Die ist mit einem Schock ins Krankenhaus gebracht worden."
Mit schräggestelltem Kopf starrt er auf die Leiche: "Der Tod ist offenbar erst
vor ein paar Stunden eingetreten. Es fehlt jeder Verwesungsgeruch." Petra Braun
wünscht sich, der harte Klumpen im Magen würde sich endlich auflösen. Das Herz
klopft ihr noch immer bis zum Hals. Aber sie spricht die Worte, die sie
eigentlich sagen will, nicht aus. Für einen Moment schließt sie die Augen.
Wolken treiben an der Sonne vorbei. Aber die können nichts ausrichten. "Hat
sonst noch jemand was gesehen?" Die Blondine schüttelt den Kopf. An ihrem ganzen
Körper spürt sie jetzt die Feuchtigkeit. Sie kann nicht zur Seite schauen, der
Anblick verschafft ihr sofort ein Gefühl des Grauens in den Eingeweiden. Das hat
sie so noch nie erlebt.
Koritzius nickt, dreht sich um und geht zurück. "Ich habe noch einen Termin",
murmelt Koritzius beiläufig. Okay, sagt er zu seinem Gehirn, mach einen Korken
drauf. "Sie sollten sich nicht zu sehr hängen lassen", streicht er ihr aufs
Butterbrot. Meint, Lebenshilfe zu leisten. Sie reagiert überhaupt nicht.
Gedanken an ein bizarres Leben jagen unverhofft durch seinen Kopf. "Privat",
wirft er noch hinterher. Aber das hat niemand mehr mitgekriegt. An der
Anlegestelle der Köln-Düsseldorfer bleibt er stehen. Der Polizist mit der
Bardenfrisur rennt vorbei, rempelt ihn an. Sofort stoppt er: "Entschuldigung,
Herr Kommissar." "Schon gut." Die Stimme von Koritzius vibriert. Er fährt sich
über die Oberlippe. Dort, wo sich einige Schweißperlen breitgemacht haben.
Er spürt: Nichts ist gut.
***
Der Magen von Hans-Werner Koritzius knurrt, aber er verdrängt seinen Hunger.
direkt von Mülheim fährt er zum Zülpicher Platz. Und pünktlich um 5 Uhr sitzt er
in dem ungemütlichen Ohrensessel: in der in Birnenholz eingerichteten Praxis.
"Wie war bis jetzt der Tag?", will Dr. Regine Schwirtz wissen, während sie sich
mit hochgezogenen Beinen in einen Rattan-Schaukelstuhl hinflegelt.
Ihr kastanienbraunes Haar ist schon von wenigen grauen Fäden durchzogen. Sie
trägt es länger als die meisten Frauen ihres Alters. Immer wirkt sie wie eine
Frau, die alle Menschen mit dem gleichen unparteiischem Respekt behandelt. Nach
ihrer Scheidung hat sie sich von einer grauen, gar nicht attraktiven Psychologin
zu einer strahlenden Karrierefrau gewandelt. Das Gefühl, versagt zu haben, nagte
aber fünf Jahre an ihrem Selbstwertgefühl. Dann machte sie selbst eine Therapie.
Tauschte ihre SchneewittchenFrisur gegen einen frechen Schnitt ein. Farbige
Kontaktlinsen von Optik Oberländer ersetzen inzwischen das Gestell von
Ring-Optik. Statt vergammelter Jeans, grauer Wollpullover und ausgetretener
Springerstiefel bevorzugt sie heute feminine Kleider, bunte Leinenblusen mit
Schulterpolstern und Sommerstiefel aus Nubukleder. Früher gab sie selbst niemals
Einblick in ihr Seelenleben. Heute spricht sie schon mal offen über Schmerz und
Betroffenheit. Natürlich nur im Privatleben. Aber nie über ihre verkrüppelte
Biographie.
"Nicht schön! Wir hatten einen Mord..." Er hält abrupt inne, schüttelt energisch
den Kopf, als habe er sich selbst beim Ausplaudern ertappt. Er steht auf, will
zum Fenster gehen und gerät leicht ins Taumeln. Sofort setzt er sich wieder hin.
Mit einem Lächeln. Sie betrachtet es und fragt sich, warum er das eingeübt hat.
Da schwenkt er auch schon um: "Wie komme ich eigentlich voran?" Mit dem rechten
Zeigefinger reibt er sich den Nasenrücken.
Ihm ist grundlos eingefallen, wie er sich als Junge zum ersten Mal Pariser
gekauft hat, obwohl er sie gar nicht brauchte. Die zog er über seine Finger und
lief so über die Kalker HauptStraße. Das Kopfschütteln von Passanten bellte ihm
entgegen. Der Kleine wusste damit nichts anzufangen. Wenn er daran denkt,
schaudert es ihn noch heute.
Der ruhige Blick von Regine Schwirtz verweilt auf dem Patienten. "Sie machen
gute Fortschritte", sagt sie und hat das Gefühl, mit einem Kind zu reden. Dabei
schenkt sie sich Eistee ein. Als sie das Glas hebt, sieht Koritzius zum ersten
Mal, dass sie einen Ehering trägt.
Schon bei der ersten Konsultation hat sie ihn angemacht. Doch er war klug genug,
keinen Versuch zu unternehmen, mit ihr auf einer privaten Ebene
zusammenzukommen. Ob die private Regine ebenso unnahbar ist wie die
Psychotherapeutin Dr. Schwirtz? Überhaupt weiß er nichts über ihr Leben
außerhalb der Praxis. Vielleicht verleiht gerade dieser Umstand allem einen so
prickelnden Reiz. Vielleicht... Sie ist eine tolle Zuhörerin. Ob sie im
Privatleben ebensolche Stärken und Schwächen hat wie er? Klar! Aber diese Seiten
bekommt er nicht zu sehen. Noch nicht.
Seine Miene bleibt unbewegt. "Wird auch Zeit," platzt es aus ihm heraus. Über
soviel Entschiedenheit ist er selbst überrascht. Sie lächelt unter ihrem
dezenten Makeup. Dabei kräuselt sich ihre Nase. Einen Augenblick sagt niemand
etwas. Zwei kleine Vögel lassen sich auf dem Balkon vor ihrem Fenster nieder.
Vergeblich hoffen sie auf ein paar Brösel. Darum geht nach zwei Minuten die
Tournee weiter: zum nächsten Balkon.
Die Psychotherapeutin hat die Beine nicht mehr hochgezogen, sondern schlägt sie
in Erwartungshaltung übereinander. durch das offene Fenster startet eine Wespe
zum KamikazeAngriff. Eine Zeitung in der Hand von Koritzius beendet ihr Leben.
Das rote Hemdblusenkleid von Regine Schwirtz ist am Hals gerade weit genug
aufgeknüpft, um einen üppigen Busenansatz zu enthüllen. Noch bevor die Ärztin
Bruchstücke im Leben ihres Patienten auflesen kann, hat er schon wieder den Gang
mit dem Selbstmitleid eingelegt.
Der Polizist beugt sich in dem Sessel ganz nach vorne. Und drückt seine rechte
Hand leicht auf den Bauch, als wolle er eine Spannung lösen. "Von meinen
gesundheitlichen Problemen will ich gar nicht erst anfangen. Die sind
unverändert", sagt er ernst und klopft mit einer unangezündeten Zigarette auf
der Schachtel herum. Sie reagiert mit einem leichten Nicken. "Als ich die
Behandlung bei Ihnen begann, hatte ich nur vor einer bestimmten Autobahnbrücke
Angst. Ich habe sie umfahren. Dann haben Sie mir von der Zeit erzählt, wie das
war, als Sie gerade den Führerschein gemacht haben. Von Ihrer kleinen Angst,
sich nachts auf der Autobahn einzufädeln. Und genau diese Angst habe ich
bekommen. Nur, bei mir ist sie nicht klein." Liebend gerne würde er sich jetzt
eine Zigarette anstecken. Aber das duldet sie nicht. Also steckt er sie wieder
in die Packung. Der Frust ist von seinem Gesicht abzulesen. Im Nachbarzimmer
klingelt das Telefon. Sofort springt mit einem Knacken der Anrufbeantworter an.
Dr. Regine Schwirtz geht nur zweimal in der Woche selbst dran, wenn sie jeweils
30 Minuten Telefonsprechstunde hat. Nach ein paar Sekunden kann er wieder den
Faden aufnehmen. "Und heute kam noch eine andere Angst hinzu. Ich war mit dem
Auto unterwegs. Da setzte ein Regenschauer ein. Sofort kriegte ich ein mulmiges
Gefühl." Seine Augen schweifen hilflos von der Decke zum Fenster hin und her,
als könne er dort eine Bestätigung für seine Vorwürfe finden. Dann versinken sie
in die Betrachtung einer Büroklammer, die er auf dem Boden des Wartezimmers
gefunden und aufgehoben hat.
"Beschreiben Sie die Angst", bittet sie. Ihr ruhiger Blick verweilt auf ihrem
Gesprächspartner.
Das ist um Lichtjahre leichter gesagt als getan. Seine nervösen Finger verbiegen
die Büroklammer. "Scheiße", schnaubt er. "Meine Hände wurden feucht und in
meinem Magen spürte ich einen dicken Stein." Er fährt sich mit der rechten Hand
über das Kinn. Lässt die Klammer auf den Tisch fallen. "Und mein Herz fing zu
rasen an... Scheiße... Machen Sie was!
Seine Gedanken schwingen ständig wie ein Pendel hin und her: Der Fall, sein
verkorkstes Leben. Er zermartert sich das Gehirn. Ein wenig Angst keimt auch in
ihm, dass sie einmal entscheiden könnte, ihm keine Termine mehr zu geben. Weil
er nicht über das spricht, was ihn wirklich aufwühlt. Für so etwas ist sie zu
souverän, beschließt er. Hofft er. Denn sie strahlt soviel Gelassenheit aus.
"Bin ich denn an Ihren Ängsten schuld?" Trotzig starrt sie ihn jetzt an. Ihre
sanfte Altstimme ist etwas verschwommen geworden.
Er will nicht seinen Zorn bändigen. "Jetzt spielen Sie wieder die
MärtyrerRolle." Auch seine Stimme hat sich verändert. Sie ist jetzt kehlig,
heiser. Das macht ihm selbst ein bisschen angst. Seine langen Pause zwischen den
Sätzen sind eine einzige Frage: Ob er noch dem nachhinkt, was er bereits gesagt
hat, oder schon etwas in Gedanken formuliert.
Regine Schwirtz schaut ihn weiter direkt an: "Sie suchen einen Wunderheiler. Das
bin ich nicht. Trauen Sie mir eigentlich wirklich zu, dass ich Ihnen Ängste
nehmen und einflößen kann?
Koritzius sagt nichts, stellt sich aber die Sinnfrage. Minuten des Schweigens
vergehen. Er studiert seine Fingernägel. Schaut ins Leere, um seine Gedanken
besser formulieren zu können. "So ist es in jeder Stunde", beginnt sie,
schüttelt achselzuckend den Kopf und sieht das Taschentuch, das er in der
rechten Hand festumschlungen hat. "Sie bereiten sich vor. Aber nach einer
Viertelstunde haben Sie ihr ganzes Pulver verschossen, das Sie hier loswerden
wollten..."
"...Jetzt machen Sie mal halblang", fordert er und gerät ins Stocken. "Sie sind
in dieser Show der Entertainer." Seine Stirn ist unwillig gerunzelt. In ihren
Augen spricht er wie ein Schlafwandler, der sich gar nicht mehr um die
Zusammenhänge kümmert. Koritzius weiß nicht, ob er nochmal explodieren oder
aufstehen und gehen soll.
"Waaas bin ich?", forscht sie nach. Fixiert ihn mit großen Augen. Und fühlt
sich, als hätte sie eine Backpfeife bekommen. Aber ihre Miene zeigt fast keine
Reaktion. Sie zieht nur kurz die Augenbrauen hoch. Ihre Mundwinkel sind leicht
nach unten gezogen.
Von einem Adrenalinstoss getrieben stürzt er sich wie Lemminge ins Wasser. "Der
Entertainer!!!" Das Gesicht ist vor Wut gerötet. "Diese Einschätzung meiner
Person ist typisch für Sie", beginnt sie mit ihrer fossilen Achtung vor dem
Gegenüber. "Die Leute im Freibad benutzen Sie als Instrument, um ihre
Schüchternheit zu überwinden. Mich reduzieren Sie auf die Rolle eines
Unterhalters." Sie sieht ihn weiter mit großen, braunen Augen kopfschüttelnd an.
Seine Nerven liegen blank. Er ist auf Treibsand geraten und starrt sie kühl an.
***
Hans-Werner Koritzius spürt eine leichte Übelkeit, als die fünfzig Minuten
endlich vorbei sind und er die Praxis verlassen kann. Mit feuerrotem Kopf und
zittrigen Händen lehnt er sich wie ein Besiegter an eine Wand des Hausflures.
Irgendwo im Haus klackern Stöckelschuhe. Aber keine Menschenseele ist zu sehen.
Gerne hätte er jetzt irgendwo einen Wasserkran aufgedreht und sein heißes
Gesicht benetzt. Er muss an Dr. Regine Schwirtz denken. Sieht sie in ihrem
RattanSchaukelstuhl sitzen. Hat sofort ihr Joop! Femme in der Nase. Er lächelt
ein begehrendes Lächeln, das ihm ein wenig peinlich ist.
Zwei spektakuläre Morde hat er im letzten halben Jahr geklärt. Aber der Erfolg
verliert sofort wieder jede Faszination, wenn ihm nicht bald ein neuer Triumph
folgt. Und je größer die Schlagzeile war, desto lauter verlangen Kollegen und
Medien nach einer Neuauflage. Möglichst sogar nach einem Hattrick. Er wühlt in
einem Albtraum. Was haben abgeschnittene Brustwarzen und Penis zu bedeuten? Und
die Glasscherbe. Ist die Verstümmelung der Schlusspunkt einer bizarren
Beziehung? Was erschreckt ihn am meisten? Ein Bericht in der Rheinischen Post.
Dass unter der Haut ganz normaler Menschen oftmals ganz ungewöhnliche sexuelle
Bedürfnisse schlummern, steht dort. Und wenn das wirklich so ist, was bedeutet
das für seine Arbeit? Koritzius bekommt plötzlich Angst, die Sache könne ihm aus
den Händen gleiten, bevor er sie überhaupt im Griff hat. Sofort geht sein Atem
schneller. Sein Magen krampft sich.
Mit dem Aufzug fährt er ins Erdgeschoss. An der Tür schlägt ihm flirrende Hitze
entgegen. Gegenüber sind zwei Telefonzellen. Er entscheidet sich für die rechte.
Und ruft Paul Kratzenstein an: "Gibt's noch was? Ich komme nicht mehr rein." Der
Leitende Kriminaldirektor ist damit einverstanden. Was macht der überhaupt noch
im Laden? Die Augen von Hans-Werner Koritzius verengen sich. Er ist nicht daran
gewöhnt, Angst zu haben. Und die Frustration gewinnt die Oberhand. Zu
Instrumenten reduzieren... Menschenverachtend. Er hält mitten im Zug seiner
Zigarette inne und bricht in tiefe Traurigkeit aus.
In der Eschen-Apotheke holt er sich Calzium-Brausetabletten und eine
Anti-Allergie-Salbe. "Habe mir wohl irgendetwas geholt", sagt er mit zittriger
Stimme. Eine Frau mit Veilchenaugen rät ihm: "Ihre Quaddeln sollten Sie nicht
auf die leichte Schulter nehmen." Tut er auch nicht. Denn er ist klug genug zu
wissen, dass er niemals genug weiß. Morgen wird der geistige Zappelphilipp zum
Hautarzt gehen.
Bei Alibi in der EngelbertStraße kauft er sich "Der große Schlaf" von Raymond
Chandler. An einem Büdchen keucht er kurzatmig: "Eine Cola." Ihm schwindelt. Der
Bulle schaut auf den Becher in seiner Hand. Lässt einen Augenblick das Eis
kreisen. Dann trinkt er alles auf ex.
Hans-Werner Koritzius will neugierigen Fragen seiner Frau aus dem Weg gehen.
Darum meldet er sich nicht bei ihr. Für sie darf so etwas wie heute mittag nicht
sein. Und ist es auch nicht.
Aber seine Maxime lautet: Glaube immer, dass jeder Mensch ein Verbrechen begehen
kann. Auch Dein bester Freund!
In der Tiefgarage am Hohenstaufenring hängt ein Geruch von ölbeflecktem Beton in
der Luft. Darum steigt er schnell in seinen Wagen und schaltet das Gebläse ein.
Dabei schaut er in den Innenspiegel und schüttelt langsam den Kopf: Warum habe
ich mir das überhaupt bieten lassen? Gleichzeitig holt er ein Tempo aus dem
Handschuhfach und wischt über sein glänzendes Gesicht. Sein Körper fühlt sich
an, als sei er aus Blei.
Er fährt in Richtung Südstadt. Hinter dem Barbarossaplatz zieht sich plötzlich
der Himmel zusammen. Ängstlich schaut Koritzius hoch: Seine Hände werden feucht,
in seinem Magen rumpelt ein Stein. Und sofort spürt er, wie sich Angst in seine
Seele schleicht. Die ersten Tropfen lassen ihm das Blut gefrieren.
Sein Atem wird immer schneller. Allmächtiger Gott! Und er ergibt sich wieder
seiner Angst. Seine Hände haben das Steuer umklammert. Es gießt wie aus Kübeln.
Die Dachrinnen laufen über. "Scheißescheißescheiße", keucht er. Sofort biegt er
nach rechts in die EifelStraße ab, bleibt am Straßenrand stehen, starrt auf die
Regentropfen,die über die getönte Scheibe kriechen.Und auf dem frischpolierten
Lack zu Perlen werden. Sein Atem bildet auf dem Glas eine beschlagene Stelle.
Wegen der Feuchtigkeit beschlagen Augenblicke später alle Scheiben. Den Wind
lässt er durch die Fenster blasen, um die Panik zu vertreiben. Immer wieder
wischt er sich mit der Hand, die so kalt ist wie Marmor, über den Mund. Seine
Gedanken fliegen hin und her,zwischen dem Seelen-Striptease und dem Toten, dem
kurzen Telefonat mit Kratzenstein und dem nicht erfolgten mit seiner Frau. Gut,
dass ich nicht ins Freibad gefahren bin. Bei dem Wetter. Mit beiden Händen
massiert er seinen Nacken. Aber der Hammer von Kopfschmerzen nimmt noch eine
Skaleneinheit zu. Und Fetzen seiner Träume hüllen ihn noch ein. Er sieht sich in
seinem Zimmer. Einen Arm quer vor das Gesicht haltend, angstvoll blickt er zur
Tür. Und späht verschreckt durch seine kleinen Finger. Hyänengelächter schlägt
ihm entgegen.
Der Regen ist schnell nur noch eine Spur dunst. Der Ängstliche schaut in den
Spiegel und sieht zwei blutunterlaufene Augen. Er wartet einen Augenblick ab,
bis sein Atem wieder regelmässig geht. Zischend stößt er zwischen den Zähnen
einen langen Seufzer aus. "Geschafft", sagt er mit dünner, wässeriger Stimme.
Dann startet er und fährt zurück auf den Ring. Über den Chlodwigplatz zum
Bayenthaler Aggrippinaufer. Immer auf noch nassen Fahrbahnen am Rhein entlang.
Kurz vor der grüngestrichenen Autobahnbrücke sieht er das Ortseingangsschild von
Rodenkirchen. Den Wagen steuert er auf einen Parkplatz an der BarbaraStraße.
Dort stellt er den Motor aus, macht aber keine Anstalten, aus dem Vectra
auszusteigen. Entertainer... Instrumente... Reduzieren. Wenn die Beschwerden
nicht wären, würde er nicht mehr zu Dr. Regine Schwirtz gehen. Auch wenn er sie
begehrt. All das kommt ihm in den Sinn, während er innehält.
Schließlich nimmt er die Frontplatte seines Autoradios ab, legt sie unter den
Sitz und steigt aus. Langsam geht er zum Rhein. Mit dem Buch in der Hand.
Das Ufer ist hier ziemlich breit. Auf einer kleinen Anhöhe liegen die Häuser.
Jedes sieht teuer und anders aus. Davor schlängelt sich eine schmale
EinbahnStraße. Einige Sympatex-Touristen schlendern umher. Melodische
Gitarrenklänge durchziehen die warme Sommerluft. Eine Reihe von Linden trennt
sie von einer bestimmt 20 Meter breiten Wiese. Auf der eine Rutsche, eine
Tischtennisplatte und zwei Bänke thronen. Dann kommen zwei ashaltierte Wege für
Radfahrer und Fußgänger. Das eigentliche Ufer ist noch mal drei Meter breit.
Immer wieder muss im Frühjahr das Gelände seine Schwimmprüfung ablegen. Und die
Anwohner der UferStraße leben in einer autofreien Zone. Dafür tuckern Boote
umher.
Koritzius biegt links in den Leinpfad zum Haus Bröhl ab. Betriebsferien. Dann
geht er weiter zum Treppchen. Heute Ruhetag. Etwas unschlüssig steht er rum.
"Kann ich Ihnen helfen", fragt plötzlich ein Mann mit wettergegerbten Gesicht
neben ihm. "Ja. Ich würde gerne ein Eis essen." Er schüttelt nachdenklich den
Kopf: "Da müssen Sie schon ins Mata Hari gehen." Koritzius vermeidet es, ihn
direkt anzusehen. Blickkontakt ist heute nicht seine Sache: "Und wo ist das?"
Der Alte schüttelt nachdenklich den Kopf: "An der HauptStraße." Schon marschiert
er weiter: in Richtung neuer Falten.
Koritzius wedelt mit dem Buch und blickt stirnrunzelnd in Richtung seines Autos:
Dort muss auch die HauptStraße sein. Er nickt langsam. Weil er Zustimmung
braucht.
Nach wenigen Minuten hat er das Cafe gefunden. Auf der Terrasse vom Mata Hari
setzt er sich an einen freien Tisch, schlägt die Beine übereinander und beginnt
auf Seite 5 seines Buchs zu lesen: Es war gegen elf Uhr morgens, ... Seine Miene
verrät, dass er in Ruhe gelassen werden will. Fast unbewusst, als sei er mit den
Gedanken anderswo, fährt er sich über die Stirn. Sein Blick trifft das Buch,
aber seine Gedanken sind in Mülheim. Der Täter gehört bestimmt zu denen, die
Souvenirs behalten: Jacken, Hosen, Slips und sogar Körperteile. In diesem Fall
hat er die Brustwarzen behalten. Und die sollen seine Phantasie anregen. Das
Erlebte noch einmal erleben lassen. Fast unmerklich zuckt er die Achseln. Nicht
unvermittelt überläuft ihn ein Schauder. Ein schmalhüftiger Ober erscheint,
Koritzius blickt aus seinen Gedanken auf und bestellt einen Kiwibecher. Das Ober
zockelt ab.
Über dem Rand des Buches sieht der Polizist eine Kastanienbraune mit
Schildpattbrille aus der Maternus Apotheke kommen. Auf den ersten Blick erinnert
sie ihn an Regine Schwirtz. Zum Glück ist sie es aber nicht. Die Frau mit dem
üppigen Busen läuft über die Straße, direkt auf seinen Tisch zu. Schnallt den
Rucksack aus Hirschleder ab und pflanzt sich hin. Und ihre trotzigen,
dunkelgrünen Augen fixieren ihn. "Kennen Sie sich hier aus? Ich würde gerne
einen Happen essen", sagt ihr schmaler Mund. Restspuren von Schwyzerdütsch
machen ihre ungeduldigen Worte kehliger. Härter. Er sieht sie an, reibt sich
sein vom Jogging angeschlagenes Knie. Seine Reaktion ist ein gedämpftes "Nein .
Doch sie scheint auf eine ausführlichere Antwort zu waren. Die Bitte wird
erfüllt: "Ich kenne mich hier auch nicht aus!" Dann versenkt er sein Rapier und
vertieft sich wieder in sein Buch. Dabei ruft er seine innerlichen Notizen ab.
Im Hand und Brustbereich waren Striemen zu sehen. Die Züge des Gesichts sahen
total verzerrt aus. Offenbar ist er vor seinem Tod von dem Täter heftig
geschlagen worden. Warum eigentlich Täter? In welcher Statistik steht, dass
Frauen zu zimperlich für diese Morde sind? ...Klischees! ...Und alle Kölner
Sexualtäter sind bisher immer Männer gewesen. Heißt es in Fachzeitschriften.
Aber jeder Weg kann irgendwann mal in eine andere Richtung führen. Seine Augen
verengen sich leicht.
Der Italiener in der Secondhandhose bringt mit bleiernen Schlurfen das Eis.
Koritzius hat gerade eine Zigarette aus der Packung geholt. Er lässt sie auf dem
Tisch liegen, sein Heißhunger hat seine Sucht verdrängt.
"Objekt hat gegen 17.30 Uhr in einer Südstadtkneipe etwas gekauft, was nicht zu
identifizieren war. Bis 19 Uhr Klavierunterricht in Rodenkirchen", sagt sie mit
einer heiteren Gelassenheit.
Koritzius reißt seine Augen weit auf, vergisst das Eis. Die Kastanienbraune in
dem nachtschwarzen BodySuit und den verwaschenen Jeans packt ein Diktiergerät in
ihre Tasche. Eine Kollegin? Das macht ihm angst. Sein Herz rast. Der Löffel in
seiner Hand zittert heftig. Er fühlt, wie sich sein Körper anspannt.
Offenbar kann die gebürtige Schweizerin Gedanken lesen. Sie beugt sich vor und
drückt ihre Benson & Hedges in dem kleinen Aschenbecher auf dem Tisch aus:
"Entschuldigung, wenn ich Sie gestört habe", sagt sie ohne besonderen Nachdruck.
Er schüttelt nachdenklich den kalkweißen Kopf: "Haben Sie nicht. Sind Sie bei
der Polizei?", fragt er stockend. Die Stimme hat er nicht in der Gewalt. Sie
klingt brüchig und ängstlich.
Sie stützt ihre Unterarme auf dem Tisch ab und schaut ihn total überrascht an.
"Sehe ich so aus? Nein, ich bin Privatdetektivin." Er zieht eine Augenbraue hoch
und lächelt dankbar. Sofort löst sich der Knoten in seinem Magen. "Interessanter
Beruf." Und er ist ein Geschöpf seiner eigenen Körperchemie. Das freche Lächeln
der Frau gefällt ihm. Sofort wendet er sich wieder seinem Eis zu.
"Es geht." Sie stoppt plötzlich, als habe ein Gedanke sie abgelenkt, macht einen
tiefen Zug. "Manche Aufträge sind oft zum Kotzen. Superreiche Eltern aus dem
Hahnwald lassen ihre Tochter beschatten. Und warum? Weil sie bei der Erziehung
versagt haben. Und jetzt hängen sie es ihren Kindern an. Die dürfen von dem
Misstrauen nie erfahren. Sonst fühlen sie sich von ihren eigenen Eltern
erstickt.
Längst hat er die Kreide zurückgegeben. "Ganz so einfach ist es auch nicht",
brummt er und legt den Löffel hin. So ganz kann er nicht den verachtenden Ton in
seiner Stimme unterdrücken. Sein Gesicht verrät, was er denkt.
"Was machen Sie eigentlich beruflich?" Sie legt ihren Kopf schief und ihre Augen
weiten sich.
"Ich? Ich arbeitete bei... der Krankenkasse." Er genießt richtig seine spontane
Lüge.
"Jaja", antwortet sie mit bemerkenswertem Scharfblick.
Den Rest der Portion Eis legen sie in nicht sehr behaglichem Schweigen zurück.
Dann nimmt er seine Zigarette und klopft sie auf der Packung auf. Endlich hat
sich der Ober aus den Fängen seines Telefons befreit. Er schmeißt den Hörer so
heftig auf die Gabel, dass die Glocke im Apparat nachklirrt. Etwas zügiger geht
er auf die Tische zu und lässt seine Sandpapierstimme klingen: "Was darf ich
bringen?" "Mir nichts. Ich bin gleich weiter." Und zu Koritzius: "Ich bin noch
an einem anderen Auftrag dran. So ein Pyramidenspiel. Kennen Sie bestimmt?"
Koritzius zündet sich im Zeitlupentempo eine Zigarette an, schüttelt das
Streichholz aus und lässt es in den Aschenbecher fallen. Vor seiner Antwort
steht sie auf, schnallt ihren Rucksack um und schaut ihn süffisant an: "Danke
für Ihre Zeit." Er ist irritiert. "Pyramidenspiel? Was ist das denn?" Sie schaut
ihn ungläubig an: "Kennt doch jedes Kind." Dann reicht sie ihm ihre
Visitenkarte: "Sie können mich mal anrufen. Ich erkläre Ihnen das schon." Der
Polizist nickt dankbar lächelnd: "Danke.. Einen Cafe au lait für mich." Sie ist
längst ein paar Meter weiter und wirft ihm noch ein Lächeln über die Schulter
zu. Er schaut ihr hinterher: Mit der kalten Lustlosigkeit eines Altgedienten.
Dann wirft er einen Blick auf die Visitenkarte: Sie lässt ihn wissen, dass sie
Mechthild Orden heißt. Na, ja. Er steckt die Karte ein.
Eine Stunde später schleicht er durch die Innenstadt. Aus einem Haus am Ring
sieht er Carlheinz Roth kommen. Aber mit dem möchte er ganz und gar nicht reden.
Darum bleibt er im Eingang von La Donna Moden stehen und verfolgt kiefermahlend
das Geschehen. Denn er kann ihm die Frage vom Gesicht ablesen. Koritzius hebt
den rechten Arm und schüttelt ihn etwas. So legt er seine Armbanduhr frei.
Als er gegen 23 Uhr nach Hause kommt, ist Bärbel Koritzius vor dem Fernseher
eingeschlafen. Er weckt sie, erzählt kurz von dem Fund am Rheinufer "Was sind
das für Menschen", fragt sie scharf.
"Darüber können wir später reden", sagt er, obwohl er ahnt, dass er später
bestimmt auch keine Lust dazu haben wird.
****
Schwarze Wolken haben sich über der Lindenstraße angesammelt. Carlheinz Roth
drückt sich aus dem Hauseingang, entdeckt Hans-Werner Koritzius, dreht sich um
und zieht die Haustür zu. Dann ist die Aufmerksamkeit des Reporters wieder auf
den Hohenstaufenring gerichtet: Wo ist Hans-Werner Koritzius geblieben? Er
blinzelt heftig und ist irritiert. Nichts zu machen. Wütend starrt er auf alles,
was sich bewegt. Mit dem Rest von Anständigkeit geht er aber nicht auf den
Schwachsinn eines zerzausten, tiefäugigen Zeitungsverkäufers ein, dessen Worte
wie Kristalle die abendliche Stille zwischen zwei vorbeiflitzenden Autos
zerschneidet: "Skandal! Drecksäcke vertreiben Schmuddelkinder! Skandal!
Bahnbullen misshandeln Jugendlichen!" Trotz der Lautstärke klingt die Stimme
etwas mutlos, weil der Mann insgeheim weiß, dass er nicht das Glückslos seiner
anderen Kollegen teilt und erhört wird.
Die Schlagzeilen können Roth nicht irritieren. Denn mit einer Auflage von rund
6000 ist von unge für ihn überhaupt keine Konkurrenz. Schon nach einer Minute
ist aber die Geduld des Journalisten erschöpft und er geht weiter den Ring
entlang. Bei jedem Schritt spürt er Seitenstiche. Schon den ganzen Tag riecht
er, dass Unheil in der Luft liegt.
Nach dem Frühstück gegen 14 Uhr ist er schon mal hier am Rudolfplatz gewesen.
Bei einem Treffen im Holiday Inn hoffte er auf einen dicken Scheck. Vergeblich.
Diese Abfuhr ist ihm kräftig auf den Magen geschlagen. In seinem Briefkasten
fand er anschließend das Branchenblatt Meine Feder. Und dort war nachzulesen,
was Büchsenspanner schon seit Wochen berichten: Punkt! plane die Schließung
seiner Redaktionen Köln, Aachen, Nürnberg, Chemnitz und Rostock. Begründung: Die
Auflagen hätten dort Grundwasserniveau erreicht. Noch ein Schlag in die
Magengegend.
Wie lange kann Roth noch bei Punkt! aus einem Pups einen Donnerschlag machen und
ganz Köln in Atem halten? Oder muss er sich bald wieder einen neuen Job suchen?
Vielleicht wieder bei einem Anzeigenblatt? Denn dort kennt er sich aus. Leider.
Monatelang schmeckte bei dem Kölner Wochenprisma Aufgüsse von StadtAnzeiger,
Rundschau, Bild, Punkt! und Express ab. Manchmal war er auch mit Werner Mondrial
unterwegs, dem einzigen Fotografen in dem Hause. Der fluchte immer laut, wenn
man ihn bat, die Redaktion zu verlassen und einige Termine zu machen.
Ihm ist schwindelig von den Bildern aus seinem Kurzzeitgedächtnis. "Scheiße",
sagt er leise, zündet sich mit leicht zitternden Händen eine Zigarette an und
biegt am Friesenplatz rechts ab. Vorbei am Waschsalon und am Päffgen. Das Klein
Köln scheint noch geschlossen zu haben.
In seinem Kopf geht eine Migräne an den Start. Die Voraußetzungen sind optimal:
Roth raucht schon den ganzen Nachmittag eine Lucky Strike nach der anderen.
Tonnenweise hat er früher über fiese Typen berichtet. Und sie auch
kennengelernt. Meist nur in Gerichtssälen. Das Treffen im Hyatt war aber die
Krönung. Er schüttelt leicht den Kopf. Und wünscht sich, alle Ärger würde sich
ganz schnell in Luft auflösen.
Der rot leuchtenden Kreis mit dem Hut in der Mitte ist ihm vorher noch nie
aufgefallen. Roth bleibt stehen und geht in das Mayer Lansky's. Ein dicklicher
Typ mit winzigen Händen kommt ihm entgegen. Roth zwängt sich an ihm vorbei und
drinnen auf einen Barhocker. Über 100 verschiedene Mixgetränke stehen auf der
Karte, bis weit über 30 Mark. Soviel wie in anderen Lokalen ein ganzes
Abendessen kostet. Eine Vitaminbombe für 14 Mark tut es auch. "Kann ich einen
Sportsman haben?", fragt er den Barkeeper und zieht die Brauen hoch. Der schiebt
die Daumen in den Gürtel, atmet tief durch und kräht vor Lachen... "Einen
Sportsman?", antwortet er dem Gast, als wären Bestellungen in dieser Bar die
Ausnahme. Während er zu einem Schrank geht, wackelt er mit seinem Hinterteil,
wie ein in die Jahre gekommener Fuchs, der auf seine alten Tage nicht mehr
allein im Bau sein will. Verzweifelt versucht Roth, sich eine passenden
Bemerkung einfallen zu lassen. Vergeblich. Er lässt den Blick durch das fast
leere Lokal schweifen, dann kehrt er zurück. Zu sich. Und seinen Grübeleien.
Dabei gibt es auch den anderen Roth. Den rotzfrechen Promintenjäger. Bei einem
Interview mit Curd Jürgens vergass der Fotograf draufzudrücken. Was soll's?
Schnell machte ein Bild aus dem Studio von Radio Luxemburg die Bekanntschaft mit
Schere und Pritt. Er klebte sein Portrait über den Kopf des Moderators. So war
er im Gespräch mit Curd Jürgens. Richtig eins a. Seine Augen verengen sich, wenn
er an die Gegenwart denkt... Roth hat jetzt den Keller in seinem
Journalistenleben erreicht: Bestechlichkeit. Mano a mano. Wenn auch nur
versuchte Bestechlichkeit. Wie gerne würde er seinen Frust runterspülen. Aber er
ist zu erschöpft vom Angsthaben. In seinem Kopf machen die Bohrhämmer
Überstunden. Im Spiegel hinter der Bar lauert ein Gesicht mit offenem Mund. Und
er erkennt es überhaupt nicht. Sein Magen schmerzt, aber nicht vor Hunger,
sondern vor Angst. Wenn sich das rumspricht, dann kriegt er keinen Fuß mehr auf
die Erde.
Neben ihm hat sich eine Rötlichblonde hingepflanzt, neben sich einen Rucksack
gestellt. Etwas frustiert stochert sie in den Erdnussschalen herum. Sie scheint
darauf zu lauern, angesprochen zu werden. Aber für eine Unterhaltung ist er
überhaupt nicht in der Stimmung. Viel zu sehr hängt er in der Luft.
Als journalistischer Novize hat er bei den Ruhr Nachrichten in Dortmund
gearbeit. Dort hielt er es nicht lange aus. Das Geld von Bild lockte. Kettwig,
Düsseldorf, Herford hießen seine Stationen. In Ostwestfalen musste er nach einen
Jahr seinen Schreibtisch räumen, als bei einem Umzug aufflog, dass er in einem
Schrank Rechnungen und Stempel von Kneipen aus der Umgebung hortete. Und sie
auch für seine Spesenabrechnungen nutzte. Aber er fiel leicht: News aktuell fing
ihn mit einem Ressortleiterstuhl auf. Jahrelang hat er dort die Allüren eines
schlechten Chefs gezeigt: Für Erfolge kassierte er sämtliches Lob alleine, für
Misserfolge machte er jeden verantwortlich. Und Delegieren sah er grundsätzlich
als Niederlage an. Für die sinkende Auflage von News actuell wurde einzig und
allein Carlheinz Roth verantwortlich gemacht. Natürlich war er nicht dieser
Ansicht, nickte aber der Ruhe wegen. Und schrieb seine Kündigung. 20.000 Mark
Abfindung wanderten steuerfrei auf sein Konto. Das Geld war innerhalb von vier
Monaten ausgegeben. Carlheinz Roth heuerte bei Wochenprisma an. Und hatte
schnell die Nase voll. Sein alter Mentor Hans Kurtzbach besorgte ihm einen Job
bei Punkt!. Als Nachrichtenführer fing er an, wurde schnell stellvertretender
Redaktionsleiter. Heute ist er Erster Mann in der Kölner Redaktion. Doch die
14.500 Mark reichen in manchen Monaten nicht aus. Kein Wunder, bei seinen
zahlreichen Hobbies: Reisen in die Karibik, teure Freundinnen, eine
Riesenwohnung, ein heißer Flitzer. Oft zieht er nachts wie ein gottverdammter
Kater durch die Südstadt. Das kommt an. In Kombination mit seiner goldenen
Kreditkarte von Amerian Express.
Endlich kann er sich die Zigarette anstecken. Hastig macht er einige Züge. Die
Rötlichblonde feilt ihre Nägel. Sie schaut ihm kurz in die Augen, als erwarte
sie ein Signal. Aber es kommt nicht. Mach' es dir selber, denkt er.
"Ihr Getränk", ruft der Paparazzi mit einer Stimme, wie ein Papagei. Carlheinz
Roth zupft an seinen Schnurrbart. So richtig kann er sich nicht auf seinen Frust
konzentrieren.
Der Journalist ist sich nicht sicher, ob er sitzen, stehen, trinken oder ganz
einfach unter den Tisch kriechen soll.
***
Schon nach einem Sportsman geht Carlheinz Roth wieder. "Sie wollen uns schon
verlassen", flötet der Mann hinter der Bar. "Muss sein", antwortet Roth gereizt.
Schwüle Luft lässt draußen die Elemente noch auf Hochtouren arbeiten. Roth geht
den Ring entlang. Eine Welle von Schlusslichtern schwimmt mit ihm zum
Rudolfplatz hoch. Ein unsicherer Schritt folgt dem anderen. Und er denkt daran,
wie er als Kind hier ganz in der Nähe gespielt hat. Straßenbahnen zeigten den
Autos noch die Zähne. Und Promis wie Hansjörg Felmy, Freddy Quinn oder Hildchen
Knef stiefelten in irgendwelche Filmpremieren. Er hat sich Autogramme geben
lassen, die er dann gegen Zigaretten einwechselte. Ja, das war eine ideale
Gegend, zumal für einen Jungen, der nichts anderes werden wollte als Raucher und
Reporter. Jetzt ist auf dem Ring nicht mehr soviel Betrieb. Filmpremieren gibt's
nur noch selten. Und kreischende U-Bahnen haben das zuckelnde Fienchen auf's
Altenteil geschoben. Für einen kurzen Augenblick füllen diese Unwichtigkeiten
total sein Hirn aus. Aber dann drängelt sich wieder diese Scheiß Migräne in die
erste Reihe. Roth sieht aus, als warte er jeden Moment auf eine Klopperei, bei
der der zweite Sieger schon feststeht.
Er ist erst dreißig, sieht aber die letzten fünf Jahre wie vierzig aus. Längst
trägt er auch nicht mehr die Sorte Vollbart, die sich junge Reporter einfallen
lassen, die auffallen möchten. Denn er steht längst auf der Karriereleiter über
dem Kielwasser.
Im Schaufenster von euphonia schauen sich zwei Fotomodelle mit einem Brustraus-
Kopfhoch-Gehabe einen Plattenspieler für 45.000 Mark an. Der einsame Bär wählt
die Auch-das-noch-Marnier, dreht die Augen nach oben und schleicht weiter. Er
hat ein ähnliches Gerät in seiner Wohnung. Nicht 45.000 Mark teuer, aber 20.000
Mark. Dafür muss mancher lange stricken. Roth hat sich das Geschenk von
Weihnachtsgeld und Jahresgratifikation gemacht.
Ein paar pummelige Frauen mit den entschlossenen Gesichtern von Marktfrauen
morgens um 6 verteilen im dunkeln vor Next am Ring Flugblätter. Das Lesen
überlassen die Nachtschwärmer den Papierkörben. Roth schließt sich dem Trend
nicht an, steckt den Zettel in die Tasche. Denn alle Körbe sind voll. Beim
Überfliegen hat er festgestellt, das Ganze hat nicht mehr Bedeutung als ein
Erdbeben in Stärke 2 auf der Richterskala. Pik 7. Computerzentrale. dummes Zeug.
Schräg gegenüber liegt die höchste Burg am Rudolfplatz: das Holiday Inn. Bis vor
fünf Jahren verdienten die zehn Etagen ihre Brötchen als Zitadelle für eine
Behörde. Dann wurde die Arbeit immer weniger, die Bürokraten aber immer mehr.
Darum zog man um. Jetzt macht das Haus keine Schlagzeilen mehr. Oder doch?
Kein Eingeweihter schaut hin, als wieder mal ein Krankenwagen durch die
Lindenstraße tobt. Dort ist das Cafe Fleur. Seit Jahren sitzt dort Mittag für
Mittag ein liebeswerter Nichtsnutz und erstattet Kriegsberichte. Während das
Martinshorn in seinem Kopf weiterschrillt, wird Roth noch depremierter. Soll er
sich heute noch den Arsch in der Südstadt aufreißen? Und wenn es nicht klappt?
Dann ist der Frust noch größer. Er atmet durch die Zähne.
Vor dem Cafe Wahle preist ein ausgeschlafener Rentner mit der stets neutralen
Tonlage eines Marktschreiers den Express an: Lehrerin verprügelt Schüler.
Erschossen!" Roth zuckt die Achsel, als müsse man immer damit rechnen. Und kauft
das Blatt der Konkurrenz. Endlich ist da sein Hauseingang! Ein Mann mit einem
breiten fiesen Mund und einem erdschweren Leib versucht seiner herumzappelnden
Stadtwaldmischung die Leine anzulegen: "Bravbravbrav, komm Rudolf, halt still...
Verdammt noch mal, blöder Köter." Denn der wehrt sich, was das Zeug hält. Als er
Roth entdeckt, öffnet sich sein Mund zu einem halben Lächeln, das gewinnend
wirken soll. Um den Hund nicht abzulenken, fragt er mit einem Bühnenflüstern:
"Auch schon Feierabend?" Der Angesprochene zeigt die Andeutung eines
Schulterzuckens, "Feierabend", wiederholt er, von Ironie beseelt. Dazu passend
setzt er sein gemeines Quasimodo-Grinsen auf und schließt die Tür auf. Der
Redaktionsleiter stapft zu seiner Bleibe im fünften Stock hoch, die im
Immobilien-Sprachgebrauch als Luxuswohnung angepriesen wurde. Einst hergestellt
aus drei Appartements, mit Badezimmer, ohne Keller und Balkon. Sie kostet
monatlich 1080 Mark. Der Hausflur hat wohl Sichtmauerwerk und Hängepflanzen,
aber keinen Aufzug. Vielleicht lag deshalb die Luxuswohnung in Reinkultur einst
auf dem Wühltisch.
Im Flur schnuppert Carlheinz Roth das Aroma von Cappucino. Jemand hat Gäste. Er
hält den Express fest. Umklammert ihn, als wäre darin ein Textbuch eingewickelt.
Kaum ist die Tür ins Schloss gefallen, schnappt er sich das Telefon und gibt die
Nummer aus dem Gedächtnis ein. Besetzt. Scheiße! denkt er laut nach. Zu gerne
würde er heute noch einen erfrischenden Schluck Sex nehmen. Schließlich haben
Karrieretypen darauf Anspruch! Er funkelt das Gemälde an der Wand an. Es ist das
Bildnis einer nackten Frau, die auf einem Tisch liegt. Von hinten gesehen. Jetzt
wählt er noch mal die Nummer. So schnell, als wäre 19 Wochen sein Anschluss
gesperrt gewesen. Freizeichen. Er holt tief Luft und reibt sich die Augen.
Ziemlich lange hat er schon nicht mehr auf einer Adrenalinwolke geschwebt. Drei
Tage. Vielleicht zieht er heute eine Platzkarte. Hoffentlich!
"Hallo?", meldet sich eine Frau gönnerhaft. Carlheinz Roth versucht seiner
Stimme einen Bistroton zu geben: "Hallo, ich bin es." Sie scheint enttäuscht zu
sein: "Ach, du. Was gibt's?" Carlheinz Roth beißt sich auf die Lippen und atmet
tief durch. Denn er möchte noch heute seine Lippen auf ihre drücken. "Was machst
du gerade?", fragt er, als hätte er damit schon den Gipfel seiner Wünsche
erklommenen.
"Ich habe mir vorhin Die Akte auf Video angeschaut und schreibe jetzt einen
Brief..." Ihre Stimme ist erstaunlich fest.
"An wen?" Flehend schaut er die Sprechmuschel an, als sei sie Regine Schwirtz.
So wie im Märchen der Prinz gerne in die Haut eines Froschs schlüpft.
"Geht dich nichts an!", bemerkt sie trocken wie ein Sack Mehl.
Er geht mit dem Apparat ans Fenster und beobachtet die Autos, die eine Bleibe
für die restliche Nacht suchen. Seine Lungen kreischen: "Du, ich möchte noch zu
dir kommen." Er hört in den Hörer, wie ein kleiner Junge, der auf die Stimme
seiner Oma in Australien wartet.
"Schön für dich!" Es soll besonders forsch klingen.
"Waaas?", fragt er in Zeitlupe, als benutze er diese technische Neuerung zum
ersten Mal.
"Erstens kriege ich Besuch. Zweitens habe ich keine Lust auf dich."
Er muss sich räuspern, als würde er zu einer langerwarteten Rede ansetzen. Dabei
hat er nur nicht alles so schnell verdaut.
"Uhhh!" Es ist ein knappes Nichtwahrhabenwollen. "Kenne ich ihn?" Mit
zusammengekniffenen Augen blickt er seine Zigarettenpackung an. Leer! Heute sind
alle gegen mich.
"Bis bald", tönt sie schelmisch. Dann legt sie auf.
Carlheinz Roth setzt sich in seinen Rattansessel und lässt sich nach hinten
sinken. Er ist außerstande, den Blick vom Telefon zu lösen, als sei das gerade
nur die misslungene Generalprobe gewesen.
***
Freitag, 10. Juni
Das Telefon bellt Carlheinz Roth um kurz nach Mitternacht um 9 Uhr wach. Er legt
sich auf den Bauch. Und spürt sofort den Druck der Blase. Sofort wirft er dem
Glastisch einen hilflosen Blick zu. Ein schwarzer Siemens-Radiowecker, ein
silberner Aschenbecher in der Form eines Motorblocks, ein Walkman von Sony und
ein taufrischer Stern verleihen ihm den Anschein von Ordnung. Aber dieses Bild
hat nur wenige Zentimeter Bestand. Denn auf der unteren Glasplatte tummelt sich
eine Wust von CD-Katalogen, vollbeschriebenen Zettel und ein abgewetztes
Stiletto-Heft. Das Übliche halt. Mist! Der Journalist hat am Abend seinen
schnurrlosen Apparat nicht ins Schlafzimmer mitgenommen. Mist! Er legt sich
wieder auf den Rücken. Das Kreuz. Ihm ist außerdem schwindelig, obwohl er noch
gar nicht den Kopf bewegt hat. Er legt sich auf die linke Seite. Das Hüftgelenk
schmerzt. Er dreht sich auf die rechte Seite. Das andere Hüftgelenk. Nach dem
fünften Klingeln würde sein Panasonic anspringen. Aber er weiß, dann legen die
meisten Anrufer auf. Und er ist nun mal neugierig, wer morgens etwas von ihm
will. Aber er hat auch Angst davor, was er zu hören bekommt, wenn er abhebt.
Denn für gute Nachrichten ist es einfach noch zu früh. Doch die Neugierde hat
die besseren Karten. Also steigt er mit geschlossenen Augen aus dem
französischen Bett mit schwarzer Seidenwäsche und balanciert ins Wohnzimmer. Er
widersteht der Versuchung nachzuschauen, wie hell es jenseits der Rolläden ist.
Am Aufstehen hätte so und so keine Ausrede vorbeigeführt. Er muss aufs Klo. Die
Migräne rollt auch noch immer durch seinen Kopf. Seit seinem Barbesuch. Wie eine
Welle an der niederländischen Nordseeküste.
Unterwegs schaut er im Flur in den Spiegel. Das Gesicht, das er erblickt, sieht
gar nicht so verdammt müde aus. Allerdings: Auch ein Erfolgsmensch muss
ernsthaft beginnen, Sport zu treiben. Übermorgen. Wenn das Mittelschwergewicht
den Bauch einzieht und die Brust rausdrückt, sieht er gar nicht schlecht aus.
Nur: Wer macht das schon immer? Und wem steht auf der Stirn geschrieben: Ich bin
Boss bei Punkt!
"Jaaa?" Dabei hebt er fragend den Kopf. Ein Fehler. Sofort legen die
Hammerschläger in seinem Kopf einen Zahn zu. Das Faxgerät am Boden gibt auch ein
Murren preis. Es folgt ein hektisches Blinken, in das sich ein Rattern mischt.
Schließlich steht auch sein Inneres unter Zugzwang. Ein kleines Schwindelgefühl
schafft Abhilfe. Roth fühlt sich so, als habe er gestern aktiv am Vorgang der
Biervernichtung teilgenommen. Dabei war es nur ein Sportsman.
"Nett von dir, auch mal ans Telefon zu gehen." Selbst eine Knöllchen-Verteilerin
vom Kölner Ordnungsamt kann nicht bissiger sein als Alf Rolla. Beide haben
zusammen die Schulbank gedrückt. Nur Roth hat als Stern am Karrierehimmel
aufgeleuchtet. Seit einiger Zeit ist Alf Rolla auch privat ins Trudeln geraten.
Jede Beziehung gerät zum Fiasko. Und seine wenigen Freunde beginnen die
nächstlichen Telefonattacken massiv zu fürchten. Denn sie sind zunächst ein
einziger Monolog. Der Reporter liest aus seinen Artikeln vor und will nur Lob
hören. Kommt es nicht, lässt er Tiraden los. Früher ist er ein kämpfender
Häuptling gewesen, heute nur noch ein Fußkranker Indianer. Der Redakteur bei der
Kölner Woche kratzt neuerdings jede Mark zusammen. Er will sich vor einem
Bahnhofsschild fotografieren lassen. Aber es muss ein ganz bestimmtes sein. Es
steht in der amerikanischen Kleinststadt Rolla im Bundesstaat Missouri. Aber
nicht nur Dollar fehlen ihm. Auch eine Fotografin. Jung soll sie sein, schlank
und langbeinig. Vorläufig muss er täglich zehn Stunden radiumgrüne Buchstaben
und Zahlen auf seinen Bildschirm bei der Kölner Woche hieven.
Roth rollt mit den Augen und atmet tief durch. Hoffentlich ist der jetzt nicht
wieder auf dem Trip mit dem Selbstmitleid. Nichts anmerken lassen. "Hahaha."
Dann wirft er mit halbgeöffneten Augen dem Bild an der Wand einen verächtlichen
Blick zu. Er ist noch viele Schaufeln Sand weit weg. Sein Lachen ist von einer
krampfhaften Begeisterung.
"Du solltest dir ganz schnell eine Zeitung besorgen", sagt sein Mitstreiter, der
seit kurzem eine Marotte mehr hat: Fast alle Menschen spricht er mit Vornamen
an. Nur nicht die, die ihm schnuppe sind. Der hat jede Bodenhaftung verloren!
Der Redakteur bei der Kölner Woche spricht ungern über seine nahe Zukunft.
Verständlich. Er wird im Urlaub als Aushilfslektor bei Dietrich & Hoffacker
einsteigen, einem Verlag, dem nur noch Bücher für Balkonfreunde und Kanalangler
geblieben sind. Das wird er einmal seinen Enkelkindern verschweigen.
"Hat das nicht Zeit?", fragt Roth so, als erwarte er zumindest ein Kopfnicken
durchs Telefon. Ihm fallen wieder die Lider zu. außerdem hat seine Migräne die
Stirn fest im Griff. "Neee! Es geht um dich", sagt Alf Rolla in einem Ton, der
zugleich Neugierde und Verachtung zum Ausdruck bringt. "Und Zoff kannst du in
Deiner Lage bestimmt nicht gebrauchen." Was hat der über mich rausgekriegt? Oder
habe ich im Suff geredet? Roth öffnet seine Augen zu einer Langzeitbelichtung,
saugt alles gierig auf. Die Nüstern beben: "Waaas?
"Mhhh. Ich glaube, da steckt eine dicke Geschichte dahinter. Und du steckst
mitten drin." Der Loser scheint aber nicht geneigt zu sein, das Thema zu
vertiefen.
Auch am frühen Morgen kann Roth aus seinem Freund nicht klug werden. "Iiich?"
Doch Alf Rolla hat längst aufgelegt. Keine Verabschiedung. Kein Vorname. Nichts.
Roth verharrt eine Ewigkeit. Er reibt sich sein Gesicht. Es geht irgendwie um
dich. Dieser Satz ist durch sein Solarplexus wie ein Orkan gebraust. Dann
entscheidet er sich erst einmal für's Klo. Denn dort hängt auch seine Jacke. Mit
dem Express drin.
Beim Pinkeln dämmert ihm etwas: In einer Bierlaune hat er Alf Rolla von seinem
Nebengeschäft erzählt. Natürlich nicht ganz ohne Hintergedanke: Soll der ruhig
eifersüchtig werden. Ich bin nun mal der Größte!
Roth stürzt sich auf den Lokalteil. Den Mann auf dem Foto zum Aufmacher kennt
er: Friedhelm Meuschel. "Unbekannte Leiche neben Mülheimer Brücke gefunden
Polizei tappt im dunkeln",, heißt die Überschrift.
Einen grausamen Fund machte eine Joggerin in Mülheim. Neben der Rheinbrücke fand
sie eine zerstückelte Leiche in einem Plastiksack... Der Tote ist noch nicht
identifiziert worden. Die wichtigste Frage der Kölner Polizei: Wer hat ihn
zuletzt lebend gesehen?
Panische Angst hat sich in Roths Augen geschlichen. Er sieht sich
gedankenverloren im Spiegel an, als müsse sich der Bericht und alles erst einmal
setzen. Nach einigen Minuten findet er zum Mut zurück.
Aber das ist nicht der Mut des Erfolgsgewohnten.
***
Carlheinz Roth greift zum Telefon und drückt 240.... Schon nach dem ersten
Klingeln meldet sich eine unsympathische Frauenstimme: "Freitag. Guten Morgen...
Was kann ich für Sie tun?", näselt sie.
"Ja. Ich möchte gerne Herrn Teufel sprechen", antwortet er ganz hinten im Hals.
Seine Lippen bewegen sich kaum. Aber die Brauen hat er eindrucksvoll
zusammengezogen. Der Teufel weiß bestimmt nähere Einzelheiten über den Tod von
Meuschel. Schließlich ist er dessen Chef gewesen.
"Wer ist denn da?" fragt sie glattzüngig. In seinem Kopf ist sie eine tadellos
ausgemergelte Endvierzigerin mit blondgefärbten Pagenkopf.
"Roth hier. Ich habe...äh...letzte Woche mit ihm ein Interview gemacht. Und
sollte ihn noch mal anrufen..." sagt er nach Gutdünken, atmet heftig durch den
Mund und drückt sich eine Dose Pepsi Light an die Schläfe.
"Sie können ihn aber nicht sprechen", singt sie ihm durch den Hörer.
"Und warum nicht?" fragt er ungeduldig, den Express noch immer in der Hand.
"Weil er in Urlaub ist", sagt sie mit einem Gluckser, als hätte sie den größten
Witzbold von ganz Köln an der Strippe.
"Und wo ist er hingefahren?", fragt Roth, obwohl er ahnt, keine genaue Antwort
zu bekommen.
"Kann ich Ihnen leider nicht sagen." Die Stimme klingt zänkisch. "Möchten Sie
jemand anders sprechen? Herr Hoppe ist gerade hier.
Der Reporter ist zu überrascht, um etwas zu sagen. Er atmet scharf ein, legt auf
und dreht eine Handfläche nach oben, als wolle er sagen: Alles Scheiße! Sofort
fummelt er eine verbogene Zigarette aus der zerknautschten Packung. Vergisst
total, sie anzustecken. Roth geht in den Flur. "Komm schon", sagt er zu seinem
Spiegelbild, das ein wenig grün im Gesicht ist.
In seiner Brieftasche sucht er nach der Visitenkarte von Michael Teufel. Da ist
dieser Waschzettel für das Computer-Gewinn-System. Aber auch die Visitenkarte.
Privat: Uni-Center, Luxemburger Straße. Er ruft an. Tüttüttüttüt... Und nun?
Neuer Versuch. Tüttüttüttüt...
Schnell springt Roth in Jeans und TShirt. Dann läuft er zum Parkhaus. Der
Allesbesserwisser in der Pförtnerloge kennt ihn: "So eilig. Jaja, es brennt
wieder mal irgendwo?" Roth erspart sich eine nichtssagende Antwort, der Aufzug
kommt gerade.
Von einer inneren Unruhe getrieben brettert er zum Barbarossaplatz, biegt rechts
in die Luxemburger Straße ab. Nach knapp zehn Minuten ist er am Uni-Center. Über
3000 Menschen leben hier. Einen Augenblick steht er regungslos vor den
Hochhäusern, nimmt einen Zug von seiner Zigarette und sortiert seine Gedanken.
Wo wohnt Michael Teufel? Warum meldet er sich nicht am Telefon? Irgend etwas ist
mit ihm passiert. Carlheinz Roth weiß es im Bauch.
Als Roth einige Minuten später in die Halle vom Uni-Center kommt, sieht er sich
in der hochmodernen Ankunftshalle eines kleinen Charterflugplatzes an der
türkischen Mittelmeerküste: Männer in Joggingjacken, die jede Chance aufgegeben
haben, ihre Bierbäuche zu verstecken, laufen hin und her. Im Schlepptau haben
sie Frauen, die schon vor Jahren klammheimlich Abschied von der Pfirsichhaut
genommen haben. Aufzüge auf jeder Seite spucken immer mehr Joggingjacken aus.
Über der Menge schwebt eine Wolke von 4711 und Herb Alpert.
Der Portier trägt ein ockergelbes Hemd mit kurzen Ärmeln. Die zweite Haut bringt
seine Muckies voll zur Geltung. Er steht auf Zehenspitzen mit dem Rücken zur
Eingangshalle und telefoniert. Vergeblich versucht er, zu Wort zu kommen. Aus
Frust zieht er unentwegt an einer Zigarette und lässt den Rauch in Kringeln aus
der Nase. Plötzlich kommt er auch mal zu Wort. Beim Reden rollt er den Kopf wie
ein Preisboxer beim Betreten des Rings. Dabei dreht er sich um und entdeckt die
Kundschaft. Sofort legt er auf, drückt dabei die Zigarette aus und reibt sich
das rechte Auge hinter der Halbbrille aus Titan: "Entschuldigung, wollen Sie was
von mir?" Das passt gar nicht zu ihm! Seine Muskeln wölben sich. Die leberkranke
Haut glänzt von Schweiß.
Carlheinz Roth stößt einen Seufzer aus: "Zu Herrn Teufel. Michael Teufel!" Wie
heißt der nur wirklich?
Der sonnenbankgebräunte Freizeitsportler zieht seine Visage ein, als wolle er
flehen: Sagen Sie bloß nicht, dass Sie mich hier gesehen haben. Umständlich
sucht er auf seinem Schreibtisch eine grüne Liste: "Entschuldigung, wie heißt
der Herr?"
Carlheinz Roth presst die Lippen aufeinander und will sich zurückhalten.
"Teufel!!!" Er beobachtet, wie der Mann seine Liste in die Hand nimmt und die
Lippen bewegt, ohne dass etwas zu hören ist. Sein Doppelkinn bewegt sich hin und
her. Und er guckt immer weiter, bis sich seine Nasenspitze fast gegen das Papier
drückt. Plötzlich jammert die lebende Entschlusslosigkeit: "Ohohoh...Der ist
gestern ausgezogen...Ich kann mich noch gut erinnern. Der hat seine ganzen
Sachen in ein paar Kisten gepackt und ist ganz ohne Spedition ausgekommen. Waren
auch keine Möbel da. Schon ein bisschen merkwürdig.
"Ausgezogen???" Roth hat eine tiefe Furche mitten auf der Stirn. Sein Mund ist
plötzlich eine Sahara. "Ausgezogen?" Er formt die Lippen, als wolle er noch was
sagen.
Doch der Fußsoldat ist schneller: "Ich war dabei!" Carlheinz Roth spürt, dass er
nicht mehr erfahren wird. außerdem kann er die Dudelmusik nicht länger ertragen.
Und auch nicht den Portier. Beim Hinausgehen erfasst ihn noch dessen
Dobermannblick: Das hätte er Ihnen doch sagen müssen!
Roth sprudeln einige Worte ins Gehirn: Ausgezogen...Keine Möbel... Seine Zähne
graben sich in die Unterlippe.
Ihm kann manches die Sprache verschlagen.
*****************************03
Montag, 13. Juni
Das Geräusch von zwei schnippenden Fingern über sich ist für Paul Kratzenstein
eine kalte Dusche: "Aufwachen! Denken gehört am Wochenanfang nicht zur
Dienstordnung." Der Kriminaldirektor reibt sich die Augen, obwohl er schon vor
drei Stunden aufgestanden ist. Ein paar Minuten hat er von seiner beruflichen
Zukunft geträumt. Langsam und etwas ungläubig hebt er den Kopf. Hans-Werner
Koritzius steht vor ihm. Er kann sich zunächst gar nicht denken, warum. Das
feuerfeste Läuten des Telefons hilft weiter. "Der Roth ist an der Strippe",
erklärt der Mann in der PfefferundSalzJacke. "Was soll ich denn mit dem
anfangen?
Mit der zierlichen Gestalt, der hohen Stirn und der Metallbrille sieht er nicht
gerade aus wie ein Feldherr, sondern eher wie ein Militärpfarrer weit hinter den
Linien. Doch Paul Kratzenstein steht an vordester Front: als Chef der
Mordkomissar bei der Kölner Kripo. Sein Lachen nennen manche verschmitzt und
jungenhaft, andere einfach verschlagen. Für die einen ist er ein alter Fuchs,
für andere einer der letzten Vertreter der vom außterben bedrohten Zunft der
Alleinkämpfer. Reporter buhlen ständig um seine Gunst. Vergebens. Bei
Pressekonferenzen nach Zangengeburten wirkt er oftmals wie ein Hürdenläufer, der
nicht glänzend, aber dank großer Zähigkeit sein Ziel erreicht hat. Wenn einmal
ein Berufneugieriger etwas über sein Privatleben wissen will, dann stemmt
Kratzenstein die Hände in die Hüfte, drückt die Beine durch und antwortet wie
ein mit allen Wassern gewaschener Politiker: gar nicht. Wer ihn nicht näher
kennt, erwähnt sofort seine oftmals reservierte Art. Und das
Keine-Widerworte-Lächeln. Aber Kratzenstein ist mehr: Da gibt es auch den
leidenschaftlichen Freund von Kantaten von Johann Sebastian Bach. Und den
stundenlangen Zuhörer, der nie jemandem umgefragt seine Meinung aufschwatzt. Der
Gang des 59jährigen ist noch immer federnd. Ein Herzinfarkt hat ihn aber zum
Asketen werden lassen, der nicht raucht und nur einen guten Jahrgang schätzt.
Aus Gerolstein.
Im Mordfall Rheinufer hat er wieder einmal auf Kommissar Presse gesetzt. Mit
Erfolg. Das Foto des Toten tauchte heute in allen Blättern auf. Und die Portiers
von Hyatt und Holiday Inn meldeten sich: Er hat bei uns gewohnt, heißt Friedhelm
Meuschel und ist Manager eines Reiseveranstalters aus Bochum. Jetzt versuchen
handzahmen Palladine von Kratzenstein die Frage zu klären: Warum ist er gleich
in zwei Herbergen abgestiegen? Und da ist natürlich die Frage nach dem Motiv für
den Mord. Ist ein Halsband mit Nieten, das im Badezimmer der Holiday Inn-Suite
lag, der Schlüssel? Nichts läuft am Schnürchen! Natürlich nicht. Das ist er
gewohnt. Kratzenstein rutscht in seinem Sitz nach hinten und strahlt
verschmitzt. Aus Vorfreude auf das Gespräch. Obwohl er Roth manchmal für ein
arrogantes Arschloch hält. Er greift zum Hörer. "Bei Ihnen ist wohl
Saure-Gurken-Zeit, wenn Sie schon selbst arbeiten müssen", lacht er mit einem
wachsamen Unterton.
"In gewisser Weise", sagt Roth, als sei er auf einem Termin.
"Also, was gibt's?" Kratzenstein zieht die Augenbrauen hoch. Die Vokale sind in
seiner Sprache voll und satt, wie nach einem oppulenten Lunch.
Einen Augenblick schweigt Roth und nimmt einen Zug von seiner Zigarette. "Ich
wollte mal hören, ob es wegen der ungeklärten Morde an Prostituierte neue Spuren
gibt?" Das klingt gestelzt wie ein Bericht im Bundesanzeiger. Er verstummt
sogleich, denn er hat total vergessen, was er im nächsten Satz sagen will.
"Ja." Kratzenstein spendiert ihm durchs Telefon ein starres Lächeln, wie es
Postbeamte gerne aufsetzen, wenn sie das Schild "Gehen Sie an einen anderen
Schalter" aus einer Schublade hervorzaubern.
"Jaaa?" Manchmal besitzt Roth die natürliche Anziehungskraft eines
HerlitzMarkers.
Kratzenstein lässt seinen Blick in Koritzius hochkriechen. Die Luft ist von
seinem Marbert-Deo erfüllt. Über sein Gesicht verbreitet sich ein skeptisches
Lachen, obwohl der Lautsprecher in der Frühstückspause ist. "Wir haben einen
Mann festgenommen. Einen jungen Mann." Kratzenstein hat den Mut zu langen
Pausen. "Er hat gerade vor einem Jahr seinen Führerschein gemacht... Er ist noch
ein Junge... Aber ein Junge, der in den Albträumen vieler Menschen auftaucht...
Der nachts scheinbar ziellos durch die Stadt fährt.. Immer auf der Suche nach
neuen Opfern." Der Polizist senkt sein Kinn ein wenig. "Aber die Nachbarn...die
total ahnungslosen Nachbarn... die hielten ihn für einen anständigen Kerl... Sie
sind aus allen Wolken gefallen...
"...Was...was sind das für Leute", geht Roth dazwischen. Die noch in den
Kinderschuhen steckende Entwicklung des Bildtelefons bewahrt ihn davor, wie ein
Vollidiot zu wirken.
Kratzenstein schüttelt den Kopf, als wolle er fragen: Für wie blöd hälst du mich
eigentlich? "Keine Ahnung", sagt er in seinem Büro, das auf auf die Nordsüdfahrt
blickt.
"Machtnichtsmachtnichts. Erzählen Sie weiter. Weiter!" Roth ist ganz außer sich
vor Neugierde.
"Ich erzähle Ihnen nichts." Kratzenstein versucht sich an einem Lächeln und
zieht die Krawatte herunter.
"Wasdennwasdenn?" Roth kneift die Lippen zusammen.
"Ich lese aus dem Express vor." Er spricht jetzt in einem Singsang, so wie man
einem Kind das Ozonloch erklärt, das total verängstigt aus der Schule nach Hause
kommt.
"Was?", fragt er nach einer beklemmenden Pause. "Haben Sie einen Andruck?
"Das verstehe ich nicht." Mit dem Begriff kann Kratzenstein nichts anfangen.
Und Roth spürt das beklemmende Gefühl, dasselbe noch mal zu sagen. Aber um
einiges deutlicher.
Doch der Berufsfrager hilft ihm aus der Bredouille. "Es ist nicht die morgige
Ausgabe. Es ist der Express von heute. Sind Sie nicht mehr auf dem Laufenden?
Lesen Sie keine Zeitungen mehr?
"Doch...Natürlich." Roth schwitzt grenzenlos. Jetzt schaltet er erst. "Ich hatte
drei Tage frei.
"Dann sollten Sie heute wenigstens Ihr Blatt lesen. Dort steht nämlich. dass wir
einen Speditionsfahrer festgenommen haben." Und er fragt sich, ob Roth den
Ausdruck "Endlich in die Socken kommen" kennt. Vermutlich nicht. "Das macht der
Luckow. Den kennen Sie doch?
"Aber klar", sagt Roth. Obwohl er den Namen in seinem ganzen Leben noch nie
gehört hat. Er findet nichts, dass den Bogen leicht machen könnte. "Habe ich
glatt übersehen. Dann hat sich mein Anruf ja erledigt." Denn er weiß genau:
Kratzenstein lässt sich kein X für ein U vormachen.
Der Büttel steht noch immer in der Tür. Er hat ein Lächeln aufgesetzt, das er
sonst nur für Krankenbesuche aboniert hat.
Kratzenstein hat den Braten längst gerochen. Darum spricht er mit einer Tonlage
Liebenswürdigkeit weiter, von der manche Pastöre noch was lernen könnten.
"Wollen Sie mich verarschen? Deshalb haben Sie doch nicht angerufen. Diese
Mordfälle interessieren Sie doch gar nicht." Um die Mundwinkel zeigt er wieder
die Andeutung eines Lächelns. "Oder soll ich Ihnen erzählen, dass Tintenfische
sich bei Aufregung selber fressen. Das interessiert Sie nicht? Mangelndes
Interesse an Allgemeinbildung. Also, raus mit der Sprache!" Dabei stellt er sich
das kreidebleiche Gesicht von Carlheinz Roth vor, das suchend den Hörer
anstarrt.
Roth schreckt dieser Befehl. Aber zu seiner großen Überraschung fühlt er sich
sogar etwas besser. Von Gott-weiß-wie-vielen-Terminen kennt er das Polizeias.
Die Direktheit verblüfft ihn immer wieder. Etwas ist klar, er muss jetzt mit der
Sprache rausrücken. Zumindest etwas sagen. Denn wer einmal bei Kratzenstein in
Ungnade gefallen ist, sollte die Folgen kennen: meistens gibt es keine. "Mich
beschäftigt dieser Tote unter der Rheinbrücke.
"Und was ist an dem interessant?", fragt Kratzenstein scheinbar lustlos. Seine
Vorliebe fürs Schlittenfahren kann er nun mal nicht leugnen.
"Ich glaube, ich habe eine Spur", verkündet Roth stolz.
"Sieee?" Paul Kratzenstein ist zum Yoghurtbecher erstarrt.
"Die Spur führt nach Köln...
"Darum mussten wir tätig werden. Binsenwahrheit!
"Lassen Sie mich ausreden! Ich glaube, dass der Kölner Statthalter von dem
Meuschel...
"...Woher kennen Sie den Namen? In unserem Pressebericht ist nur von einem
Unbekannten die Rede. Erst jetzt wissen wir ihn, nach dem Zeitungsbericht haben
sich einige Leute gemeldet.
"Ich habe vorhin Radio RPR gehört. außerdem habe ich ihn in der Zeitung erkannt.
Dieser Meuschel hat mich auf seinen Kölner Statthalter gehetzt. Michael Teufel
heißt der. Also, ich sollte den Teufel in der Öffentlichkeit fertigmachen. Das
ist mir durch einen Artikel bei uns auch gelungen. Vielleicht hat der Teufel
dafür Rache geübt... An dem Mann ist etwas nicht in Ordnung. Ich kenne ihn. Ich
hatte auch das Gefühl, dass er mich kennt. Nur mit dem Namen Michael Teufel kann
ich nichts anfangen. Der stimmt nicht. Und es gibt noch eine Ungereimtheit.
Dieser angebliche Teufel ist wie vom Erdboden verschwunden. In der Firma heißt
es, er hat seinen Jahresurlaub genommen. Aber der Mann hat seine Wohnung
gekündigt. Und der Hausmeister kennt nicht seine neue Adresse. Merkwürdig,
nicht?"
Roth hat einfach aufgelegt. Er ist vor lauter Aufregung an die Gabel gekommen.
Koritzius steht noch immer in der Tür des Büros mit den gewaltigen Holzmöbeln in
Altjungfer. Er nimmt alles ohne die leiseste Reaktion entgegen. Kratzenstein
stößt den Zeigefinger in Richtung Telefon, ohne es aber anzusehen. "Der weiß
was. Oder ahnt was."
***
Schon zwei Stunden nach dem Anruf von Carlheinz Roth wollen Paul Kratzenstein
und sein Gehilfe die Firma von teufel mal etwas genauer unter die Lupe nehmen.
Natürlich ahnend, dass da viel Wunschdenken im Spiel ist, hat sich der Leitende
Kriminaldirektor entschlossen, die vage Spur aufzugreifen.
Hans-Werner Koritzius ist total außer Atem und hebt die Hände zu einer Gebärde
der Hilflosigkeit, als er den zehnten Stock des Bürohochhauses am
Barbarossaplatz erklommen hat. Er schält sich aus seiner Pfeffer-und-Salz-Jacke,
fingert ein Tuch hervor und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Paul
Kratzenstein hat den Aufzug genommen und wartet bereits. Er lacht in sich
hinein: "Verlangen Sie bloß nicht eine Gefahrenzulage." Sein Mitarbeiter kann
noch nicht antworten. Der Rotgesichtige stützt sich an der Wand ab. Nach zwei
Minuten kriegt er endlich seine Frage heraus: "Was sollen wir überhaupt hier?"
Kratzenstein hebt die Augenbrauen. Sagt nichts. Es folgt keine neue Frage.
Koritzius hat verstanden. Zwischen beiden stimmt die Chemie.
Die beiden gehen durch eine Glastür, auf der schwarze Buchstaben prangen: "ARENA
FREITAG Clubreisen . Dann schreiten sie durch die schmuddelige Stille des
Korridors. Er ist mit blauem Teppichboden ausgelegt, die orangerotgetünchten
Wände scheint kürzlich der Anstreicher besucht zu haben. durch den Gang weht ein
leichter Durchzug von zwei offenen Fenstern her. Aus kleinen Lautsprechern an
der Decke klimpert Richard Clayderman. An einer Tür hängt ein Poster. Eine
Blondine räkelt sich an einem Strand. Irgendwo auf dieser Welt. Praktischerweise
trägt sie nur ihr langen Haar.
Kratzenstein knabbert an seinen Gedanken herum: Was hat der Tod von Friedhelm
Meuschel mit diesem Laden zu tun? Wo ist er ermordet worden? Warum musste er
sterben? Warum ist er nach seinem Tod so zerstückelt worden? Warum ist er in
zwei Hotels abgestiegen?
Ein walnussäugiger Endvierziger mit einem NasowasGesicht springt plötzlich aus
einem Sessel mit zinnoberroten Polstern auf die beiden zu. "Schön, dass Sie es
noch geschafft haben", sagt er mit einer nasalen Stimme. Das Duo im Dauereinsatz
für das Gute schaut sich erstaunt an. Der Dreihundertpfünder im Ausverkaufsanzug
von C & A hat buschige, fast graue Augenbrauen. Die pechschwarzen, vollen Haare
wirken so unwirklich wie ein Toupet. Er lehnt den Kopf ohne Hals zurück,
schließt die Augen und schlägt sie gleich wieder auf. Sofort versteckt er sich
hinter Wortgirlanden: "Sind Sie nicht vom Reisebüro Tauber? Das tut mir aber
leid." Noch vor einer Antwort schlurft er davon. Wieder zu seinem Sessel. Sein
Deodorant hat ihn in Stich gelassen. Wahrscheinlich dörrt auch sein Hirn aus.
Fast am Ende des Flures tut sich eine Lichtung auf: ein schwarzer Schreibtisch
mit Metallkanten. Darauf ruht sich das Schild Empfang aus. Eine dickliche Frau
mit Pferdegesicht sitzt hinter der Bastion und telefoniert mit mehreren Leuten
gleichzeitig. An zwei Hörern zelebriert sie eine Tratschkonferenz. außerdem
renoviert die Vielseitige mit Hilfe eines Taschenspiegels ihr Gesicht. Sie ist
um die vierzig oder ein bisschen darüber. Die Haare sind rotblond, die Augen
schiefergrau. Beim Hochblicken entdeckt sie die Kundschaft, hält mitten im Satz
inne, sperrt den Mund auf und waltet ihres Amtes: "Was wollen Sie?" Dabei
klimpert sie mit den von falschen Wimpern beschwerten Augen. Mit der selben
Stimme antwortet Kratzenstein: "Viel! Wir sind wegen Ihres Geschäftsführers
hier." Wobei Koritzius fast ununterbrochen leicht nickt.
"Der ist in Urlaub." Mit ihrem funkelnden Blick fixiert sie die beiden an. Aus
ihrer MCM-Tasche holt sie eine Packung R 6, schüttelt sie und angelt sich mit
den Lippen eine Zigarette. Ganz langsam nimmt sie wieder die Packung in die Hand
und lässt sie in die Tasche fallen, als ob es auf keinem Fall untergehen soll.
Kratzenstein ertappt sich dabei, dass er das wissende Lachen derer aufgesetzt
hat, die sich hinter der Bühne auskennen. "Ist uns bekannt. Hat er vielleicht
einen Stellvertreter?
"Wer sind Sie überhaupt?" Die Frau dreht sich zu ihrer Kaffeetasse hin und lässt
ihr Wer sind sie überhaupt in der Luft hängen. Dann wienert sie mit einem Tempo
an der Tasse herum.
Koritzius zückt seinen Dienstausweis. Auf dem Gesicht von Kratzenstein liegt der
Ausdruck eines Mann, der weiß, dass er die erste Geige spielt. Er legt nur den
Kopf schief. "Zufrieden?" sagt Koritzius in tiefem Ernst.
Das Pferdegesicht blinzelt etwas. durch das Fenster hinter den Besuchern flutet
das Licht herein. "Einen Stellvertreter gibt es nicht. Eigentlich sitzen die
Leitenden Herren ja in Bochum. Herr Hoppe und Herr Meuschel...Aber der ist ja
tot. Tragisch!" Wie auf Kommando zieht sie Tränen durch die Nase hoch, schluchzt
monoton. "Jetzt ist Herr Hoppe unser alleiniger Chef." Den Namen spricht sie mit
ebenso viel Respekt aus, wie den Namen des Allmächtigen.
"Hoppe? Ist der da?" hakt Koritzius nach. Doch die Frage bleibt unbeantwortet.
Plötzlich geht die schwarze Tür direkt neben dem Empfang auf. Eine Frau in einem
weißen TShirt mit mächtigen Schultern und einem Mini kommt auf die beiden zu.
Blondes Haar, in der Mitte gescheitelt, umrahmt die junge Gesichtslandschaft mit
dem leichten Silberblick. Die Haut ist etwas fahl, wirkt mitgenommen. Die Bullen
starren auf lange, braungebrannte Beine. durchtrainierte Muskeln sind zu sehen.
Koritzius staunt Bauklötze. Unwillkürlich zieht er den Bauch ein und wirft seine
Schultern zurück. Sein Adamsapfel geht hektisch nach oben und wieder nach unten
zu ihrem Minirock.
Seine Stimme hört sich merkwürdig für ihn an, als er sagt: "Ja... Wir suchen
Ihren Chef." Dabei schaut er ihr direkt in die ostseeblauen Augen. Sie hat genug
Sex, um jede Betriebsversammlung hochgehen zu lassen. Scheint aber genau zu
wissen, wie man Hummer isst. Ihr Lächeln ist bestimmend, sie schüttelt leicht
den Kopf und sagt stumm: Hat keinen Zweck! Dann setzt sie ein neues Lächeln auf:
das der Katze, die endlich den Goldfisch erwischt hat: "Der ist in Urlaub." Ihre
Hände scheinen ein bisschen zu zittern. Das Pferdegesicht lässt einen
raubvogelhaften Blick umherschweifen.
Auch Kratzenstein spürt ein leichtes Kribbeln in den Lenden. Aber er nimmt sie
unbeirrt auf's Korn: "Vielleicht können Sie uns sagen, wo wir Herrn Teufel
erreichen können. Wir haben einige Fragen an ihn." Dabei lächelt er schroff und
sachlich. Neigt seinen Kopf wieder zur Seite, als wolle er feststellen: Das
können Sie bestimmt verstehen! ck,empfindet ein Gefühl für das Polizistenleben:
Dieser Roth ...
Das Pferdegesicht scheint das Klingeln des Telefons zu überhören. Mit geblähten
Nüstern schimpft sie: "Vorhin musste ich zu seiner Wohnung fahren...
"...Warum?" Koritzius hält den Atem an, auf totale Ablehnung gefasst.
In aller Aufrichtigkeit bekommt er zu hören: "Weil das Telefon ständig besetzt
ist. Und Herr Hoppe ihn ganz dringend sprechen wollte. Da musste ich hinfahren."
Sie ist sauer wie ein Ex-Minister, dem als Dankeschön für seinen Rücktritt der
sichere Platz auf der Landesliste gestrichen wurde. "Im Uni-Center hat man mir
gesagt, dass der Teufel ausgezogen sei. Ich habe gleich gewusst, dass mit dem
etwas nicht stimmt. Aber Sie wissen ja, wie's ist.
"Jaja. Wir wissen, wie's ist." Kratzenstein kehrt zur Sachlichkeit zurück. "Und
aus Ihren Unterlagen lässt sich keine andere Adresse erfahren?
Koritzius sieht der Frau mit dem knappen Rock in die Augen. Sie hält seinem
Blick stand, ohne mit der Wimper zu zucken: "Das ist es ja. Es gibt keine
Unterlagen. ck hat nirgendwo eine Fußspur hinterlassen." Trotz dieser Offenheit
hat Kratzenstein den Eindruck, dass sie mauert. "Kannten Sie eigentlich Herrn
Meuschel privat?" Die Blondine versucht das Zucken ihrer Lippen zu unterdrücken:
"Nein!" Die Augen von Hans-Werner Koritzius tanzen im Flur herum.
"Mir dämmerte schon bei seinem Abschied, dass ich ihn nie wiedersehen werde",
verrät das Pferdegesicht.
"Warum?" will Kratzenstein wissen und bekommt zu hören: "Keine Ahnung. Aber das
hat man doch manchmal, nicht?
Niemand geht darauf ein, Kratzenstein will aber wissen: "Wie war das genau mit
den Papieren?"
"Herr Teufel wollte sie uns nachreichen. Das ist bis zum Urlaub nicht passiert",
erklärt das Pferdegesicht in einer Haltet-den-Dieb-Marnier. Das scheint ihrer
Kollegin überhaupt nicht zu gefallen. Sie zwängt die Unterlippe zwischen die
Zähne.
"Was haben Sie überhaupt mit der Firma zu tun?" Kratzenstein schaut die
Augenweide direkt an. Ihr Mund verzieht sich mürrisch, sie atmet schwer. Ihr
Gesicht ist mit einem Mal voller Panik. "Ich bin nur eine Sekretärin", knurrt
sie. Dann schießt sie durch die Tür, durch die sie auch gekommen ist, bevor
Koritzius einmal tief Luft holen kann. Mit halboffenen Mund starrt er ihr
hinterher. Das Pferdegesicht leckt sich die Lippen. Kratzenstein blickt sich um.
Der Dreihundertpfünder ist noch immer in guter Hoffnung wegen der Herren vom
Reisebüro Tauber. Solange vergiftet er sich mit Zigarrenqualm. Das Pferdegesicht
hat weiter die R 6 im Mund und raucht dagegen kalt.
Kratzenstein kappt die Taue und schlendert zum Aufzug. Koritzius holt ihn an der
Tür ein: "Was ist Ihre Meinung?" will er leise von seinem Chef wissen. "Ich habe
noch keine Meinung." Paul Kratzenstein schnuppert im Flur den schweren duft von
Chanel Nummer Fünf mit einer Prise Angstschweiß. Natürlich entgehen ihm nicht
die glühenden Ohren seines Mitarbeiters. ck,hat die Brauen eindrucksvoll
zusammengezogen.
In Kratzensteins Gesicht verbreitet sich ein Lächeln eine Mischung aus Skepsis
und Verschlagenheit.
*****************************04
"Das waren Bullen! Bullen!" Claudia Häuser ist total außer Atem, als sie in das
Büro stürmt. Ihre Augen sind ganz schmal. Sie will noch etwas sagen und bewegt
den Mund, aber kein einziger Laut kommt über ihre Lippen.
Ralf Maria Hoppe lehnt sich in dem dunkelroten Bürostuhl mit der Nackenstütze
zurück und legt beide Füße auf die weiße Schreibtischplatte. Mit der linken Hand
schaltet er den Lautsprecher aus, mit der rechten greift er zum Glas Dom
Perrignon. Seine Augen sind kalt, das Gesicht eine einzige Grimasse. "Ich weiß.
Ich weiß." Er lacht schrill auf. "Tüttelkram. Alles Tüttelkram. Warum bist du
nur weggerannt? So hilfst du uns nicht weiter." Hoppe nimmt ein Taschentuch aus
seiner gutgebügelten, anthrazitfarbenen Jacke und betupft seine Lippen:
"Möchtest du auch ein Glas Champagner haben? So verliert man jede Unruhe." Dabei
zieht er an seinem rechten Zeigefinger, bis der Knöchel knackt.
Sie starrt ihn mit einem Gesicht an, das so weiß ist wie der erste Schnee auf
der Pack. "Ich kriege keinen Tropfen runter." Ihre Augenlider schlagen heftig
wie die Flügel von Schmetterlingen.
Hoppe lacht in sich hinein und entblößt seine Zähne: "Hat dich der eine Bulle so
verwirrt?" Seine Brauen schieben sich zusammen, er runzelt die Stirn: "Sei
demnächst nicht so unhöflich zu dem Mann." In seiner Stimme ist ein leichtes,
verschlagenes Grinsen. "Vielleicht können wir ihn noch gebrauchen." Seine
entschlossenen Augen sind stahlharte Strahler.
Die Worte schwirren an ihr vorbei. Claudia Häuser hat eine tiefe Furche auf der
Stirn. Ihre Oberlippe spannt sich über ihre Zähne. Sie ist masslos enttäuscht.
Von sich selbst. Sofort weigert sie sich, Hoppe mit einem Lächeln gefällig zu
sein. Sie blickt auf ihn, als ob er eine Fotografie ist.
Sein Gesicht scheint jedes Mienenspiel zu beherrschen. Er lächelt sie an: "Du
musst mich verstehen." Das Taschentuch hat er noch immer in der Hand. Dem
Manager wird das Anstarren unannehm, er steht auf und lehnt sich mit gekreuzten
Beinen an den Schreibtisch, auf den irgendjemand das Schild "Bitte lächeln"
gestellt hat. Jetzt kann er auf sie herabblicken. Klar zum nächsten Gefecht. Er
will sie in den Arm nehmen. Doch sie beugt sich mit einem vor Enttäuschung roten
Gesicht zur Seite. Dabei würde sie sich gerne an ihn schmiegen. Aber etwas hält
sie zurück.
"Können wir nicht heute Abend darüber reden", fragt sie kleinlaut. Er zückt die
Achseln: "Sorry! Heute Abend kann ich leider nicht." Kaum sind die Worte heraus,
weiß er, dass er einen Fehler gemacht hat. Denn ihr Gesicht ist eine einzige
Enttäuschung. "Ich bin mit einem Typen verabredet, der sich in den Journalismus
verbuddelt hat. Der Meuschel hat mit ihm zusammengearbeitet. Ich muss Kontake
pflegen", schiebt er nach.
"Jaja", antwortet sie geistesabwesend, fragt dann nach: "Wo trefft Ihr euch
denn?
Ralf Maria Hoppe geht zum Fenster, schaut auf den Verkehr, der vorbeiflutetet.
"In einem Biergarten", sagt er bärbeißig, ohne sich umzudrehen.
***
Es ist ein angenehmer Sommerabend so um die 26 Grad. Jeder glaubt, ganz Köln sei
ein Postkartenmotiv. Auch in der Innenstadt lässt es sich aushalten. Die Hitze
scheint eine Atempause eingelegt zu haben. Die Lindenstraße ist eine von diesen
alten, schmalen Straßen, die mindestens einmal am Tag vor dem Verkehr die weiße
Fahne hissen. Doch der Knöterich an der Ecke DasselStraße gibt sich großzügig:
Er schluckt den Lärm des Staus und spendiert dem Sitzfleisch im Biergarten vom
Shab noch Schatten. Auch brodelnde Bahngeräusche dringen nur leise herein. Und
zu sehen sind die Züge nicht. Es sind um 18 Uhr nur ganz wenige Gäste draußen.
Ein Altgedienter döst auf einem Stuhl in der Ecke. Ein Spätpubertierender
nuckelt an seinem Diesel: Er wirkt wie ein Junge, der noch im Kinderzimmer
schläft. Und Carlheinz Roth mutet seinem Magen einiges zu. Der Hakennasige hat
ihm ein Vollkornfrühstück gebracht. Statt des Möhrensaftes hat er sich aber
einen Oberrotweiler Käsleberg 1991 bestellt. Man soll nichts übertreiben!
Ein erwachsener Mensch verfügt über 2000 Geschmacksknospen. Die meisten liegen
im Zungenbereich. Und für sie ist dieses Menü nicht das Gelbe vom Ei.
Den Rebensaft bringt eine naturblonde Studentin. Die beiden kennen sich, seit
dem AstA-Besuch bei Punkt!. "Ich habe gestern deinen Kommentar zum Mediapark
gelesenen und...
"...Ach, du warst das", brabbelt er und befingert die Seiten seiner Nase. Als
wolle er diesen Gag noch ausmalen.
"Was?...Sehr komisch", sagt sie heiser und plagt sich weiter.
"Mich würde mal interessieren, wieviel Millionen dort schon verbuddelt worden
sind.
"Mich auch!" Wo sie recht hat, hat sie recht. "Willst du nachher mit mir
vögeln?" Er lehnt sich zurück und bläst Rauch direkt in ihre Richtung. Sie ist
stumm, Carlheinz Roth aber nicht. "Jetzt gib Deinem Herzen schon einen
Stoss...und brüll' los." Seine Stimme wiehert. Die Studentin atmet rauh auf. Die
Sekunden schleichen in Zeitlupe vorbei. Dann funkelt sie ihn an und ihre Stimme
klingt leise, ganz überlegen: "Du bist ein Arschloch!!!" Sie hat sich am Tisch
festhalten müssen. Ihre Knöchel sind weiß wie ein Brautkleid aus längst
verblichenen Tagen.
Richtig sauer ist Carlheinz Roth nicht. Natürlich, er würde gerne mit ihr
koitieren. Aber er benutzt sie auch für seine plumpen Egospiele.
Die Sonne kriecht langsam über einen Strauch. Ralf Maria Hoppe schnappt nach
Luft, als er zu dem Journalisten an den Tisch kommt. Sie grinsen einander
wissend an, wie alte Feinde aus vergangenen Tagen, die sich beim Klassentreffen
über den Weg laufen. "Ich wollte nicht zu spät kommen. Aber ich habe keinen
Parkplatz gekriegt.
Carlheinz Roth weist auf einen Stuhl hin. Ein paar Meter weiter sieht er die
Studentin: "Kleiner Tipp von mir. Die ist heute ganz scharf. Vorhin hat sie mich
schon anmachen wollen. Aber ich hatte keine Lust." ck weiß: Ralf Maria Hoppe ist
scharf auf junge Frauen im allgemeinen und Blondinen im speziellen.
Wie auf ein Kommando kommt sie an den Tisch. "Ich nehme einfach... Sie!" tönt
er, noch bevor sie ihre Frage stellen kann. Sie zieht ihre kleine Nase in
Falten. Hoppe hat das Kinn in die Hand gestützt. Mit eisiger Höflichkeit raunzt
sie ihm zu: "Opa, das bringst du bestimmt nicht mehr. Also, was willst du?
Vielleicht eine heiße Milch mit Honig? Oder eine frische Tomatensuppe?
Entscheide dich oder macht das schon dein Vormund für dich?" Dann geht sie
weiter: "Na, das geht wohl nicht so schnell mit dir.
Hoppe ist etwas sprachlos. "Einen Metaxa", ruft er ihr schließlich hinterher. Er
ist um die Flügel seiner Nase ganz weiß. Seine Hände nestelns am Tischtuch
herum. Roth lacht in sich hinein. "Also, was wollten Sie mir sagen." Hoppe sieht
der Studentin hinterher. Und zieht seine Lippen zurück, so als wolle er daran
lecken. Aber er kaut kräftig an seiner Unterlippe.
"Ihr Geschäftsführer Michael Teufel ist ein Maulwurf...
"...Ein Maulwurf?" Ralf Maria Hoppe möchte noch mehr sagen. Aber er ist stumm
wie ein Fisch im Aachener Weiher.
Carlheinz Roth platzt fast vor schierem Mitteilungsdrang. "Der Mann hat sich
regelrecht an Sie herangepirscht.
"Woher wissen Sie?" Der Manager sitzt mit hölzernem Gesicht da. Seine Brauen
schieben sich zusammen. Er schlägt mit dem Ballen seiner rechten Hand auf den
Holztisch: "Verdammte Scheiße!" Seine Stimme ist in den UBahnSchacht gefallen.
Sein Gesprächspartner holt sein NasowasGesicht hervor: "Ich kenne ihn. Komme
aber nicht auf seinen richtigen Namen. Teufel heißt der bestimmt nicht. Jetzt
ist der Typ verschwunden.
Offenbar gibt es bei Ihnen einiges zu enthüllen." Der Empfänger der Worte fühlt
sich so leer wie die Taschen des sprichwörtlich letzten Hemdes. Seine Stimme
klingt tonlos, die Schultern hängen herab: "Wo bleibt der Metaxa?
Sein Gesicht ist weiß wie Talkum.
***********************05
Nach dem Treffen mit Ralf Maria Hoppe klettert Carlheinz Roth in seinen Alfa
Romeo und schaltet das Autoradio ein: "Leiche am Parkplatz Fühlinger See",
quäkte der Polizeifunk aus dem Lautsprecher. Sofort braust er hin. Die Erwartung
auf einen Fronteinsatz bringt seine Laune auf Vordermann.
In der Redaktion frustriert ihn schon lange der ganze administrative Kram.
außerdem traut er seinem Polizeireporter Walter Schlagehuhn nicht mehr viel zu:
höchstens das Ausruhen. Das Gehalt von 10.800 Mark ist für Carlheinz Roth längst
nur noch Schmerzensgeld. Manchmal droht ihm der Kragen zu platzen, wenn er den
Zug vor Augen hat, der auf das Abfahrsignal wartet.
Das gelbweiße Licht von vier Straßenlaternen wetteifert mit dem Blaulicht von
drei Streifenwagen. Carlheinz Roth biegt von der MerianStraße auf den Parkplatz
ab, der vollgestellt ist mit Wohnwagen, aus denen blassblaues Licht dringt. Die
Polizeiwagen lässt er rechts liegen. Sie stehen vor dem rotgeklinkerten Flachbau
mit den vier blauen Türen. Daneben ist noch ein Haus zu erkennen. Offenbar ein
Wohnhaus. Die Fenster sind dunkel. Nur eine Lampe brennt über dem Eingang.
Carlheinz Roth stellt seinen dunkelblauen Flitzer neben einem Wohnwagen ab. Holt
seine Kamera aus dem Kofferraum. Ein paar Meter weiter springt ein Motor an. Das
Geräusch lässt ihn zusammenzucken. Ein Hauch von süßlichem Wind weht ihm ins
Gesicht. Er spürt, wie plötzlich Angst in seinem Bach einsitzt. Einen langen
Moment zögert er, bis in seinem Kopf wieder Ruhe eingekehrt ist. Die Finsternis
ist ihm zu dicht auf den Leib gerückt. Darum steigt er wieder kurz ins Auto und
schaltet das Standlicht ein. Dann geht er langsam über den Platz. Ein verbeulter
Ford tuckert an ihm vorbei.
Die meisten seiner alten Kumpel sind längst verheiratet, haben Kinder und einige
drücken sich schon bei Scheidungsanwälten rum. Eben der Lauf der Dinge. Damals
zu Schullandheimtagen in der Eifel hatte er als Erster in der Klasse eine
Freundin. Heute ist er wieder ein Exote. Als Junggeselle schlägt er sich die
meisten Nächte allein um die Ohren.
Carlheinz Roth geht zu einer Gruppe von Leuten. Niemand scheint sich um ihn zu
kümmern. Auch die Motten nicht. Sie flattern gegen die Laterne. Im Halbdunkel
liegt der Tote. Kopf und Schulter umrahmen eine dicke Blutlache. Ein Arm ist
unter den Körper gezogen. Der andere ausgestreckt. Daneben liegen zwei
Wäscheklammern.
Der Journalist holt seine Kamera ans Auge. Im Sucher ist der Leichenfund der
Mittelpunkt von allen. Roths Gesicht brennt plötzlich lichterloh. Denn der
Leiche fehlen die Brustwarzen und der Penis. Im Mund steckt eine Glasscherbe.
Rote Flecken sind auf dem Körper verteilt. Heraushängende Zunge, mit
bonbonfarbenen Plastikriemen zusammengebundene Füße. Vorstehende Augen starren
ihn an. Der Anblick lässt ihm das Blut gefrieren. In seinem Hals klettert der
Mageninhalt hoch.
Mit einem Male werden die Tore zu seinem Gedächtnis aufgerissen: Freitag...
Deutsches Institut für publizistische Bildungsarbeit... Düsseldorf-Hassels...
Nicht Michael Teufel. Das ist... Axel Weiß. Roths Gesicht ist kalkweiß, Sekunden
später blutrot gefärbt. Er fürchtet, sein ganzer Kopf würde explodieren. Hastig
atmet er ein und aus und stößt einen hysterischen Schrei aus. Seine Hände sind
farblos wie Ton.
Der Reporter ist wie gelähmt. Er kann nicht auf den Auslöser drücken. Hört einen
Moment nichts als seinen eigenen Herzschlag. Ein untersetzter Griesgram sagt
scharf: "Weg hier!" Roth zögert einen Augenblick, bevor er den Kopf schüttelt.
Immer wieder zuckt er zusammen. Hat den schrecklich zugerichteten Kollegen vor
Augen. Ihm ist, als würde ihm jemand ständig Schläge unterhalb der Gürtellinie
verpassen.
"Verschwinden Sie endlich!!!"
Roth taumelt zu seinem Schlitten zurück, lehnt sich an die Fahrertür und sucht
nach Zigaretten. Vergessen. Scheiße! Sofort ruft er sich die Szene von vorhin
noch einmal Punkt für Punkt ins Gedächtnis: Blutlache... Motten... vorstehende
Augen... alter Kollege... Tarnname. Von einer Sekunde zur anderen sieht er aus
wie nach einem Monat durchzechter Nächte. Eine tiefe Falte verbindet seine
Brauen. Roth beugt sich vor und wischt sich das Gesicht mit der Hand. Es ist
eine eigenartige Mischung aus Entsetzen und Neugierde. Völlig grundlos nickt er.
Und ertrinkt fast in der stürmischen Flut arger, bohrender Kopfschmerzen. Vor
seinem geistigen Auge wirkt der Tote überlebensgroß: mit Grübchen im Gesicht,
wenn er mal lächelte, meistens wirkte er aber traurig wie ein großer Komödiant.
Das Gesicht von Carlheinz Roth sieht bleiern und furchtbar entsetzt aus. Seine
Knie knicken ein. Er muss sich festhalten. Merkt überhaupt nicht, dass er
beobachtet wird.
Hans-Werner Koritzius in einem Allwetter-Popelinemantel geht auf das Auto zu. Er
sieht die gelbweiße Maske. Aber nicht die Anstrengungen, die es kostet, sie zu
kontrollieren. Er lehnt sich auch an, kreuzt die Beine und sieht Roth mit großem
Ernst an. Er muss nicht versuchen, mit ganz gelassener Stimme zu sprechen. Die
ist längst in Routine übergegangen."Was machen Sie denn hier?", runzelt er die
Stirn, die Zähne zu einem angedeuteten, nichtssagenden Lächeln zusammengebissen.
Der Angesprochene senkt den Kopf und starrt in die Ecke, in der Beamte die
Leiche zudecken. Wieder spürt er, wie ihm der Atem im Halse steckenbleibt.
Einige Männer in schmutzverkrusteten Jeans nähern sich dem Gebäude. Es gilt
einen Toten zu betrachten. Aus dem Wohnhaus mit der Parabolschüssel auf dem Dach
kriecht eine Frau mit buttergelben Haaren.
Nervös preßt Roth den Mund zusammen, senkt den Kopf und denkt ein paar Sekunden
nach: "Ich hab's im Funk mitgekriegt." Sein Kinn zittert. Grimmiges Stirnrunzeln
begleitet die Antwort: "Finde ich nicht lustig." Die Stimme ist kalt von einer
Härte, die Roth nie zuvor gehört hat. Er schluckt und kämpft dagegen an, völlig
die Nerven zu verlieren.
Leichter Regen hat eingesetzt. Der macht Koritzius aber keine Probleme. Wenn er
eine Aufgabe hat, verspürt er nachts keine Angst. Wie einige Kranke in den
Universitätskliniken, die monatelang apathisch in ihren Betten lagen. Als in
ihrem Haus nachts Feuer ausbrach, rannten sie ins Freie. Und legten sich auf die
Wiese. Ganz apathisch blieben sie dort wieder liegen.
"Kannten Sie den Toten?" Koritzius verschränkt die Arme, dreht beiläufig eine
Packung Philip Morris und weist mit dem Kopf in Richtung der Leiche. Carlheinz
Roth braucht einen Moment, bis er die Ernsthaftigkeit der Worte erfasst hat.
Aber da kommt schon die nächste Frage. Koritzius hat sich vorhin selbst eine
Antwort gegeben. "Was wissen Sie über ihn?", fragt er und steckt die Hände in
die Hosentaschen. Roths Lippen zittern. Die Hände hat er vor dem Oberkörper
verschränkt. Wie jemand, der etwas abwehren will.
"Na, wie heißt er?" Koritzius beginnt mit der Befragung.
"Teufel. Michael Teufel", stellt Roth fest. Obwohl er mehr weiß, will er nicht
der Geschichte vorgreifen. "Der Reisemensch?" fragt Koritzius und dreht sich
ganz zu Roth hin. Wie gerne würde er gleich an Ort und Stelle seine Stirn
bekränzen. "Also, was ist?" An seinem Tonfall erkennt Roth sofort, dass der
Polizist eine digitale Antwort erwartet: "Ja."
Der soll doch verschwunden sein, erinnert sich Koritzius. Fragt aber etwas ganz
anderes: "Wissen Sie etwas über sein Privatleben?" Nachdenklich schüttelt Roth
den Kopf, kriegt sich etwas in den Griff. "Der Punkt ist der, dass wir uns
jahrelang nicht gesehen haben. Und uns dann zufällig in die Arme liefen. Und
keiner wollte den anderen kennen." Ein Teil seines Verstandes ermahnt ihn, ganz
vorsichtig mit seinen Erinnerungen zu sein.
"Verstehe ich nicht", antwortet Koritzius. "Das werden Sie mir noch näher im
Präsidium erklären müssen." Für einen Augenblick setzt Roths Herz aus. Bin ich
verhaftet?"
Das Opfer verlässt den Parkplatz in einem Metallsarg. Die Zuschauer bekommen
endlich etwas Neues zu sehen, worauf sie die ganze Zeit gewartet haben.
Mit einem Kopfnicken verschwindet auch Koritzius: "Melden Sie sich bei mir.
Nacht." Sein Blick lässt keinen Zweifel daran, dass er es ernst meint. Die
Dunkelheit verschluckt ihn. Roth macht den Mund auf, findet aber keine Worte.
Bei dem Gedanken, noch einmal über die Leiche zu sprechen, bekommt er schon
jetzt vor Angst eine Gänsehaut.
*****************************06
Donnerstag, 16. Juni
Morphium könnte bei den meisten Menschen nicht das Grauen des Anblicks vom
Parkplatz restlos abtöten. Doch Hans-Werner Koritzius sitzt völlig entspannt
hinter dem Steuer und braust nach Hause. Das Seitenfenster ist offen und ein
feuchtkühler Wind wirbelt durch den Opel Vetra. Die A57 wirkt verlassen und
leer, als sei sie gesperrt worden. Roth weiß mehr, als er sagt. Denkt der
Polizist und ist merkwürdig erleichtert.
Im Radio stellt Stephan Remmler gerade fest "Einer ist immer der Loser. Einer
muss immer verliern . Koritzius seufzst und schaltet ab. Er hat keine Lust auf
boshafte Wahrheiten, kann sie nicht ertragen wie ein gutdressierter Hund die
Tritte einen Kleinkindes.
So ganz hat er auch seine Gedanken nicht unter Kontrolle. Sie jagen ihm durch
den Kopf: Wer hat uns zum Tatort bestellt? Warum ist dieser Michael Teufel
verschwunden? Warum musste er sterben? Wie sein Chef. Sein Gesicht glüht rosig.
Hinter der Abfahrt Bickendorf erscheint im Lichtkegel der Scheinwerfer plötzlich
ein Hund. Blitzschnell tritt Koritzius auf die Bremse. Reifen quietschen. Für
einen Moment blickt er in ein Paar glühender Augen. Dann ist der Hund wieder in
der Nacht verschwunden. Koritzius gibt wieder Gas. Erst hinter der Abfahrt
Ehrenfeld hält er auf dem Standstreifen an, steigt aus und lehnt sich jetzt
schreckensstarr an das Auto. Aus einer Packung Marlboro schütteln seine Finger
mit den zerbissenen Nägel eine Zigarette. Nach einer verwirrten Pause zündet er
sie an und bläst ein paar Rauchwolken von sich. Dann drückt er sie auf dem Boden
aus, steigt wieder ein und fährt weiter.
Beim Gedanken an Zuhause verdüstert sich sein Gesicht. Doch dann fällt ihm ein
Stein von der Seele. Niemand wartet auf ihn: Seine Frau ist für ein paar Tage zu
Verwandten nach Usedom gereist. Erleichtert steigt er vor seinem Haus aus
schlägt die Wagentür zu. Weil er weiß, dass er gleich nicht zischen muss: "Ach,
lass mich in Ruhe." Und weil in seinem Terminkalender steht, dass er in ein paar
Stunden erst später ins Büro fahren wird: nach einem Termin, von dem im
Präsidium niemand eine Ahnung hat.
***
Draußen ist das Schnappen von Autotüren und das Klingeln einer Straßenbahn zu
hören. Hans-Werner Koritzius hält den Kopf über die Knie gestützt und spürt die
warme Brise, die mit dem Lärm von der Zülpicher Straße durch das offene Fenster
der Praxis im zweiten Stock strömt. Gut und gerne zwei Meter sitzt er Dr. Regine
Schwirtz gegenüber. Das warme Lächeln zieht ihren weichen Mund schwungvoll in
die Breite. Aber er weiß nicht ihre Züge zu deuten: Skepsis? Desinteresse?
Teilnahmslosigkeit? Darum antwortet er mit einer klebrige Feuchtigkeit unter den
Achseln.
Er hat schlecht geschlafen und ist nicht ins Büro gefahren. "Ich muss erst zum
Zahnarzt", log er. Seine Kollegin Petra Braun hörte nur zu und berichtete dann
von ihren Recherchen. Sie hatte bereits Akten gewälzt. Und sogar einen ähnlichen
Fall gefunden. In einem alten Gutachten hießt es: Der Täter wies in seiner
Kindheit ein ausgeprägtes sadistisches Verhalten gegenüber Tieren an den Tag. So
wollte er Katzen die Zähne ohne Betäubung ziehen. Oder einem Hund das Herz einer
Ratte verpflanzen. Für die Verbrechen von letzter Nacht kommt er aber nicht in
Frage. Vor drei Jahren starb er an Krebs. In einer Geschlossenen."
"Nach welcher Methode arbeiten Sie eigentlich?", fragt Koritzius und setzt sein
maskenhaftes Lächeln auf. Die Stimme klingt mechanisch, als käme sie aus dem
Lautsprecher eines billigen Cassettenrekorders. Sein Haar sieht auch total wirr
aus, als habe er während des ganzen Morgens nicht einmal den leisesten Versuch
unternommen, es zu bändigen.
Die Psychotherapeutin sieht in das Gesicht, das einen fordernden, entschlossenen
Ausdruck angenommen hat. Sie spricht nicht gleich. Sondern will einen Augenblick
Zeit haben, um die Frage etwas einzuschätzen. Dann schürzt sie die Lippen: "Wie
kommen Sie gerade heute drauf?" Und schiebt gedankenverloren eine
50-Pfennig-Münze hin und her, die schon seit Monaten auf dem Glastisch liegt.
Für einen Augenblick verzieht sich seine Miene, dann hat er sich wieder unter
Kontrolle. Aber seine Augen werden schmal: "Beantworten Sie meine Frage." Sein
Mund ist zu einer scharfkantigen Sichel verkommen. dutzende von Falten
schlängeln sich durch sein Gesicht.
"Wenn Ihnen soviel daran liegt. Diese Methode heißt klientenzentrierte
Gesprächspsychotherapie... Mit dem Namen können Sie aber nichts anfangen." Der
berufliche Erfolg hat sie selbstbewusst gemacht.
Der Polizist grinst schmallippig: "Was halten Sie eigentlich von Erich Fromm?"
Merkwürdig, sie trägt heute keinen Ring. Die Ärztin behält ihn genau im Blick:
"Was halten Sie denn von ihm?"
Für ihn haben diese Gespräche so etwas von der Formel 1. Die Trainingsrunden am
Anfang entscheiden über die Startpositionen für den entscheidenden Lauf.
Koritzius zieht die Nase hoch. "Der Fromm war ein kluger Kopf." Ihr ist
blitzschnell klar, dass er nicht alles sagt, was er denkt. Darum sieht sie ihn
an, auf eine Erklärung wartend. "Bisher hat Ihre Methode aber noch nichts
gebracht." Er scheint nach Worten zu suchen. "Gar nichts!" Er weiß nicht mehr
weiter und hebt flehend die Brauen.
Einen Augenblick sagt niemand etwas, dann erst fragt die Psychoklempnerin:
"Finden Sie?"
Ein wenig hat sie etwas von einer guten Schauspielerin, fährt es ihm durch den
Kopf. Aber haben nicht alle Praxen etwas von einer Bühne? Er sieht sie mit
hochgezogenen Augenbrauen an: "Warum sind Sie nicht ehrlich? Dann müssten Sie
das auch zugeben."
"Ich bin der Meinung, dass wir in jeder Stunde besser zusammen arbeiten können",
betont die Muskulöse.
Koritzius will nicht ins Hintertreffen geraten: "Besser zusammenarbeiten", echot
er. "Ihr Wort in Gottes Ohr...Jetzt werfen Sie mal einen Stein ins Wasser."
"Was soll ich?" Ihr kurzes Aufblicken signalisiert ihm, dass sie mit dem Satz
nichts Rechtes anfangen kann.
"Einen Stein ins Wasser werfen. Also anfangen." Dabei fasst er sich mit dem
Daumen unters Kinn. Das hat er von Philip Marlowe.
Mit im Nacken verschränkten Armen lehnt sie sich zurück und stellt fest: "Wir
sind doch schon über den Anfang hinaus..."
"...Naja, wenn Sie meinen", sagt er und streut gleich wieder Salz in die noch
frische Wunde. "Als Unterhalterin müssen Sie doch improvisieren können." Mit
seinem Taschentuch putzt er gelangweilt seine Brendl-Brille.
"Sie meinen als Entertainerin?", fragt sie. Noch bevor er antworten kann, läutet
es an der Tür. Regine Schwirtz nimmt den Hörer der Wechselsprechanlage ab, hört
einen Moment zu und sagt nur einen Satz: "Wir haben heute keinen Termin!" Dann
legt sie auf. Sofort klingelt es wieder. Diesmal schenkt sie dem Hörer keinen
Blick, dafür aber seinen unruhigen Händen und der leicht geröteten
Gesichtsfarbe.
"Ja! Als Entertainer." Soll er heute von seinen Begierden anfangen? Hat sie
überhaupt dafür eine Antenne? ...Die Entscheidung ist gefallen. Heute nicht.
"Ich sehe mich nicht so. Das habe ich schon mal gesagt. Weder so noch so." Die
Freundlichkeit ist in ihrem Gesicht geblieben.
"Gutgut." Koritzius hat längst die Lust an einer Klopperei verloren. Kurz vor
der Stunde ist er zum Klo gegangen. Jetzt spürt er schon wieder einen Druck auf
der Blase. "Die Patientin, die nach mir kommt..." Er denkt an zwei Dinge
gleichzeitig: an ein kühles Bitter Lemon und die Hitze auf seinem Rücken. Und er
bekommt Angst, dass seine Gedanken durch die Ohren nach außen strahlen könnten.
"...Was ist mit der?", fragt sie erstaunt und neigt ihren Kopf etwas zur Seite,
wie immer, wenn sie eine Frage stellt.
"Sie gefällt mir. Sie ist jung, hübsch und wirkt unkompliziert." Er spricht so
schnell, dass sie Mühe hat, ihn zu verstehen. Aus seinem Kopf treten die Adern
hervor. Sein Frust macht die Luft dünn.
Sie spitzt nachdenklich die Lippen: "Hmmm...Diesen Eindruck haben Sie?"
"Ja! Wie soll ich Ihnen das erklären? Ihr Gesicht strahlt soviel Fröhlichkeit
aus." Hans-Werner Koritzius tippt mit dem Bügel seiner Brille gegen seine Zähne.
"Ja. Fröhlichkeit."
Sie massiert sich den Rücken. Auch das noch. "Seit wann haben Sie dieses
Gefühl?" Die Wärme, die sie außtrahlt, verunsichert ihn. Es ist der Charme eines
kleines Mädchens im Sandkasten, das begeistert die Backform für einen Kuchen
geschenkt bekommen hat.
Schon wieder läutet es an der Tür. Sie fordert ihn auf: "Bitte sprechen Sie
weiter. Das ist Ihre Stunde."
"Ja. Schon seit einigen Wochen?" Seiner Stimme haftet unverkennbar etwas
Bedrohliches an.
"Und?" An die hunderttausendmal hat sie soetwas schon erlebt.
"In der letzten Woche habe ich sie angesprochen. Und gefragt, ob sie nachher
noch ins Oscar kommt?" Mit einem Mal kann er das Pochen seines Blutes hören. Und
er spürt, wie sich jedes Härchen in seinem Nacken einzeln aufrichtet.
"Und ist sie gekommen?" Sie spreizt die Finger unter dem Kinn gegeneinander.
"Nein", flüstert er fast tonlos und sieht auf seine Armbanduhr. Dann schickt er
sich an aufzustehen.
"Bleiben Sie noch. Wir haben noch etwas Zeit... Ein Gesicht haben Sie gesehen.
Ein Gesicht, das soviel Fröhlichkeit außtrahlt, sagen Sie. Können Sie sich nicht
vorstellen, dass die Frau nicht nur fröhlich ist. Dass sie auch Probleme hat,
sonst würde sie bestimmt nicht zu mir kommen. Die Menschen haben viele
Gesichter. Darüber müßten gerade Sie sich im klaren sein."
Dann steht er doch auf und hört beim Hinausgehen ihre Wort: "Morgen sehen wir
uns schon wieder. Denken Sie daran, Sie haben einen Termin.
Koritzius nickt. Dabei spürt er, wie sich auf seiner Stirn ein kleiner
Schweißfilm bildet. Seine Augen schimmern feucht.
" " " " " " " " " " " " " " 07
Regine Schwirtz rast mit ihrem Polo nach Zollstock. Die VorgebirgsStraße glänzt
vom Regen. Einige Schlaglöcher sind zwei bis drei Zentimeter von Wasser bedeckt.
Sie weicht nicht aus. Das anstrengende Fahren macht der Psychotante nichts aus.
Im Programm von WDR 2 schwärmt Freddy Quinn von "The Wild Side Of Life . Die
Fahrerin öffnet das Seitenfenster, um von dem kühlen Abendwind etwas
mitzubekommen. Sie hat nach zu vielem Kaffee, zu vielen Zigaretten und zu wenig
frischer Luft Kopfschmerzen.
Während sie auf die Fahrbahn starrt, holt sie ihre Sony-Diktiergerät aus dem
Handschuhfach, stellt das Radio aus und spricht in das Mikrofon: "K. kann sich
überhaupt nicht mehr zu Gefühlen äussern. So erscheint er an Gefühlen verarmt,
wirkt spröde und kalt." Sie redet ruhig und sachlich: wie eine, die weiß, was
sie will. "K. scheint innerlich bis zum Siedepunkt gespannt zu sein. Nicht aus
den Augen verlieren." Während sie die Worte gesprochen hat, ist ihr etwas
Merkwürdiges durch den Kopf geschossen: Sie will ihn haben! Aber es ist ihr auch
sofort klar, dass sie sich nie in ihn verlieben könnte. Einen Moment überlegt
sie. Dann löscht sie den letzten Satz. Sie ist ärgerlich über sich selbst. Denn
ihr Verhalten ist äusserst unprofessionell.
Direkt hinter dem Raderthalgürtel biegt der Polo links auf einen Parkplatz ab.
Regine Schwirtz schüttelt ernst den Kopf, steigt aus und geht auf einen kleinen
Vorgarten mit gestutzter Hecke zu. Nach gut drei Minuten Fußweg ist sie so nass,
als wenn sie unter einer Dusche gestanden hätte. Auf halben Weg hatte sie
Schritte hinter sich gehört. Sie drehte sich und sah in das Gesicht von Rainer
Gerlach, der mit einem Handy in der Hand an ihr vorbeimarschierte, so wie immer:
als habe er ein Pittermännchen Küppers Kölsch zwischen den Beinen.
Im Hauseingang begegnet ihr der Muskelbepackte. Er wartet auf den Aufzug und
quatscht solange in sein Handy. Als Gerlach die Mieterin sieht, hält er die Hand
über die Muschel und sagt: "Da warten zwei Frauen oben auf Sie... Sind wohl Ihre
Schwestern."
Die Psychotante lächelt nachsichtig. Denn sie weiß, dass sie keine Geschwister
hat.
Die Augen des Hausmeisters weiten sich, als er ihren vollen Busen sieht, der
sich unter der Bluse abzeichnet. Regine Schwirtz steckt sich eine Camel an. Die
Zigarette im Mund lässt sie herausfordernd wirken.
Beide steigen in den rechten der beiden Aufzüge. Die Luft ist rauchgeschwängert.
Nervös bewegt Gerlach seine Hände. Die Frau lächelt merkwürdig. Ihr fällt nichts
ein, was sie ihm sagen könnte. "Sie sehen verdammt scharf aus", sagt er zwischen
der dritten und vierten Etage. "Du Wichser!" stößt sie ihm entgegen. Und macht
eine Pause, um die Wirkung zu erhöhen. "Schau dir nur meine Titten genau an.
Mehr ist nicht drin, du Arsch!
Der Muskelprotz schüttelt stumm den Kopf. Einige Sekunden später legt er den
Knopf für den Nothalt um. Sofort stoppt der Aufzug. Er fasst ihr an den Busen.
Aber sie reagiert nicht. Gerlach ist völlig außer sich. Dann trifft das Handy
ihren Kopf, und sie verliert kurz das Bewusstsein. Die Zigarette fällt ihr aus
dem Mund. Landet auf dem Boden. Als die Ärztin wieder zu sich kommt, steht er
direkt vor ihr und wirft einen Blick auf das verzerrte Gesicht. Regine Schwirtz
rappelt sich schnell auf, blickt ihn aber noch sehr benommen an: "Du Sau!" Ihre
Stimme tönt durch die Kabine.
Einen Moment kann Gerlach ihren Augen nicht ausweichen. Er sieht kein
Entsetzen... Was ist das? Freude? Er ist total irritiert, stammelt irgendetwas
von Entschuldigung. Seine Augen tränen.
"Das wirst du mir büßen!" In ihren Worten ist jetzt etwas eiskaltes. Sie zuckt
nach oben und stößt seinen Kopf gegen den Spiegel an der Wand. Sofort
zersplittert das Glas. Deckt das Mobiltelefon auf dem Boden zu. Der Mann
verdreht seinen Körper und stürzt sich auf sie. Blitzschnell kreuzt sie die
Unterarme und stößt ihn zurück. Er schleudert wieder gegen die Wand. Sofort
ballt er beide Fäuste und will zwei gewaltige Schläge nach unten landen. Aber
nur einer trifft ihren Wangenknochen. Sie lässt sich rückwärts fallen und stößt
ihm das rechte Knie in den Unterleib. Die zweite Antwort ist ein plazierter
Schlag in sein Gesicht. Sofort ändert sich seine Miene, er ist wie gelähmt und
ringt nach Luft.
"Auf...", stammelt er. Regine Schwirtz scheint sich bei soviel Hilflosigkeit der
Magen umzudrehen. Sie legt beide Hände auf die Kehle des Hilflosen und drückt
zu: "Jetzt bist du dran!" Dann lässt sie ihn wieder los. Der Körper sackt auf
den Boden. Er ist tot, denkt sie.
Und lächelt. Aber hinter dem Lächeln verbirgt sich eine ganz andere Emotion.
***
Regine Schwirtz wirft Rainer Gerlach einen scharfen Blick zu und legt den Hebel
um. Sofort setzt sich der Aufzug wieder in Betrieb. Enttäuschung, Erleichterung,
Freude: Als das schießt ihr durch den Kopf, ohne dass eines die Oberhand
gewinnt. Auf der nächsten Etage hält der Lift. Sie steigt aus und späht über den
Flur: Niemand ist zu sehen. Hinter ihr schließt sich die Tür.
Sie steckt sich eine neue Camel an und geht die Treppe hoch. Als sie oben
ankommt, wirkt sie wie jemand, der aus dem Haus gegangen ist, um nur mal kurz
Luft zu schnappen.
Der Regen hat aufgehört, gegen die Flurscheiben zu trommeln. An der Glastür
sieht sie erst ihre Freundin, dann auch ihre Sekretärin Heike Walter. Die beiden
sind eng befreundet.
Heike Walter hat sich am Nachmittag frei genommen, weil sie zum Friseur wollte.
Sie nimmt kein Blatt vor dem Mund: "Dieser Scheiß Friseur. Der sollte mir nur
die grauen Haare wegtönen. Aber was macht der? Färben! Hinterher waren die Haare
rot."
Ein Fehler, der ihr das Leben rettet.
*****************************08
Freitag, 17. Juni
Die Sonne hat sich hinter grauen Wolken versteckt. Die Scheibenwischer des Opel
Vectra fahren klickend hin und her. Beim Abbiegen von der Severinsstraße auf den
Parkplatz des Polizeipräsidiums wirbeln die Reifen kleine Wasserflächen auf.
Einige Male muss Hans-Werner Koritzius herumkurven, bis er endlich ganz weit
hinten einen freien Platz findet.
Der Rasen vor dem Bürohaus ist nass und sumpfig. Es nieselt jetzt, als der
Polizist aus seiner Wohnung kam, schüttete es aus Kübeln. Und er hatte wieder
einmal keinen Schirm dabei.
Koritzius ist später dran als an anderen Tagen. Er hat Herzklopfen, aber nicht
wegen des nächtlichen Einsatzes vom Vortag. Wir sind doch schon über dem Anfang
hinaus... Die Menschen haben viele Gesichter... Das müßten gerade Sie wissen.
Die Sätze wirbeln durch seinen Kopf.
Im Aufzug versucht er seine Gedanken in die Reihe zu kriegen. Natürlich! Teufel
hat schon seit einiger Zeit der Firma misstraut, aber lange Zeit keine Beweise
gefunden. Die hat er jetzt gefunden. Und musste deshalb sterben. Aber warum auch
sein Chef? Das alles passt irgendwie nicht zusammen. Er holt ein paarmal tief
Luft. Endlich ist er oben.
Im Büro deutet Petra Braun mit dem Kopf auf fünf aufgeschlagene Telefonbücher,
die neben ihr liegen: "Diesen Teufel gab es eigentlich gar nicht." Ihr neutraler
Gesichtsausdruck lässt keinen Hinweis erahnen, was sie damit meint.
Koritzius wischt sich die Nase und funkelt sie an: "Was heißt das?" Seine eigene
Stimme klingt flach und fremd in seinen Ohren.
Die KripoHauptmeisterin zögert etwas, bis sie die richtigen Worte findet: "Ich
habe mit allen Einwohnermeldeämtern im Umkreis gesprochen. Und die Computer in
Düsseldorf und Wiesbaden befragt. Nirgendwo ist ein Michael Teufel registriert."
Hans-Werner Koritzius nimmt die Brille ab, schließt die Augen und reibt sie mit
Daumen und Zeigefinger. Er kann sich auch nichts ziemlich Plausibles ausdenken:
"Merkwürdig. Auch in Flensburg nicht?" Ihr Gesichtsausdruck ist leicht
spöttisch, bildet er sich ein.
Endlich kommt die Sonne hinter einer Regenwolke hervor und durchflutet das Büro
mit einem grellen Licht. Petra Braun setzt ihre Sonnenbrille auf: "Ich weiß
nicht, warum. Aber die Sache stinkt."
"Merkwürdig? Wie kommen Sie darauf?" fragt er nach verdattertem Schweigen.
Petra Braun ist erschrocken von seinem hilflosen Blick: "Hier will uns jemand an
der Nase herumführen. So mit allem Drum und Dran. Schon der Anruf der Frau, die
uns zu der Leiche geführt hat. Die hat nicht etwa den Notruf angerufen, nein,
die Zentrale. Und hat sich dann mit der Wache Innenstadt verbinden lassen...
Wahrscheinlich hat Teufel...oder wie er auch immer hieß... unter falschem Namen
gelebt. Da bin ich mir ganz sicher. Der Täter will uns aber gezielt auf diese
Sado-Maso-Schiene locken. Ich höre mich in dieser Szene mal etwas um." Den
Bericht der Dauerwache legt sie beiseite. Was soll sie im Fall eines versuchten
Mordes im Aufzug unternehmen, wenn das Opfer im Koma liegt?
Hans-Werner Koritzius beißt sich auf die Lippen, rastlos wühlt er in seinen
Taschen nach Zigaretten. Noch immer steht er neben seinem Schreibtisch. "Und was
mache ich?" fragt er und versucht ihrem Blick zu entgehen. "Ich werde mich auch
um diesen Menschen kümmern." Dann setzt er sich und ruft Freitag & Co. an: "Wie
ist die Adresse von Michael Teufel?" Mit keinem Wort erwähnt er den Leichenfund.
"Herrgott", stöhnt er, als er warten muss.
Sein Herzschlag vibriert in den Fingerspitzen.
********************************
Der grimmige Pickelgesichtige in der Pförtnerloge vom Uni-Center will erst nicht
mit der Sprache herausrücken, als ihn Hans-Werner Koritzius nach Michael Teufel
befragt. Erst anwortet er mit einem ominösen Schweigen, dann knurrt er: "Teufel?
Kenne ich nicht." Erst der Dienstausweis des Polizisten macht ihn gesprächiger.
"Teufel sagen Sie? Bei dem wundert mich überhaupt nichts", stellt er fest und
bringt mit der Austaste für das Tonbandgerät die Musiker von Kai Warner zum
Schweigen.
Koritzius muss sich am Geländer festhalten, um ruhig stehenzubleiben: "Wovon
reden Sie?"
"Ich habe bei meinem Chef schon das eine oder das andere zur Sprache gebracht...
"Das eine oder das andere?" Koritzius vergeht fast vor Neugierde.
"Wenn ich abends Dienst hatte, sah ich ihn immer so gegen 11 Uhr abhauen. Und
morgens kam er gegen 7 Uhr wieder. Der hat garantiert hier nicht gewohnt. Wie
sollte er auch? Als er jetzt auszog, ist er mit ein paar Kisten abgehauen. Keine
Möbel. Nichts."
Er schnappt nach einer Zigarette, obwohl noch eine im Aschenbecher glüht. "Was
hat der eigentlich beruflich gemacht?" Der Pförtner hebt den Kopf und sieht
seinem Gegenüber direkt in die Augen.
"Wieso fragen Sie?" Die Augen von Koritzius werden schmal.
"Er hat mir seine Visitenkarte gegeben. Warten Sie mal, ich habe sie noch in
meinem Schreibtisch... Hier ist sie. Michael Teufel, Infoleiter... Was ist das?"
***
Draußen vor dem Uni-Center rauschen Autos über die Luxemburger Straße.
Hans-Werner Koritzius achtet nicht auf den Verkehr, er schaut über die
Brillengläser hinweg: Die Visitenkarte hat er mitnehmen dürfen. Da steht noch
etwas: Pik7, Lünen. Was soll das nun wieder heißen? Etwa noch ein
Reiseveranstalter?
Kopfschüttelnd steigt der Bulle in die Straßenbahn der Linie 18: Womöglich hat
der Teufel Werksspionage betrieben...Klar, dass er hier nicht gemeldet ist, wenn
er aus Lünen stammt. Er starrt stier vor sich hin.
An der Haltestelle Poststraße steigt er aus, ist in fünf Minuten am Präsidium.
Im Aufzug ist die Luft drückend und knapp. Er muss sie sich teilen: mit einem
Mann mit einem flaumigen kleinen Schnäutzer. Koritzius schaut sich noch einmal
die Karte ein: Pik7, Lünen. Vielleicht ein Club der... Kartenfreunde? Quatsch!!!
"Haben die Sie auch reingelegt", meint plötzlich der Schnäuzer. "Was?", fragt
Koritzius nach einer langen Pause, "was? Warum?
"Nichts. Ich dachte nur", antwortet der Schnäuzer und steigt aus.
"Was, zum Teufel, meinen Sie eigentlich ?" sagt er zu dessen Rücken und bleibt
ohne Antwort.
Ein paar Augenblicke später erlebt er im Büro die nächste Überraschung. Lächelnd
blättert Paul Kratzenstein im Stern. "Auf Sie habe ich gewartet", sagt sein Chef
und deutet auf die Bilder vom Tatort, die auf dem Schreibtisch liegen. "Mir
scheint, dass", er bricht ab.
"Was scheint Ihnen?", fragt Koritzius.
"Mir scheint, dass uns jemand auf die falsche Spur locken will." Dabei blickt
Kratzenstein aus dem Fenster: Die Bäume schimmern in der Hitze.
"Wie kommen Sie darauf?" Koritzius guckt hohläugig.
"Eine Eingabe. Intuition, wenn Sie so wollen. Mehr nicht. Alles sieht wie das
Verbrechen eines Irren aus. Uns soll es zu perfekt erscheinen. Was machen wir
also? Wir suchen Gemeinsamkeiten zwischen Meuschel und Teufel. Oder wie der auch
immer heißt. Und diese Gemeinsamkeiten, die gibt es eindeutig. Als Täter kommt
nur der Hoppe in Frage. Logisch? Logisch! Doch der Hoppe hat ein Alibi. Hat die
Braun gerade überprüft. Das hat der Täter eingeplant. Und auch unsere Reaktion.
Wir suchen also weiter und weiter im Umfeld des Betriebes. Das kostet Zeit. Und
genau die braucht der Täter..."
"...Verstehe ich nicht", räuspert sich Koritzius.
"Wir sollen wochenlang, vielleicht monatelang nach einer Stecknadel im Heuhaufen
suchen. Während der Täter seelenruhig neue Verbrechen plant und ausführt.
Logisch. Finden Sie nicht auch?"
"Ich glaube, Sie haben recht", kommentiert Koritzius die verzwickte Erklärung,
die ihn nicht ganz überzeugt hat. Aber: Sie kommt von seinem Chef.
"Also ziehen wir Konsequenzen und kümmern wir uns um Verbindungen nach
Feierabend. Vermutlich ist das Privatleben der beiden interessant. Könnte mir
gut vorstellen, dass da etwas auf der SadoMasoSchiene gelaufen ist. Habe ich so
im Gefühl... Jetzt habe ich keine Zeit mehr. Wir sollten uns weiter darüber
unterhalten. Vielleicht am Montag. Tagsüber bin ich in Düsseldorf. Aber abends
können wir uns treffen...Was haben Sie denn?"
"Zahnschmerzen. Gleich habe ich noch einen Termin beim Zahnarzt." Hans-Werner
Koritzius ist aschgrau im Gesicht.
Er weiß so sicher, wie die Nacht auf den Tag folgt, dass ihm hektische Zeiten
bevorstehen.
***
Irgendwo im Haus mit den ockergelb gestrichenen Wänden bellt ein Hund.
Hans-Werner Koritzius schüttelt eine Zigarette aus seiner Packung und tastet
seine Jacke nach einem Feuerzeug ab. Ohne Erfolg. Missmutig watschelt er die
Treppen hoch. Natürlich nicht zum Zahnarzt. Um 10 vor 9 drückt er auf den Knopf
der Gegensprechanlage: "Ich bin's." Nach einem Knacken hört er: "Nehmen Sie noch
etwas Platz." Dann summt es, er drückt leicht gegen die Tür, schon springt sie
auf. Und er geht nach links in den total schmucklosen Raum. Zu den zehn
schwarzen Kunstlederstühlen mit verchromten Gestell, der Yukapalme und dem
kleinen Konferenztisch mit den abgegriffenen Zeitschriften hat sich etwas Neues
gesellt. Sein geschulter Blick entdeckt sofort die Videokamera in der Ecke. Kein
Grund zur Besorgnis. Das Objektiv ist mit einem Stoffzipfel verdeckt. Die
Fenster scheinen erst kürzlich ausgewechselt worden zu sein. An den
Aluminiumrahmen kleben noch Zettel mit Nummern drauf. Die abgestandene Luft
scheint den Mietvertrag gekündigt zu haben. Der Polizist starrt sein Bild im
reflektierenden Fensterglas an. Sein Haaransatz hat deutlich den Rückzug
angetreten. Er wendet sich ab. Natürlich hat er keine Zahnschmerzen. Aber den
Termin beim Psychoklempner kann er nicht zugeben.
Hinter der Brille zucken seine Augen über die Cosmopolitan. Auch dieses Blatt
hat schon bessere Zeiten erlebt. Er legt es zur Seite. Lehnt sich mit über der
Brust verschränkten Armen zurück.
Hans-Werner Koritzius schaut auf seine Uhr. 9 Uhr. Auf die Minute genau geht
nebenan die weiße Tür mit dem Milchglasfenster auf. Die Frau in dem weißen
Hosenanzug kommt auf rotgrüner Auslegware auf ihn zu, um ihm die Hand zu
schütteln: "Kommen Sie rein." Gemessen an ihrer Statur ist ihre Stimme
ungewöhnlich voll. Er schaut in bernsteinfarbene Augen: "Hallo."
Dr. Regine Schwirtz geht zu den Ohrensesseln, setzt sich und schaut ihn
erwartungsvoll an. Ihr Patient steht noch. Sie weist mit einer Handbewegung auf
den Sessel. Er setzt sich und bittet gleich: "Sie müssen heute etwas lauter
sprechen. Die Frau zieht fragend die Augenbrauen hoch. "Meine Ohren sind mir
beim Baden zugefallen..."
"...Und was machen Sie jetzt?", unterbricht sie ihn. "Bestimmt haben Sie schon
einen Termin beim Ohrenarzt." Total überrascht, seine Gedanken, ausgesprochen zu
hören, nickt er.
Alles wie gehabt, denkt sie. Und reibt sich mit den Knöcheln die Schläfen. Das
50 PfennigStück liegt noch immer auf dem Tisch. Sie streicht mit ihrem rechten
Zeigefinger über den Rand. Seine Augen können sich heute an ihr nicht sattsehen.
Ein paar Minuten genießt er es. Sie auch.
Dann widmet er ihr ein schiefes Lächeln, sieht sie von oben bis unten an. Denn
eine Meldung aus der Cosmopolitan will ihm nicht aus dem Kopf gehen. Dort steht:
Von über 300 Therapeuten gaben 31 Prozent zu, manchen Patienten gegenüber
Hassgefühle zu hegen. Würde sie soetwas zeigen, wäre er sofort am Ende allen
Lateins.
Hans-Werner Koritzius bemerkt ein leichtes Ziehen in den Augenhöhlen. Er holt
tief Luft, und als er sie wieder entweichen lässt, scheint damit auch ein seit
Stunden formulierter Satz zu entweichen: "Hier habe ich mich immer wohl gefühlt.
Hier brauchte ich keine Angst zu haben.
Die Ärztin ist eine gute Zuhörerin, geht aber zunächst nicht auf die Wahl seiner
Worte ein: "Warum sind die Gespräche hier so anders?"
"Sie machten bisher keinen Druck. Hier konnte ich normal sein.
"Eben so, wie Sie sind", bringt sie für ihn den Satz zu Ende. Eine leichte
Gänsehaut begleitet sein Kopfnicken.
"Und warum ist das jetzt nicht mehr?" Sie hat Daumen und Zeigefinger gegen die
Nase gepreßt.
Er muss zweimal kräftig niesen. Vor seinem inneren Auge läuft der Hauptfilm der
letzten Tage. Doch darüber kann er nicht sprechen. "Sie haben mir beim letzten
Mal vorgeworfen, ich würde einen Rückzug antreten", beginnt er.
"Nicht vorgeworfen. Sondern festgestellt", bemerkt sie. Ihr freundliches Lächeln
kann seine Wut nicht lindern. Aber er ist stolz auf seine Selbstbeherrschung.
Sein Adamsapfel springt hoch und nieder.
"Das ist nicht ein Rückzug. Sondern ein Umzug." Er kann sein Herz klopfen hören.
Hoffentlich kriegt sie nichts mit.
Obwohl sie seine Beschreibung für hanebüchel hält, bleibt sie ganz ruhig: "Wie
meinen Sie das?"
"Ich weiß nicht, ob Sie das verstehen können. Ich habe mich eines Besseren
besonnen. Mein Umzug in ein anderes Leben erspart mir Frust..." Er starrt auf
seine Hände, die er über dem Bauch verschränkt hat. Und nickt mit dem Kopf.
"...Und bringt auch keine Höhepunkte", ergänzt sie. Und trifft ihn mit dem
Anflug eines ironischen Lächelns. Das soll aber nicht den Respekt schmälern. Sie
will ihn nur auf seinen selbstzerstörerischen Weg hinweisen. Normalerweise
bemüht sie sich, dass ihr Gesprächsanteil bei einem Drittel liegt. Doch ihm
fehlt längst jedes kritische Hinterfragen seiner Positionen. Das will sie ihm
verdeutlichen.
"Das stimmt. Aber ich bleibe dabei, dass es ein Umzug ist!" Ganz so überzeugend
klingt es nicht, denn Koritzius wehrt sich gegen den Drang seines Körpers, zu
hyperventilieren. Und fragt sich, was nun noch kommen wird. Neuerdings fühlt er
sich bei ihr immer öfter wie im Fegefeuer einer Gummizelle. Sie spürt, dass
etwas ihm den Kopf zermartert. Aber wartet ab.
"Warum passiert hier nichts mit mir?" Jetzt spielt er den total Unschuldigen.
"Was soll den passieren?" Sie hält in seinem Gesicht nach irgendeiner Regung
außchau, ohne jedoch eine solche festzustellen.
"Dass ich mich besser fühle!" Er will nicht die Piccoloflöte in dieser
Aufführung spielen.
"Dafür müssen Sie schon selbst sorgen. Psychotherapie kann nicht die Lawine
auslösen. Sie selbst müssen den Schneeball schmeißen. Das nehme ich Ihnen nicht
ab. Und kann es auch gar nicht.
Was können Sie überhaupt? Koritzius fragt lautlos. Dabei sieht er zu Boden,
massiert sich den Nacken. Und sehnt sich nach einer kugelsicheren Weste.
Montag, 20. Juni
Das Seufzen des Windes lässt die Zweige der Sträucher aneinander reiben. Aber
gegen das Plätschern des Brunnes hat es keine Chance. Als Hans-Werner Koritzius
in den Biergarten von Küppers kommt, haben Sorgenfalten längst seine Stirn in
Besitz genommen. So schleicht er zwischen den Tischen herum. Unter den Blicken
der Leute scheint er zusammenzuschrumpfen. direkt vor der Langen Theke sieht er
Paul Kratzenstein stehen. Ein Kerlchen mit Rattenaugen packt ihm gerade
Leberkäse und SpeckKartoffelsalat auf seinen Teller. Kratzenstein sieht den
Neuen und nickt ihm zu. An den Tischen sind um diese Zeit noch einige Plätze
frei. Koritzius geht mit eingeknickten Knien zum Brunnen und pflanzt sich dort
an einem Tisch hin. Er ist nervös, kennt aber keinen konkreten Grund.
Kratzenstein setzt sich direkt neben ihn. Und kümmert sich nicht um den
kritischen Blick, der auf ihn lauert.
In der Innentasche seines Blousons aus Seide schleppt er schon seit Tagen die
Obduktionsbefunde mit sich herum. In den Mundhöhlen der Toten sind
Chloroformspuren gefunden worden. Die Verletzungen waren frisch. Offenbar sind
die Leichen geschändet worden. Was war der gemeinsame Nenner von Meuschel und
Teufel? Eine Frau? Wer war überhaupt dieser Teufel? Das Gelehrtengesicht sieht
sich vielen Problemen gegenüber, die ihm Kopfschmerzen bereiten.
Eine Blondine mit einem drahtigen, duchtrainierten Körper und einem von
Sommersprossen gesprenkelten Gesicht stellt ein Kölsch und ein Diesel ab. Sie
hat ihr rotblondes Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengefasst. Ihre Anwesenheit
verunsicher Koritzius. Darum ist er heilfroh, als sie weitergeht. Denn seine
Gesichtsfarbe hat er nicht im Griff. Einige Tropfen Schweiß kullern von der Nase
herab. Vor seinen Augen tanzen blaue Lichtpunkte herum. Mit überwältigender
Intensität dringt der Geruch von ausgebrannten Zissimännchen, nicht rechtzeitig
umgedrehten Bratwürsten und abgestandenem 4711 an den Tisch. "Friedhofsgestank",
schnaubt Koritzius zurück. Und trommelt nervös auf den Tisch, bis ihn ein
Stirnrunzeln von Kratzenstein verstummen lässt. Er lauscht dem Schmatzen vom
Nachbartisch wie ein Messdiener einer Vorlesung über Okkultismus. Eine Biene
summt um ihn herum. Aber der Alte zeigt keine Angst. Darum lässt sie ihn in
Frieden.
Eindeutig ist Koritzius ganz woanders.Im Geist schleicht er einen Gang voller
Lederanzüge, Ketten, Peitschen und Gummimasken ab Er ist von Sehnsucht
eingehüllt. Aber seine Lust ist ihm nicht recht geheuer. Denn es fällt ihm immer
schwerer, klare Gedanken zu fassen.
"Wie war es in Düsseldorf?", fragt Koritzius.
"Gutgut", sagt Kratzenstein. Mehr nicht. Aber er legt seinem Mitkämpfer die Hand
auf die Schulter und beginnt zu fragen: "Sind Sie eigentlich noch in
psychotherapeutischer Behandlung?" Wie von einem magischen Faden gezogen, hebt
er seine Augenbrauen hoch, um das Gefragte zu unterstreichen. Unter dem Tisch
hat er seine Beine übereinandergeschlagen.
Die Faust von Koritzius spannt sich um das Glas. Seine Handfläche hinterlässt
eine Schweißspur. Die ersten Anzeichen von hereinbrechender Dunkelheit vertiefen
die Furchen in seinem Gesicht mit dem Krokodilslächeln auf den Lippen. Seine
Augen weiten sich.
Ein Paar ausgelatschter Schuhe zeigt auf ihn: "Kann ich abräumen?" Koritzius hat
die Frage nicht mitgekriegt, seine Reflexe steuern das Nicken.
"Hmhhh. Noch immer", spuckt er mit völlig ausdrucksloser Stimme aus. Erst heute
morgen, ergänzt er in Gedanken. Spricht es aber nicht aus.
"Haben Sie noch immer Ängste?", will Kratzenstein wissen.
"Hmmm", brummt Koritzius, während er sich die Schuhbänder knüpft. "Beim
Autofahren." Ein Hund schwänzelt zwischen seinen Füßen herum. Das irritiert
Koritzius, er tritt nach dem Kläffer, der sofort Leine zieht.
"Und wie ist die Beziehung zu Ihrer Frau?
Koritzius will gerade sein Feuerzeug an eine Zigarette halten. "Es geht..Es
geht", unterbricht er sich dabei.
"Haben Sie noch immer diese Schuldgefühle?"
"Was?...Ja."
"Und woran liegt das?
Koritzius ist blass geworden. "Nicht, dass ich wüßte", anwortet er, als sei es
auch nicht zu erwarten, dass er irgendwann mal Bescheid wisse.
Kratzenstein lässt die Schulter los, widmet sich kurz seinem Glas und wechselt
die Route: "Wir tappen total im dunkeln. Selbst in Düsseldorf nervt mich unsere
Pressestelle am Telefon. Aber die wird ja auch von irgendwelchen Presseleuten
genervt. Warum kommt die Polizei nicht voran? Warum hat sie noch immer keine
Spur von dem Bastard? rauscht es im Blätterwald.
Punkt! lässt keine Gelegenheit aus, sich in den Mittelpunkt zu stellen und
bringt quasi einen Countdown bis zum kommenden Mittwoch. Dagegen ist die
Kölnische Rundschau mal wieder handzahm. Sie spricht nur von Ermittlungen in
Zeitlupe. Der Kölner StadtAnzeiger ist ein richtiger Wadenbeißer. Er hat
geschrieben, das Gelände am Fühlinger See sei von der Polizei solange abgesucht
worden, bis auch schließlich keine Spur mehr zu finden war. Der Express soll
inzwischen die Verlosung von weißen T-Shirts mit aufgedruckten Wäscheklammern
planen. Geschmacklos!
Kratzenstein verdient seine Gage redlich. Er denkt kurz nach, bevor er
fortfährt: "Was ist das für eine Frau, die uns zur zweiten Leiche bestellt hat?"
Er spielt am Bierdeckel herum, während er auf seine Hände starrt. "Hat die was
mit der Sache zu tun? Was haben die abgeschnittenen Brustwarzen zu sagen?" Er
wirft seinem Kollegen einen kurzen Blick zu. "Die Kollegen in Bochum haben sich
in der Umgebung von diesem Meuschel umgehört. Nichts ist dabei herumgekommen.
Nichts, was irgendwie für uns zu gebrauchen wäre." Koritzius ist selbst auf dem
laufenden. Er nickt. Kratzenstein fährt fort: "Und dann dieser Michael Teufel.
Wie heißt er wirklich? Was wollte er eventuell bei Meuschel ans Tageslicht
bringen?" Sein Gesicht wirkt angespannt. Weitere Fragen gehen über die Bühne:
"Ist er wirklich ein Maulwurf? Warum hat er so plötzlich seine Zelte
abgebrochen? Wo ist er hin?...Wir kommen irgendwie nicht voran."
Koritzius zückt die Visitenkarte: "Die habe ich im Uni-Center gekriegt. Können
Sie sich unter Infoleiter was vorstellen?" Die zwei wechseln einen unbeholfenen
Blick. "Keine Ahnung. Pik7 in Lünen. Haben Sie dort schon was rausgekriegt?"
Koritzius räuspert sich: "Nein. Die Kollegen kennen Pik7 nicht. Und das
Amtsgericht macht heute einen Betriebsausflug. Morgen versuche ich es noch mal
beim Handelsregister."
"Gut", nickt Kratzenstein. "Trotzdem müssen wir neue Wege gehen." Seine Stimme
hat jetzt den Tonfall eines Lehrers angenommen, der den Schuldezernenten der
Unfähigkeit überführen will. "Und welchen?" will Koritzius mit einem leicht
metallischen Klang in der Stimme wissen. Er hat irgendwie Lunte gerochen. Ahnt,
dass jemand über seinen Schatten springen soll.
Mit Ausnahme der kalten, entschlossenen Augen ist das Gesicht von Kratzenstein
freundlich geblieben. Er verschränkt seine Arme hinter dem Rücken. Und kann sich
ein Grinsen nicht verkneifen: "Einen Weg, der möglicherweised über Ihren
Psychotherapeuten und über Roth führt." Das ist nicht selbstlos! Er will weiter
aufsteigen, aber sein Ruf als Polizeiguru droht inzwischen der Hauch von Patina.
"Was?" Koritzius wirkt jetzt wie jemand jenseits des Mindesthaltbarkeitsdatums.
"Was sagen Sie???" Auf dem Rücken sträuben sich seine Haare büschelweise.
Kratzenstein kostet für einen Moment das helle Entsetzen in den Augen seines
Gehilfen aus. "Den Seelenklempnern bei uns im Hause traue ich viel zu. Aber ob
sie einen Köder legen können, da bin ich skeptisch. Besonders dann, wenn sie mit
der Presse zusammenarbeiten sollen", stellt er fest und sehnt er sich nach einer
Zigarette. Aber der Gedanke an seine Operation belehrt ihn eines besseren.
"Nachher kommt der Roth vorbei. Dann können wir alles besprechen."
Koritzius spürt den Gehalt von Entschlossenheit. Dem hat er nichts
entgegenzusetzen. Ihm macht das Ganze überhaupt keinen Spass. Wenn er nur an
Roth denkt. Er jippert regelrecht dem Heimweg entgegen.
*****************************09
Während Kratzenstein und Koritzius neue Polizeitaktiken ausbaldovern, biegt
Carlheinz Roth mit seinem Alfa vom Militärring in die Berrenrather Straße ab.
Ein leichtes Zischen stört den Radioempfang, am Ende der LieserStraße stellt er
seien Wagen ab. Aus dem Zischen ist ein sattes Fauchen geworden. Der Journalist
geht in den Beethovenpark. Ohrenbetäubender Lärm schlägt ihm entgegen. Auf der
großen Wiese sieht er einen Mann mit strohblonden Haaren eifrig an einem Ballon
zupfen. Umringt von Leuten. Immer wieder versucht der Blonde ein Wirrwarr von
Leinen zu ordnen. Ein Ventilator erweckt die ausgelegte Hülle zum Leben. Dann
füllt sie der Gasbrenner stöhnend mit heißer Luft. Die hellblaue Seidenhaut
erwacht zum Leben. Sanft ziehen die Leinen an der Holzkabine. "Hey, wollen Sie
auch noch mit", ruft der Blonde freundlich. Vor dem Sprechen hat er die Lippen
gespitzt. Carlheinz Roth kommt nicht umhin, das Lächeln zu erwidern. Das Zögern
macht dem Piloten nichts aus: "Sie können noch mitfahren. Ein Platz ist noch
frei." Das Gesicht verzieht sich zu einem Kommschonkommschon-Lächeln. Seinen Arm
hat er in die Höhe gerichtet, wie ein dirigent vor dem Schlussapplaus. Der
Reporter macht gute Miene zum etwas bösen Spiel: "Würde ich ja gerne. Aber ich
habe keine Zeit...Leider." Wohl wissend, damit nicht genau den Grund genannt zu
haben.
"Hat Ihnen Ihre Frau nicht freigegeben?" fragt der Pilot mit trockenem Humor und
wirft einen Blick auf den Zuschauer.
Bei der Premierenfahrt des neuen Luftschiffes mit der Punkt! Werbung soll Roth
die Zeitung vertreten. Und die Gewinner begrüßen, die ausgelost wurden. Aber
dafür ist es schon zu spät. Mist! Warum musste ich noch in die Stadt fahren.
Mist!!!Für den Verlag soll er auch darauf achten, dass die Reklame gut sichtbar
ist. Das Übliche eben.
Ohne einen Ruck hat sich der Ballon von der Wiese gelöst. Die Sonne zieht ihn
gen Himmel. Zum Abschied wirft er Carlheinz Roth etwas zu: den duft von Joop!
Femme.
Mit einem festgefrorenen Lächeln sieht er dem Ballon nach. Und er hat das
Gefühl, dass sein Glück auf ziemlich schwachen Füßen steht. Dabei zerfällt sein
Gesicht in unzählige Runzeln. "Verdammte Scheiße", knurrt er und betrachtet
seine Hände. Sie zittern wie Espenlaub. Er möchte sich ausmalen, was einer
Gewinnerin in diesem Moment durch den Kopf geht. Die mitfahren kann, weil er
eine Karte mit ihrem Namen ausgefüllt und sie gegen eine mit einem bereits
gezogenen Unglücksvogel ausgetauscht hat. Seine Nasenflügel zucken.
Tatsächlich fragt sich die Frau, warum sie vor so einer Tour nicht nochmal aufs
Klo gegangen ist. Wo ihr der Termin am Nachmittag etwas auf den Magen geschlagen
ist.
***
Nachdem sich der erste Schreck über das entgangene Treffen gelegt hat, kann
Carlheinz Roth wieder etwas ruhiger atmen. Am Nachmittag hat ihn Paul
Kratzenstein angerufen: "Kommen Sie bitte heute gegen 8 in Küppers Biergarten."
Die Worte genügten um seine Neugierde zu wecken. Also fährt er in die Südstadt.
Links und rechts der Alteburger Straße gähnt die Brauerei vor sich hin. Kurz vor
der Kreuzung mit der Darmstädter Straße schaufeln zwei Arbeiter in
orangefarbenen Jacken heißen Teer auf die Fahrbahn. Carlheinz Roth steuert
seinen Alfa mit Reifengequietsche vor ihnen auf den viel zu kleinen Parkplatz.
Von solchen Kleinigkeiten lässt er sich nicht die Stimmung vermiesen. Er stellt
seinen Wagen auf eine reservierte Fläche. direkt neben ein Fahrrad, das vor sich
hinrostet. Roth steigt schnell aus. Der Wind hat das Gras neben ihm gescheitelt.
Ganz in der Nähe rumpelt eine Straßenbahn über die Kreuzung. durch die Büsche
sieht er ein Blaulicht zucken. Er geht rüber zum Biergarten. Vor ihm stöckelt
eine Blondine in zerschnittenen Jeans her. Seine Augen leuchten auf. Ein
Radfahrer muss eine Vollbremsung machen, denn die Ampel für die Fußgänger zeigt
rot. Nur daran stören sie sich nicht.
Carlheinz Roth bläst seinen Brustkorb auf. Und hält die Fahne eines
bevorstehenden Triumphs hoch. Er spürt, dass es heute um den Fitnesstest für die
berufliche Zukunft geht. Mit seinem Handy in der Hand geht er in den Biergarten.
Am Eingang steht eine schwarze Tafel. "Jazz live am Sonntagmorgen" steht in
weißer Kreide geschrieben. Zweimal dick unterstrichen. Der Kies knirscht unter
seinen Schuhen. Gleich am Brunnen sieht er Kratzenstein und Koritzius sitzen.
Der Kripochef wirft ihm ein "Hallo" zu. Der Biedermann verdreht seinen Kopf
krampfhaft zu einen Nicken. Ihm klebt das Hemd am Körper. Er zieht ein
blütenweißes Taschentuch aus der Hose und tupft sich die Stirn. Das nutzt nur
für einen Augenblick etwas. Die Furcht sitzt wie ein ungebetener Gast schon die
ganze Zeit mit am Tisch. Wie gerne würde er Roth was ans Zeug flicken. Aber
dafür fehlt ihm der Joker. Überhaupt erinnert ihn das Ganze an Gespräche seiner
Eltern, die an ihm oftmals vorbeizogen.
Koritzius zuckt unwillkürlich zusammen, als Roth ohne Umschweife fragt: "Was
kann ich für die Polizei tun?" Auch Kratzenstein kommt sofort zur Sache: "Viel.
Uns dabei helfen, den Mörder von Meuschel und Teufel zu fassen." Roth hebt
verwundert die Brauen: "Und wie soll das ..." Noch bevor er den Satz zu Ende
gebracht hat, bekommt er zu hören: "Für den Erfolg spielt ihr Blatt eine
entscheidende Rolle." Den Hauptgrund verschweigt Kratzenstein geflissentlich. Er
will seine obersten Chefs in Düsseldorf auf sich einstimmen. Und dabei soll die
Presse helfen. Aber das kann natürlich nur klappen, wenn der Fall erfolgreich
ausgeht. Roths Miene ist eine einzige Frage. Er sieht die Visitenkarte auf dem
Tisch liegen und merkt sich Wort für Wort.
"Wir tappen alle im dunkeln", gibt Kratzenstein zu. Sein Mitarbeiter lässt ein
tiefes Seufzen hören. Roth starrt Kratzenstein an. Im Augenwinkel kann er
Koritzius sehen, dem die Unterlippe zittert, und bekommt zu hören: "Etwas haben
wir herausgekriegt. Der Meuschel ist im Holiday Inn umgebracht worden. Im
Badezimmer der Suite fanden wir Blutspuren. Und ein Halsband ... "
"Ein Halsband?"
"Ja, ...
"...Ein Halsband?"
"Ja, mit Nieten besetzt."
"Ach so, ach so." Roth nickt sich selbst zu. Obwohl er gar nicht genau weiß, was
so ein Halsband zu bedeuten hat. "Ja, was soll ich denn überhaupt tun?"
"Sie sollen mit Geschichten in Ihrem Blatt den Täter so provozieren", erläutert
Kratzenstein, dass er in eine Falle tappt." Er lauert auf eine Antwort.
Koritzius klappert mit den Lidern, räuspert sich leise. Er wagt sich nicht
einzugestehen, dass es in jedem Spiel auch Platz für Verlierer gibt.
"Ich verstehe nicht recht. Wie soll das gehen?" Er ist als Journalist nicht mehr
ausgelaucht. Hat seine Neugierde aus dem Pfandhaus zurück. Kratzenstein räuspert
sich: "Ein Psychologe sagt Ihnen, wie Sie den Burschen reizen können. Wie er
sich provozieren lässt. So haben wir eine Chance, ihn zu kriegen. Einzelheiten
müssen wir noch festlegen." Bei Koritzius breitet sich immer mehr Resignation
aus. Denn er hat dafür nichts übrig.
Roth wirft den Polizisten ein Stück Zucker zu: "Dieser Teufel heißt eigentlich
Axel Weiß. Vor vielen Jahren habe ich ihn mal bei einem Volontärkursus
kennengelernt und ihn aus den Augen verloren. Jetzt lief er mir wieder über den
Weg. Wahrscheinlich ist er Enthüllungjournalist geworden. Oder hat es wenigstens
versucht." Roth tut sein Bestes.
Er hat alle Eigenschaften eines guten Journalisten: Reaktionsfähigkeit, eine
gute Schreibe und einen Blick für das Erkennen von Geschichten. Den bewies er
kurze Zeit auch als Medizinredakteur. Seitenweise berichtete er über
Handaufleger, Wünschelrutengänger und Erfinder von Wunderpillen. Die Auflage des
Blattes stieg. Solange, bis der Verlagsleiter auf so einen Messias hereinfiel
und die Serie sofort gestoppt wurde.
"Warum sind Sie damit nicht früher herausgerückt?", tobt Koritzius.
"Ich habe es erst jetzt erfahren,... Und was springt eigentlich bei dieser
Aktion für mich heraus?" Roths Stimme klingt trotzig. Er spürt, dass seine
Stunde geschlagen hat. Dass die Schmutzarbeit endgültig im Papierkorb liegt.
"Sie bekommen die Festnahme exklusiv", heißt das Versprechen. Kratzenstein hat
das Gefühl, auf keinen Fall zuwenig erzählen zu dürfen. Aber auch noch nicht
zuviel. Über Details kann er sich noch immer den Kopf zermartern. Oder andere.
Koritzius hat das Gespräch aufmerksam verfolgt. Und in ihm wächst die
Erkenntnis, dass er bei diesem Spiel noch nicht einmal auf der Reservebank
gebraucht wird.
"Okayokay. Zwei Bedingungen!" Roth ist von Selbstsicherheit eingehüllt. "Ich
bekomme alle Informationen von Ihnen. Und" i c h" suche den Seelenfachmann aus.
Er darf nicht aus Ihrem Haus kommen." Seine Augen leuchten auf.
"Wenn Sie meinen. Okay!", nickt Kratzenstein.
Koritzius wirkt noch immer eingeschüchtert, aber gleichzeitig auch erleichtert.
Sein Einwand kommt matt: "Bei uns im Haus ist aber noch nichts abgeklärt" gibt
er zu bedenken. Das überhören die anderen scheinbar regelrecht.
Aber Kratzenstein hebt die Augenbrauen, um dem Informationsfluss einen Riegel
vorzuschieben.
***
Das Selbstbewusstsein von Carlheinz Roth ist alles andere als unterenwickelt.
Nach dem Treffen mit Kratzenstein und Koritzius ruft er noch vom Auto seine
Freundin an. Sie kommt gerade von der Ballonfahrt zurück, die nur bis Dormagen
ging. Dort musste jemand dringend aufs Klo. Total aufgedreht klingt Roths
Stimme: "Ich muss dich ganz, ganz dringend sehen." Warum? Kurze Pause. "Du musst
mir helfen. Und den Bullen. Bitte." Sie verzieht den Mund zu einem Grinsen. Aber
das kriegt er nicht mit.
Eine halbe Stunde später ist er aufgeregt wie ein Tanzschulneuling, der auf
seine erste Flamme wartet. Er steckt sich eine Lucky Strike zwischen die Lippen.
Und klopft sich über die ausgebeulten Taschen seiner Popeline-Weste. Nichts zu
machen. Hilfesuchend sieht er sich nach Feuer um. Ein bleistiftdünner Kellner
mit Froschaugen springt herbei und antwortet mit einem Päckchen
Streichhölzer.Dabei fällt sein Blick auf die alte Bahnhofsuhr, die an der Decke
hängt. Genau 11 Uhr. Im großen und ganzen scheint Pünktlichkeit ihre tägliche
Medizin zu sein. Seine Finger trommeln auf der Theke. Unruhig rutscht er auf
seinem Hocker hin und her. Dann gehen ihm die Augen über, als Regine Schwirtz
auf gefährlich hohen Absätzen hereinstiefelt. direkt auf die schwarze Theke mit
den Aschenbechern und den Schalen mit Erdnüssen zu. In seinen Ohren rauscht das
Blut.
Sie hat ein Gardemass von 1,79 Meter. Als junges Mädchen hat sie unter ihrer
Länge gelitten. Heute mit 30 legt sie sogar noch etwas drauf, weil sie die Höhe
genießen kann. Und auch die Erfahrung, nirgendwo übersehen zu werden.
Die Ärztin mit den kastanienbraunen Haaren begrüßt den Journalisten mit einem
Kuss auf die Wange. Nichts Besonderes für sie. Aber: Soviel glänzende Augen muss
sie erst einmal verdauen.
Die beiden kennen sich von der Volkshochschule her. Von einem Russischkursus im
Wintersemester. Ihm drohte damals eine Korrespondentenstelle in Moskau. Sie
hatte gerade zum ersten Mal die Scheidung eingereicht. Schließlich nahm er die
Stelle nicht an, das Gehalt stimmte nicht. Sie zog den Antrag zurück. Zumindest
für ein halbes Jahr. Aber im Frühjahr fiel der Kursus ganz ins Wasser. Die
Teilnehmerzahl war zu niedrig.
Die stickige Luft riecht nach allen möglichen Deos. Links von ihnen hocken ein
paar BWLStudenten aus dem dritten Semester. Sie geben sich wie Abend für Abend:
Nach neun Kölsch lösen sie wieder einmal alle ökonomischen Probleme der Welt in
sechs Minuten.
Der Deutz Geldermann schäumt schon kurze Zeit später die Wände der Gläser hoch.
Carlheinz Roth nimmt seinen Sektkelch und schaut tief in glutvollen Augen, die
heute hinter einem Schildpattgestell versteckt sind: "Komm, stoß mit mir an. Zum
Feiern gibt es einen Grund." Seine Stimme ist fest. Die Frau sieht ihm ins
Gesicht. Sofort senkt er die Augen. Sie sieht es hinter seiner Stirn arbeiten.
Und versucht ihn abzulenken: "Einen Schluck nur. Ich kann das Zeug nicht
vertragen. Ich kriege davon immer Sodbrennen. Weißt du doch." Leider weiß er es
nicht, aber er nickt trotzdem. "Du musst mir auch den Grund sagen", fordert sie
und lacht: "Vielleicht weil ich bei Eurem Preisaußchreiben... äh...gewonnen
habe." Es ist ein Lachen von innen. Ihr Grübchen tanzt sogar einen Reigen. Er
bleibt ihr erst einmal die Antwort schuldig: "Prost!" Eine Weile ist es an der
Theke still, bis auf die Righteous Brothers vom Band.
Ein pedantischer Jugendherbergsvater hat hinter dem Paar Position bezogen. Und
flucht über die rumänische Gebrauchsanweisung für seinen Casio-Taschenrechner.
Der zerknitterte Gesichtsälteste mit der Softeis-Miene und einer Prinz
Eisenherz- Frisur in seinem Schlepptau fuchtelt an seinem Handy herum. Wie gerne
würde er jetzt in den Äther sabbern. Aber vorher müßte es klingeln. Damit es
alle mitbekommen. Schade! Niemand ruft ihn an. Warum auch? Zwischendurch feuert
er eine leere Zigarettenschachtel in die ungefähre Richtung eines Papierkorbs.
Natürlich trifft er nicht.
Roth steckt sich die Lucky Strike an, macht einen tiefen Zug und behält sie im
Mund. Mit der linken Hand zieht er an seinem rechten Mittelfinger, bis es
kracht. Dann nimmt er sich den Ringfinger vor und brabbelt los: "Die Brille
steht dir. Tipptopp." Die Frau gluckert vor Lachen. Psychologisch sind sehr
viele Gespräche mit ihm ein Kinderspiel.Sie greift in der Tasche nach einem
Etui, klappt es auf, holt ein Tuch heraus und putzt ihre Gläser. In der Tasche
klappert ein Schlüsselbund. Fast läuft seine Libido Amok. "Ich habe heute morgen
im Badezimmer eine Linse verloren. Darum musste ich die alte Brille nehmen." Er
hängt regelrecht an ihren Lippen. "Warum musst du mich so dringend sehen?"
Wieder einmal steht ihre Direktheit an vorderster Front.
"Wastrinken", tönt hinter ihnen ein Ober mit Schnöselschlips im Kasernenhofton.
Roth dreht sich um. Die Augen stechen wie Halogenscheinwerfer. Der Herbergsvater
und der Typ mit dem Handy sind ein Herz und eine Seele: "Mineralwasser."
Roth wischt Krümel von der Theke: "Hmmm. Gestern hat mich unser Chefredakteur
angerufen. Ich soll nach Bremen gehen. Als kommissarischer Leiter der
Nachrichtenredaktion." Dann beißt er in Tomaten mit Mozzarella, mampft nicht
ganz so zufrieden, leckt sich nach altbewährter Manier die Finger ab. "Priiima.
Willst du auch mal probieren?" Die Zigarette schmaucht im Aschenbecher so vor
sich hin. Ihm ist es egal, was er raucht. Markentreue kennt er nicht. Die aktive
Nichtraucherin drückt die Lucky aus. Und nimmt einen Bügel ihrer Brille in den
Mund: "Was haben die Bullen damit zu tun?" Der Ober bringt ihr Kännchen Ceylon
BrokenTea. Bevor sie sich einen Schluck genehmigt, nimmt sie das Plätzchen von
der Untertasse und beißt hinein. Die Krümel fallen in seinen Sekt.
"Nicht schlimm", sagt er in einem Ton, der keinerlei Zweifel lässt, dass es
schlimm ist.
Es wird immer voller. Zwei Hocker weiter pflanzt sich ein aknenarbiger Kollege
von Roth hin. Sein Rasierwasser stinkt erbärmlich. Er will Kriegsberichte
loswerden. Sein Begleiterin muss daran glauben. "Im Advokat treffe ich heute
morgen einen jungen Anwalt. Der ist völlig aus dem Häuschen. Willst du wissen,
warum?" Nichts könnte ihn davon abhalten, es zu erzählen. "Seine allererste
Verhandlung. Sein Mandant soll versucht haben, eine Frau zu bumsen. Gegen ihren
Willen. Versuchte Vergewaltigung, heißt es in der Anklage. Und der Anwalt will
auf ein mildes Urteil hinaus. Weil der Typ nicht genau abchecken konnte, ob sie
sich echt wehrte oder nicht.Versuchte Vergewaltigung, du Trottel, sage ich.
Damit gibst du doch zu, dass Dein Mandant was wollte. Nein, auf Freispuch musst
du hinaus. Und nicht auf versuchte Vergewaltigung. Das hat er dann auch gemacht.
Rate mal, wie das Urteil lautete?" Sie gluckert vor Lachen. Er ist total
irritiert.
"Die Bullen?" Roth guckt wie vom Blitz getroffen. Damit kann er zunächst
überhaupt nichts anfangen.
In der Ecke kräht das Telefon. Eine Blondine in einem lachsfarbenen Pullover
kommt aus der Küche gesprungen und reißt den Hörer von der Gabel: "Café Central.
Uschi...
"Ja, die Bullen." Sie spürt schon die ganze Zeit, dass ihm etwas auf der Seele
brennt. "Hast du mir wenigstens am Telefon gesagt." Sie sieht ihn herausfordernd
an. Und hat weiter das Lächeln für Pepsi-Cola, er im Moment für Almdudler.
"Ach, ja." Carlheinz Roth steht von seinem Hocker auf, stützt sich an der Theke
ab und hustet die Stimmbänder frei. Jetzt kriegt er alles wieder auf die Reihe.
Sofort steht sein Barometer auf Hochhochhoch. "Also, die Bullen... du hast doch
bestimmt von diesen Toten mit den abgeschnittenen Brustwarzen und den
Wäscheklammern in Punkt! gelesen." Er drückt seine Zigarette im Aschenbecher
aus. Und greift schon wieder in die Schachtel.
Der Typ mit dem Handy geht zur Treppe, die zur Toilette führt. Und taucht sofort
wieder auf. Offenbar in der Hoffnung, mit irgend einem Menschen
zusammenzustossen, der ihn verfolgt. Aber da ist keiner. Noch eine Enttäuschung.
"Im Stadt-Anzeiger stand's auch. Aber was habe bitteschön ich damit zutun? Das
musst du mir genauer erklären." Der Kellner nimmt den Aschenbecher von der Theke
und leert ihn. Dann stellt er ihn wieder hin. Nach endlosen 20 Sekunden fährt
Roth fort: "Die Polizei hat überhaupt keine Spur von dem Täter. Diesem
Geistesgestörten."
"Ihr Problem." Irgendwie spürt sie aber, dass dieses Problem bald flächendeckend
sein wird.
Roth setzt sich wieder. Er sieht auf die Rauchstange und klopft sie über dem
Aschenbecher aus. "Und darum hat sie mich gebeten, dass ich mich einschalte.
Bestimmt hängt bei denen der Haußegen schief." Manchmal beherrscht er die platte
Rede. Und er möchte noch etwas sagen, was coole Stranger sonst noch so alles
sagen. Aber im Moment fällt ihm nichts ein.
Sie stützt einen Arm auf und schaut ihn von der Seite an: "Und dann kommen Sie
zu dir? Ist ja toll."
Er nickt und summt Mighty Quinn mit. "Muss das sein?", knurrt sie leise. Sofort
verstummt er. Und sieht ihren Blick, der den Anzug der Ironie abgestreift hat.
"Du willst mich wohl verarschen? Dich gebeten, dass ich nicht lache.
Drei Feuerwehrwagen brettern mit Blaulicht und heulenden Sirenen über die
Lindenstraße. Aber sie sind keine Magneten. "Dochdoch. Das kann man so sagen.
Naja. Sie will bei den Ermittlungen einen neuen, ganz ungewöhnlichen Weg gehen.
Ich soll mit dem Menschen von der Kripo ein Interview machen. Aber die Fragen
und Antworten sollen abgesprochen sein. Du sollst sie ausarbeiten und mit diesem
Typen...äh...Koritzius heißt der...absprechen."
"Iiich?" klappert sie mit den Zähnen. Der Name hallt in ihrem Kopf nach. Über
ihren Rücken kriecht eine Gänsehaut.
Der Aknenarbige läuft im Stechschitt vorbei. Sein Rasierwasser bleibt zurück.
Die Mieze rennt ihm hinterher. In ihren Augen staut sich das Wasser. Aber keine
einzige Träne folgt dem Gesetz der Schwerkraft.
"Ja, aus der Sicht des Psychologen. Der Täter soll sich regelrecht provoziert
fühlen. So will man ihn aus der Reserve locken. Machst du mit?" fragt er so, als
ob er die Antwort schon im Geist formuliert hat. Dabei schlägt er die Beine
übereinander.
Regine Schwirtz hat längst kein Lächeln mehr auf den Lippen. "Hoffentlich geht
das gut." Die Worte klingen gepreßt. Sie wiegt bedächtig ihren Kopf und streckt
die Hand nach einer Zigarette aus: "Hast du mal eine für mich?"
***
Dienstag, 21. Juni
Noch im Central wusste Carlheinz Roth ihre Neugierde zu nutzen. Und verabredete
sich mit ihr für den nächsten Tag. Obwohl er sie schon gestern für etwas
überanstrengt hielt.
Aber darauf kommt es nun wirklich nicht an.
Ganz in der Ferne meldet sich ein Gewitter an. Doch Donner und Blitze sind jetzt
noch ohne Chance. Chuck Berry und sein Johnny B. Good erschüttert weiter Wände
und Flachdach des Holzhauses am Tretbootsteg. Dagegen ist Charlie Rich mit
seinen Countrysongs nur der zweite Sieger. In den Sträuchern blubbern Vögel vor
sich hin. Dr. Regine Schwirtz rührt endlos in ihrer Schokolade mit Amaretto, und
hat dabei ein Auge auf den Decksteiner Weiher gerichtet, dem die Tretbootfahrer
die Mittagsruhe stören.
Aber für Klagen hat er an einsamen Wintertagen noch genügend Zeit.
"Komm, sage endlich, was dir durch den Kopf geht", fordert Carlheinz Roth und
lacht. Ein lautes, energisches Lachen, das ihm ähnlich sieht. Die Kombination
einer roten Jeans, schwarzer Boots und eines braunen TShirts zeigt nicht nur
seiner Begleiterin, dass er sich um Modefragen nicht schert. Die
Psychoschnitzerin zieht nachdenklich die Brauen zusammen. Ist still, bedrängt
von dem, was ihr durch den Kopf geht.
Völlig unverhofft küsst sie ihn auf die Wange, lehnt sich aber sofort wieder
zurück. Er hat überhaupt keine Ahnung, was das sollte und was sie jetzt von ihm
hören will. "Äh...Also, mit wem hast du Zoff? Wer hat dich auf den falschen
Dampfer gelotst?" Sein Lachen soll ihr Mut machen. Ein Ober mit einem
eisengrausen Fassonschnitt kommt vorbei. "Wir wollen noch was bestellen!" ruft
Roth. Doch der Kellner sieht das als persönliche Beleidigung an und trollt sich
mit einem BeimirwirdjedeBestellungzumRisiko-Blick weiter. Und einem Stück
Sachertorte. Damit wird zwei Tische weiter ein rosenwangiges Kind abgefüttert.
Ich habe im Moment Zoff", sagt sie nachdenklich, ohne sich auf seinen Ton
einzulassen. Mit mir selbst, sagt sie lautlos. Ihr Blick ist beinahe flehend.
Sie buhlt regelrecht um Aufmerksamkeit. "Hinz und Kunz muss ich durchfüttern.
Das passt mir nicht länger." Der journalistische Sprühteufel fühlt, dass ihre
Probleme anderswo liegen. Denn sie sitzt wieder dicht neben ihm. Er kann ihren
Atem riechen. Er schmeckt nach Angst.
Sie hat an die letzte Nacht gedacht. Und versucht mit dem ganzen Einsatz ihres
Kopfes die Gedanken zu bekämpfen. Vergeblich. In ihrem Hirn tummeln sich noch
immer jämmerlich verfuschte Gestalten, so Kreuzungen zwischen Dobermann und
Esel, zwischen einem Airedaleterrier" und einem Brauereipferd. Dann lief sie
selbst in ihrem Elternhaus herum, und konnte sich nicht entscheiden, ob sie in
den Keller oder ins Dachgeschoss flüchten sollte. Später las ihre weinende
Mutter ein Kapitel aus einem Buch über griechische Sagen vor: Die Argonauten
richten im Land der Dolionen ein Blutbad unter erdgeborenen Riesen an. So
vergingen die endlosen Minuten.
Ein Flugzeug jagt über den Stadtwald hinweg. Nur für die Kinder ist es eine
Augenweide. Jetzt hat auch der Ober mit dem eisengrauen Fasonschnitt ein
Erbarmen: "Möchten Sie noch etwas bestellen?"
"Einen Bananensplit", ordert die selbstgefällige Ikone des
Boulevardjournalismus. Die Psychologin sieht mit ihren unwölbten Augen zur Seite
und bestellt noch eine Schokolade mit Amaretto. Dann hebt sie bedeutsam die
Brauen: "Erzähle mir etwas von dem, was du weißt", fordert sie mit nervöser,
gepresster Stimme.
"Was meinst du damit?" Sein Gesichtsausdruck wird unbehanglicher. Denn als
Beichtvater ist er knapp bei Kasse, und sie hätte bestimmt auf Barzahlung
bestanden.
Die beiden tauschen Blicke aus. "Du hast mir doch etwas von diesem
Geistesgestörten gesagt..."
"...Ach, das meinst du. Naja, abnormal ist der bestimmt. So wie die Leichen
außahen..." Er lächelt siegessicher.
"...Wie sahen die Leichen aus?", stoppt sie ihn. Seine Sätze sind ihr eisig bis
ins Mark gegangen.
"Ich weiß nur von dem Toten, den ich gefunden habe. Diesem Axel Weiß.
Schrecklich sah der aus. Und der andere soll ähnlich ausgesehen haben. Also, die
Typen waren nackt. Penis und Brustwarzen fehlten. Im Mund steckte eine
Glasscherbe. Mehr fällt mir im Moment nicht ein. Aber genaue Einzelheiten
bekommst du noch von dem Koritzius."
Die Psychotherapeutin zuckt etwas zusammen. Der Name macht sich in ihrem Hirn
breit. Ihr Erstaunen kriegt er natürlich nicht mit. Denn in seinem Kopfkino
läuft der Streifen "Carlheinz Roth - Seine großen Erfolge." Und er sieht sich
schon auf dem Teppchen stehen. Sein Foto in Punkt! Neben dem Exklusivbericht von
der Festnahme des Mörders. Natürlich nur, wenn sie mitspielt. Obwohl sie
eigentlich kein Siegertyp ist. Er muss selbst über den Gedanken schmunzeln:
Gegensätze ziehen sich an.
"Also, du steigst doch ein?", fällt er über sie her. Hoffentlich macht sie mir
nicht die Champagnerlaune kaputt.
Sie starrt auf ihre Hände und stellt achselzuckend fest: "Mir bleibt doch keine
andere Wahl."
Aber damit macht sie sich ein Danaergeschenk.
***
"Ist doch gar nicht so schlimm", sagt Regine Schwirtz, als sie mit Carlheinz
Roth eine Stunde später über den Parkplatz vom Haus am See geht. Und damit meint
sie das Gesagte und das Ungesagte. Ihr Begleiter bezieht diesen Satz nur auf das
Wetter. Denn am Himmel über Köln ist der Teufel los, es wird pechschwarz, Blitze
zucken überall. Die ersten Regentropfen erreichen die Erde. Trotzdem wollen
beide einen Spaziergang machen.
"Komm!", fordert er und setzt seine marinefarbene Baseballmütze auf. Doch sie
ist in Gedanken wieder mal woanders. "Mist! Ich habe meine Brille vergessen",
schimpft die Lange. Er betrachtet sie nachdenklich von der Seite und heftet sich
wie ein Blutegel an ihre Fersen. Auf dem Rückweg empfiehlt er ihr: "Du musst
dich mit diesem Fall genau befassen." Ich helfe dir verdammt gerne dabei,
ergänzt er in Gedanken. Sie nickt. Weil es für sie längst feststeht. Auch wenn
jetzt schwarze Punkte vor ihren Augen herumtanzen.
Der schlaksige Bengel kümmert sich nicht um ihre hektischen Blicke. Die beiden
laufen irgendwo hin. An einer Latte von geparkten Wagen vorbei, an seinem Alpha
und ihrem Opel Corsa. "Weißt du noch etwas?" erkundigt sie sich. "Es ist noch
immer völlig unklar, wo dieser Axel Weiß überhaupt gelebt hat. Bestimmt nicht im
Uni-Center. Das war nur eine Absteige für seine Rolle als Michael Teufel...Die
Polizei sucht nach Gemeinsamkeiten der Toten. Dabei ist aber bisher nichts
rausgekommen... Wohin führst du mich eigentlich?" Sie hält die Handflächen gegen
den Oberkörper gepreßt: "Komm!" bestimmt sie und lächelt aufreizend. Die beiden
laufen am unruhigen Wassern vorbei. Mitten in den Wald. Plötzlich setzt ein
Unwetter ein. Hagelkörner so groß wie Hühnereier prasseln auf die Dampfenden.
Weit und breit ist kein Unterschlupf zu sehen. Und vom Haus am See sind sie
längst zuweit entfernt. "Mist", sagt er störrisch. Sie antwortet mit einem
wissenden Lächeln: "Mach, was du willst. Ich bleibe hier." Sie atmet tief ein,
und die Nüstern weiten sich. Obwohl sie sich zur Gelassenheit zwingt, klingt
ihre Stimme aufgewühlt. Ganz versteckt entdeckt sie im Dickicht eine Stelle, die
vom Unwetter verschont wird. Er lächelt unsicher und schickt sich sofort an, ihr
zu folgen. "Oder hast du Angst?" Ihre Frage klingt total kläglich, als wolle sie
ihn bitten, ihr bloß nicht zuzustimmen.
Ihr kräftiger Busen zeichnet sich unter der klatschnassen Bluse mit den
Pepita-Karos ab. Die Schminke ist im Gesicht verlaufen. Aber ihre Körper hat den
Temperatursturz nicht mitgemacht.
Seine Ohren dröhnen noch immer von Johnny B. Good. Plötzlich hält er sie fest in
den Armen, und sie drückt sich sofort an ihn. Dann hebt er sie auf einen dicken
Baumstumpf in der Mitte. Und schiebt mit der einen Hand ihren Rock weit nach
hinten, mit der anderen streichelt er ihre Brüste. Sie greift zu seinen Jeans,
öffnet den Reißverschluss und zieht ihn nah an sich heran. Ihre Schenkel
umklammern seinen Körper. Sofort fallen beide übereinander her. Im Rhythmus der
Blitze zuckt das schweißgebadete Paar.
Nach einigen Minuten spuckt er das volltönende Lachen der Humorlosen aus:
"Endlich!" Sie hört ihn mit weitgeöffneten Augen zu, löst sich von ihm. Im
nächsten Moment nimmt sie keine Notiz mehr von ihm. Langsam kommt Roth wieder zu
Atem. Er steht auch nicht mehr literschwer unter Druck.
Ein Schwall noch nicht verdauter Bilder sucht die Psychiaterin heim: Hunde,
Pferde, Riesen. Und die ganze Masse des Frustes wird von einer Welle weggespült:
einer Leere.
Dr. Regine Schwirtz zieht sich den Rock glatt und starrt ihn für den Bruchteil
einer Sekunde mit leerem Blick an. Sofort lugt er in den Wald: Als halte sie
nach irgendetwas außchau. Carlheinz Roth kann ihr Verhalten überhaupt nicht
verstehen. Und zieht hörbar den Atem ein.
"Wofür..." Sie bricht ab, scheint nicht mehr zu wissen, was sie eigentlich sagen
wollte. "Es regnet nicht mehr", lenkt er ein. "Du spinnst!" kontert sie mit
spöttischem Nasenrümpfen. Er lächelt unsicher und nimmt sich vor, auf der Hut zu
sein.
Schweigend fahren beide in die Innenstadt zurück. Die Ruhe macht ihm Angst.
"Willst du wirklich nach Hause", fragt er vor ihrer Tür. Sie nickt mit
geschürzten Lippen und steigt aus. Die nächsten Stunden verbringt er im Kino,
sieht sich "Die Firma" an. Und geht früh nach Hause. Stöbert lustlos in allen
möglichen Zeitschriften herum. Er kann sich ihr Verhalten nicht erklären.
Es ist das letztemal, dass er mit ihr geschlafen hat.
***
Mittwoch, 22. Juni
Lange fünf Minuten bevor sein Radiowecker anspringt, ist Carlheinz Roth schon
wach. Mit herabhängenden Schultern geht er ins Badezimmer. Begleitet von seiner
Unsicherheit.
In der Redaktion bringt es Brigitte Harrbach später auf den Punkt: "Was ist denn
mit Ihnen los? Sie gehen neben sich."
"Ich weiß nicht, wovon Sie reden", fährt er die Sekretärin an.
"Doch, das wissen Sie genau." Das sagt sie mit solch einer Sicherheit, dass Roth
zusammenzuckt und prompt ins Großraumbüro verschwindet.
Wo ihn ein Arbeitstag ohne allzu große Aufregungen erwartet.
"Ich brauche noch 15 Zeilen Aktuell", sagt Carlheinz Roth gegen 19 Uhr mit einer
Stimme, der jeder anhören kann, dass er heute nicht zu Scherzen aufgelegt ist.
"Ich habe schon überall herumtelefoniert, aber es gibt einfach nichts", dringt
verschwommen die Antwort von Walter Schlagehuhn durch die Zitadelle. Die anderen
haben außer einem belanglosen Stirnrunzeln nicht beizusteuern. Einige spendieren
noch ein Achselzucken. Roths Augen blitzen, er holt tief Luft, er hätte Lust auf
eine Standpauke. Er schlägt die Beine auseinander, rappelt sich von seinem
Sessel hoch und geht ans Fenster. Draußen wimmert eine Straßenbahn vorbei und
Heinz Rothermund klettert er aus seinem Mercedes Sowieso. Der Altmeister
blinzelt in die Sonne, schaut zur Redaktion hoch und hisst gleich die
Miesepeterfahne. Roth sieht auf den Melatenfriedhof auf der anderen
Straßenseite. Auf einer Bank knutscht ein Pärchen herum. Bevor seine grauen
Zellen weiter zu PingPongSpielen gereizt werden, schaut er lieber wieder weg,
setzt sich und tippt einen dpaBericht über die Angst der Bauern am Niederrhein
vor einer schlechten Ernte in den Computer. Den hat sich das Eichhörnchen am
Vormittag zur Seite gelegt.
In seinem Hirn tobt kurz darauf ein Gewitter. Warum ist die Schwirtz so
plötzlich verschwunden? Warum ging sie nachher nicht mehr ans Telefon? Vor
Unsicherheit sträuben sich ihm die Nackenhaare.
Jürgen Hoffmeister tippt sich mit dem rechten Zeigefinger an den Nasenflügel:
"Schade, dass heute nicht Mittwoch ist. Sonst könnten wir wieder auf unseren
Bastard hoffen. Bestimmt träumt der heute schon davon, wie er jemandem den
Schwanz und die Brustwarzen abschneiden kann. Und Wäscheklammern um die Leichen
streuen. Der Junge hat Geschmack. Aber ist nicht ganz dicht", sagt er und tippt
sich an die Stirn. Die anderen brechen in Gelächter aus. Die Brauen von Edith
Maywald schnell nach oben. Sie atmet tief durch, steht auf und legt ihm ihre
Hand auf die Schulter, fragt forsch, als riefe sie in einer Bahn der Linie 15
den Barbarossaplatz aus: "Und was machst du, wenn er sich diese Woche nicht
blicken lässt? Vielleicht nachhelfen? Abgesehen davon, heute ist Mittwoch."
Hoffmeister souffliert: "Nachhelfen?" Er hat eine Abneigung gegen die
Münchnerin: "Ach, lass mich doch in Ruhe." mault er mit ironischem Lächeln und
blickt an ihr vorbei. Er ist zornrot im Gesicht. Einen Augenblick später singt
er mild wie eine Sommerbrise: "Du, ich habe noch zu tun. Weil heute Mittwoch
ist." Edith Maywald und Jürgen Hoffmeister taxieren einander mit einem kurzen
Blick, der ganze Lexikareihen spricht. Wenn es um diese Frau geht, kann er schon
mal aus der Rolle fallen. Er wirkt zufrieden, dass er ihr mal wieder eine Nase
gedreht hat. Dabei war sie mal seine Geliebte. Für zwei Wochen. Aber mit ihr ist
es wie mit einem Champagnerrausch. Hat er allen Kollegen ungefragt serviert. Am
Tag danach will man nie wieder etwas trinken. Manche werden wegen ihrer
Unersättlichkeit sogar zu Antialkoholikern. Wie Jürgen Hoffmeister.
Bekanntlich haben alle Redaktionen einen Bodensatz von Laiendarstellern. Heute
scheint der Haufen komplett angetreten zu sein. Jetzt schleppt sich der
Redaktionstag bei Punkt! seinem Ende entgegen. Die Aushilfssekretärin mit der
Bienenkorbfrisur und der Perlenkette geht noch einmal mit einer Kanne Kaffee
durch das Büro an der Aachener Straße. Polizeireporter Walter Schlagehuhn
schüttelt sich theatralisch: "Dat maach ich zum Verrecke nit . Als flüssige
Nahrung schätzt er nur Kölsch. Darum ist er regelmässig hackevoll. Überhaupt
unterscheidet er sich sichtbar von seinen Kollegen. Während an die Schranktüren
der Berufsjugendlichen täglich Jeans und Turnschuhe klopfen, ziehen ihn
Schnäppchenanzüge an, die er auf seine Art erst richtig zur Geltung bringt: mit
hässlichen Polyester-Krawatten. So ist er stets ein Blickfang. Und alle starren
auch auf seine Nase. Denn die ist so platt wie die eines Boxers. Er hat richtig
Karriere gemacht. Nach der Volksschule machte er eine Ausbildung als Schlosser
mit Eins. Dann stand er tagsüber bei Ford am Fließband. Nachts hörte er
Polizeifunk ab und fotografierte Unfälle, Brände, Morde. So landete der Drollige
mit dem Pomadenkopf bei Punkt! Heute ist ihm nichts fremd - außer Grammatik und
Interpunktion.
Heinz Rothermund ist außer Puste, als er in die Redaktion kommt. Aufzüge lehnt
er grundsätzlich ab. Wie ein ungehobelter Schuljunge gibt er ein Gähnen preis,
ohne seine Hand vor den Mund zu halten. "Liegt noch was an? Oder kann ich nach
Hause gehen?" fragt seine Leichenbittermiene. "Die Leute hier können mich
kreuzweise." Warum? Keiner will den Grund wissen. Roth ist in Gedanken
versunken, ohne sonderlich auf den Fotografen zu hören. Er nickt und Rothermund
verschwindet im Treppenhaus.
Edith Maywald sitzt längst wieder an ihrem Schreibtisch, auf dem sich
Telefonbücher und Gelbe Seiten tummeln, als ob sie sich vor genommen hätte, eine
Straßensperre zu unterrichten. Weil alle Ledersessel vergeben sind, steht ihr
als Neuling nur der harte Armesünderstuhl zu. außerdem muss sie sich mit allen
möglichen Lesern herumschlagen. "Erzählen Sie mal", flötet die Frau mit den
babyrosa Wangen ins Telefon.
"Das ist ja interessant. Auf einer Station in dem Altenheim...da werden alle
alten Leute geduzt...Wo ist das in Köln?...In Herne? Wo liegt denn das?" Der mit
allen Wasser gewaschene Heinrich Ender brüllt: "Im Ruhrgebiet! Damit kann sich
Mülheim rumschlagen." Mit diesem Einwand hat er einen Volltreffer gelandet. "Da
müssen Sie unsere Kollegen stören", sagt sie mit der Arroganz eines Menschen,
der zur Arbeit überhaupt keine Lust hat. Vor Freunde knallt sie die Handflächen
mit solch einer Wucht auf den Schreibtisch, dass zwei Akten einen Hüpfer machen.
Die Direktheit eines Wortes bringt Roth etwas aus der Fassung. Am liebsten
möchte er sie gleich den Wölfen zum Fraß vorwerfen. Wenn da nicht dieser Ort
wäre. Er schnippst mit den Fingern und setzt ein schiefes Grinsen auf. Das ist
es! In seinem Casio SF 8350 sucht er sofort nach einer bestimmten Telefonnummer.
Und die gehört seinem alten Freund Friedel Wessel. Einem Reisejournalisten. Da
ist sie. Er hämmert auf sein graues Tastentelefon von Siemens. Der Ruf geht
raus. Nach fünfmaligen Klingeln meldet sich eine FishermanStimme: "Hallo?" Roth
sieht ihn vor sich: mit einem breitkrempigen Stetson auf dem Kopf.
"Du altes Haus, von dir hört man ja gar nichts mehr", sagt Roth. Und in seinem
Hirn beginnt eine Achterbahnfahrt.
"Wenn du anrufst, willst du bestimmt etwas von mir. Stimmt's?" fragt Friedel
Wessel mit seiner brüchigen Stimme.
Der Kölner will nicht in Gekränktsein machen. "Naja. Hast du eigentlich den
Friedhelm Meuschel gekannt?
"Natürlich, diese alte Ratte." ereifert er sich. "Warum? Wenn du mal nach Herne
kommst, kannst du ein Opfer von ihm kennenlernen.
"Hör mal, wie meinst du das?" will Roth wissen.
"Den Malte Pauls hat er so fertigemacht, dass der seinen Beruf aufgegeben hat",
berichtet er mit dem Tonfall eines Mannes, der vor amerikanischen Gefängnissen
gegen die Todesstrafe protestiert.
"Der Pauls", wiederholt Roth, "was macht der heute?"
"Der arbeitet in einer Würstchenbude", berichtet Wessel.
"Wo?"
"Bei mir ganz in der Nähe. Auf der Sodinger Straße."
Sieht Carlheinz Roth auch im Gesicht deutlich älter aus, so hält er seinen
Körper im Fitnessstudio in Form. Dreimal in der Woche stählt er seine Muskeln.
Seitdem mag er am liebsten seinen Hintern. Der ist so schön knackig, haben ihm
schon oft Frauen gesagt. Bis vor einer Minute hatte er noch vor, ihn an seinem
freien Tag noch mehr zur Geltung zu bringen. Aber diese Pläne wirft er von einer
Sekunde zur anderen über Bord.
***
Donnerstag, 23. Juni
Knapp 15 Stunden nach dem Redaktionsschluss der Kölner Ausgabe von Punkt!
donnert Carlheinz Roth mit seinem Alfa Romeo über die Autobahn nach Herne. Auf
dem Beifahrersitz hat der nagelneue Städteatlas RheinRuhr keine Zeit zum
Kennenlernen der neuen Umgebung. Er wird gleich kräftig durchgeschüttelt. Ohne
lang zu suchen, findet Roth die Sodinger Straße in Herne. Und den Imbisswagen
von Speckmann. Das Hacksteak für 9,50 Mark und das BroccoliSchnitzel mit Pommes
Frites für 12,60 Mark sind die Knüller. Eine Frau mit einer Betonfrisur fragt
alle zehn Sekunden mit zusammengebissenen Zähnen "Mitwasdrauf? " Dabei lacht sie
wie ein Zauberkünstler beim Schlussapplaus.
Roth bleibt in seinem Schlitten sitzen, kurbelt das Fenster herunter. Der Mann
neben der Frau fällt total aus der Rolle. Die kleine schwarze Fliege und die
silberne Nickelbrille verleihen ihm schon einen intellektuellen Anschein, aber
auch einen komischen. Sein Gesicht zeigt keine große Regung. Und bringt sogar
eine Spur von Desinteresse zum Ausdruck: wie Fotos auf Fahndungsplakaten des
Bundeskriminalamtes. Abstossend und anziehend zugleich. Eitel scheint er auch zu
sein: Das Doppelkinn versteckt sich im Kragen seines Perlonhemdes.
Roth beobachtet jede Gestik. Wenn er spricht, legt er Pausen ein. So ergibt sich
seinen Gesprächsteilnehmern Gelegenheit, über einen Satz nachzudenken. "Aus
Angst, als hysterisch zu gelten, trauen sich die meisten Menschen nicht, über
ihre Ängste zu reden", spuckt er wissend aus. Oder: "Ängste können Süchte
auslösen." So richtig begreift keiner seiner Kunden das Netzwerk seiner
Gedanken. Nur: Es geht verdammt oft um Ängste. In diesen zehn Minuten, die Roth
zuhört.
Dem Reporter geht das Gelabere schließlich auf die Nerven. Er steigt aus und
geht die zwei Meter zum Imbisswagen: "Sie sind doch Malte Pauls?", fragt er mit
einem Altmännerlächeln. "Wer will das wissen?", lässt der Angesprochene seiner
Neugiere freien Lauf. "Ich bin auch ein Opfer von Meuschel." Pauls zuckt
zusammen. Das Telefon nimmt Roth weitere Erklärungen ab. "Wie Sie meinen", hört
er ihn mehrfach in den Hörer sprechen. Hinter dem Verkäufer hängen zwei kleine,
abgegriffene Fotos aus GottwaswarendasnochfürZeiten an der Wand. Ein Mann in
einem anthrazitfarbenen Zweireiher vor einem Schrank aus hell lackiertem
Nussbaum. Lachend. Daneben ist er im ZweiKnopfSakko als Besucher auf einer Ranch
zu sehen. Neben dem Mann dösen Pferde vor sich hin, ganz im Hintergrund suhlen
sich Schweine im Matsch. Die Haare sind etwas voller, das Gesicht nicht ganz so
rund, aber man kann ihn erkennen: schon an der Fliege. Die Nickelbrille fehlt.
Dafür ziert ihn ein Menjoubärtchen. Nicht schlecht. Nach einer Pause sagt er
schrill ins Telefon: "Nein", wiederholte halsstarrig "Neinnein!" und legt auf.
Sein Gesicht ist kreidebleich. Er wirkt wie nach einem Luftangriff, ist nur noch
eine Mogelpackung.
Roth schießen 1000 Gedanken durch den Kopf. Ist er wirklich nur ein armes Opfer?
Hat er sich vielleicht grausam gerächt? Ist dieser Job in Herne nur Tarnung?
"Die ganze Sache ..." Er spricht nicht zu Roth, sondern mehr zu sich selbst. Was
für eine Sache? Ein leichtes Zittern ist in seiner Stimme zu hören. So ein
Schwanken zwischen Lachen und Weinen. Aus seinem Blick in Richtung Telefon
spricht Verachtung.
Malte Pauls hält sich mit beiden Händen an einer DABBierdose fest. "So...Sie
sind auch ein Opfer von Meuschel?" sagt er und zupft an den weißen Manschetten,
die unter seinem Kittel hervorschauen. In seiner geschliffenen WDR-Stimme ist
ein Hauch rheinischen Singsangs zu hören.
Einen Augenblick später schaut er seinen Besucher direkt in die Augen: "Der
Meuschel ist tot. Wissen Sie das nicht?" Seine Stimme hat sich noch immer
verändert. Sie ist heller,aufgeregter. Schweißperlen haben sich auf seiner
Oberlippe breitgemacht.
Schwarze Fliege, silberne Nickelbrille, sieht so ein Mörder aus? Wie sieht ein
Mörder aus?
"Darum bin ich auch hier. Ich würde gerne mit Ihnen reden. Wann haben Sie Zeit?"
"Hey, Alter. Willse hier labern? He?" Neben Roth wird eine Kundin unruhig in
einem schwarzen Kleid, mit fast totenbleich geschminktem Gesicht, hochtoupierten
Haaren. Die dämonischschwarz ummalten Augen zucken unruhig hin und her.
Die Frau mit der Betonfrisur scheint die Chefin zu sein. Sie schaut Roth
strafend an. "Nicht hier", kommt ihr Pauls zuvor. "Sehen Sie doch, wir haben
Gäste." Eine kleine Pause folgt. "Kommen sie lieber heute abend um 8 ins
Parkhaus", erklärt er und dreht sich sofort dem Gruftie zu: "Was willst du?"
"Parkhaus?", wiederholt Roth erstaunt.
Pauls starrt ihn ungläubig an: "Ja. Im Stadtgarten." Dabei zückt er bedauernd
mit den Achseln. Seine Augen blicken wässrig und ein bisschen unscharf.
***
Roths Wut über das nicht erfolgte Gespräch verraucht sehr schnell. Und er
beginnt sich zu fragen, was er eigentlich bis zum Abend in diesem Nest machen
soll. Recherchieren. Ihm macht die Arbeit wieder Spass. Jeder Tag erscheint
seitdem nicht mehr als eine Fotokopie des vorherigen.
Er geht zu einer Telefonzelle in der Wiescherstraße, ruft zweimal die Auskunft
an und wählt dann 02306-24050. Zehnmal klingelt es, bis jemand drangeht. "Roth",
sagt er ungeduldig, "geben Sie mir das Handelsregister." Einen Augenblick später
wird er mit einer nasalen Stimme verbunden. "Worum geht es?", fragt sie. "Ich
hätte gerne gewusst, wo ich in Lünen die Firma Pik7 finde?" Nach einer kurzen
Pause kommt zurück: "Darüber geben wir keine Auskunft am Telefon. Wiederhören."
Ein Klicken folgt. Roth explodiert: "Was soll das?" Am liebsten hätte er gesagt,
sie solle den Mund halten und endlich spurten. Aber die Frage bleibt
unbeantwortet, die Verbindung besteht längst nicht mehr.
Bis aufs Äusserste gereizt, steigt Roth ins Auto.
***
Und fährt nach Lünen. In Vorort Gahmen stellt er seinen Wagen ab und nimmt sich
für die letzten Kilometer eine Taxe. Die bringt ihn ohne große Umwege zum
Amtsgericht. Oder auch nicht.
Die Frau im Handelsregister ist Ende 30. Sie zögert bei seinem Namen, weil sie
darüber nachdenkt, ob sie ihn nicht schon einmal gehört hat. Ohne Erfolg. Mit
einem aufgesetzten Lächeln fragt sie: "Was suchen Sie?" Sofort nennt er sein
Ziel: "Pik 7 ." Sofort verschwindet das Lächeln aus dem Gesicht. Ihr Blick
durchfährt ihn scharf wie eine Klinge. In dem aufmerksamen Beobachter kommt Lust
auf, der Frau zu sagen, dass er zu einer Berufsgruppe gehört, die es gewohnt
ist, äusserst freundlich behandelt zu werden. Aber er hat eine Ahnung, dass
damit Probleme verbunden wären. außerdem spürt er nicht das geringste Begehren
auf angestrengte Diskussionen. Also fragt er nur: "Pik7, sagt Ihnen das was?"
"Neee, keine Ahnung. Haben Sie nicht schon mal angerufen?", fragt sie mit fester
Stimme: Wie jemand, der davon ausgeht, dass jeder im zuhört und gehorcht.
Roth pariert, weil er auf sie angewiesen ist. "Ja. Da habe ich mich wohl etwas
im Ton vergriffen... Pik7, das ist doch keine strenggeheime Sache?"
Die Frau mit den grauwerdenden Haaren legt vor der Antwort eine kurze Pause ein,
um den Satz mehr Gewicht zu geben: "Auskünfte über eine GmbH sind öffentlich...
Ich schau mal nach."
Dann besorgt sie sich aus einer Kartei die Registernummer, zieht eine weiße
Karte: "Abschreiben ist umsonst. Eine Abschrift kostet 20 Mark."
Roth zückt zwei 10-Mark-Scheine. Aber bevor er überhaupt ein Wort herausbringt,
legt sie schon wieder los. "Eine beglaubigte Abschrift kostet 35 Mark. Also, was
wollen Sie?", fragt sie kühl und bestimmend.
Er bleibt bei seiner Entscheidung. Drei Minuten hat er den Gegenstand des
Unternehmens auf einer Fotokopie: Entwicklung spezieller Computerprogramme zur
Unterstützung einer Datenbank, Einrichtung und Unterhaltung einer Datenbank und
deren Verwaltung.
Roth will sich in seinem Gehirn zu Informationen vorgraben, die tief vergraben
sind. Doch mit diesen Informationen kann sein Speicher nichts anfangen.
Aber er merkt, wie seine Lebensgeister sich regen, als er wieder in eine Taxe
steigt, den Zettel vom Amtsgericht zückt und dem Fahrer befiehlt: "Zur Firma
Pik7, Lutherstraße 17."
***
Es ist nicht leicht, jemanden an die Tür zu holen. Carlheinz Roth klingelt und
klopft bestimmt zehn Minuten lang. Schließlich erscheint ein Mann in einem
abgetretenen Fischgrätanzug und fragt: "Was ist denn los?"
Roth versucht, einen allzu kritischen Journalistenton zu vermeiden: "Tag. Bin
ich hier richtig bei Pik7? Ja? Kann ich reinkommen?"
Der andere sieht Roth mit prüfenden Augen an: "Wer sind Sie überhaupt? Was
wollen Sie?"
"Roth. Ich möchte bei Pik7 mitspielen", beginnt er beiläufig, "kann..."
"...Wer hat Sie geschickt?" Die glatte Stirn legt sich in Falten.
"Niemand, lieber Gott, niemand", sagt Roth überrascht. "Ich habe viel von Ihrem
Spiel gehört. Und möchte da eventuell einsteigen?"
"Einsteigen?" Er hält die Tür auf und lässt ihn eintreten. Roth folgt ihm in ein
Büro. Der Reporter schaut sich erst einmal um: Der Raum ist zweckmässig, also
langweilig eingerichtet " ein goldbraun/schwarzer Schreibtisch mit Sichtblenden
ist vollgepackt mit zwei Telefonen und unzähligen Fotokopien von irgendwelchen
Zeitungsberichten, dahinter ruht ein blauer Bürostuhl, davor stehen zwei graue
Konferenzstühle ohne Armlehnen, vier Jalousieschränke sind im Zimmer verteilt.
An den hellblau gestrichenen Wänden hängen zwei Kunstsdrucke von Salvatore Dali.
Ein stechender Blick ist auf Carlheinz Roth gerichtet: "Sie wollen also bei uns
einsteigen. An wieviel dachten Sie denn?"
Roth kratzt sich an die Schläfe: "Wie heißen Sie überhaupt?"
"Ich? Lupa. Reinhard Lupa", sagt der oft schon vom Leben in die Mangel
Genommene. "Ja, wieviel?"
"Und was machen Sie hier?"
"Ich bin hier für die Datenverarbeitung zuständig", kommt es in einem total
sachlichen Ton zurück. Doch zwischen den Worten steckt die Frage: Wieviel?
Wieviel? Wieviel?
"Wenn man's genau betrachtet, habe ich so rund 40.000 Mark geerbt." Die
Überraschung ist geglückt. Ein kurzes Schweigen legt sich auf den Raum.
Die Augen von Reinhard Lupa leuchten, als sei Weihnachten vorverlegt worden.
Sofort verändert sich seine Stimme, sie kämpft jetzt um Vertrauen. "Wollen Sie
was trinken?", fragt er und deutet mit dem Kopf auf einen Schrank. "Wir haben
alles da."
Roth runzelt die Stirn: "Was trinken Sie denn?"
"Einen Tullamore Dew", murmelt er fast zu sich selbst. "Sehr zu empfehlen, Herr
Roth."
"Nehme ich auch", entscheidet der Gast, der im Hintergrund das Rattern einiger
Drucker hört.
Reinhard Lupa steht auf und macht zwei Drinks, während Roth ausführt: "Mich hat
schon mal jemand beraten. Aber ich habe nicht alles verstanden."
Sein Gesprächspartner bleibt in der Mitte des Zimmers stehen. "Wer ist das denn
gewesen?" fragt er und reicht Roth ein Glas.
Die große Frage, die ganz große, liegt Roth auf der Zunge. Aber er stellt sie
noch nicht. "Habe ich vergessen", sagt er, nimmt einen Schluck und ergänzt dann:
"Na, wie hieß er doch gleich?... Teufel, ja, Michael Teufel. Klar, Teufel. Der
war doch Infoleiter bei Ihnen?"
"War?" Er wirkt überhaupt nicht mehr fahrig und unkonzentriert.
"Ja, der ist doch tot. Habe ich in der Zeitung gelesen. Weil ich nicht weiß, wer
seinen Job übernommen hat, bin ich selbst nach Lünen gekommen." Reinhard Lupa
reicht ihm das Glas. Carlheinz Roth nimmt einen kräftigen Schluck und verkündet
mit einem fröhlichen Ausruf, dass es köstlich schmecke. Der EDV-Fachmann
schmunzelt und tut so, als ob er ganz Ohr ist.
Reinhard Lupa setzt sich und blickt auf seinen Drink hinunter. "Also, Herr
Roth...Stimmt doch?" Der Besucher nickt und hört: "Wir haben ein sogenanntes
Pyramidenspiel entwickelt, das gegen nichts verstößt und jedem Mitspieler satte
Gewinne bringt." Die monotone Stimme würde Roth normalerweise langweilen, jetzt
registrieren seine Gehirnzellen jedes Wort. "Pik 7 ist ein mehrstufiges Spiel,
bei dem der Spielablauf durch ein von uns ausgearbeiteten Computerprogramm
unterstützt wird."
Roth nickt: "Ich verstehe . Und betrachtet Lupa mit einem nachdenklichen Blick,
aber er will keine MollTöne anschlagen: "Sie gehen mit der Zeit..."
"... Natürlich, Herrn Roth. Wie wäre es mit einem Nachschlag?", erkundigt er
sich mit gespielter Munterkeit. Die Antwort ist ein Kopfschütteln, denn er spürt
schon die Wirkung des Getränks. Und muss sich schon etwas anstrengen, um dem
Schwätzer noch genau zuzuhören.
"Zur Zeit haben wir ungefähr 8000 Mitspieler", erfährt er weiter. "Monat für
Monat sorgen sie für einen Umsatz von rund vier Millionen Mark. Toll, nicht? Das
sind Fakten und nicht das übliche Gefasele von anderen Spielbetreibern." Er hebt
sein Glas und nimmt einen kräftigen Schluck. "Wo waren wir stehengeblieben? Ein
Teil der Gewinne wird sofort in neue Pyramiden reinvestiert. Somit verhindern
wir, dass ein Mitspieler gezwungen wird, ständig neue Mitspieler zu werben, um
seine eigene Gewinnchance zu wahren."
Seit einer Viertelstunde sitzen sich die beiden im Büro gegenüber. Carlheinz
Roth versteht die komplizierten Regeln immer weniger, erkennt aber sofort die
Schwachstelle aller Pilotenspiele. "Den letzten beißen die Hunde. Ist bei den
vielen Spielen überhaupt hier noch etwas zu holen?", wagt er sich vor.
Darauf scheint der Mitarbeiter von Pik7 gewartet zu haben. "Nun, Herr Roth, auch
im Ausland geht es jetzt los. In Italien, Griechenland und Dänemark." Roth
bemerkt eine Verteidigungsstellung. Er steht auf und rückt seinen Stuhl zurecht.
Reinhard Lupa streckt seinen Arm aus: "Noch einen Augenblick, Herr Roth. Ich
habe Ihnen noch nicht alles erzählt."
Der Reporter guckt erstaunt: "Was gibt es noch?"
"Einiges", meint Lupa leichthin. "Manche Mitspieler verlieren die Kontrolle.
Darum kriegt jeder von uns einen Computerausdruck. Und, damit ich es nicht
vergesse. Das ist einmalig. Wir haben einen Sicherheitsfonds eingerichtet, der
aus den Spielgeldern gespeist wird. Eine Kontrollkommission achtet darauf, was
mit diesen Gelder passiert. Toll, nicht?"
Im Weggehen erkundigt sich der Besucher: "Sagen Sie, Herr Lupa, mit wieviel Mark
kann man bei Ihnen einsteigen?"
"Mindestens 300 Mark", erfährt er. "Nun, Herr Roth, wie ist es?"
"Ich sehe für mich keine Probleme, so dass ich meine, ich muss noch meine Frau
überzeugen. Aber das gibt bestimmt keine Probleme. Schließlich habe ich geerbt."
Der abgetragene Fischgrätenanzug nickt: "Ich verstehe." Natürlich versteht er
nichts.
Der Journalist geht hinaus, zurück zu Hacksteak und Broccolischnitzel. Im
Schicksalsdreieck Köln-Herne-Lünen tapert Carlheinz Roth nicht mehr hilflos wie
Hänsel und Gretel im ach so finsteren Wald herum. Sicher, vieles greift nicht
ineinander. Manches ist Theaterdonner.
Einiges ist regelrecht unglaublich, einfach unglaublich, sagt er im Auto zu sich
selbst.
Von all den Märchen, die er in seinem Leben schon gehört hat, ist nie eines
gewaltiger gewesen als dieses.
***
Ohne dem Flachbau noch einen Blick zu schenken, fährt Carlheinz Roth zurück nach
Herne. Und läuft dort die Bahnhofstraße auf und ab. Im Eiscafé im City Center
genehmigte er sich fünf Cappucino Italiano. Die Bedienung klärte ihn dann auf:
Dass sie mit dem Besitzer verheiratet ist. Und wie er zum Parkhaus kommt. Roth
bedankte sich mit einem enttäuschten Gesichtsaudruck.
Punkt 8 Uhr geht Carlheinz Roth die 14 Stufen zum Parkhaus hoch. Einem
Restaurant im Herner Stadtgarten, wo man offenbar so hingeht. Auch wenn man kein
Rotarier ist und jede Woche dienstags in dem kleinen Saal neben der Garderobe
zusammenkommt. Wie auf einem Zettel am Eingang zu erfahren ist. Von der
Telefonzelle neben dem Abstellraum hört er seinen Anrufbeantworter ab. Nichts
drauf. Dabei schaut er zum Wintergarten hin: Die untergehende Sonne taucht die
Bäume, Büsche und Wiesen in ein tiefrotes Licht.
Direkt vor der Glaswand sitzt schon Malte Pauls. In einem BlackwatchBlazer und
einer marinefarbenen Hose. Dazu eine Fliege. Und sofort spult Roths Kopfkino die
Frage ab: Ein Mörder? Oder hat sich ein enttäuschter Zocker an Axel Weiß
gerächt?
Der ehemalige Redakteur scheint den Kölner nicht zu bemerken. Er isst bereits
wie ein Verhungender. Als Roth an der Theke vorbei ist, sieht er auch das Essen:
Gambas gebraten und einen Salat mit Knoblauchmayonnaise. Dazu trinkt er einen
trockenen Pinot Bianco vino da tavalo.
Roth geht auf ihn zu. Seine rechte Hand ist zur Begrüßung ausgestreckt. Pauls
ergreift sie, bleibt aber sitzen und fragt: "Wie sind Sie eigentlich auf mich
gekommen?"
"Der Friedel Wessel..."
Pauls schlägt sich mit der Handfläche an die Stirn: "Stimmt, der wohnt ja in
Herne... An den habe ich gar nicht mehr gedacht. Muss mich mal bei ihm melden...
Trinken Sie mit mir! Wein oder Wodka?"
"Ich möchte auch was essen. Aber keinen Alkohol."
Für Pauls scheint das Urteil festzustehen. "Dann sind Sie kein guter Journalist.
Nennen Sie mir einen, der was taugt und seine ganzen Eindrücke nüchtern ertragen
kann? Es gibt keinen. Nicht einen."
Ein Ober mit einem entschlossenen Kinn und einer schnarrenden Stimme humpelt
herbei und nimmt die Bestellung auf: eine Maispoulardenbrust mit Kartoffelgratin
und Gemüse. Und ein Kelts.
Zum ersten Mal sieht Roth die Tränensäcke des geheimnisvollen Mannes. Sie
scheinen um Mitleid für irgendetwas zu betteln. Für was?
Beim Essen reden sie über belangloses Zeug. Wer wo Chefredakteur geworden ist.
Wer auf der Straße steht. Wer ins Gras gebissen hat. Bei der Wahl der Nachspeise
beweisen die beiden den gleichen Geschmack: ein Stück Brie mit Obst. Diese
Übereinstimmung lässt Pauls schmunzeln. Und er mustert Roth nicht mehr von oben
herab, als sei er jemand, dem man nicht ganz trauen könne.
"Warum haben Sie Ihren Beruf aufgegeben? Wie hat Meuschel Ihnen das Rückgrat
gebrochen?", will Roth plötzlich wissen.
Die Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen!
"Sie haben doch die Bilder gesehen, oder?" antwortet er. "Ja, damals war ich
noch wer. Ich habe Reportagen gemacht. Kritische, wenn Sie wissen, welche ich
meine. Auch eine über den Verein vom Meuschel. Einen Momant später rief er mich
an, sagte, die Geschichte sei ja nicht so dolle. Aber er würde sie mir nicht
übelnehmen.
Schließlich hätten wir Pressefreiheit in Deutschland. Er wolle mir auch mal
seine Sichtweise der Dinge schildern. Ob ich daran interessiert sei? Natürlich,
keine Frage. Also flog ich mit ihm für eine Woche in die Türkei. Nach Marmaris.
Gleich am ersten Abend habe wir kräftig einen gebechert. Ich kann mich noch gut
an das Hotel erinnern. Wir saßen direkt am Meer. Die Stühle waren in
Hufeisenform aufgestellt. Meuschel und ich waren die einzigen Gäste. Am Anfang
dachte ich, dass er ein Schachspieler ist. Mit einer Strategie im Kopf. Doch
diese Skepsis verlor den Kampf gegen den Alkohol. So betrunken wie an diesem
Abend war ich schon lange nicht mehr. Ich genehmigte mir eine ganze Flasche
Raki. Oder noch mehr. Bald konnte ich nicht mehr zwei und zwei zusammenzählen."
Roth erlaubt sich eine seiner seltenen Zwischenfrage: "Waren Sie mit ihm allein
in der Türkei?"
"Ja. Keine der üblichen Pulkreisen mit 40 Mann und mehr. Das hätte ich auch
nicht mitgemacht...Also, am ersten Abend. Er trank kräftig mit und erzählte und
erzählte. Von den Türken zum Beispiel. Die hätten das Pech, dass sie europäisch
sein wollten. Dann von den Reiseriesen, die ihn mit Werbeschlachten vergiften
wollten. Alles ziemlich wirres Zeug. Das alles an einem heißen Abend, müssen Sie
wissen. Irgendwann rückte er mir von der Pelle und verschwand. Ich habe das erst
gar nicht richtig mitbekommen. Aber etwas anderes doch. Mein Schweiß tropfte
plötzlich auf den Kopf einer Frau, die auf meinem Schoß lag. Woher die kam, weiß
ich bis heute nicht. Plötzlich griff sie in meine Hose. Und wollte wissen, ob
ich nicht Lust hätte, mit in ihr Zimmer zu gehen. Was für eine Frage, habe ich
damals auch gelallt. Wir also los. Unterwegs hat sie mich noch an die Hotelbar
geschleift, wo ich fünf Kaffee getrunken habe und etwas nüchterner wurde. Im
Flur verriet sie mir, was sie besonders geil machen würde. Rollenspiele. So eine
richtige Vergewaltigung bräuchte sie jetzt. Kannst du haben, versprach ich. Und
auf ihrem Zimmer ging es dann los, genau wie sie es wollte. Irgendwann bin ich
dann eingeschlafen. Als ich wach wurde, war die Frau nicht mehr da. Ich habe mir
nichts dabei gedacht und bin runter in den Speiseraum. Meuschel sass schon da
und frühstückte. Etwas machte meinen Brummschädel schon stutzig, einige Male
lachte er, obwohl es gar nichts zu lachen gab. Aber ich wusste das nicht
einzuordnen." Er kann mit seinen Pausen brillant auf der Klaviatur der
spannenden Geschichten spielen. "Nach dem Frühstück mit Ei, Fladenbrot, Käse,
Wurst und Orangensaft lotste mich Meuschel auf sein Zimmer, um mir als ersten
Journalisten das neueste,gerade fertiggestellte Firmenvideo zu zeigen. Sie
können sich bestimmt vorstellen, was man sah. Meine nackten Arsch und ihre
tollen Titten. Und die Vergewaltigung, die so echt außah, echter hätte sie nicht
seinen können. Ein Spass, sagte ich. Ich sehe das ganz und gar nicht wie sie,
antwortete er. Die türkische Polizei verstände keinen Spass. Die deutschen
Verlage bestimmt auch nicht. Die müssten aber den Film nicht sehen, wenn ich ihm
auch einen Freundschaftsdienst erweisen würde. Ihre Phantasie sagt Ihnen
bestimmt, was er meinte." Der Zeremonienmeister der schönen Stimmen spricht wie
der Überlebende einer Schiffskatastrophe, der weiß, dass niemand ihm so recht
glauben wird, der nicht selbst Augenzeuge war. Er nimmt seine Nickelbrille von
der Nase und putzt die Gläser mit dem Tischtuch. "So, das ist die Geschichte. In
der Walhalla des Journalismus sah ich keinen Platz mehr für mich." Einige Male
fährt er sich mit der Hand über den Mund. Aber so kann er kein Wort auslöschen.
Seine Augen verraten eine gewisse Unterwürfigkeit. Als ob er grenzenlos dankbar
sei, einen Zuhörer gefunden zu haben. Trotzdem wirkt er überhaupt nicht
eingeschüchtert.
Das macht Roth angst um seine eigene Selbstsicherheit. Er ist besinnungslos mit
offenem Mund. Seine Gedanken sind in der Türkei. Ein Motiv? "Wer hat Sie heute
morgen am Telefon so nervös gemacht?"
"Heute morgen?... Der Partner von diesem Meuschel. Der wollte, dass ich mich mit
ihm treffe, damit alles aus der Welt geschaffen wird. Neinneinnein! Ich traue
diesem Hoppe nicht. Ich habe nichts mehr mit der Sache zu schaffen." Plötzlich
steht Malte Pauls auf, geht zur Verandatür und blickt auf das kleine Hotel, das
früher mal ein Gärtnerhaus war. "Sagen Sie mir, was ich damals hätte sonst tun
sollen?" Sofort kommt er an den Tisch zurück und zuckt mit den Schultern.
"Einmal erpressbar, immer erpressbar. Das war mir von einer Sekunde zur anderen
klar."
Roth muss sich etwas vorbeugen, um ihn genau zu hören. Trotzdem ist Pauls längst
der Platz in seinem Langzeitgedächtnis sicher. Eine Kellnerin mit slawischen
Backenknochen und Mandelaugen macht Spätdienst und schenkt wortlos nach.
Mit jedem Satz hat Pauls bei Roth einen neuen Keim der Neugierde eingepflanzt.
Roth nimmt ein Glas in die Hand und sieht nachdenklich hinein. Nein, dieser Typ
ist kein Mörder!
Plötzlich drückt Pauls die Schultern zurück, steht abrupt auf, gibt der
Kellnerin einige Scheine in die Hand und marschiert zielstrebig zum Ausgang hin.
Dort holt ihn Roth ein. Sie gehen zusammen die Treppe herunter. "Wissen sie
eigentlich, was man sich über den Meuschel erzählt hat?" erkundigt er sich auf
dem kleinen Podest zwischen der achten und der neunten Stufe der Eingangstreppe.
Dabei fixiert er ihn über den Rand seiner Nickelbrille. Und setzt ein Lächeln
auf. Das ist mehr eine rhetorische Frage, die keine Antwort verlangt. "Dass der
Meuschel pervers war." Sein Gesicht hat wieder die Farbe gewechselt. Ein Aufruhr
widerstreitender Gefühle tobt in Roths Kopf: Neugierde, Hilflosigkeit...
Pervers?
"Oder haben Sie nicht gewusst, dass Sie es nicht wussten?" fragt er mit einem
milden Grinsen. Roth zuckt mit den Schultern. Lässt sich so Zeit, um über diesen
Satz nachzudenken. Pauls mustert ihn mit einem festen durchdringenden Blick.
Beide wippen nervös mit dem Fuß, der abgemusterte Reporter dreht langsam die
flachen Hände hin und her und stellt ganz direkt fest: "Ich bin müde. Und will
jetzt ins Bett."
"Was heißt pervers? Kannten Sie Axel Weiß oder Michael Teufel?"
Malte Pauls stoppt seinen leicht federnden Gang: "Weiß? Teufel? Nie gehört! Und
pervers? Fragen Sie mal seine Seelentrösterin, zu der er immer nach Köln
gefahren ist." Dann verschwindet er in der Dunkelheit, sieht sich nicht um.
Als Roth wieder nach Köln braust, ist das letzte Licht des Tages längst der
Nacht gewichen. Er bedauert, dass er keinen Rekorder dabei hatte. So muss er
sich ganz auf sein Gedächtnis verlassen. Er hängt tief in Gedanken:
Wen meinte er mit Seelentrösterin? Soll er morgen Kratzenstein anrufen? Oder
Koritzius?
10
Freitag, 24. Juni
Hans-Werner Koritzius lauscht dem Rattern einer Kaffeemaschine in der Ecke,
nebenan knattert ein Drucker vor sich hin. Dann mischt sich die Klingel einest
Telefons ein. Aber niemand beachtet sie. Auf dem Gesicht des Polizisten liegt
eine große Unruhe. Er zupft an seiner grauweißen Kotelette und lässt den Morgen
an sich vorüberziehen.
Spaziergänger hatten in einem Dellbrücker Waldstück drei Plastiksäcke gefunden.
Darin stecken die Leichenteile einer als vermisst gemeldeten Frau. Als Koritzius
dem Sohn der Toten die Nachricht übermitteln wollte, legte der Mann unvermittelt
ein Geständnis ab.
Koritzius nimmt seine vollgeschriebenen Zettel in die Hand und überfliegt sie.
Aus Angst vor einer Einweisung in die Merheimer Landesklinik will der Junge
seine Mutter mit einer Eisenstange den Schädel eingeschlagen und dann die Leiche
zersägt haben. Der Bulle kratzt sich an seiner struppigen Augenbraue und nickte
verständnisvoll. Die Freude über die schnelle Aufklärung währte nicht lange. Für
die anderen ungeklärten Morde kommt er nicht in Frage. Dafür sorgen schon
lückenfreie Alibis.
Das Gebimmel des Telefons lässt den Faden seiner Erinnerungen fallen und stellt
ihn wieder auf den Tag ein. "Koritzius, Mordkommission", meldet er sich und
kratzt sich am Hals. "Passen Sie auf", beginnt Kratzenstein, "die Petra Braun
hat sich bei mir gemeldet." Koritzius blickt aus dem Fenster und überlegt einen
Augenblick: Warum nicht bei mir?...Ach ja, ich war ja vor Ort. "Die hat
herausgefunden, dass die Freundin von diesem Hoppe früher die Geliebte von dem
Meuschel war. Hübsch, nicht?" Koritzius überlegt einen Moment, wie der Wert der
Recherche einzustufen ist. "Nun", beginnt er schließlich, "nun, ein wenig kann
ich mir jetzt vorstellen, was möglicherweise passiert sein mag. Claudia Häuser
hat noch immer ein Verhältnis mit ihrem ExFreund, Hoppe kommt dahinter und
bringt den Nebenbuhler um. Typische Dreiecksgeschichte." Kratzenstein versinkt
nur einen kurzen Augenblick in Nachdenken: "Ja, so ungefähr könnte es in anderen
Fällen gelaufen sein. Hier aber bestimmt nicht. Weil da auch der andere Tote mit
derselben Art von Verletzungen ist." Darauf weiß Koritzius keine Antwort. "Das
wär alles auch zu schön gewesen", stellt der Angerufene resignierend fest. "Nun
ja, wir sind ja erst am Anfang. Wir werden unsere Vorgehensweise nicht ändern
... Ich habe den Carlheinz Roth in der Leitung. Dem geht was nicht aus dem Kopf.
Hören Sie sich das mal an." Jede Form einer auch nur angedeuteten Kritik wäre
zwecklos. Außerdem hat Roth bestimmt viele Informanten im Präsidium. Und die
würden ihm das sofort stecken. Trotzdem nimmt er sich vor, bei dem Reporter auf
der Hut zu sein. Betont langsam drückt er die Erdtaste und hört den
Journalisten: "Ich habe mich gestern über Pik7 informiert..."
"...Pik7?", geht Koritzius im scharfen Ton dazwischen.
"Ja. Sie hatten doch eine Visitenkarte von Teufel mit im Biergarten. Darauf
stand Pik7, Lünen. Wissen Sie was Pik7 ist? Dahinter verbirgt sich ein
Pilotenspiel ..."
"... Pilotenspiel?" Seine Augen konzentrieren sich längst nicht mehr auf das
Protokoll, das er noch immer in den Händen hält.
"Ja, so ein Spiel nach dem Schneeballsystem ...", erklärt Roth.
"...Sind die nicht verboten?", will Koritzius wissen.
"Offenbar nicht. Die heißen jetzt Pyramidenspiele. Und bei so einem Spiel war
Weiß der Infoleiter. Eine hübsche Geschichte, nicht wahr? Wir können uns ja
abends darüber unterhalten. Ich melde mich. Sind Sie noch gegen 6 im Büro?"
"Nein. Dann bin ich im Chicago Meatpackers."
"Ich rufe Sie dort an. Jetzt habe ich keine Zeit mehr, ich muss in die Schalte."
Was das auch immer sein mag.
Darüber hat Koritzius noch nicht nachgedacht, was Infoleiter zu bedeuten hat.
Pilotenspiel? Da kennt sich doch jemand aus? Er kramt in seiner Brieftasche und
findet sofort die mittelmeerblaue Visitenkarte. Und ruft Mechthild Orden an.
"Sie kennen sich doch mit solchen Pilotenspielen aus?"
"Warum? Wer sind Sie überhaupt?"
"Ich? Der Mann, mit dem Sie in Rodenkirchen in einem Eiscafe waren."
"Ach, ja. Der Typ von der Krankenkasse. Wollen Sie bei so einem Spiel
einsteigen?"
"Ich? Quatsch! Ich bin hinter so einem Spiel her."
"Seit wann beschäftigen sich die Krankenkassen mit solchen Spielen?"
"Krankenkassen? Ach, so. Nein, ich bin nicht bei einer Krankenkasse. Ich bin bei
der ...äh... Polizei. Nun ja, wo sind wir stehengeblieben?
"Warum haben Sie mich angelogen?"
Koritzius neigt den Kopf. "Das kann ich Ihnen nicht am Telefon erklären. Nur
persönlich... Ich würde Sie gerne mal wieder treffen."
"Wenn es nicht zufällig aussehen soll. Heute nachmittag um 5 Uhr bin ich im
Oscar.
"Heute nachmittag? Nun, nun ... Geht leider nicht. Ich muss gleich zum
HNO-Arzt." Das ist nicht alles. Wie gewohnt schützt er sich mit einem
Arztbesuch.
***
Lastwagen rumpeln vorbei, zwei Obdachlose dösen auf der Bank vor der
Herz-Jesu-Kirche so vor sich hin, eine Frau mit eingefallenen Wangen schiebt
sich auf dem viel zu schmalen Bahnsteig der Linie 7 durch eine Gruppe von
Schulkindern: Hans-Werner Koritzius trinkt im Stehcafé der Bäckerei Breuer einen
Kakao. Er spürt eine heiße Welle in sich hochsteigen.
Über marinefarbene Fliesen kriecht er auf die Frau im Reiteranzug zu.
Breitbeinig lehnt sie sich an ein Holzkreuz. In der rechten Hand eine
sechsschwänzige Peitsche. Langsam streicht sie über seine Wirbelsäule entlang.
Und drückt ihn mit einem Mal auf den Boden. Und dreht ihm das Ohrläppchen um. Er
fühlt sich in der Haut eines Mannes, der auf dem Weg zur Schlachtbank ist. Das
erregt ihn. Sie weiß das und kostet es aus: setzt ihm die Fußspitze ihrer
Stiefel unter das Kinn. Dann knallt die Peitsche durch die Luft. Das Übliche
halt.
"Können Sie mir bitte sagen, wie ich zum Friesenplatz komme?"
Neben ihm stehen ein Typ mit einem herabhängenden Schnäuzer und eine Frau mit
Sauerkrautlöckchen.
"Nein!!! Kenne mich hier auch nicht aus", schnappt er gereizt, schaut auf seine
Uhr und geht auf die Zülpicher Straße: um ein paar Häuser weiter eine neue Runde
von Mensch-ärgere-dich-sehr zu spielen.
In den paar Metern bis zu dem Bürohaus wiederholt er das, was er sich seit Tagen
zurecht gelegt hat: Ein Schuss hallte durch einen Gerichtssaal. Und traf seinen
Freund und Kollegen Männe Schmidberger. Der war sofort tot. Für Bruchteile von
Sekunden kam er seinem Weggefährten zuvor. Denn der hatte auf seine ehemalige
Freundin gezielt. Und wollte sie aus Rache töten. Seitdem peitschten Schüsse
durch die Seele von Koritzius. Nacht für Nacht. Wieder einmal hat er über sein
Leben in der Vergangenheitsform nachgedacht. Das passiert ihm in letzter Zeit
immer öfter.
Er geht die Marmorstufen zu ihrer Praxis hoch. Im Flur hallt es wie in einem
Schwimmbad. Oben schaut er auf seine Uhr: Pünktlich. "Ich dachte schon, dass Sie
heute nicht kommen können", begrüßt ihn Dr. Regine Schwirtz an der Tür im
Tonfall einer guten Frau, die von Boshaftigkeiten aus der Fassung gebracht
werden soll. Der Polizist blickt wieder auf seine Uhr. Die Schublade mit den
Schlagfertigkeiten ist heute für ihn verschlossen. Darum widersteht er
gezwungenermassen der Versuchung, sie zurechtzuweisen. Gewährt ihr sogar einen
freundlichen Blick. Doch der ist ein trojanisches Pferd.
"Kommen Sie gleich durch", bittet sie und spürt gleich, dass er heute ein
bisschen die Muskeln spielen lassen möchte. Auch wenn er bei genauem Hinsehen
einem Trauergast gleicht, der in der Generalprobe für einen zu erwartenden
Trauerfall steckt. Warum? Das ist ein Rätsel, für deren Lösung sie genau 50
Minuten Zeit hat.
Er bemerkt die fließenden Bewegungen, mit denen ihr langer Körper nach nebenan
geht. Die Frau im Reiteranzug, das Blutbad im Gerichtssaal. In ein paar Minuten
werde ich darüber reden, nimmt er sich vor.
Und bei Gott, er macht genau das nicht!
Wie alte Gefährten blicken sie sich einige Augenblicke an. Dann lockert er seine
Handgelenke, als wolle er etwas abschütteln. Sie tippt auf ein schlechtes
Gewissen. Aber hat er überhaupt eins? Frei nach Philip Marlow legt er die
Fingerspitzen aneinander. Und soürt eine Heidenangst, ohne auch nur im
geringsten zu wissen, warum. "Ich komme gerade vom Ohrenarzt und bin sauer! Bis
vor einer Woche wurde mein linkes Ohr behandelt. Wegen einer Pilzinfektion,
Jetzt ist rechts der Gehörgang entzündet." Er hebt seine Brauen. "Das hätte der
Arzt vorher bemerken müssen", fügt er hinzu, als sei ihm das erst in diesem
Moment eingefallen. "Auf dem Weg zum HNO-Arzt bin ich auch an Ihrer Praxis
vorbeigekommen. Das hat mich noch wütender gemacht. Auch von Ihnen bin ich
enttäuscht, weil meine Ängste geblieben sind. Das möchte ich so stehenlassen."
Die Endungen seiner Worte verlieren sich zwischen beiden Sesseln. Sie hat
überhaupt keine Zeit für eine Antwort. "Zum ersten Male habe ich auch im Traum
Angst vorm Fahren gehabt. Das war sonst noch nie so." Er öffnet seine Tüte Storm
King und steckt eine von den grässlichen Pastillen in den Mund. Lässt sich aber
nicht in seinem Redeschwall stoppen. "Ich bin mit dem Fahrrad über eine Autobahn
im Sauerland gefahren. Hinten sass mein Chef drauf, vorne meine Frau. Im Traum
musste ich plötzlich daran denken, dass auf der Strecke nach Köln viele Brücken
sind. Ich bekam richtig Panik und bin aufgewacht." Er beugt sich auf seinem
Ohrensessel vor und will wissen: "Was hat dieser Traum zu bedeuten?" Sie sind
doch die angebliche Expertin, ergänzt er lautlos. Koritzius muss etwas lachen,
ohne es zu wollen. durch das offene Fenster steigt das unbestimmt Rauschen der
Zülpicher Straße. Nur der Lärm eines Krankenwagens dringt deutlich nach oben.
Die Analytikerin schüttelt den Kopf. Er kriegt das gar nicht mit: "Ich komme auf
Ihren Einstieg zurück." Sie bemüht sich um Gelassenheit in der Stimme. Er
versteht nur Bahnhof. "Sie verpassen mir eine Ohrfeige, und ich bekomme keine
Chance, mich zu wehren...." Hinter ihr schwankt der Himmel. Ein paar dunkle
Wolken ziehen auf.
Er feuchtet die Lippen von innen an, verwirft aber den Impuls, ihr mit Worten
einen reinzuwürgen: "... Das war nur die halbe Miete", dreht und wendet er sich,
als ginge ihm der Text aus, "ich war natürlich auch auf meinen Körper sauer, der
mich zu einem Patienten von dem Ohrenarzt gemacht hat. Und auf meine Seele, die
mich zu Ihnen kommen lässt." Diese 50 Minuten werden wieder nicht reichen, um
endlich auf das zu kommen, was ihn beschäftigt. Seine Gedanken wandern zu der
Frau im Reiteranzug. Doch auf diese Erinnerung ist er plötzlich nicht mehr
stolz. Er denkt an seinen toten Freund und starrt mit leerem Gesichtsausdruck
auf den Sessel gegenüber.
Sie wirft noch ein paar Scheite ins Feuer: "So ist das immer wieder. Sie
verpassen mir einen Tritt, wenn ich darauf zu sprechen komme, machen Sie sofort
einen Rückzieher. Sie werfen mich mit dem Ohrenarzt, dem Sie einen Kunstfehler
anlasten, in einen Topf. Ich habe Ihnen doch schon mal gesagt, dass ich nicht so
wie die anderen Ärzte bin. Ich bin nicht jemand, der Ihnen Ihre Krankheiten
wegnehmen kann ... Was geht in Ihnen vor, wenn ich so konfrontativ mit Ihnen
spreche?" Er sucht in ihrer Stimme eine Spur von Unsicherheit. Doch da ist
nichts. Nebenan geht das Telefon. Sie kriegt aber nicht mit, wer gerade auf den
Anrufbeantworter spricht.
Carlheinz Roth vielleicht? Gestern hat er sich dreimal gemeldet, heute schon
zweimal. Immer bat er um ihren Rückruf. Sie hat es nicht geschafft, ihre Karten
auf den Tisch zu legen.
Erst ist Koritzius viel zu sauer, um zu antworten. Schüttelt nur den Kopf. Dann
kriegt er doch etwas heraus. "Ich ... Ich schalte innerlich ab", sagt er wie im
Schlaf. Hans-Werner Koritzius ist wütend, weil er fühlt, dass sie einen Ambo
gelandet hat. Jetzt spürt er wieder den Druck auf der Blase.
Eine Bluttransfusion hat er nicht zu erwarten. Wie auch, sie wartet selbst
darauf. "Sie schalten also innerlich ab." An der Decke dreht ein Ventilator
seine Runden. Ziemlich erfolglos. Da ist die stickigschwüle Luft der großstadt.
Da ist auch das Klima in diesem Raum. Es hat sich unter den Nullpunkt abgekühlt.
"Ich merke, dass Sie heute sehr aggressiv sind."
Er feuchtet die Lippen von innen an und fragt ziemlich unwisch: "Wie kommen Sie
darauf?" Sein Gesicht hat eine rote Färbung angenommen. Dabei wollte er ihr
heute sagen, dass er froh ist, dass es sie gibt. Mist! Jetzt verdrängt er ganz
schnell diesen Gedanken. Auch für seine Biographie ist heute keine Zeit.
"Das spüre ich." Einen Herzschlag lang sieht sie in seine verwirrten Augen. Die
Kunstpause macht ihm angst. "Haben Sie sich schon mal die Frage gestellt, wie
groß Ihr Interesse an anderen Menschen überhaupt ist, wenn Sie bei einer
kritischen Position sofort abschalten?"
Hans-Werner Koritzius keift: "Was soll das schon wieder?" Seine Stimme brodelt
knapp unter der 100-Grad-Marke. Für sie klingt das wie das Bellen im Keller. Sie
lässt ihn zappeln und schweigt. Schließlich druckst er etwas herum: "Nunja,
nicht sehr groß." Und lässt den Kopf hängen. Er hat gemerkt, dass er hier keine
Punkte sammeln kann. Aber er hofft auf den Gaukler. der sie im Zylinder
verschwinden lässt. Oder wenigstens den Zeiger der Uhr vorstellt.
Die Frau mit den mittelmeerblauen Augen bleibt hartnäckig am Ball. Sieht, dass
ihr Patient inzwischen auf seine Füße starrt. "Das bedeutet, alle anderen
Menschen sollen sich voll und ganz auf Sie einstellen. Wenn nicht, sind sie der
letzte Dreck."
Seine herabhängenden Schultern geben die Antwort. Er wirkt total geschlaucht.
Ansprüche senken? Für ihn bisher kein Thema.
Sein hastiger Atem dringt an ihr Ohr. "Sie verpassen allen Menschen einen Schlag
in die Magengrube, und wundern sich dann, dass diese Menschen sich von Ihnen
zurückziehen. Wie ihre ehemalige Kollegin, die jetzt fortgezogen ist. Einmal hat
sie sich mit Ihnen getroffen ..."
"Das ist mir ein totales Rätsel." Warum habe ich ihr nur davon erzählt? Ihre
offenen Worte haben seine Pläne von einer Keilerei durchkreuzt. Seine Stimme ist
noch immer belegt von den Strapazen des Morgens. Aber langsam spürt er wieder
etwas Boden unter den Füßen. "Das liegt inzwischen ein halbes Jahr zurück. Ich
habe sie immer und immer wieder angerufen. Aber sie will sich einfach nicht mit
mir treffen." Kindergeschrei dringt wieder durch die Wände. Untermalt vom
Brummeln eines Alkis.
"Haben Sie sich mal gefragt, warum das so ist?" Während er noch nach einer
Antwort sucht, kommt seine Therapeutin ihm zu Hilfe. "Die Frau hat bestimmt
gemerkt, dass Sie gar nicht an ihr ernsthaft interessiert waren. Sondern mit ihr
nur Ihre Frau betrügen wollen."
Starker Tobak!
Erst nach einigen Minuten fängt sich seine Stimme wieder: "Ich habe doch nur mit
Ihr telefoniert ..."
"... So etwas merkt man auch am Telefon ... Sie sind auf dem besten Wege, ein
total einsamer Mensch zu werden."
Das hat gesessen. Er fixiert die Uhr an der Wand: die Stunde ist um. Endlich.
Dr. Regine Schwirtz schaut ein paar Augenblicke an die Decke. Das scheint zu
ihren Riten zu gehören. "Das war heute die letzte Stunde bei mir. Ich kann Sie
nicht weiter behandeln", sagt sie, als sie wieder seinem Blick begegnet.
"Warum? Warum nicht?", keucht er.
Doch er wird nicht erlöst. "Ich habe Ihnen die Adressen von einigen Kollegen
hier in der Nähe aufgeschrieben", sagt sie und holt einen Zettel aus ihren
StretchJeans. Mit entschlossenem Gesicht geht sie in den Raum, in dem der
Anrufbeantworter steht.
"Blöde Kuh!" raunzt er ihr hinterher, geht und schmeißt die Tür hinter sich zu.
***
Vor zehn Minuten ist Hans-Werner Koritzius aus der Praxis von Regine Schwirtz
gekommen. Mit knallrotem Gesicht. Vor Zorn, Schmerz und Hilflosigkeit. Weil er
wieder einmal nicht das sagen konnte, was ihm auf der Seele liegt. Aber noch
schlimmer ist der Raußchmiss. Darüber grübelt er auf dem Weg zum Chicago
Meatpackers in der HahnenStraße. Nach ein paar Regentropfen gibt sich der Himmel
wieder fügsam. Aber die Bürgersteige der Straße sind leer. Das offizielle Köln
ist im Freibad oder irgendwo in der Mittagspause.
Hans-Werner Koritzius setzt sich an die Bar und blickt angestrengt an die Decke.
Dort dreht eine Modelleisenbahn polternd ihr Runden. Elvis Presley wagt sich mit
An American Trilogy aus dem Fenster. Schweiß rinnt dem Polizisten über die
Stirn. Sein Glas hält er von sich weg wie einen Eimer, dessen Inhalt er nicht
traut. "Noch einen", sagt er zu dem Athleten hinter der Bar und versinkt sofort
wieder in seine Grübeleien. Bin ich nicht therapiefähig? Nein! Aber sicher ist
er sich nicht.
"Hallo", haucht die Stimme neben ihm. Wie immer klingt sie etwas atemlos. Die
Stimme gehört seiner Frau Bärbel, die verwaschene Jeans, und ein legeres TShirt
zu ihrem fehlenden Makeup trägt. Sie ist wieder ein voller Erfolg. Doch seine
Miene hat mit Bestsellerlisten nichts im Sinn.
"Hallo", kehlt er, nachdem er geschluckt hat. Seine Hände zittern heftig, als er
das Glas wieder abstellt. Das Gesicht im Spiegel hinter der Bar kommt ihm
gespenstisch vor, wie ein geschminkter Tattergreis auf dem Sterbett.
"Wartest du schon lange auf mich? Ich habe keinen Parkplatz bekommen", berichtet
sie mit vollendeter Freundlichkeit. "Warum bist du nicht an einem Tisch?" Längst
hat sie bemerkt, dass er wie angenagelt neben ihr sitzt. Sein Gesicht ist total
gelangweilt, aber in seinen Augen zuckte es, als sie vorhin zu ihm kam. Jetzt
sind sie wieder ausdruckslos.
"Alles belegt." Mit seinem Gesichtsausdruck will er alle ihre Wünsche, ein
Gespräch anzufangen, sofort beiseite wischen. Doch darauf lässt sie sich nicht
ein und macht den Vorschlag: "Dann lass uns doch woanders hingehen."
"Nein! Mir gefällt es hier sehr gut", tönt er und verfällt in den Jargon eines
nicht überzeugenden Strafverteidigers. Eine Zeitlang sagt er überhaupt nichts.
Sie lässt ihn nicht lange gewähren: "Irgend etwas stimmt doch nicht mit dir. Ich
spüre es, oder?" In ihren Augen steht Ratlosigkeit. Er wedelt mit der
Speisekarte, um sich etwas frische Luft zu verschaffen und sagt ohne
Überzeugung: "Nichts." Seine Frau beißt sich auf die Lippen. Er fasst sich mit
dem Daumen unters Kinn: "Warum nimmst du mich in die Mangel?" Seine Pose von
gespielter Gleichgültigkeit sieht nicht aufgesetzt aus. Aber dann verengen sich
seine Augen und er schüttelt theatralisch den Kopf. "Das finde ich überhaupt
nicht komisch." Sie fragt sich wieder, wie es kommt, dass er ihr immer öfter
völlig fremd ist. Sie kann immer weniger die Frage beantworten, ob er überhaupt
noch mit ihr zusammen ist. Und sie mit ihm. "Wir sollten mehr miteinander
reden." Ihre Hände nesteln am Hocker herum. Sein Gesicht verrät ihr, dass er
daran kein Interesse hat. Damit will sie sich nicht zufrieden geben. "Kannst du
nicht einfach Urlaub nehmen, dich ins Auto setzen und mit mir wegfahren?"
Zielstrebig lässt er kein Fettnäpfchen aus. "Du hast keine ..." Er führt den
Satz nicht zu Ende, denn er glaubt nicht, dass er die richtigen Worte fände.
"Geht nicht!" Einen Moment erstarrt er bei dem Geräusch, das die Modelleisenbahn
unter der Decke macht. "Schade", sagt sie niedergeschlagen, will aber nicht so
schnell die weiße Fahne zeigen. Neuerdings ist er immer öfter emotional
abwesend. Und dann wieder überschwenglich und blendend gelaunt.
"Hans-Werner, Dein Tisch ist jetzt frei", schnarrt es aus einem Lautsprecher. In
dem Dean Martin gerade das Erbe vom King antreten will. Die Stars folgen
gnadenlos aufeinander.
"Bist du das? Woher kennen die überhaupt Deinen Vornamen?" will sie wissen. Ihre
Augen tanzen wie aufgeregte Libellen.
"Den habe ich vorne angegeben", sagt er andeutungsweise. Den musste ich leider
hier angeben, soll das bedeuten. Dem Barkeeper drückt er 20 Mark in die Hand:
"Der Rest ist für den Croupier", lacht er, als habe er etwas wahnsinnig
Komisches gesagt. Der gute Samariter ist total verdutzt. Er hakt die Brille von
den Ohren, haucht sie an, reibt sie mit einem Taschentuch ab und schüttelt dabei
den Kopf.
"Sollte ein Scherz sein", gluckst die Frau verbindlich.
"Jaja", brummt der Mann hinter der Theke. Und hakt die Brille wieder hinter
seine Ohren. Mit dem Taschentuch tupft er sich die Stirn. Dann faltet er es zu
einem kleinen Viereck zusammen und steckt es ein.
Ein Kupfergelockter führt sie an einer Ansammlung besetzter Tische vorbei, zu
einem freien direkt am Fenster des Restaurants für Holzklasse-Passagiere. Bärbel
Koritzius folgt ihm mit flottem Schritt, ihr Mann zockelt hinterher. Wie ein
Fußballer nach einem missglückten Strafstoss.
Der Kellner reicht die Karte. Doch sie wirft keinen Blick darauf. Sondern
mustert ihren Mann: Wann hat er seine ganze Lebendigkeit verloren. Sie kratzt
sich an der Stirn: "Du hast doch was?" Würde er auspacken, wäre sie wütend mit
ihm. Aber auch erleichtert. Sagt sie sich wenigstens. Aber so ist sie ratlos.
Und immer auf der Suche.
Das Gesicht ihr gegenüber zuckt für den Bruchteil einer Sekunde wie ein
Eisenbahnsignal. Er trinkt hastig einen Schluck. Erst will er Kopfschmerzen
vorschützen, dann besinnt der in seinen Gefühlen total Verkümmerte sich: "Diese
Schwirtz ... diese Seelenklempnerin, die hat mich heute einfach rausgeworfen",
sagt er, als erläutere er gerade die Überhangmandate im Bundestag. Sein Blick
hat sich auf sonnengebräunte Mädchen auf der Terrasse gesenkt und bleibt dort
liegen. Auf dem Seitenstreifen hält der schlechte Nachbau eines englischen
Sportwagens seinen Mittagsschlaf. So wird er seiner Aufgabe nicht gerecht, für
das Haus der 1000 Pfeifen als Blickfang zu dienen.
Sie schüttelt den Kopf: "Rausgeworfen? Warum denn das?"
"Keine Ahnung", sagt er mit grausamer Selbstbeherrschung ganz ruhig. Und zuckt
nicht mit den Wimpern. Aber die Ringe unter seinen Augen haben Nachwuchs
bekommen.
Nat King Cole wetteifert jetzt mit dem Zug an der Decke. Der Kupfergelockte
kommt mit einem Block zurück. Die Beerdigungsmiene bestellt sich ein Filet
Steak, dazu Potato Bits und ein Samuel Adams. Er schreit fast, um das Getöse in
seinem Hirn zu übertönen. Seine Frau ordert ein Pastrami Sandwich, einen Rainbow
Salat und eine Flasche Mineralwasser.
"Warum denn das?", wiederholt sie.
"Psychoklempner sind Süchtige", ereifert er sich plötzlich. "Sie können nur
leben, wenn andere Menschen am Boden liegen. Aber zum Glück trifft das auf mich
nicht zu." So ganz kann sie ihm nicht folgen, was das mit dem Raußchmiss zu tun
hat. Darum zieht sie die Brauen hoch. Er kommt ihr zuvor: "Du hättest mal ihre
Hände sehen sollen, als sie mir das gesagt hat." Du hättest vorhin mal deine
Hände sehen sollen, denkt sie.
"Hätte ich?"
"Hättest du", hört er sich sagen, während er einen Baum fixiert, der draußen
Schatten spendet. Dort sind genügend Tische frei. Warum hat er sie vorhin nicht
entdeckt? Schnell fügt er hinzu und steigert sich regelrecht in eine Empörung
hinein: "Keinen Grund hat sie mir genannt. Keinen!"
"Und darum hast du so eine schlechte Laune", erkundigt sie sich. Und bildet sich
nicht ein, dass er nur an Dr. Regine Schwirtz denkt.
Seit elf Jahren sind die beiden verheiratet. Vor sechs Monaten bezog sie ihr
eigenes Schlafzimmer. Nachdem sie ihn zu einer SM-Fete begleitet hat. Nach dem
Umzug hat er sie gewarnt, wenn sie es mit ihm aufnehmen wolle, sei das ein total
ungleicher Kampf. Denn sie würde verlieren. Obwohl sie seit diesem Abend
vorgibt, sein Schicksal sei ihr gleichgültig, achtet sie doch mit Argusausaugen
auf jeden seiner Schritte. Immer stärker wächst aber ihre Entschlossenheit, sich
von seinen Ratschlägen zu lösen und sich auf eigene Gefühle zu verlassen.
Nach einer alten Gewohnheit fährt er sich mit dem Handrücken über den Mund und
lügt: "Stress im Büro. Aber wie soll ich dir das als Laien erklären?" Wie ein
Felsbrocken bricht plötzlich alles über ihn herein. Die Frau im Reiteranzug,
ihre Peitsche, Demütigungen, Demütigungen, Demütigungen...Ihr Lachen kann seine
Träume nicht wegspülen. Er trägt weiter seine Haut zu Markte. "Lass mich in
Ruhe", fügt er unwirsch hinzu. Und scheint wieder in seine Träume zu versinken,
sieht das Dilemma: Wird morgen wieder eine Leiche gefunden? Grausam zerstückelt?
Von Tag zu Tag steigt der Kesseldruck weiter an. Und er findet keinen Zuhörer.
Oftmals ist er in den letzten Monaten nach Feierabend nicht nach Hause gefahren,
weil er den stummen Vorwurf in ihren Augen nicht ertragen konnte. Immer öfter
erträgt er sie nur als Test für seine Gelassenheit.
"Hast du inzwischen eine Ahnung, was sich in Mülheim abgespielt hat?" Bärbel
Koritzius lässt ihre Stimme sachlich klingen und zwingt sich, ihren Ärger
herunterzuschlucken.
Mit etwas zitternder Hand wischt er sich über die Stirn. Am liebsten würde er
jetzt an die Decke gehen. Denn sie scheint wieder jeden Zoff zu ignorieren.
"Nein. Das gibt alles keinen Sinn."
"Vielleicht waren das mehrere Psychopathen?" Ihre Stimme zittert etwas.
"Das ist wirklich das Letzte...So gehen Irre nicht vor. Sie sind immer
Einzelgänger, schließen sich nie zusammen und planen gemeinsam einen Mord.
Unmöglich! Das solltest du eigentlich wissen." Aber er ist sich lange nicht so
sicher, wie seine Stimme klingt.
In ihren Augen macht er sich immer häufiger zu seinem eigenen Gegenspieler. "Ach
so", sagt sie und ist enttäuscht.
Mit kaltem, abschätzenden Blick sieht er auf seine Frau: "Gibt es sonst nichts,
was dich beschäftigt?" Dabei würde er gerne über das durcheinander in seinem
Kopf reden. Das wäre ein Fehler, geht es ihm durch den Kopf. Ich kann mich nicht
so demaskieren. "Also, was läuft bei dir so ab?" Dabei hat er eine Faust
geballt, als wolle er den Tisch schlagen.
Bärbel unterdrückt den Ärger, der angesichts seiner Worte in ihr aufsteigt. "Ich
kann vielleicht bei der Julie anfangen. Die macht eine Agentur auf", berichtet
sie mit Stolz in der Stimme. "Hmhmmm", murmelt er, fügt ein "Soso" hinzu. Längst
hat er abgeschaltet. Obwohl er einen Themenwechsel vorgeschlagen hat. Viel
lieber wäre er jetzt allein. Oder auch nicht.
Im ersten Moment bekommt sie seine Abwesenheit nicht mit. "Die will in der
Hauptsache PR machen."
"Hmhmmm." Ihm fehlt total das rechte Fingerspitzengefühl im Umgang mit Leuten,
die um seine Aufmerksamkeit kämpfen. Seine Antworten sind immer knapper
geworden. Er scheint gefährlich nahe dran zu sein, die Buddel mit seinen
Boshaftigkeiten ganz zu entkorken. Immer wieder späht er mit seinen
überschatteten Augen hinter der Brille aus dem Fenster, als ob er auf der
HahnenStraße eine Antwort finden könnte. Die feuchten Handflächen wischt er sich
an der weißen Papierdecke ab. Schon zum dritten Mal. Ihn verunsichert die
Atmosphäre lähmender Ruhe am Tisch, darum begleitet das Trommeln seiner Finger
den Gesang von April Stevans. Seine Frau sucht nach einer Möglichkeit, ihn aus
seinem Grübeln zu reißen. Nichts fällt ihr ein. außer dem stummen Vorwurf.
Am Nachbartisch lacht ein Schlaumeier aus Weißderhimmel irgendwo im Süden für
zwei. Und lässt dabei seinen Vertreterkoffer nicht aus den Augen. Seine
Begleiterin zeigt ein zaghaftes Lächeln und hat die Stimme mitfühlend gesenkt:
"Muss das sein?"
Spätestens jetzt hat Bärbel Koritzius mitgekriegt, dass ihr Mann überhaupt nicht
richtig zuhört. "Du denkst, die ganze Welt liegt dir zu Füßen, und alle finden
dich toll", teilt sie aus. "Aber ich finde dich im Moment einfach beschissen!"
Ein Hamstergesicht bringt das Essen. Die Miene von Koritzius zeigt
Erleichterung. Er weiß schon die ganze Zeit nicht mehr, wie er ihren Blicken
ausweichen soll. Seine rechte Hand hat sich um die Ketchupflasche gelegt, als ob
er Henker spielen wolle.
Sein Adamsapfel springt hoch und nieder: "Für deinen Zoff bin ich heute nicht
aufgelegt, aber ..." Er lässt seine Worte absichtlich in der Luft hängen, denn
er will ihr Angst einjagen.
Einen Moment reagiert sie überhaupt nicht, und sie fragt sich, wann er ihr
überhaupt mal zuhört.
Kaum haben die beiden mit dem Essen angefangen, wird er wieder ausgerufen:
"Hans-Werner, Dein Telefonat ist da", tröpfelt das Quaken aus dem Lautsprecher.
Seine Augen sprühen Erleichterung. "Ich habe heute noch einen wichtigen Termin",
sagt er, beugt sich über den Tisch, steht auf und verschwindet mit
entschlossener Miene und einem Lächeln. Mit geballten Fäusten eilt er die Treppe
hoch, nimmt gleich drei Stufen auf einmal.
Nur er weiß, was ihn erfreut. Es ist der erwartete Anruf von Carlheinz Roth.
Doch....
***
Wortlos sitzen die beiden in der Taxe und fahren nach Hause. Hans-Werner
Koritzius kann sich nicht erklären, warum Roth das von ihm selbst vorgeschlagene
Treffen abgesagt hat. Seine Frau kann sein Schweigen nicht deuten. Schließlich
erzählt sie ihm irgend etwas, was eine Freundin in London erlebt hat. Aber er
hört überhaupt nicht richtig zu. Als sie sich an einer roten Ampel über
frauenfeidliche Fotos auf Plakaten aufregt, wird er wach und brummt etwas von
"Betschwesterprüderie" .
Ein Meisterstück unfreiwilliger Komik.
Auf einen Fernsehabend hat er keine Lust. Und auf Diskussionen schon gar nicht.
In Gedanken beschäftigt er sich mit dem Tag. Er denkt an die Leichenteile in
Dellbrück, den vielsagenden Anruf von Roth, den Raußchmiss der Psychotante, das
Treffen mit seiner Frau. Da eilen seine Gedanken noch weiter zurück. Nach
Rodenkirchen. Vielleicht wird er sie einmal wiedersehen. Vielleicht? "Ich hole
meinen Wagen aus der Stadt", erzählt er ihr vor der Haustür und sagt dem Fahrer:
"Zum Zülpicher Platz." Dabei stößt er einen hörbaren Seufzer aus. Schweiß tritt
ihm auf die Stirn.
Nach einigen Metern Fahrt ändert er das Ziel: "Fahren Sie nach Ostheim."
***
Von der Frankfurter Straße in Köln-Ostheim kann Hans-Werner Koritzius das
zehnstöckige Hochhaus mit der schmuddeligen Fassade in Augenschein nehmen. Er
trommelt mit den Fingern auf dem Armaturenbrett und gibt sich gelangweilt. Bei
einem Blick durch das Fenster bemerkt er, dass sie nach rechts in eine enge
Parallelstraße abbiegen. Der Fahrer drosselt sofort das Tempo, da überall auf
der Fahrbahn Kinder spielen. Als er in der Gernsheimer Straße aus der Taxe
steigt und die paar Meter zum Eingang des Hauses 17 geht, schätzt er, dass hier
mindestens 150 Menschen mehr oder minder hausen: Die Briefkästen sind
aufgebrochen, in der Eingangstür fehlt eine Scheibe und Schellen mag es sicher
in der Vergangenheit mal gegeben haben, wovon noch einige Drähte zeugen. Er
fragt sich, ob er in so einer Umgebung leben könnte.
"Viel Spass", ruft ihm der Taxifahrer hinterher und strahlt ihn mit seinem
offenen Gesicht an. "Naja", brummt Koritzius und blickt dem Ford nach, der
langsam wendet und dann verschwindet. Er bildet sich viel auf seine guten Nerven
ein, aber jetzt ist er drauf und dran, etwas hektisch zu werden. Das Unerwartete
verleiht seinem Besuch einen Kitzel von Gefahr und Abenteuer. Er füllt seine
Lungen mit Marlboro und geht zum Eingang. Drinnen hält er sich an der Wand fest,
um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Seine Schläfen pochen.
Einen Moment weiß er nicht, was er tun soll. In den Aufzug steigen?...Die
Türschilder hier unten absuchen?
Mechthild Orden wohnt zum Glück im Erdgeschoss. Da er auch hier keine Klingel
findet, klopft er. Aber nichts rührt sich. Und so pocht er gegen die Tür.
Schließlich geht sie auf und eine Kastanienbraune in einem khakifarbenen
Jogginganzug späht ihn an: "Waren wir verabredet? Ich habe total verschlafen."
Sie trägt heute eine randlose Brille, hinter der sich ein müdes Augenpaar
verbirgt. "Macht nichts", antwortet Koritzius mit betonter Höflichkeit und
umschließt ihre Hand mit einem kräftigen Griff. "Als Sie nicht kamen, bin ich
einfach hierhin gefahren", lügt er.
"Jetzt habe ich nur ein paar Minuten Zeit", erklärt sie. "Ich habe gleich noch
einen wichtigen Termin." Sie schaut sich den Besucher näher an. Auf sie wirkt er
genauso leblos wie eine Gestalt im Wachsfigurenkabinett auf der Reeperbahn in
Hamburg.
"Was ich mit Ihnen zu besprechen habe, wird auch nicht allzu lange dauern." Ein
unangenehmer Singsang bestimmt seine Antwort. Während ihre Augen noch auf ihn
ruhen, geht ihr eine Frage durch den Kopf: War ich wirklich mit ihm verabredet?
Die Privatdedektivin sieht an ihm vorbei und deutet auf ein Zimmer am Ende des
Ganges: "Kommen Sie herein. Dort ist mein Arbeitszimmer." Dann geht sie voran.
Vier Türen gehen von dem Flur nach rechts und links ab. Er bleibt einen Moment
stehen, um einen Blick auf die Einrichtung zu werfen. Über einer Kommode hängt
ein übergroßer Spiegel, daneben steht ein Eimer, aus dem ein blauer Schirm
guckt. Unter einem Garderobenpaneel hat eine Truhe ein ruhiges Plätzchen
gefunden. Alles ist aus Fichte.
Das Büro könnte auch als Wohnzimmer durchgehen. Koritzius lässt seine Augen
durch den Raum wandern: Der Boden ist mit einem dunkelgrauen Teppich belegt. An
allen Wänden stehen Kieferregale, die mit Fernseher, Stereoanlage und Akten
vollgestopft sind. In der Mitte hat sich eine hellgraue Polstergarnitur
niedergelassen. An einer freien Stelle hängt ein Kunstobjekt ein mittelmeerblau
gestrichener Besen. Mechthild Orden setzt sich auf das 2erSofa, er lässt sich
auf den Sessel ihr gegenüber nieder.
"Schön haben Sie es hier", sagt er leicht bewundernd.
"Okay", antwortet sie, "also, was wollen Sie wissen?" Ein geschäftsmässiger Ton
hat sich in ihre Stimme eingeschlichen.
Am liebsten möchte er mit ihr über alles mögliche reden, darum reißt er sich
zusammen und legt mit der Befragung los: "Was haben Sie eigentlich gegen
Pilotenspiele?
"Ha!" lacht sie. "Was habe ich eigentlich dafür?" Mechthild Orden runzelt die
Stirn. Sie scheint sich erst ihre Wort zurechtzulegen, ehe sie loslegt." "Nun",
beginnt sie schließlich, "dabei gibt aber einen Markt dafür."
Der Polizist neigt den Kopf: "Was heißt das?"
"Über 500 Spiele grassieren in der Bundesrepublik. Und es gibt eine Hochrechnung
von einem obskuren Verband, dass ungefähr eine Million Bundesbürger bei diesen
Spielen mitmachen."
"Und was ist mit Pik7?"
"Was soll mit Pik7 schon sein? Dieses Spiel ist von cleveren
Computerspezialisten ausgedacht worden." Sie steht auf, geht zu einem Schrank,
zieht eine Schublade auf und nimmt ein Blatt heraus, das voll mit Zeichnungen
ist. "Das ist das System von Pik7. Sie steigen mit 300 Mark ein, 100 Mark kriegt
der Vermittler, mit 200 Mark durchlaufen Sie eine Startliste. Das kann innerhalb
von wenigen Stunden gehen", sagt sie und nippt an einem Drink. Er verspürt auch
durst, bringt aber keine Frage über die Lippen und hört weiter zu: "Dann haben
Sie 200 Mark Gewinn gemacht. Toll?" fragt sie rhetorisch. "Nur scheinbar.
Ausgezahlt bekommen sie nur 50 Mark, mit dem Rest geht es in das AutomatikTeam
1. Allerdings nur mit 80 Mark, 70 Mark sind wieder Bearbeitungsgebühr. Ist auch
diese Pyramide 2 überstanden, haben Sie 600 Mark Gewinn. Ausgezahlt werden nur
150 Mark. Und jetzt wird es kompliziert. Sie gehen in Team 3, ein Teil wird aber
wieder in Team 1 investiert..."
"... Und warum das ganze?" fragt er und erhascht einen flüchtigen Blick von der
Landschaft, die hinter dem Haus in der Sonne badet: eine holprige Wiese, ein
kleiner Hügel und ein dichter Wald. Für einen Themenwechsel fehlt ihm der Mut.
"Bei jedem Pilotenspiel kommt es darauf ein, das Spiel möglichst lange am Leben
zu erhalten. Sie als Teilnehmer müssen ständig neue Mitspieler suchen, sonst
bricht das System zusammen. Klar? Bei Pik7 fällt alles etwas einfacher aus."
"Also hat man hier den Stein des Weisen gefunden?" Ihm brummt langsam der Kopf.
"Bestimmt nicht. Nur ausgekochter", knurrt sie verächtlich. "Denn bei jeder
Reinvestition fallen Bearbeitungsgebühren an. Zum Schluss sind es 32 mal 30
Mark. Da kommt eine Menge Holz zusammen."
"Sie haben einiges herausgekriegt..."
"...Ich habe jede Menge Details über Pik7. In meinen Beruf kommt es auf Fakten
an."
"Und woher stammen diese Infos?
"Bei manchen anderen Infoabenden müssen sie am Ende einen Zettel unterschreiben,
dass sie nichts an die Öffentlichkeit geben", erklärt sie. "Die Veranstalter
haben eine panische Angst, dass ihnen jemand auf die Schliche kommt."
"Und bei Pik7 ist das anders?"
"Ja. Der Verein ist cleverer. Dort kriegen sie von einem sogenannten Infoleiter
alle Informationen. Natürlich nur die, die für Pik7 sprechen", lacht sie und
streicht über die drei silbernen Ringe, die an den Fingern der rechten Hand
stecken.
"Ein wenig kapiere ich so ein Spiel. Wissen Sie auch, was ein Infoleiter so
verdient?"
"Um die 40 Mark pro Teilnehmer. Nicht wenig. Aber dafür kriegt so ein Infoleiter
auch den ganzen Zorn der Leute mit, die irgendwann in die Röhre gucken", knurrt
sie verächtlich. Das reicht! Hans-Werner Koritzius gibt sich ein Zeichen zum
Aufbruch. Er schlägt die Beine auseinander, schießt in die Höhe und entblößt
seine Raffzähne: "Danke für die Informationen. Ich muss jetzt nach Hause." Seine
Stimme zittert etwas. Er fährt nur sehr widerwillig, obwohl er ein Ziel erreicht
hat.
***
Die Sonne ist noch nicht ganz untergegangen. Aber der Wind, der aufgezogen ist,
hat etwas Abkühlung gebracht. Hans-Werner Koritzius kommt aus Ostheim: zieht zu
Hause die Jalousinen herunter ,trinkt sein Glas Osborne Veterano in einem Zug,
schaltet den Fernseher an und legt sich auf die Couch. Nach einigen Minuten
wischt er sich mit dem Handrücken über den Mund und sagt unvermittelt: "Ich
wünschte, wir könnten morgen in Urlaub fahren." Seine Frau überlegt kurz und
lächelt ihn nervös an. Dabei umklammert sie die Teetasse so fest, dass die
Knöchel weiß hervortreten. "Du... du erstaunst mich", antwortet sie verblüfft,
"ich wünschte, wir könnten irgendwo einen Neuanfang machen." Aber jeder für
sich, ergänzt sie in Gedanken. Der Detektiv fummelt an seiner Brille herum:
"Tja, vielleicht können wir das wirklich." Ein Sekundenlächeln huscht über sein
Gesicht. Mit den Fingerspitzen reibt er sich die Schläfen. Sie blickt
erschrocken auf wie ein Reh in der Nacht: "Was?" Ein Gefühl von Unsicherheit ist
in ihrer Stimme. "Na ja, nicht jetzt", stellt er mit leicht schwerer Zunge fest
und schreibt sich selbst wieder den Part des groben Klotzes zu. "Aber vielleicht
irgendwann einmal." Plötzlich klingt er richtig gereizt und verteilt
Backpfeifen: "Du kannst ja schon mal kräftig davon träumen." Jetzt behandelt er
sie wieder auf eine verletzende, beiläufige Weise, als würde sie sich ganz
zufällig in seinem Leben aufhalten. Sie spürt es. "Ach so", zieht sie die
Mundwinkel herunter.
Ihr großes Problem ist die Angst. Die Angst davor, seinen Rest von Zuneigung
ganz zu verlieren und alleine dazustehen. Immer öfter sind ihre Träume nur
halbe. Trotz der zwei Jahre Psychotherapie, von der er nichts weiß.
Eine Zeitlang sitzen sie jetzt stumm vor dem Bildschirm. Talkshow aus Dresden.
Er blickt mehrfach in Richtung des Telefons. Genüßlich streut sie Salz in die
Wunde und sieht ihn scharf an: "Erwartest du noch...eine Absage?" Er schüttelt
den Kopf, aber sie vermutet, dass er dringend darauf wartet, von einem
Artgenossen angerufen zu werden. Da ist auch wieder das diabolische Grinsen, das
sich hinter ihrer ehrpusseligen Miene versteckt.
Bärbel Koritzius hält es für klug, das Thema zu wechseln. Und überlegt. Nach
einer ganzen Weile fällt ihr ein, was sie schon am Nachmittag von ihrer Freundin
Cordula Grundig erfahren hat. "Der Armin hat einen dubiosen Kettenbrief
gekriegt."
"Kettenbrief?" fragt er und schaut aus dem Fenster hinaus in den Garten.
Kettenbrief damit konnte er seinem Ruhmesblatt vielleicht einen goldenen Zacken
hinzufügen.
"Ja. Er soll Glück bringen. Darum soll der Junge in 96 Tagen 20 Kopien an andere
Kinder weiterschicken...
"...Bei Kettenbriefen geht es doch sonst immer ums Geld." Er starrt sie wie
gebannt an.
"Hier auch. Er muss die Kopien verschicken und 20 Mark auf ein Konto überweisen,
damit ein Junge, der diesen Brief weggeworfen hat, nicht stirbt." Sie spricht,
als wäre sie selbst Opfer eines solchen Psychoterrors geworden. "Die Cordula ist
ganz aufgeregt. du weißt doch, wie labil ihr Sohn ist, jetzt, wo ihr Mann
abgehauen ist. Ja?" fragt sie mit einem Glitzern im Blick, das er kennt. Der
Polizist fasst die Nasenwurzel mit Zeigefinger und Daumen an: "Die Sache mit dem
Kettenbrief stinkt doch zum Himmel!" Sie will auf keinen Fall Milch verschütten:
"Du hast recht... Kannst du dich nicht darum kümmern?" Damit stürzt sie sich
wieder einmal selbst in absolute Düsternis.
"Worum?"
"Um die Kettenbriefe...Dachte ich." Ihre Augen sind rot und weit aufgerissen.
Hans-Werner Koritzius schnellt hoch, atmet tief ein: "Ich??? Ich bin doch nicht
irgendwer! Ich bin bei der Mordkommission. Das sollte auch Deine Freundin
wissen."
Du bist wieder auf dem Kriegspfad, sagt sie lautlos und wechselt wieder einmal
das Thema: "Unsere Garage ist ständig zugeparkt. Kannst du nicht mal ein
Verbotsschild an die Tür nageln?
"Ich?" Dummes Geschwätz, entscheidet Koritzius. Längst sitzt er wieder und legt
den rechten Knöchel auf das linke Knie. Plötzlich kommt ihm der Gedanke, dass
das Interview über die Morde vielleicht nur jeden Fahnder in die Irre führen
soll. Aber warum?
"Ist das so ein großes Problem?" Als würde das nicht reichen: "Oder kanst du das
etwa nicht?"
Er bleibt ganz ruhig: "Was?...Ein Schild? Das ist Sache des Vermieters. Dafür
ist der da. Schließlich kann er nicht nur Miete kassieren." Warum macht die
Psychotante so ein Interview.
Sie besitzt das Talent, mit jedermann Smalltalk führen zu können. Aber in ihrer
Ehe schafft sie es einfach nicht, ihn fühlen zu lassen, dass er nicht einsam
ist. Auch die richtige Tonlage scheint nicht auf ihrer Wegstrecke zu liegen.
"Also, muss ich mich wieder darum kümmern, ja?"
"Was?... Das ist ja nicht zuviel verlangt." Schlafwandlerisch kann er sich in
Schwierigkeiten manövrieren. "Du solltest den Hauswirt daraufhin ansprechen.
Oder soll ich das auch noch machen?" Er kann nicht seinen Streß verbergen.
Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn. Hängt sie auch bei Pik7 mit drin?
"Nein, nein. Das mache ich schon", entscheidet sie und scheint froh zu sein,
dass er ihr gesagt hat, was sie tun soll.
Nach einer ganzen Weile holt sie aus: "Du", sagt sie. "Was ist?" antwortet er,
lässt jetzt seinen Blick am Fernseher kleben. Tausend Gedanken schießen ihm
durch den Kopf. Schwirtz? Pik7? Roth? Alles gibt keinen Sinn.
"Du fühlst dich übergangen, ja? Im Büro, ja?" Er starrt sie wie gebannt an.
"Was? fragt er unsicher nach einer Pause. "Nichts dergleichen. außerdem habe ich
jetzt keine Lust auf Stress." Auch wenn er ihn hat.
Beiden ist klar: Alles ist nicht mehr so wie vorher.
11
Sonntag, 26. Juni
"Dat jibbt ja doch nix", stöhnt Heinz Rothermund und streicht sich mit seinen
nikotinbefleckten Fingern übers Kinn. Der Veteran streckt sich behaglich, als ob
das Motzen sein einziger Spass auf Erden wäre. Carlheinz Roth reagiert nicht, er
hat die Füße auf den Schreibtisch gelegt und ist in die Kölnische Rundschau
vertieft. "Jibbt nix", wiederholt Rothermund, Pessimismus scheint sein einziger
Frühstücksbelag. gewesen zu sein. Roth atmet scharf aus, deutet so an, dass die
Grenzen seiner Gutmütigkeit erreicht sind. Und sagt in seiner schnörkellosen
Art: "Stimmt!...Wenn Sie hier die Zügel in der Hand hätten. Heute geben Sie sich
wieder alle Mühe so zu wirken wie jemand, dessen Tage bei Punkt! gezählt sind.
Heinz Rothermund neigt sein Ohr wie ein Schwerhöriger. Längst hat es Roth
aufgegeben, von dem Fotografen ein Lächeln zu erwarten. Denn diesen Gefallen tut
der gebürtige Berliner seiner Umwelt nur höchst selten.
Der Pessimismus von Heinz Rothermund drückt nicht auf die Laune von Carlheinz
Roth. Bruchteile von Sekunden später ist der Prinzipal mit seinen Gedanken
soundso ganz woanders. Vor zwei Tagen musste er Hans-Werner Koritzius anrufen
und eine Verabredung absagen. Wie sollte er Fragen für ein getürktes Interview
durchsprechen, wenn er die Mutter der Psychogeburt nicht erreichen kann. Er holt
tief Luft und streckt seinen Rücken. Da muss ich durch.
"Sie wollten mich sprechen?" Vor ihm steht plötzlich Margot Brehm und hat wieder
ihr schlichtes Lächeln aufgesetzt. "Ja, ich habe eine große Bitte", beginnt
Roth. Und streift dabei ihre Hand, gepaart mit einem sehnsüchtigen Blick. Sofort
strahlt die Redaktionslaborantin wie ein Polarstern: "Bestimmt kann ich die
erfüllen." Carlheinz Roth schiebt in seinem Geist die Figuren hin und her,
räuspert sich einmal und spricht leise zu ihr: "Wir machen doch gleich eine
Telefonaktion." Aufgeregt nickt die Mischung aus Engelshaar und Löwenmähne.
Roths Miene zeigt sofort Erleichterung: "Bestimmt gibt es viele Leserinnen, die
davon träumen, mit ihm verheiratet zu sein", erklärt er mit einem Anflug von
Verständnis. "Ich möchte Sie zum Sprachrohr dieser Frauen machen." Margot Brehm
bekommt weitere Instruktionen und schaut Roth hinterher ganz verwundert an:
"Ich?" Er berührt ihre Schultern. Wieder soll es ganz zufällig außehen. "Wer
denn sonst? Sie können das!" Sie glaubt ihm. Was bleibt ihr auch anderes übrig?
Er ist ihr Chef.
Ab 13 Uhr sollen die Leser anrufen. Und mit Roland Worms von der ZDF-Hitparade
telefonieren. Roths Erfahrung bei solchen Aktionen: Es werden immer wieder die
gleichen Fragen gestellt, wie "Wann kommt die nächste Sendung?" oder "Wie
bekomme ich ein Autogramm von Ihnen?" Keine Geschichten für Punkt! Doch der
Einfallspinsel will alles unter Kontrolle haben. Bei manchen Telefonaktionen
sind die Apparate sogar stumm geblieben. Aber dieser Schwanengesang erreichte
nie die Leser. Dann war die Redaktion gefordert. Alle Mitarbeiter mussten
annrufen. Natürlich unter falschen Namen. Einige weigerten sich. Trotzdem: Am
nächsten Tag ist in Punkt! grundsätzlich von einem Riesenerfolg die Rede.
Roth sammelt seine Gedanken: Heute ist der Wochentag, an dem der Mörder immer
seine Opfer umbrachte. Lauert er heute wieder einem Menschen auf? Oder kann Roth
ihn stoppen? Nur wie, wenn Dr. Regine Schwirtz nicht mitspielt?
Pünktlich um zehn Minuten vor 1 kommt Roland Worms zur Tür herein. Gutgelaunt.
Wohl in der Zuversicht, bei dieser Aktion wieder eine reiche Ernte einzufahren.
In der Hand hält er einen schwarzen Pilotenkoffer. Der so uralt außieht wie
Kunstgegenstände aus einer längst vergessenen Zeit. Draußen ist es 32 Grad im
Schatten. Aber die Krawatte sitzt fest unter seinem Kinn. Früher waren mal
Rollkragenpullover sein Markenzeichen.
"Ich weiß gar nicht, was Ihr mit mir vorhabt", lacht er Carlheinz Roth an. "Lass
dich überraschen", heißt die Antwort und Roth merkt sofort, dass sein Gast dies
überhaupt nicht mag.
Der Künstler geht von Schreibtisch zu Schreibtisch. Streckt jedem die Hand
entgegen. Schon im Augenblick des Drucks zieht er sie wieder zurück. Distanz
wahren. Bloss niemand an sich ranlassen. Dafür unternimmt er einen Versuch,
witzig zu sein. Er stellt sich jedem vor: "Hübner. Roland Worms . Ich bin der
Fahrer von Freddy Quinn." Die Worte lässt er genussvoll auf der Zunge zergehen.
Jürgen Hoffmeister stößt einen Seufzer aus und macht eine Miene, als wäre alles
ziemlich albern. Nach einigen Minuten wirft er den Kopf zurück und fängt an zu
lachen. Die anderen stimmen ein. Roland Worms dreht sich auf der Stelle um und
geht schnurrstracks zur Tür, als würde er davon ausgehen, dass ihm jemand folgt.
Er kann eben seine angespannten Nerven in der Nähe von Journalisten nicht
verbergen. Seine Lippen bewegen sich wortlos. Das Großraumbüro ist ein einziger
Blick voller Verwirrung und Panik. Carlheinz Roth überwindet die allgemeine
Lähmung, springt hinterher und glättet die Wogen. Die beiden sehen einander in
die Augen, Roland Worms schenkt dem Journalisten ein müdes Lächeln. Geschafft,
seufzen beide lautlos. Diesmal hat Don Quichote den Kampf gegen die Windmühlen
gewonnen. "Der hat nicht alle Tassen im Schrank", murmelt Jürgen Hoffmeister mit
einem bösen Grinsen und lässt offen, wen er meint. Niemand von der Kaste der
journalistischen Neunmalklugen beachtet ihn. "Halte endlich Deine Schnauze",
murmelt Edith Maywald verhalten, während sie sich mit einer Hand fieberhaft im
Gesicht kratzt.
Kurz danach trinkt Roland einen Kaffee im Stehen. Schwarz. Alle paar Sekunden
blickt er nervös auf die Uhr an der Wand. Hoffentlich geht es bald los. Er will
nicht rumquatschen. Eventuell noch Fragen nach seinem Privatleben beantworten.
Was wäre, wenn... er nicht mehr alle Fäden in der Hand hätte. Nicht auszudenken.
Er setzt sich an den Schreibtisch. Führt den Tross an. Wie ein kleiner Feldherr.
Die Tasse Kaffee schwingt er vor sich her, als wolle er damit eine Kollekte
eröffnen. Das Klingeln der Apparate ist anfangs sehr schleppend. Kleine
Schweißperlen tropfen von seiner Stirn. Er spürt wie sein Gesicht heiß wird.
"Wovor hast du Angst?", will Uschi Tiger aus Lünen wissen. Roland Worms ist
gleich in seinem Element. Er scheint sich wieder mal vorgenommen zu haben, seine
Seele zu verbergen. Dabei würde das dem Status einer Berühmtheit keinen Abbruch
tun. "Vor Weltkonflikten, vor Krieg und der Umweltverschmutzung, die
lebensbedrohend sein könnte." Carlheinz Roth beißt sich auf die Lippe und sagt
nichts. Dafür lächelt er beipflichtend und muss gähnen.
"Was denken Sie über Popularität?", interessiert Franz Holleczek aus Dormagen.
Oder auch nicht. Roth muss sich zusammenreißen, nicht plötzlich kreischend
loszubrüllen. "Es ist nicht allzu schwierig, populär zu werden. Aber populär
bleiben, das ist ein Kunststück." Na, toll. Denkt Roth. Die Einfallslosigkeit
drückt aber nicht auf seine Laune. Denn die beiden Telefone klingeln längst
sturm.
Heiko Stenglein kommt ins Zimmer. Mit seinen etwas zu kurzen Hosen und dem
frischgebügelten Hemd erinnert er mehr an einen Buchhalter, als an einen
Fotografen. Dabei steht er seit 15 Jahren bei Punkt! in Lohn und Brot. Er kommt
aus Bergheim. Einem Ort, dem der Kölner Volksmund gerne die Rolle der Ostfriesen
zuweist. "Lächeln", fordert Stenglein den Gast auf und macht seine Bilder. Ganz
artig spielt Roland mit, schaut nur den Bruchteil einer Sekunde bedrohlich.
Erstaunlich. Sonst gehen ihm bei Fotografen schon mal die Pferde durch. Wenn ihm
jemand das Profilächeln erklären will, wird er vor versammelter Mannschaft
zusammengestaucht.
Edith Maywald schreibt fleißig alles mit. Zwischendurch schüttelt sie eine Ernte
aus der Packung und hustet einige Rauchsignalwölkchen an die Decke. Das Gesicht
von Roland Worms zeigt den Ansatz von dumpfer Verständnislosigkeit. Ein Ausdruck
von Ekel huscht sogar über seine Miene. Carlheinz Roth spürt, wie sich seine
Nackenhaare aufrichten. Die Frau scheint es zu bemerken, drückt die Zigarette
wieder aus. "Wie wahr", bemerkt Roland trocken. Normalerweise überwindet er
seine anerzogene Schüchternheit nur durch Boshaftigkeiten. Carlheinz Roth sind
sie bekannt.
Jetzt ist Michael Sieckmeyer aus Bergisch Gladbach dran: "Warum machst du keine
Platten mehr?" Roland Worms verzieht die Oberlippe zu einem "Oooh" und lacht:
"Das Theaterspielen ist mein Beruf geworden. Das Singen mein Nebenjob."
Carlheinz Roth spürt, wie sein Gesicht rot anläuft. Zu albern. Er schickt ein
Stoßgebet nach oben.
Mit Erfolg! Die angebliche Christiane Oestergaard ist dran: "Wollen Sie mich
heiraten?" Roland Worms stutzt leicht: "Wie alt sind Sie?" Die Anruferin gerät
ins Stocken. "Waaas?" In ihrer Stimme ist kaum verholenes Entsetzen. Von einer
Gegenfrage hat ihr niemand etwas gesagt: "Äh...28 Jahre." Das stimmt den Gast
nicht skeptisch: "Dann freut mich Ihr Antrag", kokettiert er. Eine ganze Welle
Beifall spült über seine Seele hinweg. "Aber ich könnte Ihr großvater sein. Und
zum Heiraten bin ich schon zu alt." Carlheinz Roth stößt langsam die Luft aus.
In Gedanken formuliert er schon die Zeile: Punkt!-Leserin (28) macht Roland
Worms (63) einen Heiratsantrag.
Das bringt ihn auf eine Idee: Möglich, dass Axel Weiß irgendwo im Kölner Umland
bei einer Frau gelebt hat und deshalb in keinem Telefonbuch zu finden ist.
Er springt von seinem Sessel auf, rennt ins Sekretariat und ruft in Münster an.
Seine Augen zeigen unverholene Entschlossenheit. Klar, der hat doch im Dienst
einer Parteizeitung gestanden.
"Heinz Eilert."
Mit einer aufgeregten Klassensprecherstimme erkundigt sich Roth: "Erinnerst du
dich noch an mich?" Der Parteisoldat ist verunsichert: "Roth? Komm, hilf mir auf
die Sprünge."
Carlheinz Roth schaut nur kurz dem Zigarettenrauch nach: "Wir haben uns mal bei
einem Seminar deiner Partei über Medienpolitik kennengelernt."
Der Rufer in der Wüste ist erfreut: "Ja, richtig. Wie geht es dir? Was kann ich
für dich tun?"
Mit einem zuversichtlichen Lächeln will Roth wissen: "Arbeitest du noch immer
beim Sonntagsblatt mit?"
"Natürlich." Keine Frage für ihn. "Willst du auch einsteigen?"
"Nein, noch nicht", kichert er los. "Bei Euch hat doch auch der Axel Weiß
mitgemacht." Plötzlich streicht Angst mit kalten Fingern über sein Herz. Sein
Gedächtnis ruft ihm zurück: aufgerissene Augen...abgeschnittene
Brustwarzen...eine Wäscheklammer auf dem Boden.
"Klar!...Netter Kerl gewesen", trauert der karierte Bürohengst. "Hat sich von
einem Tag auf den anderen nicht mehr blicken lassen. War einfach verschwunden.
Einige Zeit später haben wir dann gehört, was passiert ist. Scheiße."
Roths Hände sind eiskalt, seine Stimme kriegt gerade mal den Bogen: "Kanntest du
ihn näher?"
"Nicht sehr. Leider. Obwohl wir Schreibtisch an Schreibtisch gesessen haben..."
Heinz Eilert scheint mit den Tränen zu ringen. Carlheinz Roth hat ihn richtig
eingeschätzt.
"Kanntest du seine Freundin?" Roth denkt an seinen Plan.
"Und ob. Die hat er doch durch das Sonntagsblatt kennengelernt." Heinz Eilert
hat seine Stimme wieder unter Kontrolle.
"Was sagst du? Wie heißt die? Wie kann ich die erreichen?" Roth öffnet sein
Fragenpaket.
"Maria Hülshoff. Kommt aus Herne. Meine ich wenigstens."
***
Dunkelheit schleicht längst um die Häuser, als Carlheinz Roth mit seinem Alpha
Romeo langsam von der Mont-Cenis-Straße nach rechts in die HändelStraße abbiegt.
Es ist eine Nebenstraße mit Reihenhäusern aus den 1920er Jahren. Sein Herz
klopft im Hals, die Hände zittern. Er kann sich seine Nervosität nicht erklären.
Im Schrittempo fährt er an dem schmucklosen grauen Backsteinbau vorbei, in dem
einst die Verwaltung einer Zeche untergebracht war. Heute erinnerte nur noch
eine Lore mit Koniferen und Fuchsien an den Pütt. Etwas aus dem Rahmen fällt die
kleine Villa schräg gegenüber. Ein schmiedeeiserner Zaun läuft um das ganze
Grundstück herum.
Während Teddie Long noch am Telefon säuselte, hat Roth am Nachmittag
recherchiert. Die Nummer von Maria Hülshoff war sofort über die Auskunft zu
bekommen. Als das Freizeichen in sein Ohr kroch, fing sein Herz an zu rasen. Sie
war zu Hause und hörte sich den Neugierigen an. Dann sagte sie nur: "Darüber
will ich am Telefon nicht sprechen. Kommen Sie vorbei", "Heute noch? Es kann
später werden." "Macht nichts", sagte sie und legte auf. Ihr Tonfall wirkte
gleichgültig, aber Roth wusste es besser.
Carlheinz Roth holt jetzt tief Luft und lässt sie gleich wieder entweichen. Wo
sind die Hausnummern? Nirgendwo eine zu sehen. Darum wird er mehr als ein
bisschen aufgeregt. Etwas Panik hämmert in seinem Kopf. Weil er weiß Gott nicht
wissen kann, was ihn erwartet. Sein Körper verspürt das Bedürfnis auf Nikotin.
Doch er hat keine Zigaretten dabei. Schon schickt er sich an, irgendwo eine Bude
zu suchen. Doch sofort gibt er das Vorhaben wieder auf. Denn er will pünktlich
sein.
An vielen Häusern in dieser Einbahnstraße sind schon die Rolläden
heruntergelassen. Kurz vor der Boutique Paola sieht er endlich eine 12, also
wohnt sie auf der anderen Seite. In diesem verschlafenen Stadtteil, den er sich
tagsüber auch nicht viel wacher vorstellen kann.
Carlheinz Roth hat den Kopf nicht frei von vielen Fragen. Warum schon wieder
Herne? Was wusste sie von der Doppelrolle? Hat Axel Weiß doch etwas über
Friedhelm Meuschel erfahren? Aber was?
Der Journalist reibt sich die Spitze seiner Nase: Das soll Glück bringen, hat
seine Oma immer behauptet. Sie starb mit 52 bei einem Flugzeugabsturz.
Da ist der Briefkasten, die Fahrschule Z & B und das Änderungsatelier. Wie sie
es beschrieben hat. Seinen Wagen stellt er direkt gegenüber vor dem Haus Stolpe
ab. Eine dunkeläugige Frau wankt aus der Kneipe. Roth steigt aus, will den Alpha
abschließen, doch seine Hände versagten ihm den Dienst. Scheiße, flucht er und
versucht es noch einmal. Diesmal klappt es. Den Schlüssel steckt er in seine
Hosentasche. Halb taub geht er über die Straße. Das Ziffernblatt seiner Uhr
starrt ihn an. Zwanzig nach 10.
Einen Fuß setzt er zaghaft in den Gang zwischen den Häusern 21 und 23. Er wirkt
wie ein alter Mann, der seine Kondidition bei weitem überschätzt hat. Wenn er
sonst irgendwo auftritt, ist er immer ein begabter Darsteller der Macht: Die
Hände hält er in den Hosentaschen, den Blick richtet er auf ein bestimmtes Ziel.
Jeder Beobachter soll sofort schnallen, hier ist geballte Entschlusskraft
unterwegs.
Sofort hält er einen Augenblick inne, bis sich seine Augen an die Dunkelheit
gewöhnt haben. Ganz schwach dringt das Licht der Straßenlaternen in die
Einfahrt, so dass er sich nur sehr mühsam orientieren kann. Aus einem offenen
Fenster redet ein Radio Kochrezepte nach draußen.
Da sieht er sie schon zwischen den Tannen in der Tür des rosarot gestrichenen
Gartenhäuschen stehen. Mit knirschenden Schritten geht Roth über den Weg auf
Maria Hülshoff zu. Sie kommt ihm entgegen und steht direkt vor ihm: Der untere
Saum eines Druckhemdes mit geknöpfter Brusttasche verschwindet in einer
Baumwollhose in Kilt. Sie hört in Umschlägen auf, die fein säuberlich auf weißen
Turnschuhen ruhen. Das Gesicht der Frau ist gerötet. Als hätte sie schon einiges
getrunken. In der einen Hand hält sie ein leeres Weinglas, in der anderen glimmt
eine Zigarette ohne Filter. Ihre Augen glänzten. Bruchteile von Sekunden mustern
sich die beiden beklommen. Seine Hand streckt sich ihr entgegen. Doch sie
ignoriert sie. Ein wenig beugt er seinen Kopf vor und sagt: "Schön, dass Sie auf
mich gewartet haben." Sie erwidert seinen Blick: "Sie haben mir doch einiges zu
sagen." Da nickt er stumm. Und lächelt etwas, zeigte so seinen Goldzahn. Eine
kleine Pause tritt ein, in der jeder höflich darauf wartet, dass der andere
etwas sagt. Die Frau zuckt kurz die Achseln, dann wirft sie die Zigarette in die
Nacht und zupft mit Daumen und Zeigefinger verlegen an der Nase: "Wissen Sie
überhaupt, wie ich Axel Weiß kennengelernt habe?" Seine Lippen bilden einen
schmalen Strich. Dann sagt er: "Beim Sonntagsblatt, denke ich." Sie holt tief
Luft, lächelt breit und wiederholt: "Sonntagsblatt? Ja. Als ihn damals die
Chefredakteurin anrief und anheuerte, da überschlug sich seine Stimme fast vor
Freude. Natürlich mache ich mit! Sagte er. Doch dann legte sie die Karten auf
den Tisch. Fünfzig Prozent der Texte kämen auf Diskette. Damit kenne er sich
doch aus?" Sie runzelt die Stirn. "Da wurde er kalt erwischt und gestand: Um
Computer schere ich mich einen Dreck. Das hat sie ihm nicht geglaubt. Dann wirst
du nur die Manuskripte redigieren. Entschied sie. Nur? Er musste auch die
Kaffeemaschine in Gang setzen. Und Bestellungen für das Mittagessen aufnehmen."
Roth sagt nichts, darum fährt sie fort: "Aber schließlich hat er es nicht mehr
ausgehalten und die Arbeit am Computer gelernt."
Carlheinz Roth ist irritiert: "Warum hinkte er denn so der neuen Zeit
hinterher?"
Sie wirft ihm einen langen Blick zu, der nach einer anderen Frage schreit. Aber
ihm fällt keine ein. "Kennen Sie überhaupt seine Vergangenheit?" Ihr Gesicht ist
ausdruckslos wie die Externsteine im Teutoburger Wald.
"Sie werden mir einiges dazu sagen können", klingt es forsch. Aber man muss
nicht ein Psychologe sein, um die Hilflosigkeit in seinen Augen zu entdecken.
"Axel war schon als Kind das schwarze Schaf der Familie. Weil seine Eltern
bedingungslosen Gehorsam verlangten und er nicht immer spurte. So musste er auch
Meßdiener werden. Das gefiel ihm überhaupt nicht. Draußen spielten seine
Freunde, drinnen paukte er endlose Gebete in Latein." Sie bricht ab. "An
Fronleichnam gingen sein Kumpel ins Freibad. Er musste zur Mülheimer
Gottestracht. Nach zwei Stunden auf dem Schiff war er total erschöpft. Aber dem
unmöglichen so nahe. Er stellte dem Bischof ein Beinchen. Der sah das
rechtzeitig und konnte sich mit der Monstranz in den Händen auf dem rutschigen
Deck halten." Sie wartet wieder etwas, dann fährt sie mit einem gepreßten
Lächeln fort: "Noch am selben Tag flog Axel bei den Messdienern raus. Seine
Eltern tobten: Schäm' dich was." Mit einer völlig veränderten Tonlage berichtet
sie weiter: "Nach der Mittleren Reife begann Axel eine Lehre als
Industriekaufmann bei Klöckner-Humboldt-Deutz. Seine Eltern wollten es so.
Solange du deine Füße unter unseren Tisch stellst, entscheiden wir, donnerten
sie." Roth betrachtet seine Hände, spürt, dass ihre Augen auf ihn gerichtet
sind. "Mit 18 kriegte Axel ein Zeitungsvolotariat bei der Kölnischen Rundschau.
In der Lokalredaktion Bergheim versank er bald in einen Dornröschenschlaf. Aber
er wachte noch rechtzeitig auf, ging zu Bild, frau aktuell und Radio Luxemburg.
Schließlich starb seine Oma und vermachte ihm 122 Garagen. Da hängte er seinen
Beruf an den Nagel und hielt sich mit den Vermieten von Garagen über Wasser.
Einige Nebenjobs kamen dazu. Beim Sonntagsblatt und beim Kölner Anzeigenspiegel.
So richtig ist er nie damit fertig geworden, dass er seinen geliebten Beruf
aufgegeben hat."
Die ganze Zeit hat Roth seine Zunge im Zaum gehalten, jetzt fragt er direkt:
"Wussten Sie etwas von seinem Doppelleben?" Sie wiederholt "Doppelleben?" Er
nickt und sie erzählt: "Die Idee war nicht neu. Aber er wollte es versuchen,
damit wieder Fuß zu fassen. Wie er auf diese Firma gekommen ist, weiß ich nicht.
Aber er hat sich richtig vorbereitet. Einen falschen Namen angenommen.
Zeitungsbände über Zeitungsbände studiert. Und sich sogar eine Maske zugelegt.
Ich meine Haarteil und Nickelbrille", berichtet sie etwas stolz. Im selben
Augenblick presst sie ihre Lippen so fest zusammen, dass sie ganz weiß werden.
Er schaut sie erstaunt an. Sofort wirft sie entsetzte verzerrte Blicke hinter
sich. "Aber dann wollte eine Zeitung über ihn eine Geschichte machen. Er war
total aufgeregt. Dann kam der Reporter." Ihr Kopf hebt sich etwas, aber der
resignierende Blick ist geblieben. Carlheinz Roth preßt die Lippen zusammen.
Plötzlich fühlt er sich wie ein Fahrschüler beim dritten Versuch, rückwärts in
eine Parklücke zu setzen.
"Dann kam also der Reporter. Und Axel diktierte seinem Kollegen richtige
Wolkenburgen in den Block. Von neuen Aktivitäten am Mittelmeer, über eine
Beteiligung an einer Charterfluggesellschaft. Er warf Nebelkerzen über
Nebelkerzen. Der Reporter schluckte alles. Aber nur scheinbar. Zwei Tage später
erschien der Artikel. Ich kenne bald jedes Wort auswendig. Wollen Sie hören?"
Roth nickt. "Mit Teufel aus dem Ruder geraten. Das war die Überschrift." Ihr
Gesicht läuft so rot an wie noch nie. Die Nachfrage nach Clubreisen von Freitag
& Co. stieg weit langsamer als das Zimmerangebot. In der HCRZentrale schrillen
die Alarmglocken. Der Stuhl des Kölner Chefs wackelt. Doch der will davon nichts
wissen und gibt sich wichtig. Weiter weiß ich nicht. Aber was unter dem Foto von
ihm stand, das kriege ich noch zusammen: Michael Teufel Nach Meinung seiner
Kollegen aus der Branche leidet er an einem chronischen Überheblichkeitssyndrom.
Schön was?"
Doch das Waterloo geht weiter!
"Axel konnte zwei und zwei zusammenzählen. Jeder Satz wies auf seine Misserfolge
hin...Zum Glück habe ich nie erfahren, wer das geschrieben hat." Maria Hülshoff
blickt auf den Hof und wartet, dass ihre Gefühle wieder ins Lot kommen. Seine
Hand stiehlt sich in eine Jackentasche, will nach Zigaretten angeln, zieht sich
aber blitzschnell wieder zurück.
"Ja, wir hatten ein Verhältnis", fährt sie ohne Zusammenhang fort, gerät aber
gleich ins Stocken, beendet nicht den Satz: "Damit muss ich allein fertig
werden", sagt sie plötzlich mit einer hellen Stimme, die sie für einen Moment
gar nicht als ihre eigene erkennt. Er spürt Tränen, die tief im Innern liegen.
Was wollen Sie eigentlich von mir, fragen Ihre Augen ungeduldig. Kreativität und
Selbstsicherheit waren einst ihre Eheringe. Als sie sich für ein Praktikum bei
einer Werbeagentur bewarb, schickte sie dem direktor ein Päckchen Rasierklingen:
Wenn Sie meinen Brief so einfach in den Papierkorb werfen, können Sie sich in
den eigenen Finger schneiden! Drei Tage später lud sie der Briefempfänger zu
einem Gespräch ein, empfing sie mit einer verbundenen Hand und einem
Anstellungsvertrag. Heute scheint für sie jedes Gespräch ein Fels zu sein, an
dem sie zu zerschellen droht.
Schweiß rinnt Roth übers Gesicht. Er schüttelt langsam den Kopf und meldet sich
so zu Wort: "Er war selbst für sein Handeln verantwortlich", spricht er, als
hätte er den ganzen Tag noch vor sich. Bilder von der nackten Leiche regnen ihm
plötzlich ins Hirn. Total unaufgefordert. Roth spürt, wie sich sein Magen
umdreht. Er öffnet den Mund und fährt sich mit der Zunge über die Lippen. Ganz
stumm bleibt er, als habe er die Sprache verloren. Dabei fixiert er sie genau.
Ihre Augen scheinen rot vor Wut zu sein, das Blut hämmert in ihren Schläfen.
Sofort spürte er, wie lahm vorhin seine Worte für sie geklungen haben müssen.
"Vielleicht haben Sie ihn nicht richtig gekannt", erlöst sie ihn. "Seitdem er
tot ist, habe ich Albträume. Nacht für Nacht." Er schweigt, und sie redet sich
viel von der Seele: Manchmal guckte Axel vergnügt wie ein Kind, das nach vier
Wochen endlich die Isolierstation eines Krankenhauses verlassen darf. Aber
meistens lugte aus seinen Augen das Talent zur Traurigkeit hervor", sagt sie mit
dem Tonfall einer Touristin aus Ahlbeck, die sich in Köln nicht auskennt und
verzweifelt den Schweizer vom Dom nach dem Meister vom Stuhl bei den Freimaurern
befragt.
"Hatte er keine Freunde?"
"Axel war total verschlossen. Und fand nur selten Freunde. Freundinnen noch viel
seltener. Eine hieß Kirsten, war Studentin. Sie blieb für ihn immer ein Buch in
der Reihe der Thriller. Nie rief sie von sich aus an. Dafür redete sie von
allem, nur nicht über die Partnerschaft. Trotzdem war sie seine Traumfrau. Immer
seltener trafen sie sich. Er konnte bald nur noch von ihr träumen. Nach der
Trennung von ihr füllte er schnell diese Lücke aus... mit Depressionen...." Axel
war total am Ende. Damals in Köln. Ständig versuchte er, seine ganz persönliche
Buchführung in Ordnung zu bringen. Er wollte aus den Minuszahlen raus. Erst die
Sache mit dem Pyramidenspiel. Das war nichts für ihn. Er wollte zurück in den
Journalismus. Mit einem Knaller. Aber Tag für Tag musste er feststellen, dass
sein Enthüllungsjob nichts bringt. Keine Preisabsprachen. Keine Bestechungen.
Keine Erpressungen. Nichts deckte er auf. Nur einmal hat der Meuschel
irgendwelche Finanzmanipulationen angedeutet. Aber für dieses Gespräch gab es
keine Zeugen. Vielleicht wurde alles vor ihm verborgen. Vielleicht gab es auch
nichts zu verbergen. Und dann dieser Scheiß Bericht in der Zeitung. Er ist bald
verzweifelt."
Die Frau spricht sehr schnell. Will es offenbar zügig hinter sich bringen. Aber
sie hat keine Angst vor Offenheit: "Nicht seinetwegen habe ich meinen Mann
verlassen. Die Ehe war kaputt. Auch vorher schon. Aber manchmal habe ich doch
geträumt..."
Carlheinz Roth ist klug genug, den Mund zu halten. Denn er hat bemerkt, wie sich
ihr Gesicht unwillig verzog. Vorhin, als er mal nachhakte. Mit seiner rechten
Hand fährt er sich über die Nase. Dann fühlt er über die andere Jackentasche und
spürt unverhofft eine Packung. Sofort fingert er eine dunhill aus der Schachtel
und versucht sie anzustecken. Leicht fällt ihm das nicht. Denn seine Hände
zittern wie bei der Fahrschulprüfung vor 20 Jahren. Wie eine Fackel hält er die
Zigarette senkrecht und will wissen: "Dann gab es keinen Grund, dass ihn
Meuschel auf dem Gewissen haben könnte?" Sie hebt den Kopf: "Nein!" Schatten
fallen auf ihre Augen. Das ausdrucklose Gesicht verrät weder Freude noch Trauer.
Es fragt: "Haben Sie eine Ahnung?" Sie beugt sie etwas vor, steht wieder im
Hellen. Ihr Blick forscht sofort in seinen Augen. Seine Gedanken wirbeln hinter
seinem Reporterblick. "Wenn nicht Meuschel, wer dann?" fragt er, zieht an seiner
Zigarette und bläst den Rauch nach oben. Aber nach ein paar hastigen Zügen
drückt er die Zigarette auf dem Boden aus, als würde er sich schämen.
Obwohl er ein Foto von Axel Weiß besitzt, ist es nicht das Gesicht, sondern der
Anblick vom Parkplatz, der sich bei ihm eingenistet hat. Sein Gesicht ist weiß
wie Talkum.
Nach einer Pause fragt Maria Hülshoff plötzlich im lockeren Gesprächston: "Wie
gut kannten sie ihn?" Etwas unvermittelt für sie gibt er zu: "Wir hatten uns
lange Zeit aus den Augen verloren und trafen uns plötzlich wieder." Ihr Gesicht
ist mit einem Mal ernst. Kurz blickt sie ins Haus und spricht, ohne den Kopf zu
wenden: "Das habe ich von meinen Eltern geerbt...Warum interessieren Sie sich
für das Verbrechen", erkundigt sie sich mit knappen, fast geschäftsmässigen
Sätzen. "Warum?" beharrt sie.
Jetzt ist er gefordert: "Weil ich Journalist bin und Axel ein Kollege war",
erklärt er trotzig, als müsse er einen Ukas von oben verteidigen. Seine Stimme
hat aber einen etwas zu brüchigen Tonfall angenommen.
durch den Spalt zwischen Tür und braungestrichenem Rahmen sieht er in dem Haus
zwei Kinder herumturnen: auf einem Brokatsessel vor einer Bücherwand. Mit einem
vertrauensuchenden Lächeln will er eine Brücke bauen. Doch sie nimmt das
Geschenk nicht an.
"Kann Sie nicht hereinbitten", erklärt sie, als würde sie auch seine Augen
nutzen. Mehr sagt sie nicht. Kein leider. Oder etwas ähnliches. Ihr trauriger
Mund verzieht sich aber zu einem kurzen Lächeln.
Roth hebt die Schultern. "Kennen Sie eigentlich den Malte Pauls hier aus Herne?"
will er wissen.
"Nein. Ich habe viele Jahre in Bonn, Duisburg und Oberhausen gelebt. Hier habe
ich noch keine Bekannten", sagt sie, dreht sich ganz um und will ins Haus gehen.
Der Reporter folgt ihr einfach. Sofort bleibt sie stehen. In einem Spiegel an
der Wand trifft ihn ein wütender Blick: "Was wollen Sie noch?" Er dreht sich
etwas zur Seite, als könne er so der Frage ausweichen. Denn aus ihrer Stimme hat
herber Zorn geklungen. Und ihr Blick ist ziemlich entschlossen.
Aber jetzt sind sie im Haus. In dem winzigen quadratischen Flur steht nur ein
Regal mit Metallgestellen und Böden aus Peddigrohrgeflecht. Drei bunte Puppen
mit Porzellanköpfen ruhen sich darauf aus. Zwischen einer Pflanzschnecke aus
Terracotta und einem Schweinepaar aus Holz stellt sie ihr Glas. "Ich kriegte
voll mit, wie ihm sämtliche Felle davonschwammen." Ihre Stimme klingt mit einem
Mal eigentümlich ausdrucklos. Ihre Kinnlade sackt ein Stück herab. Während sie
den Kelim zurück schiebt und über den Holzboden tastet, bis sie die Stelle
gefunden hat. Auf ihren Druck springt ein Dielenbrett hoch, und sie zieht aus
dem Hohlraum ein Kistchen.
Wie auf ein Stichwort erscheinen die Kinder. Roths Augen gleiten von Gesicht zu
Gesicht. Aus dem Blick der beiden Jungen strahlt Neugierde. Das Gesicht von
Marie Hülshoff ist blutleer, total erschöpft. "Geht wieder nach nebenan",
fordert sie barsch. Mit trotzigen Blicken traben sie davon. Sie schaut ihnen
hinterher und öffnet dann die Steige. "Das habe ich versteckt in seinem Keller
gefunden." Für einen kurzen Moment hat es Carlheinz Roth die Sprache
verschlagen. Was Maria Hülshoff dann sagt, jagt ihm Schauer über den Rücken:
"Darum war er in Behandlung." Ihre Stimme klingt gepreßt. Aber erleichtert. Bei
näherem Hinsehen spürt Roth, wie ihm das Atmen schwer wird. Ihm bleibt
regelrecht die Puste weg.
"Und jetzt gehen Sie bitte", fordert ihn die Frau auf, die nicht mehr an ihrem
Glück arbeitet. Sie scheint aber Gedanken lesen zu können: "Das hilft Ihnen
bestimmt..." Die letzten Worte übertönt die Tür, die ins Schloss fällt. Ihm
fällt ein, was er ihr schon die ganze Zeit sagen wollte, dass er auch mal in
Diensten von Friedhelm Meuschel stand und abgezockt wurde. Aber für dieses
Bekenntnis ist es jetzt zu spät. Und für ein anderes.
Als Carlheinz Roth wieder zu seinem Wagen geht, taumelt er etwas in der
Finsternis. Unterwegs hört er ein Zischen hinter sich. Ein deutliches Zeichen
von Verachtung.
12
Montag, 27. Juni
Eine Fliege schwirrt durch den Raum. Hans-Werner Koritzius hält in der linken
Hand die Urlaubskarte aus Barbados, mit der rechten öffnet er den obersten Knopf
seines Hemdes, als ob ihm schon vom Zusehen heiß würde. Dabei pustet er den
Staub von seiner Schreibmaschine. Als es einige Male an der Tür klopft, sieht er
nicht auf, brüllt aber: "Ist offen!" In der Tür erscheint ein von Falten
durchzogenes Gesicht: "Schneider ist mein Name, Doktor Lothar Schneider."
"Was gibt's?" erkundigt sich der Detektiv, steht gelangweilt auf und hört: "Ich
bin Anwalt und vertrete die Interessen von Karl-Josef Vogts. Darf ich
reinkommen?"
"Was gibt's?" wiederholt Koritzius. Der Besucher kommt herein, schließt die Tür
und setzt sich auf einen Stuhl in der Mitte des Raumes. Koritzius weiß längst,
Vogts ist der Mann, der den Mord an seiner Mutter gestanden hat.
"Mein Mandant zieht sein Geständnis zurück", sagt Dr. Schneider nüchtern. Und
kriegt natürlich mit, dass ihn der Beamte anstarrt. "Weil er sich von Ihnen
unter Druck gesetzt fühlte." Ein Lächeln huscht über seine Lippen.
"Das war es. Schönen Tag noch", wünscht der Anwalt, steht auf und verschwindet.
Hans-Werner Koritzius hat den Rückzug zur Kenntnis genommen und wendet sich
längst wieder einem anderen Fall zu. Was ist, wenn Kratzenstein sich täuscht und
Teufel wegen Pik7 sterben musste? In seinem Kopf singen und tanzen die Worte von
Mechthild Orden: Clever...Ausgekocht...Da kommt eine Menge Holz zusammen. Er
rutscht unruhig auf seinem Stuhl hin und her.
Über die Auskunft lässt er sich die Nummer von Pik7 in Lünen geben und ruft dort
an: "Ich möchte gerne bei Ihnen einsteigen. Wo kann ich mich melden?" Die Frau
in der Zentrale nennt ihm die Adresse eines Sportcenters in Ehrenfeld: "Der Chef
ist bei uns Infoleiter."
Mit der U-Bahn Linie 3 fährt Hans-Werner Koritzius vom Neumarkt zur Äusseren
Kanalstraße. Auf der Venloer Straße sieht er schon von weitem die Reklame: Kölns
großes Fitnessstudio. Er geht durch die Einfahrt in den Hinterhof. Dort geht es
fünf Treppen zu einer Glastür hoch. Er öffnet sie und wird von einer drückenden
Schwüle empfangen. Völlig unbeeindruckt kloppen die Bee Gees ihr Paying The
Price Of Love herunter. Gleich links vom Eingang ist eine Bar. Dahinter füllt
eine Frau irgendwelche Zettel aus.
Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend. Nach seiner Schätzung ist
sie Ende 20 und etwa einen Meter siebzig lang. Das Haar ist rabenschwarz und zu
einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Engsitzende, weiße Jeans und ein knappes
TShirt unterstreichen die aufreizenden Rundungen ihrer Figur. Sofort kriegt sie
mit, dass er sie anstarrt. "Kann ich was für Sie tun?" singt sie. Er schüttelt
den Kopf: "Ich will zu Ihrem Chef." Sie deutet auf einen Barhocker: "Setzen sie
sich so lange. Ich rufe ihn aus. Wie ist ihr Name?" Er nimmt ihr gegenüber
Platz: "Äh. Koritzius", stottert er und sieht das kleine Schild an ihrem Hemd:
Stefanie Herold, DiplomSportlehrerin. "Sie wollen bestimmt ein Probetraining
machen?", fragt sie und wirft ihm einen Siehabendasauchnötig-Blick zu.
"Nein", entgegnet er und zückt seinen Ausweis: "Ich bin von der Polizei." Sofort
greift sie zum Mikrofon, durch alle Räume hallt es: "Peter, an der Bar ist
Besuch für dich." Und zu ihm: "Einen Moment. Er kommt sofort...Möchten Sie etwas
trinken?" lächelt sie flüchtig. "Äh...Einen Saft...Trainieren Sie selbst auch
hier?" "Ja. In der Mittagspause."
Koritzius begreift nicht das Geringste: "Und wozu?"
Stefanie Herold lächelt, lässt sich aber nicht unterkriegen: "Für mich. So fühle
ich mich großartig. Und bin ausgeglichener."
"Mmmmh. Wie wird man eigentlich Sportlehrerin?"
Ganz offen erzählt sie ihm von ihrem beruflichen Werdegang: "Ich bin in Köln auf
die Sporthochschule gegangen. Nach dem Examen habe ich freiberuflich für
verschiedene Krankenkassen gearbeitet. Rückenschulen und so. Dann habe ich einen
festen Job gesucht. Einige Kurkliniken haben mir auch was angeboten. Aber das
war nichts für mich. Ich wollte nicht aufs platte Land ziehen." Sie hält inne
und heftet ihre braunen Augen auf die Treppe: "Oh, da kommt ja Herr Mertens."
Sie fühlt sich erlöst, denn es ist überhaupt nicht ihre Art, soviele Worte über
ihre Person zu machen.
Peter Mertens ist Mitte 30, bestimmt ein Meter neunzig lang und sein Körper, den
er in zehnjähriger Trainingstortur entwickelt hat, ist offenbar lebende
Werbefläche für das Studio. Seine Kunstlocken sind flachsfarben, fast gelb. Die
mächtigen Muskelpakete hat er in JoggingHose und Powershirt in Türkis gezwängt.
Hinter seinen Armen könnten sich die Oberschenkel von Koritzius verstecken. Aber
die durchgemachte Nacht steht ihm gnadenlos ins Gesicht geschrieben. "Waren wir
verabredet?" fragt er und lässt ein nervöses Grinsen durch sein Gesicht ziehen:
"Sorry. Habe ich glatt vergessen." Dabei schüttelt er dem Besucher schnell und
kurz die Hand. Koritzius zückt seinen Ausweis: "Sie sind doch auch Infoleiter
bei Pik7?" Der Mann mit dem vorgewölbten Brustkorb weiß nicht so recht, was er
damit anfangen soll. Er gibt keine Antwort. Koritzius ist schon bei der nächsten
Frage: "Kannten Sie Michael Teufel?"
Das sonnenbankgebräunte Gesicht nickt: "Setzen wir uns doch."
Zwischen der Bar und der Folterkammer mit den bestimmt 50 Trainingsmaschinen
stehen fünf Stahlrohrtische. Alle sind unbesetzt. Kaum haben sich die beiden
niedergelassen, schnippt Peter Mertens mit den Fingern: "Einen Kaffee. Und Sie?"
Hans-Werner Koritzius weist auf seinen Orangensaft: "Danke, ich habe noch."
Dabei lässt er seinen Blick schweifen. direkt unter einer Glaskuppel stehen die
CardioGeräte. Eine Blondine schwitzt auf einem Ruderergometer. Der Senior einer
Altherrenmannschaft möchte eine Runde gegen den Sensenmann gewinnen: er wärmt
sich an einem Hometrainer mit TriathlosLenker auf und macht dann Hanteltraining.
Ein Debütant des Muskelsports streckt auf einer Matte alle viere von sich.
Obwohl genügend Licht in das Haus der Schmerzen dringt, brennen die meisten
Lampen. Die silbernen Schirme verdoppeln sich noch in den Riesenspiegeln an den
Wänden. Der Durchtrainierte steckt eine Zigarette in eine lange Spitze und
steckt sie an. "Also, was ist mit Pik7", fragt er, während sich seine Augen
verengen. Und erst nicht reagieren, als ihm der Kaffee von Stefanie Herold
gebracht wird. Aber dann gibt er ihr durch eine Handbewegung zu verstehen, dass
sie nicht in der Nähe bleiben soll.
"Ich bin nicht wegen Pik7 hier. Sondern wegen Michael Teufel. Den kannten Sie,
nicht wahr?" "Ja. Von ihm habe ich den Nebenjob übernommen", sagt er durch
Zigarettenqualm. Damit ist Koritzius natürlich nicht zufriedengestellt. "Ist
Ihnen bekannt, dass Teufel großen Ärger in seinem Job hatte?" blufft er ihn an.
Mertens späht an dem Polizisten vorbei: "Ärger? Ärger gibt es immer wieder",
erwidert er, "in jedem Beruf. Meine ich. Dass Sie nicht von Pik7 begeistert
sind, kann ich gut verstehen. Denn von unseren Gewinnen kriegt der Fiskus
nichts. Hahaha." Der Athlet zieht seine schwarzen Lederhandschuhe mit
Gelenkstützen aus. Papierdünne Haut wird sichtbar. Koritzius muss wider Willen
lächeln. "Ich bin nicht von der Steuerfahndung, Herr Mertens. Ich bin von der
Mordkommission. Drücke ich mich klar genug aus?"
"Jaja." Eine nervöse Spannung hat von ihm Besitz ergriffen.
"Mich interessiert der Ärger von Herrn Teufel", gibt Koritzius giftig zurück und
setzt sein mit Orangensaft gefülltes Glas ab. Peter Mertens zieht nervös sein
Shirt glatt. "Ärger?" Erst jetzt ist dieses Wort bei ihm angekommen. "Naja. Da
gab es zwei Leute, die sich von Pik7 übers Ohr gehauen fühlten. Diese Leute
machten ihn in Köln schlecht. Aber er ließ sich nicht einschüchtern", erzählt
er. Zwischendurch reibt er sich seine Nase. "Ich hatte das Gefühl, wie soll ich
mich ausdrücken...?"
"...Was meinen Sie?" geht Koritzius brüsk dazwischen.
"Nun ja, Aber dem Teufel haben die keine Angst gemacht...Aber da gibt es noch
was."
"Was?" Koritzius sitzt kerzengerade da und hört: "Pik7 war mit Teufel überhaupt
nicht zufrieden. Weil der nicht genügend neue Leute geworben hat. Die wollten
sich von ihm soundso trennen."
"Wissen Sie das genau?" fragt der Bulle und runzelt die Stirn
"Nein. Das habe ich nur gehört." Dabei lässt seine beringte Hand die Tasse los
und er blickt auf seine Rolexkopie: "Ich habe noch eine wichtige Besprechung.
Brauchen Sie mich noch?"
Koritzius hat nur halb zugehört, denn er versucht, einen Gedanken, der ihm durch
den Kopf jagt, einzufangen. "Was?...Ich brauche Sie nicht mehr." Koritzius
wendet sich zum Gehen, da hört er den anderen sprechen: "Über Pik7 sind viele
Gerüchte in Umlauf. Nehmen sie die bloß nicht für bare Münze."
Der Polizist schweigt. Auch das fragende Lächeln von Stefanie Herold kriegt er
überhaupt nicht mit. Manchmal ist er schwer von Begriff. Besonders, wenn er
schon einige Stunden voraus ist: bei seiner Angst.
***
Die Dämmerung ist längst zur Nacht geworden. Der leichte Wind flüstert "Gleich
bin ich bei dir", eine Frau mit einer Maske aus Totenschädel und Feuerwehrhelm
kommt zwischen zwei Ahornbäumen hervor und hastet über die Lindenstraße,
Hans-Werner Koritzius zuckt kurz die Achseln, trällert dann die Lobgesänge von
Petula Clark auf Downtown mit. Sein Gesicht ist gleichgültig wie meistens. Auch,
als in den 23-Uhr-Nachrichten eine Frau den Hörern reinen Wein einschenkt, dass
ein Fährunglück in der Ostsee über 900 Toten gefordert hat. Er schaltet das
Radio aus, während er in die UniversitätsStraße abbiegt: dem Schlachtfeld
entgegen.
In irgendeiner Fernsehsendung hat er einen Psychologen mit einem roten
Bauerngesicht schwatzen hören: Ängste müssen frontal angegangen werden, dann
verliert man sie! Aber erst muss man die Gründe kennen. Diese Einschränkung fiel
dem Zappen zum Opfer. Trotzdem: Ab heute fahre ich abends eine Runde um Köln,
beschloss er im Fitnessstudio. Wenn mich diese Psychotante schon rausgeschmissen
hat, muss ich mir selbst helfen. Die hat einen Sprung in der Schüssel!
Völlig gelassen biegt er auf die Autobahn ab: Er gehört zu dem Schlag Menschen,
dessen ganz natürliche Begabung es ist, immer cool zu bleiben. Gut, dass es
solche gibt. Sagt er zu sich: beiläufig, wie jemand, der den Wetterbericht in
der ARD vorliest. Und eine vage, noch ganz nebelhafte Unruhe dringt in seinen
Bauch. In seinem Mund beißt sich blitzschnell der Geruch von Angst fest. Sofort
schaltet er das Radio ab. Schnauft etwas. Und stellt fest, dass das Schnaufen
weh tut. Jedes Hochgefühl ist verflogen. Wie nach den Besuchen bei der Frau im
Reiteranzug. Neben ihm tanzen die Schilder der Abfahrt Bilderstöckchen. Für den
Bruchteil einer Sekunde sieht er sie. Und muss sofort wieder mit
weitaufgerissenen Augen auf die Fahrbahn starren. In seinem Nacken bricht der
Schweiß aus. Aller Speichel ist aus seinem Mund verschwunden. In seinem Kopf
wird es teuflisch heiß. Er kann seinen rasenden Herzschlag in den Ohren hören.
Jede Gleichgültigkeit ist von einer Sekunde auf die andere aus seinem Gesicht
verschwunden.
Im Spiegel starrt ihn eine groteske Maske mit blutunterlaufenen Augen an. direkt
unter seinem Herzen liegt eine tonnenschwere Kugel. Und die Welt schwimmt einen
Augenblick dahin. Er spürt, dass sich seine Eingeweide immer mehr verkrampfen.
Weiter! Weiter! Weiter! Nach endlosen drei Kilometern ist er am Autobahnkreuz
Nord. Unruhig zieht die Karawane von roten Schlusslichtern an ihm vorbei. Er
müßte seine Brille aufsetzen. Doch die liegt im Handschuhfach. Und er hat keine
Hand frei. Langsam überwindet er seine Lähmung. Und die ersten Kilometer der
Höllenfahrt schrumpfen in seinem Hirn. Er findet wieder Ruhe in seinem Blick.
Scheint wieder Herr seiner selbst zu werden.
Hat er die Schlacht gewonnen? Nein! Die Angst kommt zurück. Wie ein nicht ganz
gelöschtes Feuer.
Am Leverkusener Kreuz muss er sich auf der A 3 einordnen. Ein Lastwagen blinkt
ihn von hinten an: Aus dem Weg! Weg da! Weg da! Sofort spürt er die Gänsehaut
auf dem Arm. Der Kessel droht zu explodieren. Sein Atem geht schnell. Sein Herz
rast. Er hält die feuchten Hände ums Lenkrad verkrampft. Verspürt einen Stich
hinter den Augen. Das Rückgrat ist so steif wie ein Zollstock. In seinem Magen
wird ein ganz Berg Steine abgeladen. Die Panik ist so mächtig, dass er darin
begraben ist.
Scheiße!!!
Schweißtropfen stehen ihm auf der Stirn. Die menschliche Existenz hat nur noch
ein Ziel: von der Piste wieder herunterzukommen. Er beißt sich fest auf die
Innenseiten der Wangen, um nicht loszuschreien.
Warum eigentlich nicht?
Auf der Autobahn in Richtung Frankfurt wischt er sich den Schweiß von der Stirn.
Geschafft! Der drängelnde Laster macht ihm plötzlich nichts mehr aus. Scher dich
zum Teufel, befiehlt er seiner Angst. Und sie gehorcht.
Aber nur wie ein ungezogenes Kind.
Einmal um Köln herum? Sein Mund verformt sich zu einem traurigen Grinsen. Seine
Augen sind wieder die eines Mannes, der einen alten Nachbarn auf der
Krebsstation besucht hat. Einen Moment weiß er nicht, was er tun soll. Aber die
rastlose Stimme in seinem Hirn weiß weiter, sagt: Neinneinnein! Er gehorcht und
setzt am Autobahnkreuz Ost den Blinker. Schnell weg. Bevor die Angst ihre
Rückfahrkarte einlöst.
Der Detektiv spürt den Druck auf der Blase. Und beugt sich über das Steurrad
nach vorne. Zischender Dampf füllt seinen Schädel. Sein Gesicht ist wieder
totenbleich. Verzweifelt. Er starrt auf die Fahrbahn. Starrt so intensiv hin,
dass er nicht den Laster im Rückspiegel näherkommen sieht. Immer näher. Und
näher. Dann spürt er die brennende Hitze der Scheinwerfer.
Die Hölle!
Alle überholen ihn. Der Laster...ein VWKäfer...und sogar eine Ente. Im
Augenwinkel sieht er die Beifahrerin den Kopf schütteln. Koritzius bemüht sich,
nicht hektisch zu wirken. Und sieht warscheinlich genau so aus.
Geschafft! Vor ihm ist die Zoobrücke. Er seufzt und atmet Luft in tiefen Zügen
ein. Schweiß hat sich auf jeden Millimeter seiner Haut niedergelassen.
Überstanden! Keine Flut entgegenkommender Scheinwerfer mehr. Geschafft!!!
Am Niederländer Ufer muss er an einer roten Ampel halten. Vor Erschöpfung fallen
ihm die Augen zu. Sofort schwebt der Albtraum mit zunehmender Klarheit in sein
Hirn. Wie das Bild auf dem Grund eines Schwimmbeckens, das endlich von den
Wellen erlöst wird...Drängelnder Laster...Lachende Frau. Auf seiner Stirn bricht
wieder kalter Schweiß aus. Keiner in den anderen Wagen ahnte, was er in den
letzten Minuten durchgestanden hat. Hinter ihm hupt es jetzt. Die Ampel hat
längst wieder auf Grün geschaltet. Sein Magen hat sich wieder beruhigt. Sein
ganzer Körper verlangt nach Nikotin und ein Paar Mützen Schlaf. Am Breslauer
Platz hält Koritzius an und kriecht raus. Seine Beine sind wie Pudding. Er
watschelt zu einem ZigarettenAutomaten: wie jemand im Taucheranzug, der auf dem
Grund des Rheins gegen die Strömung laufen muss. An einer Säule vor dem
U-Bahnhof klebt ein grünes Plakat: Kölner- Science-Fiction-Tage, ein Jüngling in
einem Juteumhang verspricht Horror kostenfrei.
Beim Einsteigen steckt er sich eine WY Chester an. Wie benommen setzt er sich
ans Steuer, zaust an seinem Haar und fährt los. Einige Minuten später ist
Koritzius auf der Zülpicher Straße. Am Haus von Dr. Regine Schwirtz. Sein Blick
fällt nach oben. Er sieht ein Licht aufflackern. Wahrscheinlich eine Spiegelung.
Mir egal. Koritzius massiert seinen Nacken. Ihn interessiert nur, dass er da
rausgekommen ist. Gleichgültig starrt er auf die Fahrbahn.
Und ist sich nicht mehr sicher, ob er das vom Kriegspfad nur geträumt hat.
13
Dienstag, 28. Juni
Carlheinz Roth schließt die Tür zum Labor und folgt Heinz Rothermund in die
Mitte des Raumen. Der Wandschalter lässt eine matte, rote Lampe an der Decke
aufleuchten. Roth ist auf das Schlimmste gefasst. Denn der Endfünfziger hat zwar
ein pausbäckiges Engelsgesicht. Aber er ist und bleibt ein Mann fürs Grobe. Roth
ist darauf gefasst, dass ihm wieder irgendwelche Grobheiten an den Kopf
geschleudert werden. Roth lehnt sich an eine Flasche mit Entwicklerflüssigkeit.
In einer blauen Schale daneben nimmt ein Foto Konturen an. Ein nacktes Mädchen
lächelt am
Aachener Weiher in die Linse. Wie originell.
Aber Rothermunds Verhalten überrascht ihn völlig.
Der lippenlose Mund des Altgedienten verzieht sich zu einem vielsagenden
Lächeln: "Naja,...Gratuliere...Ich habe gerade mit Bremen gesprochen. Die sind
ganz aus dem Häuschen." Dabei kommt er einen Schritt näher, zieht ein Fax aus
seiner Jacke und zeigt auf die in Frage kommenden Zahlen. Aber sie sind nur
schemenhaft zu sehen. "Sehen Sie selbst", holt er aus, "unsere Auflage in Köln
ist im letzten Monat ganz leicht gestiegen. Und mal nicht gefallen. Zum ersten
Mal in sechs Jahren haben wir keine roten Zahlen. Als einzige Stadtausgabe von
Punkt! Ein Wunder haben die in Bremen gesagt. Naja." Mit der Beschreibung von
Wundern gehen Verlagsleiter ähnlich verschwenderisch um wie die Autoren der
Bibel.
Wie hypnotisiert heftet Roth die Augen auf den Zahlensalat. Dann wirft er Heinz
Rothermund einen raschen Blick zu. Er bietet dem militanten Nichtraucher sogar
eine Zigarette an, und als Rothermund natürlich ablehnt, nimmt Roth selbst eine
und steckt sie aber nicht an. Was in der dunkelkammer auch verboten wäre.
"Naja, jetzt kann ich es Ihnen ja sagen", beginnt Rothermund, "am Anfang habe
ich Sie für ein ziemliches Arschloch gehalten." Er liebt diese direkte
Ansprache. Vielleicht erfreut er sich auch deshalb bei seinen Kollegen großer
Beliebtheit. Seit 15 Jahren wählen sie ihn regelmässig in den Betriebsrat. In
den oftmals zähen Verhandlungen mit der Verlagsspitze hat er sich einen Namen
gemacht: als Wadenbeißer. Nach einer Pause sagt er etwas leiser: "Ich habe meine
Meinung geändert." "Das ist sehr nett von Ihnen, Herr Rothermund", neigt Roth
den Kopf.
So einfach kann Rothermund nicht alles so stehenlassen. "Wir haben alle erst
angenommen, mit dem neuen Schmusekurs werden Sie hier schnell zu einem
Auslaufmodell." Mit den Fingern fährt er sich durch sein dichtes Haar. "Hab'
mich wohl getäuscht", gibt er zu, schnappt sich seine Kamera und geht zum
Belichtungsgerät. Damit ist die Debatte abgeschlossen.
Carlheinz Roth bleibt noch einen Moment in dem Labor. Dann löst er sich von dem
Gestank, schiebt den Filzvorhang zur Seite und geht. Auf dem Weg zu seinem
Schreibtisch kommt er schnell zu dem Schluss, dass Punkt! jetzt einmal warten
kann. Eins nach dem anderen, hält er sich vor Augen. Voller Ungeduld greift er
zum Telefon.
Edith Maywald blickt von ihrem Computer hoch: "Sie sollen in Bremen anrufen. Die
wollen wissen, was Sie für die 1 haben. "Machen Sie das", erwidert er. Denn nach
dem lokalen Anriss für die Titelseite steht ihm nicht der Sinn. "Suchen Sie sich
mal unseren Unteraufmacher heraus. Daraus können wir machen: Autofahrer
aufgepasst: Hier passieren die meisten Unfälle. Oder so ähnlich. Ihnen fällt
schon was ein." Dann widmet er sich wieder seinem Telefon und ruft erst die
Auslandsauskunft, anschließend in Weggis in der Schweiz an. Der Ruf geht raus.
Einmal. Zweimal. Dreimal... Hoffentlich nimmt jemand ab! Hoffentlich kriegt er
etwas über das Gestern heraus. Plötzlich knackt es und eine Stimme dröhnt wie
ein Donnerschlag an Roths Trommelfell: "Hallo? Wer ist da?"
"Roth in Köln." "Wer sind Sie?" "Roth aus Köln. Ich bin der Freund von Regine.
Sie sind doch der Ex-Mann von ihr?" "Nun,..." Der Wahlschweizer macht überhaupt
keine Anstalten, die Frage zu beantworten. Am anderen Ende der Leitung tritt ein
Schweigen ein. Schließlich scheint sich Rainer Schwirtz zu einer Antwort
durchgerungen zu haben: "Ja, ich war mal mit ihr verheiratet. Was wollen Sie von
mir?"
"Wie gesagt, ich bin ihr neuer Freund..."
In der Stimme von Rainer Schwirtz ist helle Aufregung: "Waren Sie...Waren Sie
Patient bei ihr?"
"Nein. Wie kommen Sie darauf?" Im Augenwinkel sieht er Edith Maywald einen
Telefonhörer hochhalten. Er gibt mit seinem Finger ein Zeichen, dass sie einen
Augenblick warten soll.
"Nun,..." beginnt er und legt sofort eine Pause ein. In das Gesicht von
Carlheinz Roth ist Neugierde getreten: "Hören Sie, Sie machen irgendwelche
Andeutungen und schweigen dann. Wenn Sie etwas wissen, dann reden Sie endlich!"
"Wenigstens..." Seine Stimme verliert sich wieder zu einem Murmeln. "Was ist
wenigstens?" fragt Roth und klemmt den Hörer zwischen Ohr und Schulter. So kann
er mit beiden Händen nach Zigaretten suchen. "Ich für meinen Teil glaube nicht,
dass Sie irgendetwas wissen. Und so können Sie mich bestimmt nicht daran
hindern,... Regine zu heiraten."
"Sie wollen sie heiraten?" fragt Schwirtz heftig. Und fügt nichts weiter hinzu.
Roth holt tief Luft: "Also, bitte!"
"Sie werden schon sehen."
Gut, Roth wird schon sehen.
***
Durch ein Flurfenster zur Zülpicher Straße dringt das Gekeuche eines Lastwagens.
Bei Carlheinz Roth ist die Müdigkeit längst einer Neugierde gewichen. Der
Journalist schüttelt seine Uhr, als sei ihm das Armband zu eng. 1.15 Uhr.
Unschlüssig steht er vor der Tür zur Seelenwalhalla. Ist auf einen Schlag über
den Hinterkopf gefasst, der aber nicht kommt. Fast verlässt ihn der Mut. Aber
aufgeben will er nicht. Scharf zieht er die Luft ein. Es riecht nach billigem
Bohnerwachs und gebratenem Speck. Irgendwo im Haus drückt jemand die Spülung.
Die Abflussrohre gurgeln vor sich hin. Etwas unschlüssig tigert er auf dem
Marmorboden hin und her: wie ein Montagmorgenpatient im Wartezimmer von einen
Zahnarzt. Roth ist sich ganz sicher, Erwischen bedeutet Exkommunikation. Dann
vermischen sich in seinem Denken die Worte von Rainer Schwirtz mit dem Bild vom
zerstückelten Körper nachts auf dem Parkplatz am Fühlinger See. Der Reporter
bläht die Nüstern. Und holt die American ExpressKarte aus seiner Brieftasche.
Erleichtert, endlich den richtigen Vers in seinem Gesangbuch gefunden zu haben.
Plötzlich geht das Licht aus. In dem Flur ist es dunkel wie im Grab. Mit
angehaltenem Atem hält er inne. Da ist niemand. Er drückt auf den Lichtknopf. Es
wird wieder hell. Aber an der Wand rührt sich etwas. Ein Schatten.
Sein eigener Schatten.
Nach endlosen fünf Sekunden hat er sich wieder im Griff. Vorhin wollte er schon
mal aufgeben. Dabei sind die Voraußetzungen für den Einbruch günstig. Weil die
Wechselsprechanlage meist kaputt ist, hatte ihm Regine Schwirtz kürzlich einen
Schlüssel von der Flurtür gegeben. Und sie hat einen von seiner Wohnung
bekommen. Im Eingang schnarchte ein Koloss von einem Mann vor sich hin. Seine
Patschhände umklammerten eine Pulle Johnie Walker. Der Mann ließ sich nicht im
Schlaf stören. Zum Glück.
Das Anschlagen der Telefonklingel zerreißt die Stille. Roth erstarrt und wartet
darauf, dass sich eine Wohnungstür öffnet. Krampfhaft sucht er eine Ausrede. Es
fällt ihm keine ein. Niemand erscheint und stellt ihn zur Rede. Aber ein
Anrufbeantworter stiftet wieder Frieden.
Die Tür ist zum Glück nur zugeschmissen. Nach einigen Versuchen mit seiner
Plastickarte hat sie jetzt Erbarmen und springt auf. Der Reporter macht die Tür
ganz vorsichtig hinter sich zu. Nur ein leises Klicken ist zu hören. Aber in
seinen Ohren ist es wie ein Schuss aus einer Pistole.
Eine kurze, fast gespenstische Pause lang steht er hilflos im Flur mit der
rotgrünen Auslegware. Seine Hände halten einander fest. Das Bimmeln einer
Straßenbahn bringt Kunde von der wirklichen Welt nachts in Köln. Aber er hängt
am Tropf der Neugierde. Und spürt, wie sich sein Magen vor Erregung
zusammenzieht, als müsse er sich gleich übergeben. Sein schneller Atem hallt
wider.
Er will für einen Moment auf andere Gedanken kommen: nimmt sich vor, am nächsten
Morgen wieder joggen zu gehen. Denn immer wieder hat er festgestellt, dass das
Laufen seinem Kopf gut bekommt. Oft ist es schon vorgekommen, dass sich Zoff,
der ihn am Tag stundenlang beschäftigt hat, am Decksteiner Weiher in Luft
auflöste. Heute will ihm das nicht gelingen. Schnell ist er wieder in der
Realität.
Wohin soll er gehen? Rechts in ihr Behandlungszimmer? Oder geradeaus in das
Sekretariat? Beide Türen sind weiß und haben Milchglasfenster. Was verbirgt sich
dahinter?
Aus dem Auto hat er sich seine Taschenlampe mitgebracht. Er lässt sie kurz
aufflackern, drückt aber sofort wieder den außchalter. Dann entscheidet er sich
für das Sekretariat und geht in Zeitlupe. Jede Sekunde dauert einen Tag. Er
drückt die Klinke herunter und empfindet ein kleines Bedauern. Schon im
Treppenflur hat er heimlich gehofft, keinen Erfolg zu haben.
Die Angst vor der Gewissheit lähmt ihn fast. Einige Sekunden steht er im
Türrahmen. Der Raum scheint genauso zu sein wie immer. Auf dem Schreibtisch in
BucheNachbildung liegt ein abgegriffenes Buch mit dem Titel "Angst ist eine
Frage der Erinnerung". Er gibt sich zu, dass er Angst hat.
Neben dem Schmöker steht der schon in die Jahre gekommene Laptop von Toshiba.
Rechts schlummern ein Drucker und ein angenagter Kugelschreiber vor sich hin,
links döst ein blauer Aktenordner. Roth schaut hinein. Rechnungen über
Rechnungen. Die Praxis muss gut laufen. Wenn alle bezahlt haben. Aber sein Ziel
ist fast nagelneu, lichtgrau und steht direkt vor ihm: ein alter Karteischrank.
Auf Zehenspitzen schleicht Roth hin. Sein Herz klopft vor Aufregung, als er ganz
langsam an der Schublade zieht. Nicht abgeschlossen. Der Erstemaleinbrecher ist
erleichtert, aber wieder ein bisschen enttäuscht. Kurz lässt er nochmal die
Taschenlampe aufleuchten. Sein keuchender Atem will einfach nicht in ruhigere
Bahnen kommen. Er sieht in der Tür jemanden stehen, der ihn beobachtet, näher
kommt und wie wild auf ihn einschlägt.
Aber da ist kein Zeuge!
Roth blättert die weißen Karten durch. Da ist sie! Meuschel, Friedhelm. Er setzt
sich auf den Boden und äugt argwöhnisch auf die vollgeschrieben Zeilen. Dabei
rückt er immer näher an die Pappe heran. Als sich seine Augen an die Dunkelheit
gewöhnt haben, kann er endlich was erkennen. Fast gar nichts versteht er:
Regression... Borderliner... Depressionen... sexuelle Phantasien. Alles
überfliegt er, legt dabei Daumen und Zeigefinger auf die Lippen und schüttelt
leicht den Kopf.
Für drei Atemzüge muss Roth aufstehen und ans gekippte Fenster mit dem
Aluminiumrahmen gehen." Kurz flackert die Taschenlampe auf. Auch das noch. Er
hält den Atem an und späht ängstlich hinaus. Die HerzJesuKirche gegenüber
verstellt den Horizont. Wie Kraterarme ragen dahinter Hochhäuser. Auf der
Zülpicher Straße ist keine Menschenseele zu sehen. Nur ein Opel Vectra zockelt
an trüben Funzeln vorbei. Er fragt sich, ob hier der Hund begraben ist? Dabei
ballt er die Fäuste.
Von Zuversicht angetrieben geht Carlheinz Roth zurück und blättert das Register
weiter durch. Jedesmal von neuem steigt in ihm die Befürchtung hoch, sich
strafenden Blicken auszusetzen. Aber er irrt gewaltig. Wieder kann er sich nur
mit Mühe davon abhalten, vor der möglichen Gewissheit zu fliehen. Seine Augen
haben sich längst zu schmalen Schlitzen verengt.
Sollte heute vielleicht einer jener Tage sein, an denen überhaupt nichts klappt?
Und schon gar nicht ein Husarenstück? Nicht auszudenken!
Was er dann entdeckt, geht ihm durch Mark und Knochen. Seine Augen starren zu
der Karte hin, gleiten ab und kehren gleich wieder zurück. Mein Gott, echot er.
Das Geschnatter eines Radios von nebenan kann ihn nicht vom Lesen abhalten. Der
Journalist zweifelt an seinem Verstand! Aber hier stehen die gleichen Vokabeln
wie vorhin: Hang zum Masochismus. Er steckt diese Karte ein. Ein schwacher Laut
dringt aus seinem total trockenen Mund. Halb drückt er Enttäuschung aus, halb
Wut. Eine Frage wühlt ihn auf: Muss er Kratzenstein oder Koritzius Bescheid
sagen? Unschlüssig macht er sich wieder auf die Socken, tapert mit blassem
Gesicht zurück.
An der Tür hört Roth Schritte im Flur, er wartet wie ein gehfähiger Kranker auf
seine Entlassung. Sekunden vergehen. Ihm tropfen Schweißperlen von der Nase.
Dann geht eine Tür auf und die Schritte verschwinden in der Stille.
Draußen am Eingang ist der Koloss von einem Mann wachgeworden. Roth läuft an ihm
vorbei. Dabei kann er eine Alkoholfahne riechen. Der Berber grinst den
nächtlichen Besucher idiotisch an. Und fragt sich, ob der wohl von Natur aus so
blass ist: "Kumpel, hat sie dich auch rausgeworfen?" Ein "Nein" und ein
Kopfschütteln ist die einsilbige Antwort. Die Karten in seinem Kopf lassen ihn
total unkonzentriert erscheinen.
Schon auf der Straße fügt Roth eine kleine Portion Postskriptum hinzu: "Sich
selbst!" Ihm ist übel. Speiübel.
14
Mittwoch, 29. Juni
Von einem Glockenturm in der Nähe schlägt es neun Uhr. Frühaufsteher Helios ist
längst durch die Wolken gekrochen und hält außchau nach Sonnenanbetern.
Hans-Werner Koritzius hat sich eine Zigarre angezündet, als sei heute noch
Sonntag. Ein nagelneuer Ventilator auf seinem Schreibtisch gibt ein stotterndes
Summen von sich. Daneben steht eine Vase mit drei Chrysanthemen, die aus Plastik
sind. Irgendjemand hat Wasser in die Vase getan. Der Polizist geht noch nicht
ins Geschirr. Dabei würde er sich gerne für einen großen Kampf warmtrainieren.
Wenn sich nur ein Sparringspartner fände. Von der Tür ist ein zaghaftes Klopfen
zu hören. "Herein!" Koritzius lauscht auf das Aufgehen und zählt bis dahin die
Sekunden. 21...22. Der Aushilfsbote mit dem Fleischergesicht erscheint mit einer
Akte in der Hand. "Sonst nichts?" will Koritzius wissen. Der Metzger nickt nur,
als bedürfe die Frage keiner Klärung. Wortlos legt er den Punkt! auf den Tisch
und verschwindet wieder. Sekunden später ist der Beamte völlig in das Blatt
vertieft. Zuerst kommt die letzte Seite mit den Lokalnachrichten dran: Der
Kölner Kripochef Paul Kratzenstein wird im NRW-Innenministerium neuer Leiter des
Referates Strafverfolgung der Polizeiabteilung werden. Koritzius nickt mit jedem
Wort. Er ist überzeugt davon, gute Karte für die Nachfolge zu haben. Und die
Trümpfe kommen ins Spiel, wenn er die Aufklärungsquote für Mordfälle hochtreibt.
Plötzlich lauern die gleichen Schreckensbilder auf ihn, die ihn schon früher in
der Nacht gepeinigt haben: Als Jugendlicher stürzt er von einem Pferd, bleibt
regungslos auf einer Wiese liegen. Regungslos. Dann steht das Pferd vor ihm und
trampelt auf ihm herum.
Ganz kurz wird der Bulle von einem Schaudern erfasst. Er steht jetzt auf und
öffnet das Fenster. Hofft so auf eine Abkühlung. Doch die Hitze trifft ihn wie
ein Schlag. Sofort schließt er das Fenster, zieht sogar einen Vorhang zu, setzt
sich wieder und legt die Beine auf den Schreibtisch.
Sofort sieht er sie vor sich: Die Frau im Reiteranzug. Morgen wird er das Leder
ihrer Stiefel riechen, die silbernen Stachel ihrer Peitsche spüren...Herrlich!!!
Koritzius scheint tief in Gedanken versunken zu sein. Das energische Klopfen an
der Tür schiebt sofort seine Vorfreuden eisern beiseite. "Herein", knurrt er mit
seiner Ich-ziehe-ins-Manöver-Stimme. Es klopft wieder. "Rein!" Die Tür geht auf.
Und Dr. Regine Schwirtz erscheint: in einem lilafarbenen Top, Turnschuhen und
weißen Bermudas. Um das rechte Fußgelenk baumelt ein goldenes Kettchen mit
irgendetwas dran.
Sie kommt auf ihn zu und nicht umgekehrt. Er wäre sicher über etwas gestolpert.
"Was wollen Sie denn hier", fragt er entsetzt und hält einen Kugelschreiber
apathisch in der Hand. Über sein knallrotes Gesicht huscht ein Schatten von
Entsetzen. "Was???"
"Ihnen helfen." Er sieht mitgenommen aus, findet sie.
"Ich brauche keine Hilfe." Aber er weiß selbst, dass er nichts so dringend
braucht wie Hilfe.
"Vielleicht doch", antwortet sie keck, dann sachlich: "Ich soll ein
Verhaltensmuster erarbeiten ..."
"...Ach, so. Sie sind das. Dachte ich mir schon...Bilden Sie sich bloss nicht
ein, Sie könnten hier alles durcheinanderwirbeln", warnt er. Obwohl er nach
einem neuen Triumpf lechzt.
"Ich will Ihnen doch nur helfen."
"Helfen. Jaja", murmelt er, um irgendetwas zu sagen. Er bemerkt die dunklen
Halbmonde unter ihren Augen, geht aber nicht darauf ein. "Hätten Sie mir das
nicht früher sagen können?" fragt er mit einem verständnislosen Lächeln.
"Ich musste es mir lange durch den Kopf gehen lassen. Hätte ich Sie über diesen
Prozess informieren sollen?"
Koritzius zögert mit einer Antwort, als würde von ihm das Urteil des Jüngsten
Gerichts erwartet. Schließlich will er argwöhnisch wissen: "Kommt dieser Roth
etwa auch noch?" fragt er, während er die Frau mit Zigarrenrauch einnebelt. Am
liebsten hätte er den Journalisten Tag und Nacht nicht aus den Augen gelassen.
Aber mit diesem Vorschlag hat er bei Kratzenstein eine totale Bauchladung
erlebt.
Sie scheint durch die Wortwahl verwirrt zu sein. "Ja, später. Wenn wir die
Fragen ausarbeiten.... Die beiden Morde setzen Ihnen zu. Nicht?" Alles, was sie
sagt, weht wie ein Nebelschleier durch den Raum.
Er beschließt, diese Frage nicht direkt zu beantworten. "Wir müssen das Monster
schnappen." Er hat ein Streichholz in der Hand, führt es in den Mund und kaut
darauf herum.
Stoisch arbeitet er auf seine eigene Zerstörung hin!
"Zunächst einmal. Wir dürfen den Täter nicht als Objekt sehen. Sondern als Wesen
aus Fleisch und Blut."
Soll etwa so die Hilfe aus dem Schlamassel außehen? Er hört schon Bild & Co.
Zeter und Mordio schreien, wenn diese Einschätzung bekannt wird. Nach einer
guten Weile sagt er schließlich: "Also gut, lassen Sie uns beginnen." Dabei
lässt er seinen Blick forschend über ihre braunen Beine streifen. Die Augen
werden von der Sonne geblendet. Und mit einem Mal angezogen: von dem
Goldkettchen mit der kleinen Reitgerte daran. Das löst in seinem Hirn großalarm
aus!
Er scheint gelähmt zu sein. Vor Überraschung. Vor Freude.
***
Nach einigen Sekunden lächelt Hans-Werner Koritzius warnend und setzt seine
dienstliche Miene auf: "Wann kommen wir endlich zur Sache?" fragt er und schaut
flüchtig in ihre Richtung. Ihr Blick ist auf ihre Uhr gerichtet. Zu ihrer
geheimen Freude tut er es ihr nach. Einige Zimmer weiter startet eine
Wasserspülung. Es hört sich an, als würde jemand ein BilligpreisMotorrad
warmlaufen lassen.
Das Katze-und-Maus-Spiel geht weiter, bei dem niemand weiß, wer Katze oder Maus
ist.
Koritzius verwässert den Wein. "Eine heiße Spur haben wir noch nicht. Aber viele
kleine. Und die führen auch zum Ziel." Sein letztes Wort geht fast in einer
Salve kehligen Lachens unter.
Obwohl sie ihn schon etwas genauer kennt, ist sie immer wieder über die
Ausdruckslosigkeit seiner Miene erstaunt. "Ich habe mir die Akte genau angesehen
und kann mir jetzt ein vages Bild von einem Hauptverdächtigen machen."
"Dann bin ich aber mal grichtig gespannt", wirft er in einem Tonfall ein, der
die Temperatur möglichst niedrig halten soll. Aber er hört nicht richtig zu.
Seine Augen kleben an ihrem Fußschmuck.
"Zwei Merkmale fallen mir besonders auf. Eine mangelhafte soziale
Anpassungsfähigkeit und die mögliche Überschätzung der eigenen Fähigkeiten."
Koritzius quittiert diese Einschätzung mit einem angedeuteten Lächeln. Der
Sermon dieser Zimtzicke juckt mich nicht, denkt er und gähnt. Das Klingeln des
Telefons zerrt ihn von seinem Strand der Boshaftigkeiten. "Ja, wer stört mich?"
fragt er in den Hörer. Er scheint von der Psychologin meilenweit entfernt zu
sein. Oder auch nicht.
"Der Pförtner. Hier ist ein Herr Roth für Sie..."
Koritzius reißt den Mund weit auf und schreit. Vermutlich das erstemal in den
letzten zehn Jahren. Sofort besinnt er sich: "Soll von mir aus heraufkommen",
erklärt er in der Rolle des Spielverderbers. Die Augen hat er fast geschlossen.
Aber nur fast. Denn ihr Fußschmuck ist ein Magnet. Ruhig bleiben! befiehlt er
sich. Ihm zittern die Knie. Was soll er jetzt sagen? Soll er sie fragen, ob die
Kette eine Bedeutung für sie hat? Oder soll er einfach darüber hinweggehen? Die
Fragen hallen in seinem Kopf. Sein Gesicht ist rot angelaufen. Der Magen scheint
sich zusammenzukrampfen. Er atmet langsam tief durch, bis er sich wieder unter
Kontrolle hat. Lässig schlägt er die Beine übereinander. Seine Zigarre soll
wieder die gesammelte Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen. "Der Roth ist schon vor
der Tür." Der Kerkermeister seiner Gefühle spricht Worte, die sein Mund falsch
empfangen hat. Stirnrunzelnd geht sie darüber hinweg, witterte aber schon vorhin
Ungemach. Koritzius ist scheinbar wieder in die Musterung seines Schreibtisches
vertieft.
Ihre Hände sind ergeben gefalten, der Blick wandert zwischen ihm und dem Telefon
hin und her, als warte sie auf Einsatzbefehle. Dabei lässt sie ihm ein total
überbelichtetes Lächeln zukommen. Denn schon wieder senken sich seine Augen zu
ihren Füßen. Sofort jagen ihr Schmerzen durch den Kopf. Damit will sie sich für
die eigene Vergeßlichkeit bestrafen.
"Die Kette... Die hat mir meine Freundin geliehen", berichtet sie völlig
ungefragt. Welche Freundin? fragt er lautlos und tappt weiter im dunkeln. "Im
Ernst ." Ohne anzuklopfen erscheint ein Pförtner mit einem herabhängenden
Schnäuzer in einem Bimsteingesicht: "Bitteschön!" Und Roth tritt ein. Begrüßt
die Helferin mit einem warmen Blick.
"Dann kommen Sie mal rein", sagt Koritzius und ergänzt in Gedanken: Wenn es sich
schon nicht vermeiden lässt.
***
Bei dem Treffen mit Roth und der Psychotante hat auch Koritzius viele Fragen,
aber es erscheint ihm sinnlos, sie in irgendwelche vernünftige Formen zu
bringen. Darum schweigt er. Am meisten würde ihn die Bedeutung ihres Fußschmucks
interessieren. Aber darüber kann er kein Wort mehr verlieren. Mehrfach klopft er
drei Zigaretten aus der Packung. Doch immer schüttelt sie energisch den Kopf,
als sei sie militante Nichtraucherin. Roth zuckt immer wieder die Achseln. Mit
sehr viel Mühe zaubert Koritzius eine Art gelassene Ergebenheit in sein Gesicht,
als fände er die Zusammenarbeit total in Ordnung. Aber innerlich kocht er.
Irgendetwas kommt ihm spanisch vor.
Auf dem Heimweg steckt er sich eine Zigarette an. Aber schon nach drei hastigen
Zügen drückt er sie wieder aus. So sehr er auch nachdenkt, er kommt nicht auf
den Grund seiner Nervosität. Zuhause schließt er die Tür auf und räuspert sich
diskret. Aber niemand ist da. Klar, seine Frau ist zu ihrer Mutter nach Datteln
gefahren, und Kinder haben die beiden nicht.
Im Garten lässt er sich sofort in einen Sessel fallen, legt die Füße auf den
Tisch und wühlt in seinen Taschen nach einer Zigaretten. Bis er sie schließlich
raucht, zittert sie ein paar Minuten unangezündet zwischen seinen Fingerspitzen.
Er will endlich mal die Buddenbrooks lesen, aber die Buchstaben marschieren vor
seinen Augen im Stechschritt. Dann schlummert er ein.
Völlig desorientiert muss er einige Stunden später erkennen, dass er bei
heraufziehender Kühle den Nachmittag fast total verpennt hat. Mit ausdrucksloser
Miene beißt er sich fest auf die Innenseite der Wangen und schaut auf: Die Sonne
verblasst zwischen zwei Häusern. Für einen kurzen Ausflug reicht es noch. Für
einen Besuch im Freibad.
Sein Nacken beginnt zu prickeln.
***
Im Radio berichtet ein Sprecher von einem Attentat auf einen israelischen
Soldaten. Mit einer Stimme, als würde er mit einer Verpflichtung für die
Trauerrede rechnen. Hans-Werner Koritzius verzieht keine Miene, für ihn hat die
Meldung so geklungen, als lese der Sprecher aus dem Dschungelbuch von Walt
Disney vor: mit Mogli, Baghira und Balu. Er dreht den Lautsprecher etwas leiser
und lenkt seinen Opel Vetra sicher über die verstopfte Gleueler Straße in
Richtung Hürth. Dabei schiebt er einen Kaugummi in den Mund, rollt ihn über die
Zunge und kaut los. Seine Gedanken sind bei der Kette. Was hat sie zu bedeuten?
Vor einer Fußgängerampel am Decksteiner Weiher muss er stoppen. Ein hakennasiger
Lackaffe schwebt über die Fahrbahn. Eine leichte Brise Angst dringt durch sein
Schiebedach und streift Koritzius um den Nacken herum. Schon Augenblicke später
ist sie ein Orkan!
Und Koritzius beginnt zu zittern. Es beginnt an seinen Füßen. Und breitet sich
bis zu seiner Kopfhaut aus. Unterwegs streift es die Lippen. Sie bewegen sich.
Der Bulle hat plötzlich das Bedürfnis zu schreien. Aber kein Laut dringt hervor.
Er hat das Gefühl, auf seiner schmerzenden Brust würde jemand herumtrampeln. Die
Luft wird immer knapper. Einige Augenblicke bewegt er sich nicht. Jeder Muskel
scheint gelähmt zu sein. Glasige Augen starren ihn aus dem Innenspiegel an, als
ob er ein paar intus hätte. Sein Mund hat sich zu einer gequälten Grimasse
verzogen. Das verzerrte Gesicht scheint zu glühen. Es spielt das Grauen wider.
Schnell blickt er weg. Doch die Augen schmerzen. Nur mühsam kann er die
schweißnassen Hände vom Lenkrad lösen. Und Bobby Vinton im Radio die Luft
abdrehen. Darunter ist der Hebel für das Gebläse. Er stellt es auf die höchste
Stufe. Der Pflasterstein in seinem Mund wird immer schwerer. Ihm fehlt der
Sauerstoff zum Schreien. In ihm steigt der Brechreiz höher und höher, die
Eingeweide rumoren. Und er spürt wieder den Druck auf die Blase. Aber er kann
nicht außteigen.
Der Lastwagen hinter ihm ist nicht auf seiner Seite. Unruhig rutscht der Fahrer
auf seinen Sitz hin und her. Sein Hupen weckt schließlich die Enten auf dem See.
Absichtlich lässt Koritzius den Motor absaufen, kann nicht weiterfahren. Der
Laster knattert links an ihm vorbei wie ein Rasenmäher, der Überstunden machen
muss. Ein entgegenkommender Lieferwagen macht eine Vollbremsung. Ihm bleibt
nichts anderes übrig.
Vorbei?
Koritzis sieht die Schweißflecken auf seinem Hemd. Seine Hände zittern noch
immer. Bisher kannte er diese Panik nur bei nächtlichen Fahrten über die
Autobahn. Jetzt wird der Kreis immer enger. Er nimmt keine Rücksicht mehr auf
Tageszeit und Sonnenschein.
Vorbei!
Aber Koritzius befürchtet, immer tiefer im Sumpf zu versinken.
15
Donnerstag, 30. Juni
Unrasiert in Jeans und zerknittertem TShirt stiefelt Carlheinz Roth den
Hohenstaufenring zum Rudolfplatz entlang. Plakate bieten ihm eine Fotoreise nach
Australien, ein Konzert mit Werken von Bach und ein Seminar über Sterbehilfe an.
Vor ihm taumelt ein begossener Pudel her. Dessen Schritte schleppend sind wie
die eines Greises. Vor dem Modeladen Szene bleibt er stehen und dreht sich um.
Roth sieht in ein rotes Gesicht, das nicht von der Sonne verbrannt wurde. Hass
verdunkelt die Augen. Der Berber atmet scharf ein, als habe ihm jemand gesagt,
dass in der Bundesrepublik um Mitternacht die Prohibition eingeführt würde. Dann
singt er etwas, das Roth aber nicht mitkriegt. Und deshalb den Kopf schüttelt.
Der andere starrt ihn erwartungsvoll an, als hoffe er auf eine bessere Pointe
eines Witzes. Sekunden vergehen. Schließlich bewegen sich seine Lippen. Der
Journalist kann leicht ein Wort ablesen: Wichser! Zum Glück springt in diesem
Moment die Ampel um, und er kann über den Ring in die Lindenstraße gehen. Sein
Gesicht lässt vermuten, dass er einen Moment lang Mitleid empfand. Doch das
schlug nicht in bare Münze um. Im Schaufenster vom Reisebüro Atlas kann er den
Betrunkenen wild gestikulieren beobachten.
Vor der Reinigung Kuschel steht ein Biedermann, mit einem vom Rasieren
strapazierten Kinn. Er hält den Wachturm in der Hand. Roth schüttelt den Kopf
und muss sich ein Grinsen verkneifen. Bei Papier & Geschenk nimmt ihn die
Schlagzeile von Punkt! in die Arme: Erste Spur vom Amokmörder? Roth muss sich
auf die Zunge beißen.
Auf dem Weg zu Kaffeemaschine und Toaster leckt er sich über die Lippen. Seine
Augen bedienen sich am Artikel auf der dritten Lokalseite, den er eigentlich in
und auswendig kennen müßte. Aber noch nicht gedruckt gesehen hat.
Punkt!: Bei der Fahndung nach dem Doppelmörder kommt die Polizei nicht von der
Stelle.
Hans-Werner Koritzius: Das kann ich so nicht sehen. Wir haben inzwischen ein
genaues Bild von dem Täter erarbeitet.
Unter dem T-Shirt von Carlheinz Roth bildet sich Achselschweiß. Sein Hals
glänzt. Aber seine Stirn ist blass.
Punkt! Und das sieht wie aus?
Koritzius: Er ist eindeutig psychisch gestört und überschätzt sich total. Darum
läuft er Gefahr unvorsichtig zu werden und tappt bald in unsere Falle.
Roth verzieht das Gesicht, als schlucke er einen besonders bitteren Hustensaft.
Mit jeder Zeile wird sein Atem heftiger.
Punkt! Der Täter scheint geistesgestört zu sein.
Koritzius: Das ist anzunehmen. Seine Phantasie ist sehr begrenzt. Er spielt im
wirklichen Leben nur eine außenseiterrolle, kann sich nirgendwo richtig
anpassen.
Der Preis der Beitragsehrlichkeit ist ziemlich hoch. Eine Spur Wut hat sich in
seinen Blick geschlichen.
Punkt!: Was heißt das?
Koritzius: Er lebt sehr isoliert, ist in keiner festen Beziehung.
Das Unterbewusstsein von Carlheinz Roth ballt die rechte Hand zur Faust und hebt
sie in Brusthöhe.
Punkt!: Die beiden ersten Morde passierten jeweils an einem Mittwoch. Jetzt ist
nichts geschehen.
Koritzius: Bestimmt plant er schon seit einiger Zeit ein neues Verbrechen. Aber
seine Angst wird immer stärker. Sie lähmt ihn, hindert ihn an der Ausübung des
Planes.
Zum ersten Male hat er sich vor Dienstbeginn seine eigene Zeitung am Kiosk
gekauft. Sein Gesicht ist noch immer käsebleich.
Von Zeile zu Zeile ist seine Gewissheit gewachsen.
Vor seiner Haustür lungert jetzt der begossene Pudel herum. Er entdeckt sofort
den Fahrensmann in der Menge, wirft den Kopf zurück und lacht laut. Roth hört
noch immer sein eigenes heftiges Atmen. Seine Stimme würde für eine Antwort zu
erschöpft klingen.
Und das morgens um 9.
***
Carlheinz Roth kann seine Gedanken nicht ablenken: Was will die Polizei mit dem
Interview bezwecken? Er beschließt spontan: einen Tag krankzufeiern. Aber nicht,
um sich ins Bett zu legen. Sondern um Detektiv zu spielen.
Auf der Fahrt ins Ruhrgebiet kann er sich nur mit Mühe bremsen. Am liebsten
würde er mit einem Dauerhupen über die Piste brettern. Dabei zündet er sich jede
neue Zigarette an der Glut der alten an. Fast ununterbrochen stochert er in
seinen Erinnerungen herum. Mit Erfolg. Dauernd fliegen ihm Gespräche mit ihr zu.
Voller Widersprüche. Und denen will er jetzt nachgehen.
Die Osterfelder Straße in Vonderort ist eine Gegend, in der sich offenbar die
Spießbürger von Bottrop eingenistet haben. Doch die Wassermassen der letzten
Stunden haben den heiligen Rasen der Einfamilienhäuser total aufgeweicht. Jetzt
hat der Regen aufgehört und die Wolken verstecken nicht länger den Gasometer von
Oberhausen. Aber die Scheiben des Alfa Romeo sind noch mächtig beschlagen, der
langsam über dem dampfenden Asphalt fährt. Ein Mann, der außieht, als ob er
nicht bis drei zählen kann, steckt Prospekte vom GlobusMarkt in die Briefkästen.
Carlheinz Roth stoppt seinen Flitzer vor dem Haus mit der Nummer 12. Sein
Gesicht ist von Neugierde verzerrt. Er ist regelrecht nervös bis zum
Gehtnichtmehr. Der Journalist steigt aus und geht unsicher zum Eingang. Er fühlt
sich, als ob er in vier verschiedene Richtungen geht. Weil er spürt, was kommen
wird.
Die Namen an der Türklingel sagen ihm nichts: Karin und Jürgen Wolffram. Er
drückt auf die Klingel. Zweimal. Eine Frau in einem hautengen schwarzen
Ledermini und einer brokatfarbenen Bluse schaut ihn mit geschürzten Lippen an.
Ihre Augen sind leicht gerötet. Passend zur Farbe ihrer leicht aufgebauschten
Fönfrisur. Das Lächeln zeigt ihr ebenmässiges Gebiss. "Roth ist mein Name",
beginnt er und präsentiert gleich eine Lüge: "Ich bin Versicherungsinspektor."
Die Frau atmet keuchend: "Wir brauchen keine Versicherung!" Das klingt so, als
ob sie diesen Satz lange geübt und auswendig gelernt hat. "Neinnein. Ich will
Sie nicht versichern. Ich brauche nur eine Auskunft." Sie lächelt wieder. Fast
so, als ob sie Zutrauen zu Roth gefasst hat. Er lässt es bei einem Blick auf
ihren knappen Rock bewenden. Im Halbdunkel erscheint ein Mann. Er sieht aus wie
um die Sechzig, ist aber wahrscheinlich nicht älter als Anfang Vierzig. Sein
Gesicht ist leicht aufgedunsen. Wie bei Kranken, die seit langem Kortison
einnehmen müssen. Ihm würde Roth in der Nacht nicht gerne in die Quere kommen.
"Worum geht's hier?", tönt er und beugt sich in die Sonne. Jetzt hat er etwas
von einem Studenten im 16 Semester, der seine Ausmusterung befüchtet. Die dicken
Gläser in dem Gestell von Fielmann müßten mal wieder geputzt, die strähnigen
Haare gekämmt und die ausgefransten Jeans gewaschen werden. Wahrscheinlich
gehört das Haus zur Erbmasse.
"Ich komme von der Europa-Versicherung aus Köln...", holt Roth aus. Das
beeindruckt nicht sehr. "Können Sie sich ausweisen?" erkundigt sich der Student
mit den glasigen Augen. Der Mund seiner Frau klafft auf. Sie schaut ernst drein.
"Leider nicht." Roth dreht sich um und zeigt auf seinen Alfa: "Dort ist mein
Wagen." Am Seitenfenster prangt der Schriftzug der Versicherung. Er hat ihn
irgendwann von einer Pressemappe abgeschnitten und ins Handschuhfach gelegt. Die
Augen des Typen heften sich auf das Auto. Dann nickt er. Eduard Zimmermanns
Nachfolgerin und ihre Nepper, Schlepper und Bauernfänger könnten sich Notizen
machen.
"Also, was wollen Sie?" Die Stimme von Herrn Wolffram ist etwas angeschwollen.
Roth hustet erst einmal und lässt ihn zappeln: "Bei uns will Regine Schwirtz
eine Lebensversicherung abschließen. Da holen wir Erkundigungen ein. Die hat
doch hier mal gewohnt, oder ? Mit ihren Eltern, soviel ich weiß." Sein Herz
rattert wie eine Dampflokomtive in den Tessiner Alpen. Für einen Moment schließt
die Frau in der Tür die Augen, hält kurz die Hände vor das Gesicht. Jetzt weiß
Roth, dass sich die Fahrt gelohnt hat.
Da brennt der Baum. "Der Alte war ein großartiger Mann!" Jürgen Wolffram ballt
die Hand zur Faust, öffnet sie sofort wieder. Aus seiner Tasche klaubt er ein
zerknülltes Päckchen Philip Morris. "großartig, ja. Aber nur für die, die ihn
nicht kannten. Sonst war er ein... ein Arschloch. Ein richtiges Arschloch!"
Plötzlich steht ein Mann in einem dunkelblauen Trainigsanzug hinter Roth. Es
sieht aus wie der letzte Vollidiot: "Tach! Hier hasse wat zu lesen", lallt die
taube Nuss und wirft den Kurier in den Flur. Die Frau schüttelt den Kopf und ist
sichtlich um Fassung bemüht: "Kommen Sie doch herein", bittet sie und geht in
die erste Tür links. Ihr Mann folgt ihr mit einem säuerlichen Grinsen. Roth
schließt sich der Prozession an.
Die Rollos sind fast bis auf die Fensterbretter heruntergelassen. Das Wohnzimmer
ist in Halbdunkel gehüllt. Der Rauch von Zigaretten hängt wie dichter Nebel in
der Luft. Nach zwei Sekunden haben sich Roths Augen an die Lichtverhältnisse
gewöhnt. In der Ecke sabbert ein Fernseher vor sich hin. Auf einem Vertiko
stehen zwei schwarze Vasen, die mit goldenen Drachenmotiven verziert sind. Eine
Vitrine ist vollgepackt mit Porzellan und Büchern. Dafür darf sich ein Sideboard
entspannen. An den Wänden ruhen sich preiswerte Kunstdrucke von Rembrandt aus.
Noch etwas aus der Erbmasse.
Das Paar hat längst das 3er Sofa in Nubukleder erobert. Roth begnügt sich mit
dem Sessel. Die rothaarige Frau dreht sich mit schwarzem, holländischem Tabak
eine Zigarette, schaut dabei Roth an. Er kann offenbar Gedanken lesen: "Danke,
ich habe meine eigene Marke." Der Mann in den Jeans sieht jetzt aus wie jemand,
der endlich reinen Tisch machen will: "Wegen der Schwirtz sind Sie da? Nun, der
Schmus, den mir der Alte früher erzählt hat, habe ich längst vergessen. Das war
nur Schaumschlägerei."
Roth schaltet schnell. Eigentlich wollte er etwas über die Tochter erfahren,
aber der Weg dorthin führt nur über ihren Vater. Mit einer verschwörerischer
Miene bemerkt er: "Sie sind gar nicht gut auf ihren verstorbenen Nachbarn zu
sprechen..."
"...Neee!...In den letzten Jahren habe ich nur Schreie von ihm aus dem Keller
gehört. Die Regine musste als Kind mit erleben, wie ein Elternteil das andere
betrog...du bist so jähzornig wie Dein Vater, bekam sie von ihrer Mutter zu
hören...Das Verhältnis der beiden zueinander war sehr kühl. Mit ihrem Vater hat
sie sich aber prächtig verstanden. Obwohl er für mich ein Arsch war. Manchmal
habe ich ihn im Garten gesehen, wenn er seine Tochter im Arm hielt und dabei
seine kleinen, schwarzen Zigarren paffte. Als ob er das drinnen nicht durfte."
Draußen schwillt der Lärm eines Lasters an, der sich von einem Container
befreit.
"Was hat der eigentlich beruflich gemacht", will Roth eigentlich gar nicht
wissen. Denn diese Information hat längst eine Datei ausgespuckt. Aber er möchte
nicht den Erzählfluss stoppen.
Der Student kneift die Augen ärgerlich zusammen: "Er war Türsteher in einer Bar
in Duisburg und spielte sich hier wie ein Richter auf. Nur weil er Männer ohne
Krawatte am Eingang von diesem Puff abweisen durfte." Ihm scheint das regelrecht
unter den Nägeln zu brennen. Mit jedem Wort ist seine Stimme einen Ton schärfer
geworden. Seine Frau beteiligt sich nicht am Steinewerfen. Ab und zu lacht sie
mal hohl auf. Zieht lässig an ihrer Zigarette. Aber ihre Selbstsicherheit wirkt
gespielt. Wolffram seufzt. "Allen Leuten hat er auch erzählt, dass er bei der
Presse ist. Die Wahrheit ist, er hat sich als Zeitungsbote bei den Ruhr
Nachrichten über Wasser gehalten, als das Ordnungsamt den Laden dichtmachte." Er
scheint auf nichts Rücksicht nehmen zu wollen.
In Roth kocht die Neugierde. Er müßte jetzt auf Regine kommen. Aber die Brücke
sieht er nicht: "Stimmt das, was in der Zeitung stand?"
Jürgen Wolffram scheint einen mächtigen Rochus zu haben. Aber auf wen? "Kein
Wort. Der Alte war pervers. Aber nicht nur er. Er war erst M, dann S, wenn Sie
verstehen, was ich meine." Roth nickt, in seinen Kopf überstürzen sich seine
Gedanken. "Aus dem Keller haben die beiden ein richtiges Sado-Maso-Studio
gemacht. Mit einem Holzkreuz an der Wand. Peitschen und Ketten. Und allem, was
dazu gehört." Sein Gesichtsausdruck lässt nicht den geringsten Zweifel
aufkommen, dass er weiß, was so alles dazugehört. Roth fährt sich mit der Zunge
über die Unterlippe. Sein Herz beginnt wie wild zu schlagen. Denn genau so etwas
hat er auf den versteckten Fotos in Herne gesehen, und er weiß von der
Leidenschaft von Friedhelm Meuschel. Seitdem er die Karteikarte gelesen hat. Er
stiert auf ein Paket ohne Aufdruck, das auf einer Art Teewagen steht: "Und seine
Frau hat mitgemacht?" Ein Kopfnicken ist die erste Antwort. "Ja, natürlich",
fügt sie hinzu. "Aber nur, wenn sie S sein durfte. Von Blümchensex hielten beide
nichts."
"Wollen Sie damit sagen, dass ...." beginnt Roth. Wolfframs Gesichtsausdrücke
spannen sich. "Alle haben mitgemacht. Alle!" geht er mit vor Zorn rauher Stimme
dazwischen.
Der Besucher sitzt vor ihm wie versteinert. Er versucht den Kloß
herunterzuschlucken, der in seinem Hals steckt. Alle? Sein Herz klopft rasend
schnell. Karin Wolffram hält die Hände im Schoß gefaltet. Sie schlägt die Beine
übereinander und nimmt sie Sekunden später wieder voneinander los. Dann füllt
sie ihre Lungen mit Nikotin: "Frau Schwirtz hat ihren Alten umgebracht, weil sie
gemerkt hat, dass sie nicht mehr die Nummer 1 ist. In der Bild-Zeitung hieß es,
sie wollte ihre Tochter schützen. Quatsch! Das war Eifersucht. Sie kam hinzu,
als er von seiner Tochter gerade mit Glasscherben bearbeitet wurde." Keinen
Moment zögert sie, obwohl sie weiß, dass dies ein heikles Thema ist. Ihre
schwarzgeränderten Wimpern schlagen auf und ab. Die Augen ihres Mannes funkeln
regelrecht. Weil sie das Gelübte der Trappisten gebrochen hat.
Roth kann nicht glauben, dass das, was er gehört hat, tatsächlich passiert ist.
Ein Zucken jagt durch seinen Kopf, als hätte er gerade einen Stromschlag
bekommen. Seine Rückenhaare richten sich auf. Der Kopf scheint sich mit Helium
zu füllen. Sein Mund klafft auf. Ein Gedanke erzeugt sofort den nächsten.
Eifersucht... Glasscherben... Parkplatz. Er muss dringend an die frische Luft.
Redet er sich das ein, oder ist da wirklich bei der Frau die Spur eines Lächeln?
"Erst tobte er mit seinen Gespielinnen im Keller... Aber was hat das alles mit
der Versicherung zu tun?" fragt der Mann, der nach Marbert stinkt. Roth kann
nicht mehr Klasse beweisen. "Ich will... weiter", sagt er und steht auf. Die
Wolfframs wirken gar nicht beleidigt. Nur etwas enttäuscht.
Die Augen des Reporters sind blutunterlaufen. Er spürt einen stechenden Schmerz
im Hinterkopf. Und beißt die Zähne zusammen, so dass seine Backenknochen
hervortreten.
***
Von Bottrop will Carlheinz Roth auf dem schnellsten Wege zurück nach Köln
brausen. Von Abfahrt zu Abfahrt wird aber das Verdauen schwerer. Ihm kommt das
Gespräch immer komischer vor. Hat dieser Wolffram einfach nur Mist erzählt?
Schließlich fährt er auf den Rastplatz hinter dem Hildener Kreuz. Junge
Rucksacktouristen und Althippies erwarten ihn schon. Er drückt den Knopf für die
Zentralverriegelung, holt eine WY Chester aus seiner Packung und raucht mit
geschlossenen Augen. Das Lachen der Frau klang gekünstelt. Ihr Mann mauerte
überhaupt nicht, sondern redete so mir nichts dir nichts los. Dabei ist er
regelrecht aus dem Ruder gelaufen. Oder war das lange geplant? Soll Roth es mit
seinen staatsbürgerlichen Pflichten genau nehmen? Nein! Er entschließt sich für
den IchwillendlichselbstKarrieremachenWeg. Und fährt weiter.
Zuhause legt er sich in die Badewanne, kann aber nicht richtig abschalten. Der
Blick der Frau geht ihm nicht aus dem Kopf. Sehnsüchtig? Zustimmend?
Resignierend!
Auch auf das Russland-Haus auf Video mit Sean Connery kann er sich nicht richtig
konzentrieren. Gegen 22.45 Uhr ruft sie ihn an und lädt ihn zu einem Bier ein.
Und er nimmt sich vor, ihrem Getue nicht auf den Leim zu gehen.
***
In der Ferne rumpelt eine Straßenbahn über die Aachener Straße. Über dem
Belgischen Viertel liegt wieder einmal ein Hauch von Chivas Regal und
Glenfiddich. Auf der Antwerperner Straße kann längst kein Baum mehr den anderen
anblinzeln. Auf dem Tisch im Whistle Stop Cafe stehen zwei Flaschen Rock-Bier,
Regine Schwirtz hält nach einem Öffner außchau, findet natürlich keinen.
Siegesgewiss nimmt Carlheinz Roth eine Flasche in die Hand, wirft ihr einen
abschätzenden Blick zu und schraubt dann den Kronkorken einfach ab. Sie strahlt
ihn an. Nur für einen Augenblick ist er der ungekrönte Platzhirsch.
Eine Zeitlang schleichen beide wie die Katze um den sprichwörtlichen heißen Brei
herum. Reden über den Ausgang der letzten Wahlen und seine These: Man muss die
PDS stärken, um sie überflüssig zu machen. Er verzettelt sich in hanebüchene
Widersprüche, schließlich spielt sie mit ihrem langen, kastanienbraunen Haar und
stellt fest: "Du siehst aus wie ein begossener Pudel." Ihr Lachen macht die
Falten um Mund und Augen noch tiefer. Er guckt ernst, puhlt an einem Bierdeckel
herum: "Morgen gehe ich wieder arbeiten. Der Terminplan ist voll und ich gehe
gerade in Gedanken die einzelnen Termine durch, wer wohin gehen soll." Was
Besseres ist ihm nicht eingefallen. Sie ist überzeugt, dass seine Gedanken ganz
woanders sind. "Und außerdem bin ich müde", meint er und gähnt auf Kommando wie
ein schlechter Schauspielschüler, für den die Probenbühne der Höhepunkt seiner
Karriere ist. Sie spürt kein Misstrauen, setzt nur ein wölfisches Grinsen auf.
Er beobachtet die Selbstbewusste genau. Als Persönlichkeit mit ganz bestimmten
Handlungsmustern ist sie für ihn einfach nicht fassbar. Schon wieder lässt er
das Treffen in Bottrop durch sein Gehirn rattern. Aber dabei kommt nichts rum.
Beide scheinen regelrecht darauf zu warten, dass etwas passiert.
"Erzähle mir was von dir", fordert er, "da gibt es doch bestimmt ein großes
Geheimnis." Ziemlich fahrig fummelt sie an ihrer Uhr herum. Dann schaut sie ihn
an. "Das glaube ich nicht", sagt sie schnell. Etwas zu schnell. Als ob sie so
ihren Wunsch sofort zur Wirklichkeit machen könne.
Irgendjemand hinter ihnen fragt: "Möchtest du mit mir mitkommen?" Die Antwort
ist erst ein Zögern: "Aber nicht zu dir nach Hause! Ich will höchstens ins
Hotel... Eine richtige Luxusnacht erleben. In der Präsidentensuite", flötet eine
Frau.
"Ein teurer Spass", kommentiert Roth. Dann und wann zieht er an seiner
Zigarette. "Das kann man auch billiger haben", freut sich seine Begleiterin.
Seine Augen sind ein Fragezeichen. "Im Holiday Inn ist das Treppenhaus direkt
mit der Präsidentensuite verbunden. Nur eine Tür ist dazwischen. Und ich habe
für diese Tür einen Schlüssel." Sie leckt sich kurz über die Lippen. Lehnt sich
etwas zurück, so kommt ihr üppiger Busen noch mehr ins Rampenlicht.
"Du?" Er grölt regelrecht.
"Ja, ich. Vor einigen Monaten war ich in der Suite. Irgendein Prominenter
brauchte seelischen Beistand. Die Plattenfirma rief mich an und ich kam. Zwei
Stunden haben wir miteinander geredet. Dann wollte er verschwinden, aber nicht
von der Pressemeute in der Lobby gesehen werden." Sie spricht lachend und
schnell, merkt überhaupt nichts, denn mit jedem Satz wird es für sie
ungemütlicher. "Darum ließ er sich von der VIP-Betreuerin den Schlüssel für eben
diese Tür bringen. Ich habe ihn dann zur Sporthalle gebracht. Erst einige Tage
später habe ich den Schlüssel im Auto gefunden, den er vergessen hat... Man weiß
nie, wofür man den mal gebrauchen kann." Nach einer Pause wird ihre Altstimme
warm und zugleich fordernd: "Wir gehen!"
Es mag 1000 Gründe geben, weshalb sie das erzählt hat. Weil sie unvernünftig
ist. Weil sie unbedingt etwas loswerden will. Weil sie sich selbst ans Messer
liefern will.
Weil, weil, weil ...
***
Carlheinz Roth bewegt sich ein wenig tapsig: nachts um halb 12 auf der
Antwerpener Straße. Er ahnt nichts Gutes. Nur ein öliger Fettsack mit einem
Packen jungfräulicher Zeitungen unter dem Arm schleicht vor ihnen her zum
Friesenplatz.
"Ich will mit dir vögeln!" Ihre Worte versetzen ihm einen gewaltigen
Adrenalinstoss. Jetzt will er Nägel mit Köpfen machen: "Ich auch.. Aber nicht
bei dir oder mir. Wir machen es im Holiday Inn." In ihrem Kopf geht keine
Alarmsirene los." Der Hauch eines Lächelns erscheint in ihren Mundwinkeln.
Sofort erteilt sie sich einen Ordnungsruf. "Wenn du meinst", antwortet die Frau,
zuckt gleichgültig mit den Schultern.
Manchmal erinnert sie ihn an eine pubertierende Oberschülerin, die in jeder
Pause von einer Frage gequält wird: Womit ärgere ich heute meine Eltern am
meisten? Aber kann so ein Kindskopf zwei Vendettamorde planen und ausführen? Hat
sie es wirklich mit ihrem Vaters gemacht? Er schaut nach oben, ertappt sich
dabei, wie er wieder über Jürgen Wolffram nachgrübelt. Irgendwie wusste der
verdammt gut Bescheid. Weitere Bilder tauchen in seinem Kopf auf: gelbweißes
Licht, eine dicke Blutlache, ein Toter im Halbdunkel, heraushängende Zunge,
vorstehende Augen.
Im Schein der Werbung vom Atlas-Reisebüro starrt er sie mit offenem Mund an.
Ihrem Gesicht ist anzumerken, dass sie schon manche Tiefschläge hat einstecken
müssen: Die Wangen sind tief eingefallen, die grauen Strähnen in ihrem Haar
haben sich auch verdoppelt. Und für einen Moment wünscht er sich, die Nacht
könnte seine Worte aus ihrem Gedächtnis streichen. Oder noch besser, die Straße
würde ihn ganz einfach verschlucken.
Sie bleibt an der Rolltreppe zu UBahn stehen. Und er kann sehen, wie sie ihn mit
ihren katzengrünen Augen ansieht. Er kann sogar ihre Lust spüren. Ihm fällt nur
eine verlegene Kopfbewegung ein.
"Willst du jetzt den Schwanz einziehen?" wispert sie, nimmt seine Hand und geht
zügig weiter. Und will ihn dazu bringen, auch schneller zu gehen. Doch Roth
trödelt, als hätte er alle Zeit der Welt zur Verfügung. Schon nach ein paar
Metern drosselt sie das Tempo und merkt an: "Das wäre schade." Er überhört es.
Gibt sich alle Mühe, so auszusehen, als sei alles ganz normal.
Bilder schwirren ihm wieder durch den Kopf: Man wird sie zur Verantwortung
ziehen. Und dann wird er sie nie wieder sehen. Sein Magen verkrampft. Er sieht
sie wieder vor sich beim Rundgang in einem Gefängnishof dann liegt sie auf einem
schmalen Bett in einer Zelle. Nackt...Hör auf damit, bietet er sich selbst
Einhalt.
Ganz abrupt bleibt sie stehen und wirft ihm einen fragenden Blick zu: "Wie komme
ich nur darauf, dass du dich lange nicht so wohl fühlst, mich zu kennen, wie ich
mich freue, dass du hier bist?" Er antwortet erst nicht, weil er nicht weiß, ob
sie nicht einfach nur seine Aufmerksamkeit erreichen will." "Du spinnst",
erwidert er schließlich. Es ist nur ein Flüstern. Er spricht mehr zu sich
selbst. Sie reagiert mit einer unwirschen Kopfbewegung. Lässt ihn für ein paar
Meter los. Geht allein weiter.
Ein paar Tropfen klatschen auf den Ring, saugen sich in den Asphalt. Die beiden
stellen sich im Eingang zum La Strada unter. Sie drückt seine Hand, bis sich
ihre Fingernägel in sein Fleisch graben: "Aua!" Sofort zieht er seine Hand
zurück. "Stelle dich nicht so an... Ich habe eine Überraschung für dich", nickt
sie.
"Eine Überraschung?", wiederholt er.
"Ich weiß nicht recht, ob ich dir das jetzt schon sagen soll", lacht sie,
"vielleicht sollte ich lieber bis nachher warten."
"Nein!", protestiert er und schüttelt sie etwas.
"Also gut", sagt sie und tut so, als hätte sie sich erst in diesem Moment dazu
entschlossen. "Wie findest du es, wenn ich mit dir nach Kalifornien gehen?"
Gerade noch wollte er sie aburteilen, abrupt hält er inne und starrt sie an, als
dürfe nicht wahr sein, was er gerade gehört hat: "Kalifornien? Willst du Deine
Praxis dichtmachen?" In seinem Kopf arbeitet es wie wild: Auswandern?...USA?..
.Kalifornien?... Er versucht, Klarheit in seine Gedanken zu bekommen. Gerade
noch rechtzeitig, bevor ihn das Gefühl der Unsicherheit niederdrückt, fällt ihm
ein, dass er vor ein paar Wochen gesagt hat, dass er nach Kalifornien auswandern
möchte.
"Was willst du denn in Amerika machen?" fragt er ängstlich und lässt sich nicht
von ihrem Schwung mitreißen.
"Mit dir leben", triumphiert sie. "Das Mental Research Institute in Palo Alto
sucht neue Mitarbeiter. Ich habe dort schon angerufen und rausgekriegt, dass ich
ganz gute Karten habe." In ihrer Stimme klingt Stolz mit.
In ihm steigt ein Unbehagen auf. "Einfach toll!" sagt er viel fröhlicher, als
ihm zumute ist. Er beißt die Zähne zusammen und redet sich raus: "Überlegen wir
es uns... Ich meine, dass man das nicht nachts auf dem Ring beschließen soll.
Oder?" Vielleicht war alles ganz anders? Vielleicht geht es gar nicht um sie?
Vielleicht ist Pik7 die Zündschnur? ...Axel Weiß vielleicht, aber
Meuschel?...Nein!
Sie lächelt dünn und sagt total enttäuscht: "Wenn du meinst." Fast wie auf ein
vereinbartes Zeichen braust ein Polizeiwagen vorbei. Mit Blaulicht und einem
Fanfarenkonzert. In der Ferne dreht ein Hubschrauber seine Runden und leuchtet
mit einem Scheinwerfer etwas ab. Er sinkt tiefer und tiefer, und es ist mit
einer Landung zu rechnen. Plötzlich steigt er wieder auf und verschwindet.
Nach zwei Minuten wird die Dusche schon wieder abgestellt. Als sie über die
Aachener Straße laufen und dann rechts zum Holiday Inn abbiegen, können sich
seine Gedanken nicht beruhigen. Er überlegt wieder, vielleicht ist sein Verdacht
ja aus der Luft gegriffen? Vielleicht war alles ganz anders? Vielleicht ist es
nur eine Verkettung von dummen Zufällen?...Nein! Zuviel spricht gegen sie.
Nein!
Carlheinz Roth reibt sich die Schläfen. "Ich bin müde." Aber das ist nicht das
Problem. Sie ist das Problem.
Und im Moment weiß er nicht, wie er damit umgehen soll.
***
Carlheinz Roth lehnt sich an eine Wand, schließt die Augen und versucht, alle
Geräusche um sich herum auszuschalten. So will er sich seine selbstgestellte
Aufgabe eintrichtern. Das gelingt natürlich nicht. Denn da ist ihre Stimme: "Von
da oben hat man einen herrlichen Ausblick auf Köln."
Nur ein Achselzucken ist sie ihm wert: "Meinst du?"
Sie legt den Kopf schräg und mustert ihn: "Soviel Vorstellungskraft solltest
selbst du haben." Nicht eine Sekunde verschwendet einer für den Gedanken, dass
die Suite belegt sein könnte. Der Ton ihrer Stimme verrät, dass sie annimmt, er
stelle sich absichtlich dumm. Ihr Gesichtsausdruck verfinstert sich. "Du willst
nicht mehr mitmachen, stimmt's?" fragt sie.
"Quatsch! Wie kommst du darauf, dass ich nicht mehr mitmachen will. Schließlich
hatte ich die Idee", verteidigt er sich mit etwas kläglicher Stimme.
Sie muss lächeln. Aber dieses Lächeln ist gar nicht freundlich. "Du Waschlappen!
Er ignoriert den total patzigen Ton. "Darf man hier wenigstens rauchen?"
erkundigt er sich leise, während beide in den Aufzug steigen, der zur Tiefgarage
führt.
"Komm, sei endlich ruhig!" Ihre Stimme klingt inzwischen schneidend. Der
Reporter weiß damit nichts anzufangen. Steckt sich eine Zigarette an,
verschluckt etwas Rauch und muss husten. Sofort trifft ihn ein strafender Blick,
und er drückt die Zigarette auf dem Boden aus. Dann drückt er sich wieder an die
Metallwand, als könne die ihm Sicherheit geben.
"Hast du Angst gehabt, ich würde nicht auf Deinen Vorschlag eingehen?", fragt
sie. "Ich kneife nicht!" Noch nicht, fügt er lautlos hinzu und vergräbt seine
Hände in die Taschen.
Die sich öffnende Tür nimmt ihm die Antwort ab. Beide steigen aus. Keine
Menschenseele ist im dritten Untergeschoss zu sehen. Auf der ganzen Ebene
schlummern nur zwei Autos friedlich vor sich hin. Sofort entdeckt er die
Videokamera in der Ecke, zieht eine Augenbraue hoch. Und schmunzelt. Es ist eine
billige Attrappe.
Er fragt sich, ob sie vielleicht selbst reingelegt worden ist. Und sofort denkt
er auch an ihren Vorschlag, nach Amerika auszuwandern. Was er vorhin darauf
gesagt hat, klingt ihm noch in den Ohren: Einfach toll! Das soll man aber nicht
nachts auf dem Ring entscheiden. Das macht ihn verlegen. Für den Bruchteil einer
Sekunde starrt er sie an, dann richtet er seine Aufmerksamkeit auf die Ölflecken
auf dem Boden.
Zielsicher geht sie zu der roten Tür neben dem Schild Hotel/Restaurant. Er zieht
den Kopf zwischen die Schulter und trabt hinterher. Sie drückt auf die Klinke,
sofort geht die Tür auf. Neonröhren tauchen einen Gang in grünes Licht. Das
leise Klicken, als sie das Schloss einschnappt, ist wie ein Hammerschlag in
seinen Ohren. In Gedanken hört er sich sagen, die muss doch etwas spüren. Denn
sie schaut ihn schon wieder so scharf an, will diesmal wissen: "Hey, ist was?"
Er schüttelt mit seinem Kopf das Schuldbewusstsein fort. Und täuscht eine Stärke
vor, die er eigentlich nicht empfindet: "Mir macht das nichts aus!" Sie wirft
ihm einen skeptischen Blick zu, runzelt die Stirn.
Am Ende des Ganges sind wieder zwei Türen, Hotel steht auf der roten, Eintritt
verboten auf der grauen, rechten. Auch sie ist nicht verschlossen. Fast erwartet
er, dass sich die Tür zu Lobby öffnet und ein Hotelboy ihn vorwurtsvoll
anschaut.
Nichts passiert.
In diesem Gang brennt kein Licht. Und ihn packt die Angst, greift nach ihm,
berührt ihn aber nicht. Aber er spürt die Krake und bleibt stehen. "Was...was
passiert, wenn uns hier jemand schnappt", fragt er und hört sie sofort lachen.
"Dann sterben wir." Er bekommt den ironischen Unterton in ihrer Stimme natürlich
mit, weiß ihn aber nicht einzuordnen. Ein Ton, den er nur zugut aus der
Redaktion kennt, wenn manchen Kollegen über die Leser von Punkt! herziehen.
Seine Eingeweide ziehen sich zusammen, bei dem blossen Gedanken, mit ihr weiter
durch das Haus zu schleichen. Um Gewissheit zu bekommen. Will er die eigentlich?
Er muss schlucken und hofft, dass seine Stimme ihn nicht im Stich lässt: "Warum
machen wir das hier eigentlich?" Bleiernd spricht er, als müsse er sich jedes
Wort zweimal überlegen. Sein Puls rast von der Anspannung.
Sie streckt ihre Hand aus und er greift nach ihr im dunkeln. Dann öffnet sie
wieder eine Tür und wartet einen Moment. Das Licht hier ist gedämpft und
beleuchtet alles nur sehr schwach: Den Beton, von dem die Farbe abbröckelt. Aus
ihrem Gesicht ist der trotzige Ausdruck verschwunden, den er vorhin registriert
hat. Fast als hätte er eine geheime Macht über sie: "Ich brauche dich heute
Nacht."
Das ist es, was ihm an ihr sonst so gefällt. Was sie auch ablenkt, wie sauer sie
auf ihn ist, sie hat alles von einer Sekunde zur anderen total vergessen. Doch
diesmal lässt seine Anspannung nicht nach. Was ist das wohl für ein merkwürdiges
Gefühl, wenn man mitkriegt, dass man ins offene Messer rennt? Oder hat sie noch
nichts geschnallt? Für einen kurzen Moment huscht ein Schatten über sein
Gesicht. Sie wirft ihm einen prüfenden Blick zu. Mit einem Mal ist er überzeugt
davon, dass sie dasselbe denkt wie er. Sofort spürt er, dass seine Hände feucht
werden.
Das macht ihm kein bisschen Angst. Er hat sie längst.
***
Wie zwei Einbrecher schleichen beide weiter durch das Labyrinth. Sie bestimmt
die Richtung. Wieder eine Tür. Er schlägt sie mit einem Knall zu, der auf dem
ganzen Flur widerhallt. Sie zieht die Augenbrauen hoch und führt den rechten
Zeigefinger an den Mund. Da ist die Küche. Seine Lippen sind zu einer dünnen
Linie zusammengepreßt. Wenn jetzt einer kommt, kann er noch immer sagen, sie
hätten sich verlaufen. Hoffentlich kommt niemand. Da geht es zum Solarium, zur
Sauna, zum Whirlpool. Langsam bewegt er sich weiter. Immer so, als würde man ihn
gegen seinen Willen dorthin schleppen.
Die muskulöse Frau weiß Bescheid, kennt jede Biegung. Ihre Augen sind zu
Schlitzen zusammengekniffen. Der Kloss in seinem Hals ist ein Schneeball, der
immer mehr zur Lawine wird.
"Du kennst dich hier gut aus", sagt Roth, ohne sich vorher genau überlegt zu
haben, was er sagt. Sofort beißt er die Zähne zusammen, als seine Ohren den Satz
mitkriegen. Denn das Blitzen ihrer Augen ist Antwort genug.
Wieder erwartet sie eine Eisentür. "Kommt man überall so leicht in die Suite",
will er mit blassem Gesicht wissen. Sein Puls rast vor Anspannung. Der ganze
Körper ist mit kaltem Schweiß bedeckt. Sie schüttelt den Kopf: "Suite?" echot
sie, "keine Ahnung." Stahl ist in ihrer Stimme. Die Morde schrillen in seinem
Kopf. Sofort regt sich in seinem Innern ein Zweifel. Aber er schiebt ihn
beiseite und zündet eine Nebelbombe: "Du hast mir mal erzählt, dass du im Hyatt
warst." Sie schaut ihn an. Er kann sehen, dass dieser Blick nicht nur etwas
hinaus zögern soll, da ist auch Hilflosigkeit. "Natürlich. Dort war ich ja auch
mal. Aber da kenne ich mich nicht so gut aus. Da ist mir dieser Kasten schon
lieber." Sie streckt ihre Hände aus und fasst ihn an. Aber er wendet sich ab:
"Ich gehe nicht ..." Seine Stimme bricht ab, als er sich den Schock
vergegenwärtigt, den der Einbruch in ihm verursacht hat.
Eine Idee nach der anderen schießt ihm durch den Kopf. Bei dem Gedanken, was sie
getan hat, schaudert er. Und was sie vielleicht noch einmal tun wird, wenn sie
spürt, welchen Verdacht er hat. Er ist auf der Suche nach dem, was passiert ist.
Und schließlich jagen die Bilder mit dem Tempo eines Computers durch sein Hirn:
heraushängende Zunge...mit Plastikriemen zusammengebundene Füße... Glasscherben.
Er versucht logisch zu denken. Trotz der Panik, die sich ihm nähert. Jeder
Widerstand gegen seinen Verdacht ist zusammengebrochen.
Weg hier!!!
Sie hört ihn sagen: "Ich will nicht weiter!" Er vernimmt das Beben in seiner
Stimme. Aber der Ton macht auch klar, dass er ihr auf gar keinen Fall sagen
wird, warum er nach Hause flüchtet. Als sie ihn weggehen sieht, schimmen ihre
Pupillen im Weiß. Sie weiß, dass sie ihn zu nichts überreden kann. Erst kann sie
ihre Enttäuschung und Wut in Schach halten. Aber dann bringt sie Tränen der Wut
zustande: "Du Sau!"
Seine Augen hängen an dem Schild "Parkhaus". Laut keuchend vor Aufregung, rennt
er davon. Ein Frösteln überläuft ihn als er an die letzten Stunden denkt.
Und er fragt sich, ob er sie jemals wiedersehen wird.
16
Freitag, 1. Juli
Abwesend spielt Hans-Werner Koritzius mit seiner Brille, während er über die
ersten Stunden des Tages nachdenkt. Bereits um kurz vor 8 Uhr war er im Einsatz.
Der Mann, der ihm den Mord an seiner Mutter gestanden hat, widerrief
überraschend vor Haftrichter Albert Thiele seinen Widerruf. Der Anwalt starrte
seinen Mandanten an, als ob dieser nicht ganz bei Trost sei. Jetzt fragt sich
Koritzius, was zum Teufel eigentlich in einem seelisch Kranken vorgeht. Er
massiert seine Nackenmuskeln und legt seine Stirn nachdenklich in Falten.
Petra Braun kommt ins Büro und drückt ihrem Kollegen den Stadt-Anzeiger in die
Hand: "Morgen...Damit Sie Bescheid wissen. Zweite Seite im Lokalteil." Dabei
macht sie ein betrübtes Gesicht. "Dann hat gestern noch die Uniklinik angerufen,
dass der Schwerverletzte, Sie wissen schon, der aus dem Aufzug, aus dem Koma
erwacht ist."
Koritzius interessiert sich mehr auf die Zeitung, er schürzt die Lippen: "Wollen
mal sehen."
Bei der Lektüre glaubt er sich an einen glühend heißen Hochofen versetzt. Der
Artikel ist nicht von schlechten Eltern. Obwohl Koritzius nicht namentlich
genannt wird, weiß er sofort, wer der Beamte aus der Mordkommission ist, der 14
Tage lang einen Untersuchungsbericht des Landeskriminalamtes verschlammpt hat.
Von Donner gerührt liest er Zeile für Zeile. Petra Braun betrachtet Koritzius
mit Argusaugen. Aber in dem wie immer ausdruckslosen Gesicht kann sie keine
Reaktion feststellen. Schließlich greift eine zitternde Hand zu einer Tasse. Und
Koritzius nimmt einen großen Schluck Kaffee.
"Gibt bestimmt Ärger", vermutet Petra Braun.
"Ich habe nichts zu befürchten", gibt er selbstgefällig zur Antwort. Runzelt die
Stirn, steht auf und geht etwas wacklig zur Tür: "Ich bin mal weg", murmelt er
und verschwindet.
Im Flur kann er nur mühsam seine Gedanken in eine andere Richtung lenken. Damit
sie sich mit dem beschäftigen, was er heute noch erfahren will.
***
Im Betrugsdezernat erscheint ein altersloses Gesicht hinter der Berliner
Zeitung, als Hans-Werner Koritzius eintritt.
"Ich habe gerade an dich gedacht...Was gibts?" krächzt Heinz-Georg Kurzbach.
Koritzius kratzt sich über sein glattrasiertes Gesicht, während er seine
Gedanken sortiert: "Ich wollte von dir was über diese... äh... Pilotenspiele
wissen."
Ein breites Grinsen entblößt ein tadelloses Gebiss: "Du? Bist du etwa darauf
reingefallen?"
"Neinnein! Ich kann das Ganze nicht richtig ernst nehmen", sagt Koritzius.
"Du solltest es aber ernst nehmen", beginnt Kurzbach, "wer soetwas betreibt,
muss ein eiskalter Profi sein. Bei diesen ganzen Spielen steht nur eins im
Vordergrund. Abzocken...Abzocken...Abzocken...Warum interessierst du dich
dafür?"
"Weißt du, im Zusammenhang mit einem Mordfall ist so ein Laden aufgetaucht",
erklärt Koritzius.
Da kann ihn Kurzbach beruhigen: "Mord? Damit haben diese Leute bestimmt nichts
am Hut."
"Warum?"
"Ein Mord kommt irgendwie immer an die Öffentlichkeit. Und so eine PR können die
nicht gebrauchen. Wenn es nicht ums Abkassieren geht, dann scheuen die ganzen
Läden die Öffentlichkeit wie Motten das Licht. Lass dir das gesagt sein."
Hans-Werner Koritzius bedankt sich und dreht sich im. Im Gehen wirft ihm
Kurzbach einen Blick von der Seite zu: "Erleichtert siehst du aber nicht gerade
aus."
So sehr Hans-Werner Koritzius sich auch nach der Lady im Reiterdreß sehnt, so
sehr fürchtet er sich neuerdings vor ihr. Seitdem er zwei Morde ausklären soll,
ist seine Leidenschaft etwas abgekühlt.
Aber noch nicht ganz verschwunden.
***
"Komm rüber, wenn du es wagst!" Das Dröhnen der Stimme von nebenan jagt
Hans-Werner Koritzius einen Kälteschauer durch den Leib. Und er sagt nicht, weil
er nichts die passende Worte für das findet, was er gerne sagen will. Hastig
beugt er sich einen Schritt vor, als suche er Schutz. Sofort besinnt er sich,
packt seine Sachen in den Spind. Und legt ein Halsband mit Nieten und Ringen an.
Für einen Moment bekommt der Fußabstreifer große Augen, als seine
Vorstellungskraft mit der Arbeit beginnt.
Als er vor zehn Minuten in das Studio an der Schaafenstraße kam, biss er sich
schmerzhaft auf die Lippen: Der HeimatKlopper Green, Green Grass Of Home
umhüllte eine zierliche Frau mit einem blonden Pagenkopf. "Be...bestimmt bin ich
heute ..." stotterte er. Sofort trat in ihr Gesicht ein harter Ausdruck.
"...Rein mit dir!" röhrte sie und zupfte an ihrem bunten Petticoatkleid. Der
Erfahrene bemerkte den Ton, der ihm klarmachte, dass sie keinen Widerspruch
duldet. Begierig saugte er ihren harten, entschlossenen Blick auf. Die
aufkommende Angst vor keiner Bestrafung in der Mittagspause schlug sofort in
aufgeregte Spannung um.
Der Willstduwohlgehorchen-Song Follow Me von Amanda Lear erwartet ihn hinter der
eisenverschlagenen Flurtür. Die neue Einrichtung kann er nur mühsam erkennen. Es
ist ziemlich dunkel. Nur eine Lampe an der Decke ist eine Art Notbeleuchtung.
Sein Blick fällt auf ein neues, hölzernes Andreaskreuz. Davor steht ein knapp
150 Zentimeter hoher Käfig mit schwarz lackierten Metallstäben. Er geht weiter
in das Zimmer der Herrin. Die dunkelblauen Samtvorhänge sind zugezogen. Eine
schwarze Neonröhre spendet auch hier nur wenig Licht. Überall an den Wänden
hängen Rohrstöcke, Handschellen, High Heels und Oberschenkelstiefel. Das Bett in
der Ecke ist mit Gummiwäsche bezogen. Hinter einem Glastisch steht ein schwarzer
Ledersessel. Darauf thront Agathe. Ihre Lippen sind fuchsienrot geschminkt, der
Teint alabasterfarben. Die roten Haare versteckt sie unter einer Kappe, wie sie
gerne Reiter tragen. Sein Blick klebt auf ihren Armstulpen, die mit Nieten
besetzt sind. Ihre Hände spielen mit einer sechsschwänzigen Peitsche mit einem
Griff in Penisform. Wie weit ihre durchgeschnürten Lackstiefel reichen, kann er
nur ererahnen. Vermutlich bis zum Po. In ihrem schwarzen Lederkleid mit dem
streng geschnürten Mieder könnte sie nicht ungeschoren über die Hohe Straße
stolzieren. Ihre Augen funkeln ihn böse an: "Ich möchte dich am liebsten wieder
fortschicken!", bellt sie und weiß natürlich: Gerade so ist es nicht. Die beiden
mustern sich abschätzend und er reagiert trotzig. "So lasse ich mich nicht von
dir behandeln", bringt er heraus und hört seine ruhige Stimme. Ihm stockt der
Atem. Die Domina stößt einen tiefen Seufzer aus, hebt die Schultern. In ihrem
Kopf arbeitet es, dann hat sie die richtige Seite im Drehbuch aufgeschlagen:
"Hinlegen!" Einen Moment zögert er, versucht herauszufinden, wie weit sie heute
geht. "Hinlegen!!!" Sofort gehorcht er, hebt abwehrend die Arme. Spürt förmlich
den Atem der Peitsche mit den silbernen Stacheln. Umgeben von einer Prise Leder.
Bilder kommen hoch. Mit 5 kam er wegen einer Mandeloperation ins Krankenhaus.
Der Arzt trug eine Gummischürze. Er wurde ihm auf den Schoss gesetzt. Sein Kopf
verhüllte eine Maske, auf die Äther tröpfelte. Einige Monate später musste er
zur Nachuntersuchung. Einige Wucherungen hatten sich gebildet. Wieder bekam er
die Maske auf...Mit einem Ruck holt er sich wieder in die Wirklichkeit zurück.
"Mir geht etwas durch ...", beginnt er. "...Du impotenter Jammerlappen",
unterbricht sie ihn und zieht die Augenbrauen zusammen. Sie hat die Nervosität
in seiner Stimme genau gehört. Sein flehender Blick kann sie natürlich nicht
erweichen. "Du darfst nur reden, wenn ich dich etwas frage. Merke dir das! Und
schreie nicht so, sonst kriegst du sofort einen Knebel in die Schnauze", lacht
sie demütigend. Er nickt und starrt auf das Bild, das der Spiegel an der Decke
reflektiert. Ein zitterndes Wesen schaut ihn an. Ein Fremder!
"Wo ist dein Sündenbuch?", will sie wissen und ist gespannt, was er für
Verfehlungen in dieses Lederheft eingetragen hat. "Das... Das habe ich
vergessen." Doch das klingt nicht überzeugend. Darum wird ihr Gesicht ernst und
sie fühlt über ihre Peitsche. "Vergessen? Das werde ich dir austreiben!",
schimpft sie und wird rot vor Wut. Das hat sie lange vor dem Spiegel geübt.
Einige Male hat er sich von ihr lösen wollen, hat teure Anzeigen in
einschlägigen Magazinen aufgegeben. So hoffte er auf Kontakt zu SM-Gruppen.
Vergeblich. Denn die wollten ihn nur mit einer Partnerin aufnehmen. Und seine
Frau will nicht mitmachen. Einmal kam sie doch zu einem Paarabend mit. Die
Fußsohlen einer Frau wurden mit Rheumasalbe bestrichen. Ihr Schreien war
fürchterlich. Seine Frau rannte raus. Er hätte sich unter ihren Augen auch nicht
vorführen lassen können. Kürzlich kriegte er die Einladung zu einem
Theaterspiel. Leben im Military Camp. Der Neuling musste die Rekruten durch
Schlamm und Wiesen jagen. Und Stockschläge verteilen. Die Inszenierung entglitt
ins Lächerliche. Und die Rolle des strengen Ausbilders brachte ihm nichts. Weil
er M bleiben will. So landet er immer wieder im Studio Bel Etage.
Der Mann in Lederslip und Gitterhemd liegt noch immer auf dem Boden.
Erwartungsvoll. "Du willst wohl nicht mehr, nicht wahr." Das ist eine
Feststellung, aber keine Frage. Mit belustigend funkelnden Augen sieht sie auf
ihn herunter. Aber das kriegt er nicht mit. Er blickt auf den Boden. Ihr Blick
würde ihn total aus der Fassung bringen. "Vergessen?" erinnert sie sich. "Das
wirst du mir büßen! du bist wirklich das Letzte!" Wie eine erfahrene
Schauspielerin geht sie im Einakter weiter. In ihrem Gesicht erscheint ein
Lächeln, das betont grausam wirken soll. Falls er es doch im Spiegel sehen
sollte. Die Peitsche knallt. "Neeein", schreit er, kann nicht ihr Gesicht sehen,
das jetzt eine einzige Grimasse ist. "Aufhören, Herrin", fleht er. Doch seine
Gedanken kannte schon weiland Hermann Hesse: Erhör' mich nicht! Agathe antwortet
nicht einmal, sondern zieht nur missmutig die Stirn kraus. Ihre Lippen verziehen
sich wieder zu einem trockenen Lächeln. Das gehört bei ihr zur englischen
Erziehung. Natürlich fragt sie selten, ob er etwas will. Sie tut es einfach,
weil sie M kennt.
"Auf den Bock, du Hurensohn!", bellt sie und zieht an seinem Halsband. Mach
endlich. Ich habe nicht ewig Zeit. Oder willst du lieber ans Kreuz?" Ihm tönt
noch immer ein Wort von ihr im Kopf herum. "Ja, ich bin ein Hurensohn", sagt er
schließlich, als die beiden Bestrafungen in sein Bewusstsein vorgedrungen sind:
"Nicht auf den Bock!" Aber genau dorthin möchte er. Sie erfüllt ihm den Wunsch:
"Auf den Bock!!!"
Als er sich aufrichtet und sie nervös anstarrt, bricht sie in Lachen aus. Er
sinkt in ein niedergeschlagenes Schweigen. Und sieht erst jetzt das neue,
schwarze Möbelstück: mit den Ringen für Fesseln oder Ketten. "Hurensohn, dir
treibe ich..." Sie lässt den Köder vor seiner Nase zappeln und lächelt diesmal
regelrecht spitzbübisch. Er fragt sich, ob sie sich eventuell über ihn lustig
macht. Noch bevor sie eine neue Anweisung geben kann, macht er den Buckel krumm.
Seine Herrin zieht die versteckten Schleifen für Arme und Beine an und stopft
einen Knebel in seinen Mund. "Na, was ist denn mit meinem Schlappschwanz los?
Kriegt er heute keinen mehr hoch?" fragt sie in einem ziemlich bissigen Ton.
Agathe steht vor ihm und schaut ihn dabei mit einem strengen Blick an, auf den
er gehofft hat. Überhaupt macht sie keinen Versuch, einen Unmut zu verbergen.
Warum auch? Sie ist ein Profi. Der Gezeichnete gibt keinen Laut von sich, so wie
sie es eigentlich nicht erwartet hat. Dann stülpt sie ihm eine Maske ohne
Augenklappen über das Gesicht. Sein klopfendes Herz scheint in dem Raum
widerzuhallen. Es öffnet ihm die Tür zum Außermirsein.
Um ihn herum ist es Nacht. Aber er sieht ganz klar den Fußschmuck in der
Dunkelheit. Das Goldkettchen mit der kleinen Reitgerte. Ihn überläuft ein
Frösteln und er beschließt, nicht daran zu denken. Und wundert sich, dass seine
Gedanken sich nicht daran halten. Ein zweiter Projektor spielt ihm das
furchtbare Bild in den Sinn: den mit roten Flecken bedeckten Körper, die
Glasscherbe im Mund, der Schwarm Fliegen über dem Toten. Sein inneres Lachen ist
gestorben. Er ist regelrecht entsetzt, dass er sich nicht voll und ganz unter
Kontrolle hat. Aber schnell reißt er sich wieder zusammen.
"Jetzt bist du dran!", entscheidet sie und schaut grimmig. Obwohl er es gar
nicht sehen kann. Die Worte bleiben in der Luft hängen, während aufgeregte
Spannung jeden Muskel seines Körpers umspielt. Solange wie er kann will er das
herrliche Gefühl auskosten.
Agathe sitzt rittlings auf ihm. Sie zieht ihre Augenbrauen zusammen, sieht
finster zu dem Sklaven: "Wage es bloss nicht, dich selbst zu befriedigen, wenn
ich dir gleich deine Wichsgriffel losbinde. Wage es nicht." Ein Hieb knallt
durch die Luft. Wie immer.
Schließlich wird sie ihm wieder die Striemenhose anziehen. Hintern und Schenkel
sind dann nackt. Die Drohung, den Gezeichten mit Handschellen ans Bett zu
fesseln, löst bei ihm jede Spannung. Unter der Maske dürfte sich langsam die
Vorfreude widerspiegeln, die sie kennt. In ein paar Minuten wird er wieder
krähen "Aaah", erschöpft und zitternd vor ihr liegen. Und sich vornehmen: Ich
komme nie wieder. Das ist gang und gäbe. Bis zum nächsten Mal. Wieder ganz ohne
Zofe.
Sie ist ein Nichts, sagt er, bemüht sich so, ihr nicht mehr Bedeutung
beizumessen, als sie angeblich für sein Leben verdient.
***
Im Flur mit dem frischgebohnerten Boden ist es kühler als im Rest des Gebäudes:
Übertrieben lässig schreitet Hans-Werner Koritzius nach dem Besuch in der
Schaafenstraße an den Türen in der vierten Etage des Polizeipräsidiums vorbei.
Seine Schritte hallen, als durchquere er den Dom. Doch der Flur liegt still und
ruhig vor ihm. Das Pokerface mit den glasigen Augen fühlt sich überhaupt nicht
wohl in seiner Haut. So sehr er sich auch vorhin in der Kantine anstrengte,
einen Anruf von Kratzenstein konnte er nicht aus seinen Gedanken verbannen.
Ob er in seinem Privatleben noch immer Schuldgefühle habe, wollte Kratzenstein
wissen. Koritzius verneinte, da war das Gespräch auch schon gelaufen. Wenn er
darüber nachdenkt, verkrampfen sich seine Hände und sind ganz feucht.
Der Bulle lenkt seine Gedanken auf die Gespräche in der Kantine. Ein Beamter von
der Düsseldorfer Kripo soll künftig Kratzensteins Job in Köln machen. Meinte ein
Kollege. Und ein anderer jubelte auf: "Zum Glück nicht der Koritzius. Der blickt
immer so sauertöphisch drein." Die Botschaften durchströmten Koritzius wie Lava.
Aber er wollte nicht als HasenFuß gelten, guckte rüber und bleckte die Zähne.
Das Schicksal ist nicht auf seiner Seite.
Auf der Treppe formen sich in seinem Kopf die Erinnerungen. Auch sein Vater ist
bei der Polizei in Köln gewesen. Obwohl der Junior mächtig darauf brannte, auf
die Universität zu gehen und Architektur zu studieren, angelte er sich den
Staatsdienst. Koritzius ist sich sicher, dass man ihn enterbt hätte, wenn er
nicht in die Fußstapfen getreten wäre. Nach Begabung fragte in seinem Elternhaus
niemand.
Kaum ist Hans-Werner Koritzius wieder im Büro, will er die Maske fallen lassen
und fluchen. Doch dazu kommt es nicht. Das Läuten des Telefons schiebt seine
Gedanken weg. Er starrt einen Moment wortlos auf den Apparat und hastet hin.
Dabei hört er das Knarren seiner Schuhe auf dem Linoleum. Nicht schon wieder
eine schlechte Nachricht, heißt sein Stoßgebet. Mit gerunzelter Stirn stolpert
er fast. Ein schwaches Lächeln um seine Mundpartien, so reißt er den Hörer von
der Gabel, als gäbe es schon Bildtelefon. "Koritzius", meldet er sich forsch.
"Hier ist Carlheinz Roth", tönt es aus dem Hörer. "Schon dreimal habe ich bei
Ihnen durchgeklingelt. Aber nie hat sich jemand gemeldet."
Im ersten Moment hat Koritzius keinen blassen Schimmer vom Grund des Gesprächs.
Er weiß gar nicht, was er er sagen soll. Aber dann schickt sein Gehirn Befehle
aus: "Schon mal was von Mittagspause gehört?" fragt er mit einem erzwungenen
Lächeln in der Stimme. "Tut mir leid", ergänzt er und deutet an, dass ihm
überhaupt nichts leid tut. "Also, was gibt's?", fragt er und wischt sich mit
einem Taschentuch über die Stirn. Gnadenlos schickt die Sonne ihre sengenden
Strahlen durch das schmutzige Fenster in das backofenheiße Büro.
"Ja...Haben Sie in letzter Zeit wegen Verbrechen im SM-Milieu ermittelt?" Die
rauhe Stimme gewinnt an Feuer.
"Nichts dergleichen", schüttelt Koritzius den Kopf. Seine Augen glänzen, als
habe er starkes Fieber.
"Sind Ihnen schon mal Ungereimtheiten aufgefallen, die auf die SM-Szene
hindeuten?" fragt Roth hastig, als habe er das Gefühl, ihm bliebe nicht mehr
viel Zeit.
Mit einem Mal hat der Bulle ein Gefühl wie am Karfreitag. "Keine Ahnung...Soviel
ich weiß, nicht. Nein." Koritzius schüttelt den Kopf, guckt grimmig und fragt
sich, was all diese Fragen sollen. "Neinnein." Sein Ton soll klarmachen, dass er
dieses Thema nicht weiter erörtern will: "Überhaupt, dafür ist unsere
Pressestelle zuständig. Ich lasse mich nicht wie eine Zitrone ausquetschen. War
das alles?" fragt er und spürt plötzlich etwas wie Angst aufsteigen.
Am Ende der Verbindung tritt ein kurzes Schweigen ein. Schließlich kommt Roth
ein Wort über die Lippen: "Nein!" Sofort weiß er nicht weiter, aber dann findet
er den Faden wieder: "Die Kacke ist am ..." "...Was?" Koritzius wischt sich mit
seinem Ärmel das Gesicht ab. "Was?" Dann bleibt ihm die Luft weg. Seine Augen
starren mit angstvollen Pupillen ins Leere.
Nach einigen Sekunden dramaturgischer Pause lässt der Reporter die Katze aus dem
Sack: "Ich...ich glaube, dass die Schwirtz etwas mit den mysteriosen Morden
zutun hat...
Koritzius will seine Überraschung hinunter schlucken. Er runzelt die Stirn und
fragt gar nicht aufgeregt: "Die Psychotante? Warum denn?" Aber sein Herz klopft
wie ein Vorschlaghammer.
"Genau die!", bekommt er zu hören. Ist das ernst gemeint, fragt er sein
Spiegelbild in der Ecke. Das Blut in seinen Adern verwandelt sich in
Schmelzwasser. Dann berichtet Roth vom Ergebnis seiner Recherchen. Sogar den
Einbruch lässt er nicht aus: "Aus den Unterlagen in ihrer Praxis geht eindeutig
hervor, dass beide Opfer ihre... ihre Patienten waren." Seine Stimme überschlägt
sich regelrecht. "Der Meuschel und der Weiß. Ich habe die Karteikarten
mitgenommen."
Koritzius spürt einen Druck auf der Blase, obwohl er erst vor wenigen Minuten
auf dem Klo war. "Das...das beweist noch nichts", hört er sich sagen.
"Weiß ich auch. Aber die Schwirtz hat selbst einige Erfahrungen mit
Sado-Masochismus. Sie müssen sie dazu vernehmen." Die Stimme steigt vor Erregung
an, bekommt einen flehenden Klang.
"Ich hoffe nur, dass Sie betrunken sind." Schweiß tropft Koritzius von der Nase.
"Ich bin heute stocknüchtern", sagt Roth ernst. Irgendwie scheint ihm die
Erwähnung des Tages wichtig zu sein, obwohl er nicht hätte sagen können, warum.
"Hat eigentlich mein Artikel etwas gebracht?"
In Gedanken gewinnt der Polizist dem Bericht einen Sinn ab, will ihn aber nicht
preisgeben: "Nein, überhaupt nichts."
"Kann ich gut verstehen", sagt Roth und macht ihm eine Rechnung vor. "Die Frau
will sich ja nicht selbst ans Messer liefern."
Koritzius wagt einen Sprung ins kalte Wasser: "Mir läuft es kalt den Rücken
herunter."
"Das soll es auch. Mir geht es seit Stunden nicht anders."
Der Ermittler lässt den Bleistift fallen, an dem er sich die ganze Zeit mit
zittrigen Händen festgehalten hat. Er beißt sich auf die Lippen und unterdrückt
so jeden Schrei. Schnappt nach Luft: "Wenn das so gelaufen ist...Hey, sind Sie
noch da?" Doch Roth hat bereits aufgelegt.
Einige Minuten lang starrt er mit weit aufgerissenen Augen in die Luft. Dann
steht er auf und will das Telefonbuch vom anderen Schreibtisch holen. Doch
sofort sinkt er auf seinen Stuhl zurück. Ihm versagen die Beine. Er kann seinen
eigenen keuchenden Atem hören. Die Gedanken rasen. Die Schwirtz?! Natürlich kann
er es nicht wissen. Aber ahnen, einer von ihnen wird in ein paar Tagen nicht
mehr leben. Koritzius stößt einen wortlosen Schrei aus.
Seine Ahnung wird zur Gewissheit!
***
Hans-Werner Koritzius sitzt alleine im Büro, schüttelt den Kopf, schnaubt. Und
muss husten, als er den Rauch ausbläst. Wort für Wort des Telefongespräches hat
er im Ohr: Jede Silbe ist gefährlich wie eine Tellermine.
Nach zehn Minuten will er sich wieder auf irgendwelche Akten stürzen.
Vergeblich! Roths Worte schwirren durch seinen Kopf. Um sich etwas abzulenken,
holt er sich in der Kantine eine Flasche Schweppes. Koritzius schenkt sich ein
Glas Bitter Lemon ein. Und lässt eine Menge von dem Zeug auf den Tisch laufen.
Vorsichtig trinkt er vom schwappenden Rand seines Glases. Aber die wenigen Leute
in der Kantine haben sein Schlürfen längst bemerkt. "Mist", sagt er, hält die
rechte Hand hinter seine Brille und reibt sich die Augen. Vergeblich bemüht er
sich, einen klaren Kopf zu behalten.
Der Rückweg führt ihn am Büro von Paul Kratzenstein vorbei. Eine narkotische
Schwere hängt in seinen Gliedern. Er geht so, wie er sich fühlt: Als sei er
gerade erst aufgewacht und noch total unschlüssig, was er sofort machen soll:
Die Psychotante befragen? Sie vernehmen? Oder gleich festnehmen? Aber welchen
handfesten Grund gibt es? Hans-Werner Koritzius droht total aus dem
Gleichgewicht zu geraten.
"Ist der Chef da?" fragt er müde. Die Frau mit dem eckigen Kinn schüttelt den
Kopf: "Der ist nach Düsseldorf gefahren."
"Komisch", sagt er und blickt zur Sekretärin. Diese Frau kann er akzeptieren.
Aber die meisten anderen Kolleginnen nicht. Sie sind für ihn eine totale
Behinderung jeder Arbeit. Selbst seine eigene Frau fand diese Einstellung am
Anfang ihrer Beziehung noch nicht einmal komisch. Eher lachhaft.
"Warum komisch?. Sie wissen doch, was läuft", stellt sie mit himmelwärts
verdrehten Augen fest.
"Scheiße", bemerkt er säuerlich.
Mit abgefallenen Schultern trottet er aus dem Vorzimmer. "Ich bin auch weg.
Dringende Ermittlungen", sagt er im Hinausgehen düster.
"Sie sehen krank aus. Sie sollten sich ins Bett legen, meiner Meinung nach." Er
weiß wirklich nicht, was er denken soll. Und antworten schon gar nicht. Darum
geht er weiter, macht die Tür leise hinter sich zu.
Im Treppenflur bleibt er unsicher stehen und blickt zurück zu Kratzensteins Tür.
Wie gut kennt er ihn? Und Roth? Kann er ihm wirklich trauen? Wieso hat er
ausgerechnet ihm diese Vermutung genannt?
Unschlüssig fährt er nach Hause, wo er ein Lachsack-Treffen von Bärbel und ihren
Freundinnen erwartet. Unterwegs stellt er sich wieder einmal die Frage, warum er
so ist, wie er ist. Und wieder einmal ist die Antwort gleich: keine Ahnung.
***
Der Duft von Usambaraveilchen, Gerbera und Hyazinthen hängt satt und schwer im
Zimmer. Gemischt mit dem Aroma von Cascaya, Jade, Tchibo und einer Rauchwolke
unter der Decke. Hans-Werner Koritzius will sich seine Aufregung nicht anmerken
lassen. Suchend gleitet sein Blick durch den Raum, bleibt bei einem
Blümchendruckleid mit Matrosenkragen haften.
Bärbel Koritzius ist vor ein paar Tagen 35 Jahre alt geworden. Immer schien sie
viel jünger auszusehen, seit einem halben Jahr hat sie kräftig aufgeholt. Ihre
Freundin mit dem Albinogegesicht meint den Grund zu kennen: "Daran ist
dieser...dieser... Trotzdem, mit ihm hat man immer was zu lachen." Ein
zweischneidiges Kompliment.
Mit dröhnendem Kopf geht Hans-Werner Koritzius auf Cordula Grundig zu, nimmt
unterwegs die WY Chester in die Linke, feuchtet die Lippen an und reckt ihr die
rechte Hand. In seinem Zustand macht er sich erst nicht die Mühe, taktvoll zu
sein: "Hallo, meine Liebe", beginnt er lachend, obwohl ihm nicht zum Lachen
zumute ist. "Wieso bist du eigentlich nicht mehr mit Deinem Mann zusammen?"
mustert er sie mit hochgezogenen Brauen. Und will so seine trüben Erinnerungen
verdrängen.
Sie dreht sich etwas zur Zeite. Nirgendwo ist ein Platz zum Untertauchen:
"Wieso?...Das weißt du doch."
"Hä?"
"Frag' nicht so dumm", ergänzt sie eisig und sieht ihn eindringlich an.
Doch er lässt sich nicht beirren und beginnt mit der eigentlichen Befragung:
"Malt Dein Mann noch immer GartenStilleben für portaMöbel?" Eine Antwort wartet
er nicht ab, er geht mit der Stimme herunter zu einem lauten Flüstern und will
ihr die Schlinge um den Hals legen: "Ist es eigentlich wahr, dass die meisten
Schwulen Intelligensbestien sind? So wie dieser ehemalige Minister da, wie heißt
der noch? Ist ja auch egal. Ich kenne mich da nicht aus." Die verletzte Seele
lässt ihre Verachtungen durchklingen.
Cordula Grundig wirkt harmlos, aber tatsächlich ist sie ein Fuchs. "Ich habe
Männer erlebt, die gegen die Homosexualität lautstark demonstrieren, aber es
überhaupt nicht ernst meinten. Weil sie selbst schwul waren", antwortet sie
spitz.
Er nimmt seine Brille ab und hält sie ins Licht, um sie auf Dreck zu
inspizieren: "Tatsächlich? Oder machst du Witze?"
"Tatsächlich! außerdem ist mir das egal. Er hat mir den Tritt gegeben."
Hans-Werner Koritzius käme nie so ein Satz über die Lippen. Höchstens die
Phrase: Wir haben uns getrennt.
Zielsicher bleibt er auf seinem Kurs auf tückische Gewässer: "Ihr hattet nicht
viel übrig füreinander, was?" Die Frau hebt die rechte Hand, um sich die Haare
hinter die Ohren zu schieben. Sie kriegt einen steifen Nacken: "Darüber möchte
ich nicht reden. Mit dir schon gar nicht." Er zieht wieder eine Augenbraue hoch:
"Na, heutzutage ist ja jeder schwul oder will es sein. Aber alles, was viele
brauchen, ist einfach 'ne richtige Frau. Wie oft..." Die nasala Stimme
unterbricht ihn. "Hör endlich auf damit!" fordert die gattenüberdrüssige Frau
auf und beißt sich auf die Unterlippe. Irgendwo im Haus spielt jemand Klavier.
"Man wird doch noch mal fragen dürfen. Mir bereitet die Nähe von Schwulen auch
ein Unbehagen. Das kannst du mir glauben." Dann bohrt er die Hände in die
Taschen seines Sakkos und stellt im Plauderton fest: "Sieht aus, als ob du noch
nicht darüber hinweg bist. Kannst ruhig ein bisschen lockerer sein." Das reicht!
Die Besucherin mit den glühenden Wagen dreht sich um und lässt ihn stehen: "Dein
Kinn ist drauf und dran, sich zu verdoppeln. Aber Dein Hirn halbiert sich."
"Zicke!", klingt es wie das Pfeifen im Keller.
Hans-Werner Koritzius lässt einen Chevas Regal im Glase kreisen. Nach einigen
Sekunden schaut er aus dem Fenster, hat seine Vorstadtmanieren halb vergessen,
legt die Fingerspitzen aneinander und fragt sich, warum sie eigentlich so
hysterisch war.
Nach Kaffee und Kuchen mit allem Drum und Dran steht dieJubilarin auf und bittet
um Ruhe. Der Polizist schaut in die Runde der fünf Gesichter. Er rechnet mit
einer üblichen Rede. Cordula Grundig funkelt ihn an. Als Bärbel Koritzius
beginnt, ist das ansteckende Lächeln aus ihrer Miene verschwunden. "Ich habe in
der letzten Zeit viele Versuche unternommen", beginnt sie kumpelhaft und ändert
gleich die Tonlage, "mit Hans-Werner wieder ins Gespräch zu kommen. Er hat nur
mit Schweigen reagiert", stellt sie am Abend ihrer Beziehung fest. "Jeder Fifi
würde reagieren...", fixiert sie ihn an. Er wirkt wieder wie ein Safe, den sie
nicht knacken kann.
Er möchte ihr das Wort abschneiden, aber ein Luftholen und ein rotes Gesicht
sind seine einzigen Reaktionen.
Das Licht vom Fenster strahlt ihr direkt ins Gesicht, lässt es weich und
zerbrechlich erscheinen. "Lange genug habe ich alles hingenommen." Sie schaut
ihm direkt in die Augen, steckt sich eine Gaulois Blondes an. "Du schwebtest
immer über den Wolken, mit Handschellen oder so was", sagt sie geringschätzig
und streicht sich mit ihrem rechten Zeigefinger über den Kopf. Nippt an ihrem
Glas: "Jetzt reicht es!" Er hat weiter seine Auszeit. "Übrigens, noch heute
werde ich mich von dir trennen!" Dieser Satz klingt aber mechanisch und lange
geprobt.
"Merkwürdiger Scherz", brummt Koritzius schließlich, weil er spürt, dass alle
den Abonennten der Coolness anglotzen. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück und
sieht zu seiner Frau, die ihm gegenüber sitzt. Einen Moment berührt ihn ihr
entschlossener Atem. Ihre wässrigen Augen sind noch immer auf ihn gerichtet. Der
Bulle beugt sich wieder vor, verschränkt die Arme vor sich auf dem Tisch: "Ich
habe für diese Spässe überhaupt kein Verständnis", sagt er so leise, dass es
scheinbar niemand mitkriegt. Und zerrt mit dem Zeigefinger am Kragen seines
Hemdes.
Aber er bleibt Zielscheibe ihres Heckenschützenfeuers. "Muss auch nicht sein!"
antwortet sie mit etwas quäkender Stimme, steht auf und dreht ihm den Rücken zu.
Schnell geht sie in ihr Zimmer. Kommt kurz darauf mit zwei Koffern zurück, die
sie am Nachmittag gepackt hat. "So, das war's. Mehr oder minder." Für einen
Moment schaut sie an die Decke. "Vieles wird mir fehlen." Dann zwinkert sie ihm
über den Tisch hinweg zu: "Du aber nicht!" Und die Wohnungstür fällt zu.
Hauptsächlich verbindet die Frauen die Tatsache, dass sie heiße Insidertips
bekommen haben, als das Zimmer noch nicht blau von Rauch war. Trotzdem starren
sie Hans-Werner Koritzius mit einem Siehatjasorecht-Blick an, weil er überhaupt
keine Anstalten gemacht hat, sie aufzuhalten.
Der Bulle schiebt die Brille herunter und schaut ihr über den Rand hinterher. Er
wirkt gar nicht wütend, nur total frustriert.
17
Montag, 4. Juli
Gerne hätte Carlheinz Roth tief geschlafen und am Morgen seine Wut noch länger
ausgekostet. Doch beim Anspringen des Radioweckers ist sie hin. Dafür scheint
mit jeder wachen Minute seine Skepsis in seine Arbeit als Freizeitpolizist
gewachsen zu sein.
Von dem toten Meuschel weiß er so gut wie nichts. Darum ruft er nach dem
Frühstück bei HCR-Reisen in Bochum ein. Eine überaus hilfreiche Telefonistin
verweist ihn auf Arena in Köln: "Dort können Sie Herrn Hoppe erreichen."
Was ihm aber nicht gelingt. Claudia Häuser in Köln teilt ihm kurz und bündig
mit: "Herr Hoppe ist zu einer Tagung nach Bozen gefahren."
"Wir kennen uns doch, nicht wahr?" reagiert er schnell.
Nach einem kurzen Zögern erinnert sie sich: "Ja, wird wohl sein."
Roth seufzt. "Können wir uns nicht sehen?" schlägt er vor. Nach ewigen zwei
Sekunden antwortet sie: "Ich gehe mittags in Köln immer in dieses Bistro am
Barbarossaplatz. Da kann ich auch was essen. Um 12?"
"Ich freue mich." Dazu nickt er mit seinem Kopf wie eine Marionette.
***
Carlheinz Roth zieht seine Mittagspause um eine Stunde vor. Schon etwas vor 12
ist er vor dem Café Barbarossa. Draußen sind alle Tische besetzt. Drinnen ist
das Bistro schon geschwängert von Ausdünstungen. Er schaut sich um und beginnt
gequält zu husten. Die Zeitung preßt er gegen die Brust. Achtet aber darauf,
dass jeder sieht, welches Blatt es ist: Punkt!
Die zehn Minuten scheinen eine Ewigkeit zu dauern. Claudia Häuser kommt ganz
pünktlich. In einer grauen Pyjamahose und einem currygelben Stickereishirt mit
den Sternzeichen drauf. Dazu trägt sie buntbemalte Espadrillos aus Seide. An
ihrem Fuß funkelt ein Silberkettchen auf.
Roth steht vor ihr in der unterwürfigen Haltung eines Mannes, der auf dem
Flughafen in Düsseldorf-Lohausen auf seine Leibesvisitation wartet: Die Beine
sind leicht gespreizt, die Arme etwas vom Körper weggehalten.
Im ersten Moment grinsen sie sich scheu an und wissen nicht, wie sie sich
begrüßen sollen. Dann schütteln sich beide die Hände, jeder hat einen
neugierigen Blick aufgesetzt. Sie machen das so steif wie die zwei Figuren aus
einem Wetterhäuschen. Ihr Händedruck ist fest. "Nun...", beginnt der Journalist.
"Nun, was?" geht sie dazwischen und grinst in sich hinein. Seiner Zeitung
schenkt sie einen missbilligenden Blick.
dunkle Wolken ballen sich am Himmel zusammen. Die ersten Tropfen hängen in der
Luft fest.
Auch sein Versuch, das Eis zu brechen, geht voll daneben: "Toll sehen Sie aus."
Sie hat so eine Anmache schon hundertmal gehört. Mit großen Augen schaut sie ihn
an: "Ach, deshalb wollten Sie mich treffen." Gerne hätte er ihr eine Erwiderung
verpasst, von der alles Weitere abhängt. Aber die rechte Gehirnhälfte streikt.
Er zuckt sogar etwas zusammen, als hätte er Stiche in der Brust. "Ich möchte mit
Ihnen reden." Dabei rührt er in seinem Kaffee wie ein Mensch, der eine Medizin
in ein Getränk mischt: "Komisch, ich hatte auch was mit ihrem Laden zu tun."
"Wieso komisch?", hakt sie nach.
Ein steifes Nicken ist die einzige Antwort. Die ersten Regentropfen klopfen vor
dem Fenster an die dampfende Straßendecke.
"Jaja, ich weiß schon. Sie wollten 10.000 Mark von uns kassieren und haben
nichts gekriegt", führt sie mit komisch gerunzelter Stirn aus.
Roth reibt sich die Augen mit Daumen und Zeigefinger: "Woher wissen Sie davon?"
Claudia Häuser bleckt kurz die Zähne. "Herr Meuschel hatte mir alles erzählt",
sagt sie dann ausdruckslos, als sei es unhöflich, nachzufragen.
"Was hat er Ihnen gesagt?" Roth kramt in seinen Taschen und bringt Zigaretten
und Feuerzeug zum Vorschein. Er bietet ihr eine WY Chester an. Aber sie lehnt
ab, als gehe es dabei um ein Prinzip. Sofort fühlt sich Roth in die Ecke
gedrängt, und er beginnt sie zu hassen. Wie er sonst nur alle Unterdrücker
hasst. Die, die fressen, obwohl andere verhungern. Die, die frei sind, auch wenn
andere in Ketten liegen. Die, die reden, weil andere schweigen müssen. Und die,
die wissen, während andere in Unwissenheit baden.
Ihr Blick ist starr auf Roth gerichtet, während sie aus dem Nähkästchen zu
plaudern beginnt: "Er hat Ihnen 10.000 Mark versprochen. Aber als sie das Geld
in Empfang nehmen wollten, hat er nur gelacht. Keinen Pfennig kriegen Sie!" Sie
macht eine kleine Pause. "Das hatte er sich schon längst vorgenommen."
Am Nebentisch klingelt bei einem Typen von gedungener Gestalt das Handy. Roth
zuckt etwas zusammen. Wenn das ganze Wochenende über zuhause bei ihm das Telefon
nicht klingelt, ist er mindestens genauso unruhig. Und freut sich, wenn er sich
montags wieder in eine 60-Stunden-Woche bei Punkt! stürzen kann. Freie Samstage
und Sonntage sind für ihn wie schwarze Löcher in der Geschichte.
Etwas hektisch steckt er sich eine WY Chester an, formt mit den Fingern seiner
rechten Hand eine Muschel um die Flamme, als müsse er sie vor etwas schützen.
"Wissen...Wissen Sie auch, warum er mir ein Honorar zahlen wollte?", fragt er
und entwickelt eine ungewohnte Art von Schüchternheit.
Der Kellner mit dem Meerschweinchengesicht bringt ihr auch einen Kaffee, wohl
wissend, was Stammgäste wünschen. Sie lächelt Roth an, als habe er einen Witz
gemacht. "Honorar? Eine tolle Umschreibung. Sie sollten unsere Tochterfirma in
die Pfanne hauen. Dafür war das Geld bestimmt." Ihre Stimme ist noch etwas
forscher geworden, klingt aber etwas gereizt. "Als sie anriefen, brüllte er nur,
keinen Pfennig kriegen Sie! Keinenkeinenkeinen! Sie haben sich nicht an unsere
Abmachung gehalten! Das habe ich in seinem Vorzimmer mitgekriegt." Roth hört ihr
aufmerksam zu, bringt durch ein gelegentliches Kopfnicken eine Zustimmung zum
Ausdruck. Sie findet das recht seltsam. "Aber trösten Sie sich, Sie waren nicht
der einzige Betrogene. Der hat bestimmt Tausende von Malen gelogen, um nicht
zahlen zu müssen."
Die muss ihn verdammt gut beobachtet haben, sagt er sich. "Sie haben ihn näher
gekannt?" Jetzt klingt er wieder sehr frech. Wie gewohnt.
Claudia Häuser hebt ihre Finger und lässt sie sofort wieder fallen. "Bestimmt
nicht. Aber ich könnte Ihnen trotzdem einiges von ihm erzählen."
Bestimmt nicht? Das kann nicht sein.
"Was, zum Teufel, war mit ihm los?", will der naturalisierte Kölner wissen.
"Wollen Sie mich für Ihre Zeitung ausquetschen?" entgegnet sie etwas säuerlich.
Und schaut auf ihre geöffnete Hnd. Überall in den Falten haben sich
Schweißperlen gesammelt.
Der Typ mit dem Handy ist gegangen. Dafür blubbert an dem Tisch eine blässliche
Tante mit roten Haaren. Die rot genug sind, um in einer spanischen Arena den
Stier zu reizen. Die Frau neben ihr kommt überhaupt nicht zum Zuge. Roth schaut
sie sich genauer an. Ihre Schuhe haben eine brötchendicke Profilsohle. Damit
könnte sie getrost zu einer Expedition durch südamerikanische Regenwälder
aufbrechen. Sogar im Sommer.
Roth dreht sich wieder zu Claudie Häuser hin: "Nein! Nicht für Punkt! Ich will
es wissen." Eine spontane kleine Lüge.
Claudia Häuser verschränkt ihre Hände hinter dem Rücken, als wolle sie sich an
ihnen festhalten. "Seine Finger waren wie seine Beine: kurz und stämmig. Mit dem
rechten Auge schielte er etwas. Aber das versteckt er hinter getönten Gläsern
und einem Prisma in einer IDC-Brille. Zufrieden?", sagt sie, als sei die Sache
damit für sie erledigt. Ihre großen Augen funkeln dabei.
"Nein!" Er trommelt mit der linken Hand auf der Tischplatte, zieht eine Lunge
voll Rauch. "Was ist mit der Firma?", fragt er etwas zu grob.
Ihre Wangen sind leicht gerötet. Die Hände liegen unruhig auf dem Tisch, ihre
Ellenbogen schieben sich nach vorne. "Sein Vater hat sich einst mit Schrott eine
Goldene Nase verdient. Schon wenige Wochen nach Kriegsende war für Wilhelm
Meuschel klar, dass er nicht mehr in seinen alten Beruf als Lehrer zurückkehren
wollte: weges des schmales Gehaltes. Aber er hätte auch gar nicht gekonnt. Als
einst aktives Parteimitglied wäre ihm wohl der Persilschein verweigert worden.
Meinte sein Sohn." Das dauert Roth zu lange. Er schmunzelt leicht. Davon
ermutigt, fährt sie fort: "Also wurde der Alte wie einst sein Onkel Lumpenmann.
Mit seinem Dreirad zog er durch Köln und lud alles auf, was die Leute nicht mehr
wollten: Lumpen, Papier, alte Volksempfänger, kaputte Fahrräder. Und vieles
mehr." Sie lächelt nachsichtig. "Bald sammelten drei Spätheimkehrer für ihn, der
Chef beschränkte sich auf das Sortieren der Müllberge auf dem Hof. Nach einem
weiteren Jahr auf das Zählen der Scheine..."
"...Was war mit dem Sohn?" unterbricht er sie. Denn diese geschönte
Firmenchronik findet er schlicht langweilig.
"Das müssen Sie aber alles wissen, wenn Sie die Geschichte von Friedhelm
Meuschel kennenlernen wollen." Roth nickt, stützt seinen Kopf mit der Hand,
während er ihr lauscht: "Zwar liebte der Alte das Geld, aber etwas noch viel
mehr. Seine blonde Sekretärin. Aber die Beziehung hatte Folgen", erzählt sie
druckreif für die Firmenbeilage in der Kölnischen Rundschau. "Ein Infarkt machte
seine Frau zur Witwe. Sohn Friedhelm wurde der neue Firmenchef. Einige Jahre
lief das Geschäft noch prima weiter. Dann zogen dunkle Gewitterwolken auf.
Friedhelm Meuschel musste erkennen: Das steigende Umweltbewusstsein ist der Tod
für unsere Branche." Es klingt wie lange geprobt.
"Und dann ist er ins Reisegeschäft eingestiegen?" Carlheinz Roth wirkt wie ein
Mensch, der sich endlich nach Ausfragerei sehnt. Vor der Antwort nippt sie an
ihrem Kaffee. Zögernd, als sei er noch sehr heiß. "Noch nicht sofort. Er fing
mit Remailing an..."
"...Was ist das denn?", fragt er mürrisch.
"Im Auftrag von allen möglichen Firmen schaffte er säckeweise deren Post nach
Holland, frankierte sie und warf sie dort in den Kasten." Wieder scheint sie in
seinen Ohren Worte von jemand anderem zu benutzen. "Rund 20 Pfennig ist in den
Niederlanden der Transport eines Briefes preiswerter als in Deutschland. Macht
10 Pennig Ersparnis für den Absender und 10 Pfennig Gewinn für Friedhelm
Meuschel." Ein bisschen Bewunderung klingt in ihrer Stimmlage durch.
"Und das ist erlaubt?" Mühsam ist ihm diese Frage eingefallen.
"Natürlich nicht. Die Bundespost kam hinter seinen Trick und erstattete Anzeige.
5000 Mark Strafe. Also suchte er wieder ein neues Betätigungsfeld, diesmal ein
legales." Sie sieht ihn mit den Fingern trommeln. Aber das hemmt sie nicht in
ihrem Erzählfluss. "Dabei half ihm der Zufall. Bei einem Klassentreffen sah er
einen alten Schulfreund wieder. Ralf Maria Hoppe. Der hatte Jura studiert,
seinen Doktor mit summa cum laude gemacht und von seinem Schwiegervater eine
Anwaltskanzlei geerbt. Die Chemie zwischen Meuschel und Hoppe stimmte auf
Anhieb. Beide waren auf der Suche nach einem neuen Job, beide träumten vom
großen Geld. Bei der damals ziemlich maroden Bochumer Firma
Holiday-Charter-Reisen, kurz HCR, stiegen sie ein. Statt Bustouren nach
Mariazell und Weggis füllten fortan Clubreisen nach Izmir oder Marmaris die
Prospekte." Roth löffelt mürrisch seinen Kaffee, als höre er jeden Tag so
ähnliche Geschichten. Claudia Häuser scheint es aber nicht zu bemerken. "So
eroberte sich HCR schnell einen Platz in der Top 10 der deutschen
Reiseveranstalter. Meuschel und Hoppe schaufelten Millionen in ihre
Reisetaschen. Einen Teil des Gewinnes steckten sie in eine neue Tochter: in die
ganz auf junges Club Publikum getrimmte Freitag & Co KG."
"Und zu dieser Firma ist der Michael Teufel gestoßen? Ein bislang völlig
unbeschriebenes Blatt", greift er ein. "Ja. Das war schon etwas merkwürdig. Beim
Golfspielen mit Ralf Maria Hoppe in Essen-Kettwig traf Meuschel auf den Caddie
Michael Teufel. Und beide waren schnell einer Meinung: Sie hielten Teufel für
total unterfordert und engagierten ihn von der Stelle weg als Geschäftsführer."
"Einen Balljungen als Geschäftsfürer für ein Reiseunternehmen?" Der Ton in Roths
Stimme lässt viel Skepsis erkennen.
Von seinem Gesichtsausdruck etwas irritiert, gibt sie zu: "Ob es noch andere
Gründe gab, weiß ich nicht. Aber der Teufel besass schnell das Vertrauen des
duos. Weil er sich brav an ihre Devise hielt: Wir wollen Erfolge sehen." Sie
spricht hastig.
"Der Meuschel und der Hoppe müssen sich wohl gut verstanden haben?"
"Anfangs bestimmt. Aber zuletzt sprachen sie sich nicht mehr mit Vornamen an.
Aus Angst vor zuviel Intimitäten. Sagte mir mal der Ra... Hoppe", sagt sie, sich
erinnernd, "mit einem hauchdünnen Burgfrieden dümpelte die Geschäftsbeziehung
vor sich hin. Mehr war nicht drin. Meist kam man so über die Runden. Aber unter
der Decke brodelte der Vulkan."
"Vulkan?" Jetzt wird er hellhörig.
"Ja, ein Vulkan,...der auch explodierte."
"Wie explodierte? Warum gab es Zoff?" fragt der Haudegen und wundert sich: Warum
erzählt sie mir alles?
"Trotz Rezession wurde in der Chefetage der Gürtel keineswegs enger geschnallt."
Fast im Minutenabstand wischt sie ihre blonden Rastalocken aus der Stirn. "Der
Meuschel wollte den Hoppe aus der Firma drängen. Einmal habe ich so eine
Auseinandersetzung mitbekommen. Es sieht eher mau aus in unseren Clubs, oder? So
begann Meuschel. Vor zwei Jahren seien die Clubs noch zu 84 Prozent ausgelastet
gewesen. Im vorigen Jahr aber nur zu 71 Prozent. Hoppe kauerte vor dem
Schreibtisch, als erwarte er im nächsten Augenblick das Jüngste Gericht. Ich
sehe ihn noch vor mir." Claudia Häuser erzählt spannend. "Meuschels Stirn legte
sich in tiefe Falten. In den letzten beiden Monaten sind wir endlich aus den
roten Zahlen herausgekommen. Tönte er und nahm sich Hoppe vor: Genau in der
Zeit, in der du krank warst. Das hier ist nicht deine Schuhgröße. Hoppe ließ
sich nicht unterbuttern und hielt entgegen: Drei Wochen war ich nicht da. Nicht
zwei Monate. Aber sein Partner schien mit Taubheit geschlagen zu sein. du
brauchst dir keine Sorgen zu machen. Jetzt und in der Zukunft nicht, sagte er
Hoppe. Der wollte zuerst seinen Ohren nicht trauen. Wie meinst du das? fragte er
naiv. Aber Meuschel nippte erst an seinem Kaffee und knittelte dann eine
Binsenweisheit runter. Die Geschichte gehört den Siegern. Da wusste Hoppe, was
gespielt wird. du willst mich hier wohl raushaben? erkannte er blitzschnell. Wir
müssen jetzt zusammenstehen und den Laden verkleinern hatte Meuschel längst
entschieden. Mit einem Mann auf der Brücke funktioniere es besser."
"Und wie hat Hoppe reagiert?", fragt Roth und holt eine neue Zigarette aus der
Packung, klopft sie kurz auf seinem Daumennagel fest und steckt sie in seinen
Mund, der sich zusammengezogen hat wie ein Wurm. Dann zündet er die Zigarette
an. Und stößt ein paar Rauchringe aus, als wolle er seiner Frage mehr Gewicht
geben.
"Der Hoppe ist sehr sensibel. Vielleicht bin ich mit 45 schon zu alt: zu alt, um
weiterzumachen, aber auch zu alt, um aufzuhören und noch mal etwas Neues zu
beginnen. Das alles schoss ihm durch den Kopf. Das stimmt im großen und ganzen.
Sagte er. Aber Meuschel hatte für Ironie nichts übrig. Ich bin genauso an dem
Laden hier beteiligt wie du. Meuschel überlegte, grinste geziert und verwies auf
den Gesellschaftervertrag. Da gäbe eine Klausel für eventuelle
Auseinandersetzungen. Jeder Gesellschafter könne die Firma auflösen. Und das
wolle er tun und sofort eine neue Firma gründen. Damit hatte Hoppe gerechnet.
Natürlich, HCR kann aufgelöst werden. So begann sein Gegenschlag. Wenn die
wirtschaftliche Lage mies ist, ja, dann stimme die Voraußetzungen. So stehe es
im Gesellschaftervertrag. Wir machen aber Gewinne, jubelte Hoppe. Da musste sich
Meuschel wutentbrannt geschlagen geben."
Carlheinz Roth brummt der Schädel: "Sie wissen aber verdammt gut für eine
Aushilfssekretärin Bescheid", stellt er fest. "Was machen Sie sonst noch?"
"Ich studiere." Claudia Häuser wartet etwas, dann erklärt sie mit einem
gepreßten Lächeln: "Betriebswirtschaft und Psychologie."
"Eine Frage habe ich noch, warum konnte man noch nie etwas über die Schieflage
bei HCR in der Zeitung lesen?
"Meuschel hatte die Reisejournalisten an seiner Angel. Er lud sie regelmässig zu
Pressekonferenzen auf der ganzen Welt ein. Die Treffen veredelte er bislang mit
der Erfüllung auch ausgefallener Wünsche. Platinblonde zum Beispiel. Und mancher
Windmacher lag fortan in Ketten. Denn die Videokameras waren immer dabei."
Plötzlich durchfährt ihn ein Gedanke: "Erpressung?"
"So kann man es nennen." Claudia Häuser wirft einen schnellen Blick auf ihre
Uhr: "Ich muss zurück." Sie scheint etwas verärgert zu sein, verärgert über
Roths Hilflosigkeit am Anfang, seine spätere Ausfragerei und über sein dummes
Grinsen.
Sie sind so weit wie am Anfang.
Claudia Häuser steht auf und geht. Carlheinz Roth beeilt sich, ihr die Tür zu
öffnen, als lege er auf gute Umgangsformen wert. Dann zahlt er auch und geht
ebenfalls. Nicht zurück in die Redaktion sondern zögernd zum Zülpicher Platz.
Sein Herz krampft sich im Gedanken an Regine Schwirtz zusammen.
***
Alle zwei Minuten schaut Carlheinz Roth auf seine Uhr, ohne überhaupt die Zeiger
zu sehen. Eine Zigarette hält er nicht in der Hand, aber zwischendurch schnippt
er immer wieder mit dem Feuerzeug. Diese Gesten scheinen ihm das Warten leichter
zu machen. Seit einer Viertelstunde steht er an der HerzJesuKirche. Sein Blick
wandert von rechts nach links und dann wieder von links nach rechts, als würde
er ein Tennismatch im Düsseldorfer Rochusclub verfolgen. Er beobachtet das
Bürohaus an der Zülpicher Straße und die Bäckerei Breuer. Dort steht ein
Krankenwagen und blitzt geduldig sein bläuliches Warnsignal aus. Davor schwatzen
einige Leute aufgeregt durcheinander.
Jetzt will er mit ihr reden, endlich wissen, was für ein Spiel sie hervorgekramt
hat. Intuition oder Selbsterhaltungstrieb warnen ihn aber davor, reinzugehen.
Er versucht, sich vorzustellen, was Regina gerade jetzt tut. Wahrscheinlich
sitzt sie jetzt an ihrem Schreibtisch und telefoniert. Vor einer halben Stunde
hat er bei ihr von einer Zelle am Barbarossaplatz angerufen. Doch als sie sich
meldete, ließ er sofort den Hörer auf die Gabel fallen. Ob sie schon den
Einbruch bemerkt hat?
Carlheinz Roth steckt sich eine WY Chester an, hält sie nach einigen Zügen in
der hohlen Hand: wie ein Soldat vor dem Kasernentor. Sonst geht sie doch immer
um diese Zeit in den Oscar. Weiß Gott, wo sie heute bleibt? Ihre
Telefonsprechstunde ist doch längst vorbei. Er zieht ein Taschentuch aus der
Hose und tupft sich die Lippen ab.
Hypnotisiert starrt er zum Eingang. Die Tür öffnet sich es erscheint nur ein
bantamgewichtiger Typ. Wieder nichts. Der Journalist wird immer nervöser, ganz
unruhig. Er hasst es, zu warten. Denn er glaubt, dass Leute, die warten, am
falschen Ort sind. Was, zum Teufel, soll er jetzt tun? Er zögert, während seine
Angst wächst. Dann geht er über die Straße. Will im Oscar auf der Lauer liegen.
Kaum ist er an der Bäckerei Breuer vorbei, bleibt er wie gelähmt stehen: Aus der
Tiefgarage schiebt sich die rote Schnauze eines Opel Corsa. Das ist sie! Er kann
sie nicht rufen, die Überraschung hat seine Zunge gelähmt. Auch nicht ihr
Gesicht sehen. Nur ihr kastanienbraunes Haar. Eine Frau schiebt gerade ihren
Kinderwagen an ihm vorbei.
Der Corsa biegt nach rechts in die Zülpicher Straße an und muss halten, der
Krankenwagen will weg. Jetzt ist Roth total aufgeschmissen! Sein Auto steht in
der Tiefgarage, einen Kilometer von hier. Ein Gedanke beherrscht ihn: Hinterher!
Hinterher! Hinterher!
Roth sucht ein Taxi.
Auf der einen Seite des Hohenstaufenringes ist die Herz Jesu-Kirche, auf der
anderen nichts: nur drei Telefonzellen. Aber dahinter lauern zwei Taxen auf
Fahrgäste.
Carlheinz Roth rennt über den Zülpicher Platz, springt in einen Mazda: "Schnell!
Dem da hinterher", ruft er und zeigt auf den Corsa. Ein Welle Maroussia kommt
angekrochen.
Die Frau im rosafarbenen Overall dreht sich um und fasst an ihre goldumrandete
Brille. "Ein Scherz?", fragt sie aus dem Mundwinkel. Sie sieht wie eine Frau
aus, die am Makeup nicht spart. Hat kurzes, blondes Haar, dessen Ansatz in
gerader Linie über die Stirn läuft. Ihre Augen sind umgeben von einem feinen
Netz von Fältchen.
"Fahren Sie endlich los!!!", brüllt er. Sein Atem, sauer von Angst, streift ihr
Gesicht.
Die Frau dreht sich wieder um, hustet ganz kurz um Vergebung und startet ihr
Auto: "Verzeihung", sagt sie, von Bedauern aber noch meilenweit entfernt. Und
rümpft kaum sichtbar die Nase.
Das macht Roth noch ärgerlicher: "Los!" Er hat schon jetzt alles satt bis oben
hin.
"Wo gehts hin?", fragt die Frau mittleren Alters unbestimmt. Roth atmet tief
durch, sieht im Innenspiegel ihren Obderwohlauchbezahlenkann-Blick und
antwortet: "Dem da... Dem da...hinterher!"
"Ich...Ich werde es versuchen", lächelt sie zaghaft und biegt nach links in die
Zülpicher Straße ab. Was verboten ist, woran sich aber im Moment nur die Klingel
einer Straßenbahn stört.
Der Corsa und sein Schatten fahren nach rechts in die Roonstraße. Roths Stimmung
schwankt zwischen Panik und Absolution, die er gerne erteilen möchte. "Möchten
Sie?", fragt er im vertraulichen Ton und bietet dem Vordersitz eine ziemlich
zerdrückte Zigarette an.
Sofort macht sie ein ernstes Gesicht: "Hier wird nicht geraucht!" Auf eine
Antwort legt die Frau mit dem ausrasierten Nacken scheinbar keinen Wert, aber
auf eine Reaktion.
"Na ja, na ja." Roth kann im Spiegel außerdem ihre hochgezogenen Brauen deutlich
sehen. Er steckt seine Zigaretten wieder weg. Und empfindet Hassgefühle für die
Frau, so wie ein kleiner Junge die übertriebene Affektiertheit seiner Tante
total ablehnt, die ihn am Nachmittag des Heiligen Abends nicht ins Wohnzimmer
lassen will.
Am Rudolfplatz biegt der Corsa links ab, die Taxe ist zwei Autos dahinter und
als sie an die Kreuzung kommen, ist die Ampel rot. Mist! "Kein Problem, der muss
da vorne halten", sagt die Fahrerin mit einer rauchigen Stimme, um die sie
bestimmt oft beneidet wird.
Roth kriegt erst kein Wort raus. Seine zusammengelegten Hände teilen das
aufgeregtes Gesicht. Er kann das Schlagen seines Pulses im Spiegel sehen.
"Meinen Sie?" Und er wünscht sofort, diese Frage nicht gestellt zu haben.
"Natürlich! Ich kenne doch die grüne Welle... Im Gegensatz zu manchen anderen
Taxifahrer." Dabei lächelt sie ein wenig, wie jemand, der sein eigenes
Spiegelbild schon frühmorgens für gut befindet. Der Tonfall, mit dem sie die
anderen Kollegen beschreibt, soll auch den Schluss zulassen, dass sie sich für
die einzige intelligente Taxifahrerin in ganz Köln hält. "Was meinen Sie, wie
lange ich schon hinterm Steuer sitze?"
Für das Lösen dieses Rätsels fehlt ihm jede Geduld. Besonders, weil zwei
UPS-Braunhemden und ein Laster die Sicht auf den Corsa versperren. Er beugt sich
über den Sitz nach vorne. Starrt durch die Windschutzscheibe. Nichts zu machen.
Rechts ist das Holiday Inn, er hört noch ihre Worte: Da ist mir dieser Kasten
schon lieber... du Sau... Dann sterben wir. Dazwischen ihre von Optimismus
erfüllte Stimme: Wie findest du es, wenn ich mit dir nach Kalifornien gehe.
Alles scheint schon ein Leben lang her zu sein.
Das Gedächtnis spielt einem oft merkwürdige Streiche. Roth wischt sich den
Schweiß von der Stirn.
Endlich schaltet die Ampel auf Gelb um. Wo ist der Corsa?... Weg. Scheiße! Ihm
schießt das Blut in die Wangen. Seine Augen brennen vom Schweiß. Grün. Der Motor
heult auf.
Sie steuert geradewegs auf die nächste rote Ampel zu. Und tritt auf die Bremse.
"Oh....Was wollen Sie jetzt tun? ...Falls Sie... Soll ich Sie hier rauslassen?"
schlägt die Frau zimperlich vor. Dabei schüttelt sie ihr Haupt, als wolle sie
sagen, das reicht dann wohl, hauen Sie endlich ab.
"Was?...Weiter! Fahren Sie weiter!" schreit er. "Ich bin...Reporter", das soll
die Fahrerin trösten. Sie legt den ersten Gang ein und lässt sich weichklopfen:
"Ach?"
Damit habe ich sie gefangen, denkt er. Grün. Sofort gibt sie Gas und brettert
weiter. "Vom Express?" spricht sie wie eine vor der Premiere aufgeregte
Schauspielerin.
Er atmet hektisch, als würde er ertrinken. "Nein, von Punkt!...Haben Sie so
etwas schon mal gemacht?"
Sie möchte ihr Bestes geben, reißt das Steuer nach links, um einen Käfer nicht
zu rammen. Ihr Mazda schießt vorwärts. "Puuuh...Was?" "Verfolgen, meine ich",
sagt er und lugt aus dem Fenster. Er ist klatschnass. Der Corsa kann doch nicht
verschwunden sein. Ganz unruhig sitzt er da, seine Fäuste sind geballt.
Sein heißer Atem tönt laut in ihre Ohren.
***
Der Mazda rast den Hohenzollernring entlang. Viel zu schnell. "Einmal, als der
Juhnke mit seiner..." Roth nimmt eine Hand vom Vordersitz, um sich die Haare aus
der Stirn zu streichen. Etwas beginnt sich in ihm zu verkrampfen. Ein paar
Bartstoppel unterstreichen sein eingefallenes Gesicht. Hätte jetzt eine
Radiostimme gesagt: 8 Uhr, hier ist Radio Köln mit den Nachrichten. Er wäre kein
bisschen überrascht. Dann wüsste er wenigstens, dass der Albtraum einen Krieg
verloren hat. Seine Hand, sein ganzer Körper zittert. Sein Herz rast schneller
als der Ottomotor. Er weist mit einer hektischen Kopfbewegung zur Fahrbahn hin.
"Da...Da ist er wieder. Da vorne.
"Nur ruhig Blut", empfiehlt sie. Und er fragt sich, wann er wohl ausrastet.
Plötzlich glaubt er, dass er auf der Flucht ist und verfolgt wird. Schnell
wischt er den Gedanken fort. Verworrene Bilder drängen sich ihm wieder auf: zwei
Wäscheklammern... bonbonfarbene Plastikriemen...eine Glasscherbe. In seinem
Körper wächst das Unbehagen. Mühsam wiederholt er: "Da vorne!" Und sagt völlig
ohne Zusammenhang: "Geht noch." Sie dreht sich kurz um und scheint ziemlich
erzürnt zu sein: "Wie lange soll das noch gehen?"
Die Gluthitze des Sommers bringt jeden Versuch zum Schmelzen. Roth schenkt sich
eine Antwort. Und bewegt den Kopf, als wolle er etwas abschütteln. Aber
vergeblich.
Der Corsa ist vier Autos vor ihm. Am Friesenplatz sind nur noch zwei. Die Stadt
ist um diese Mittagszeit noch nicht verstopft. An der Christophstraße ist der
Mazda direkt hinter dem Corsa.
Nachdenklich preßt er Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand an die Nase.
Hat sie ihren Verfolger im Rückspiegel schon entdeckt? Zumindest deutet nichts
darauf hin. Die Kastanienbraune fährt weiter über den Ring, eine andere Taxe
überholt den Mazda und schiebt sich dazwischen. Roth ist etwas erleichtert. Sein
Mund verzieht sich zu einem schmalen Lächeln, als würde er das alles für einen
Traum halten.
Am Ebertplatz biegt sie nach links in die Riehler Straße ab, die Taxe hinterher.
Wieder kleben sie Stossstange an Stossstange. Mit Tempo 60 brettert sie am Zoo
vorbei. Roth schaut sich die Frau im Innenspiegel an: Sie hat ein langweiliges
Gesicht, ohne Humor. Jetzt schweigt sie auch, weil sie spürt, dass sie die
Aufmerksamkeit ihres Fahrgastes längst verloren hat. Immer häufiger betupfen
seine Finger die Nase.
Der rote Corsa fährt jetzt über die Mülheimer Brücke auf den Wiener Platz zu.
Hier beginnen die üblichen Staus wegen der U-Bahn-Arbeiten. Wieder sind drei
Autos zwischen beiden. Roth massiert sich den Nacken. Seine Augenlider
schmerzen. Der Schweiß läuft innen an den Hosenbeinen vorbei. Jedes Lächeln ist
aus seinem Gesicht gefallen.
Die Frau am Steuer schüttelt den Kopf. "Wie kann man nur hier rumfahren", sagt
sie so, als sei sie es gewohnt, von Staus verschont zu werden. Aber Roth schämt
sich kein bisschen. Aber längst hat er auch keine Siegergewissheit mehr.
Er späht rechts zu einem Hochhaus, als zähle er die Etagen. Das Gebäude am
Bergischen Ring sieht aus wie die Kulisse zur Neuverfilmung von Tarzans größtem
Abenteuer.
Die Busse und Straßenbahnen am Wiener Platz sind gerammelt voll mit Schülern.
Mehr oder weniger haben alle das Gleiche an: Fetzenjeans oder Glockenminis,
T-Shirts mit Motivdrucken, überdies US-Turnschuhe. Die Haare entweder sehr lang
oder aber besonders kurz.
Die goldene Sonne verheißt einen heißen Nachmittag. Nicht eine Wolke trübt das
reinste Blau.
Der Corsa zuckelt vom Wiener Platz ein Stück in Richtung Leverkusen und kurvt
dann rechts in die Berliner Straße. Einige Typen in T-Shirts vom Grabbeltisch
hocken dort schläfrig hinter ihren Tischen. Und halten den Kunden ihre
ausdruckslosen Gesichter, Modeschmuck oder alte Ausgaben vom Playboy hin.
An der Dea-Tankstelle kommt von rechts eine bimmelnde Straßenbahn. Die Geräusche
lassen Roth zusammenzucken.
"Alles okay?", tönt es vom Vordersitz.
Roth massiert wieder seinen Nacken: "Was? Jaja." Ganz kurz bekommt er das
Gefühl, eine geplante Fährte zu verfolgen. So schnell wie der Gedanke kommt, ist
er auch wieder verschwunden.
Der Verkehr nimmt etwas zu. Bestimmt fünfzig Minuten dauert die Verfolgungsfahrt
schon. Oder sind es nur zwanzig? Oder zehn?
Direkt hinter der Autobahnbrücke endet Mülheim. Ab hier kann er nichts mehr auf
der Liste seines Gedächtnisses abstreichen. Die Häuser werden weniger. Die
Fahrerin starrt grimmig auf die Fahrbahn: "Soll ich Hilfe anpiepsen?"
"Was?...Nein!!!" Roth spricht viel lauter als sonst: wie immer, wenn er
aufgeregt ist. "Ich dachte nur", flüstert sie, als würde noch jemand zuhören.
Und lächelt etwas dümmlich.
Es ist längst eine Straße, die den Eindruck vermittelt, als wären hier alle
Menschen verlorengegangen. Nirgendwo ist jemand zu sehen. An diesem drückend
heißen Tag. Für einen Moment lässt er sich in das Stoffpolster des Mazda
zurücksinken. Seine verkrampften Hände sind ganz feucht. Und die Beine. Der
Rücken. Der Hintern. Er hat großen Durst und ihm ist kalt.
Die veränderte Atmosphäre ist ein radikaler Temperatursturz in die übernächste
Jahreszeit! In Dünnwald drosselt der Corsa sein Tempo. Biegt an der
Aral-Tankstelle ab. Schilder zeigen nach Altenberg und Odenthal. Sofort ebbt der
Lärm von der B 51 ab.
"Ah. Da will die hin", sagt sie vorsichtig.
Roth hat für Prognosen dieser Art noch nie etwas übrig gehabt. "Kann sein",
antwortet er genervt. Als sei sein Leben ein Kampf gegen das Unglück.
Die naseweise Frau nimmt den Fuß vom Gas zurück und gestattet sich ein Lächeln:
"Haben Sie eine Badehose dabei?" "Was?...Nein", antwortet Roth in einem Ton, als
sei ihm plötzlich alles zuwider. Und die Frau ganz besonders.
Roth reckt sein Gesicht nach vorne, während er nervös mit dem Knie wippt. Ihm
wird langsam angst und bange. Die Straße ist ganz frei. Spätenstens jetzt müßte
sie den Verfolger bemerkt haben schießt ihm durch den Kopf. In seinen
Eingeweiden tobt eine Unruhe, wenn er ihr kastanienbraune Haar sieht. Warum
reagiert sie nicht??? Ihn überkommt das Gefühl drohender Gefahr. Das Blut
schießt ihm in die Wangen.
Manche Menschen können Gefahren wittern. Sie haben einen Instinkt für Gutes und
Böses. Genau wie Tiere. Der Journalist hat diese Fähigkeiten.
Das duo fährt erst links, dann rechts. Hier hockt ein Schild: Zum Waldbad. Roth
sieht es mit zusammengekniffenen Lidern. Verwirrung packt ihn. Unbewusst preßt
er die Handflächen aneinander.
Der Peter-Baum-Weg läuft einen Berg hoch und ist nur noch eine schmale Gasse.
Links und rechts sind Autos geparkt. Die Taxifahrerin schaltet in den zweiten
Gang runter. Kein Verkehr auf der Straße. Nur das friedliche Tuckern eines
Abschleppwagens, der hinter einer Rechtskurve auftaucht. Aber das Tuckern wird
immer lauter. Bedrohlicher! Roth reist die Augen auf, als könne er so etwas
steuern. Nein!!! Der Abschleppwagen rast direkt auf den Corsa zu. Die Fahrerin
stemmt sich auf die Bremsen.
Ihre Hupen ist die pure Hysterie. Zu spät.
Der Abschleppwagen und der Corsa stoßen frontal zusammen.
Die Taxifahrerin reißt das Steuer herum: "Festha..." Jähes Entsetzen beherrscht
ihre Stimme.
Der Mazda rast in den Zaun des Campingplatzes. Hinter Roths Kopf kracht es
wieder. Er reißt die Tür auf, springt aus dem Wagen, stolpert und bringt sich zu
Fall. Steine rollen gegen seine Magenwände. Einen Moment traut er sich nicht,
sich umzudrehen. Dann dröhnt ein Knall dumpf in seinen Ohren. Reflexartig rast
sein Kopf nach hinten. Im Bruchteil einer Sekunde zieht sich sein Herz zusammen.
In der Magengrube krampft sich alles zusammen:
Der Corsa ist explodiert und eine einzige Feuersäule. Der Abschleppwagen schiebt
ihn zur Seite und drischt mit einem Affentempo vorbei.
Roth springt auf. Keuchend wie ein Tier taumelt er zur Straße. Sein Körper
schwankt von einer Seite zur anderen. Der Schweiß rinnt ihm in die Augen und
macht ihn fast blind.
Er fühlt, wie sein Herz gegen die Rippen schlägt.
Und bekommt das Gefühl, dass auch ihm nicht mehr viel Zeit bleibt.
18
Paul Kratzenstein geht über den Flur: seit dem Bekanntwerden seiner Beförderung
anders als früher, fester, energischer. Der Kopf ist eine ganz kleine Spur
erhobener. In der Küche und sucht er unter den bestimmt fünf Maschinen eine aus,
zu der er Vertrauen hat. Dann schüttet er mit dem Meßbecher Wasser in das Gerät
und nimmt statt des Teebeutels sorgfältig fünf Löffel Mocca Auslese aus der
Packung, kippt sie oben rein. So hat es ihm Petra Braun gezeigt. Und seine
Antwort war: "Interessant, interessant. Ich habe in meinem Leben noch nie Kaffee
gemacht." Das stimmte natürlich nicht. Beide lachten trotzdem.
Etwas bedächtig legt er jetzt den Schalter um, hört das Telefon klingeln und
rennt sofort nach nebenan. Aber es bimmelt nicht mehr. Einige Sekunden starrt er
den roten Apparat an, als müsse er ihn beschwören. Aber der Kasten spuckt keinen
Ton mehr aus.
Also setzt Kratzenstein sich an seinen Schreibtisch und schaut gedankenverloren
auf Punkt! vor ihm. In Gedanken erstellt er eine Liste mit Kollegen, die er
gerne mit nach Düsseldorf nehmen möchte. Es fällt ihm nur ein Name ein, der
seiner Sekretärin: Elke Werner. An jedem Morgen schlurft sie mit hängenden
Schultern ins Büro. Auf manche Leute wirkt sie wie eine gelangweilte
Fremdenführerin. Spötter unken sogar, sie könne noch mit 40 als Jungfrau die
Kerzen ausblasen. Kratzenstein weiß es besser. Er kennt ihre stolzen Bewegungen,
ertrinkt in ihrer grenzenlosen Leidenschaft. Aber immer seltener.
Das Telefon reißt ihn aus seinen Träumen. Es ist Petra Braun. Sie meldet sich
aus den Unikliniken: "Hören Sie", fordert sie ihren Chef auf und ist ganz
aufgeregt. "Der Mann aus dem Aufzug hat gestanden, dass er eine Mieterin
vergewaltigen wollte." Kratzenstein beugt sich etwas vor: "Das kommt immer
wieder vor."
"Aber die Frau hat erst auf ihn eingeprügelt, als er schon von ihr abließ.
"Was?"
"Und wissen Sie, wer die Frau war?" tönt es aus dem Hörer.
"Wer?"
"Die Schwirtz. Diese Psychotherapeutin", erklärt Petra Braun.
Es klopft und im gleichen Moment geht die Tür auf. Kratzenstein beendet das
Gespräch: "Das muss ich erst mal verarbeiten."
Franz Keitel kommt mit langsamen Schritten ins Büro, das rechte Bein etwas
nachziehend. Vor vier Monaten ist ihm eine künstliche Hüfte eingesetzt worden.
Keitel sieht aus wie Ende Dreißig, ist aber knapp zehn Jahre älter. Ein bisschen
hat er was von einem Streetworker. Diesen Eindruck pflegt er auch, in dem er
sich ab und zu einen Bart stehenlässt. Um den Hals trägt er eine goldene Kette
mit einem Bären dran. Oberflächlich betrachtet wirkt Keitel wie einer, der sich
heute im Kleiderschrank geirrt hat. Der Träger von Schlabberhemd,
luftdurchlässiger Leinenhose und Zahnpastalächeln ist Jedermanns Liebling.
Hilfsbereit ist er, kann aber nicht delegieren.
"Meine Sekretärin hat mir gesagt, du wolltest mich sprechen. Also, was kann ich
für dich tun?", erkundigt sich der Polizeipsychologe. Kratzenstein runzelt die
Stirn und sieht vor sich hin, als habe er gerade ein stundenlanges Verhör in
einer Zelle im Klingelpütz hinter sich: "Du kennst doch unsere beiden Mordfälle?
Der Mann, der sich berufsmässig für die Motive der Menschen interessiert, zieht
die Brauen zusammen und wischt sich das Gesicht mit der Hand: "Die mit den
abgeschnittenen Brustwarzen, die meinst du doch?"
"Genau die." Kratzenstein wartet, doch Keitel hakt nicht ein. Und es sieht auch
nicht so aus, als werde er es tun. "Meine Nase als Polizist sagt mir, dass wir
auf der Stelle treten."
Franz Keitel neigt den Kopf und lacht leise: "Dafür hast du auch selbst
gesorgt."
Kratzenstein begreift nicht gleich, was gemeint ist. Er schaut fragend sein
Gegenüber an. Seine Lider zucken.
"Dieses Interview, meine ich." Keitels Gesicht ist eine eigenartige Mischung aus
grimmigem Kollegen und neugierigem Bullen.
Kratzenstein hat den Kopf etwas gesenkt, sieht jetzt aus wie jemand, der einen
Schritt überdacht hat und ihn trotzdem nicht bedauert. Er hebt den Kopf und
schüttelt ihn, während er sagt: "Na ja, ein Versuch sollte es wert gewesen
sein." Seine Stimme hat aber einen unsicheren Klang angenommen. Er nimmt den
Hörer ab und will das Nachbarbüro erreichen. Aber Koritzius meldet sich nicht.
Kratzenstein wird ernst: "Der hätte auch was sagen können, wenn er wieder zum
Zahnarzt muss."
Keitel zuckt die Schultern und zieht seinen Stuhl etwas näher an den
Schreibtisch. Der Abstand zwischen ihnen ist gering. "Ich bin mir nicht sicher,
was zum Teufel dieser Artikel eigentlich bezwecken sollte." Sein Ton ist ein
wenig scharf. "Überhaupt kann ich mir nicht vorstellen, dass der Täter durch so
eine lahme Geschichte wirklich provoziert wird." Kratzenstein spürt, wie sich
auf seiner Stirn ein kleiner Schweißfilm bildet. "Ich übertreibe nicht, wenn ich
sage, in dem ganzen Text standen doch nur Binsenweisheiten, die du in jedem
Taschenbuch über Psychologie nachlesen kannst." Keitel bricht ab.
"Wie siehst du die Fälle?" Kratzenstein wirkt müde und enttäuscht.
"In fast allen Fälle von sexuellem Sadismus sind Frauen die Opfer. Noch eine
andere typische Komponente bei Sexualmorden fehlt hier ganz und gar.
Irgendwelche Bissmale." Wenn Franz Keitel redet, bewegen sich Kopf und Hände
kaum. Aber seine Augen sind hellwach. "Mein Bauch sagt mir, dass Dein Täter,
wenn es überhaupt ein Mann ist, es nicht nur aus Leidenschaft getan hat. Frauen
töten meist nicht aus sexuellen Gründen. Bei ihm oder ihr schwingt das Pendel
hin zu eiskalter Berechnung. Wichtig für unsere Arbeit ist immer, dass wir
genauso denken wie der Mörder, aber hier..." Er hält inne, weil er erst nicht
weiß, wie er weiter soll. Schließlich tastet er sich vor: "Und was ergab die
Obduktion?"
Kratzenstein sieht ihn etwas hilflos an. Und es dauert einige Zeit, bis er
antwortet. "Niemand hat sich gewehrt. Nirgendwo unter den Nägeln haben wir
Hautspuren gefunden. Nichts von all dem, was uns helfen könnte."
Einen kleinen Augenblick ist Franz Keitel scheinbar irritiert.
"Wie beurteilst du den Täter?" Kratzenstein legt seine Hände auf die braune
Platte des Schreibtisches und neigt den Kopf in Keitels Richtung.
Der faltet die Hände im Schoss. "Er oder sie lebt sehr isoliert. Wahrscheinlich
neigt die Person dazu, alle Freundschaftsangebote zurückzuweisen", klingt es wie
aus einem Lehrbuch. "Aber was in diesem Hirn vorgeht, ist eine Sache, die ich
noch nicht herausgefunden habe... Vielleicht ist er oder sie als Kind sexuell
missbraucht worden...Vielleicht..."
Kratzenstein versucht, diese Analyse einzuordnen: "Es kann also auch Rache
sein?" In ihm keimt ein ganz anderer Gedanke: "Hast du eigentlich schon mal
davon gehört, dass sich jemand wehrt, weil er nicht vergewaltigt wurde?"
"In irgendwelchen Pornostreifen, ja? Aber nicht in der Wirklichkeit." Der
Psychologe ist von dem überzeugt, was er sagt. Und über die Frage total
irritiert. Er spürt erst jetzt eine klebige Feuchtigkeit unter den Armen. Und
zuckt zusammen.
Das Telefon ist der Störenfried. Diesmal kann Kratzenstein nicht entkommen.
"Kommen Sie sofort nach Dünnwald. Zum Freibad. Schnell!" brüllt Carlheinz Roth
in den Hörer.
"Warum, Herr Roth?" Kratzensteins Stimme hat ihren Klang gewechselt.
Der Reporter sammelt hörbar das Letzte an Konzentration: "Die Schwirtz ist
ermordet worden."
Auf dem Rücken von Paul Kratzenstein bricht der Schweiß aus: "Was? ...Ich
komme." Er notiert sich die Adresse.
Franz Keitel hat alles mitgehört: "Du lieber Gott", sagt er tonlos. Doch das
bekommt Carlheinz Roth nicht mit. Er hat längst aufgelegt.
Kratzenstein hält seine Gedanken für sich.
***
Das Blaulicht eines Krankenwagens rotiert. Polizisten nehmen Namen und Adressen
von Gaffern auf. Die meisten glänzen vor Sonnenöl. Carlheinz Roth lehnt sich an
einen VW-Vectra, der die gleiche Farbe hat wie das Gestrüpp am Rande des
Peter-Baum-Weges. Längst hat er es aufgegeben, sich die Augen zu trocken. Fast
unentwegt starrt er auf die verkohlten Überreste eines Wagens. Zwischendurch
hasten seine Augen für Sekunden zu dicken, fetten Bremsspuren auf dem Asphalt.
Dann kehren sie wieder zu dem Auto zurück. Feuerwehrleute in blauen
Arbeitsklamotten löschen die letzten Glutherde. Roth hält den Kopf gesenkt und
hört sie leise sagen: Wie komme ich nur darauf, dass du dich lange nicht so
wohlfühlst mich zu kennen, wie ich mich freue, dass du hier bist. Seine Gedanken
sind bei den letzten Tagen. Bei der Frau, die ihm so viele Rätsel aufgegeben,
die er verdammt, aber auch oft ersehnt hat. Die Schläge seines Herzens übertönen
das Martinshorn eines Streifenwagens.
Paul Kratzenstein springt aus einem Ford Mondeo. "Da kam jede Hilfe zu spät. Die
Fahndung ist eingeleitet. Aber bis jetzt noch ohne Ergebnis." Ein Polizist redet
auf ihn ein, als hätte er im Kopf bereits sein Protokoll getippt.
Kratzenstein nickt und geht weiter. direkt auf Roth zu: "Schreckliche Sache. Tut
mit leid." Er merkt selbst, wie unzulänglich seine Worte klingen. Seine Augen
ruhen auf der Unfallstelle: "Wissen Sie, was sie hier eigentlich wollte?"
Die Leute um ihn herum sehen so aus, als würden sie auf den kleinsten Vorwand
warten, um sich um die besten Plätze zu prügeln. Denn inzwischen sind die ersten
Reporter von Express, Bild, Punkt! WDR, Radio RPR und RTL eingetroffen. Die
Kommentare für die Mikrofone und Notizblöcke reichen von schrecklicher Unfall
bis hinterhältiger Mord.
Carlheinz Roth schüttelt den Kopf. Schweiß läuft ihm wieder in die Augen: "Keine
Ahnung." Russpartikel treiben vor dem leichten Wind her. Sie sammeln sich in
seinen Haaren.
Ohne Aufforderung schildert er die letzen Stunden. Kratzenstein hält die Augen
geschlossen, während er zuhört. Die Taxifahrerin kommt hinzu: mit einer
Zigarette zwischen blutleeren Lippen. Kommentarlos reicht sie auch Roth eine
selbstgedrehte Drum und geht weiter. Die schweißnasse Hand des Journalisten hat
sie genommen, ohne hinzusehen. Jetzt hält er sich an ihr fest, um sein Zittern
zu unterdrücken. "Der Wagen brannte sofort lichterloh. Der Feuerlöscher konnte
nichts mehr ausrichten." In seinem Kopf bildet sich ein Kloss. "Vielleicht war
es besser so", sagt Kratzenstein und kritzelt etwas in sein Notizbuch. "Ich muss
Sie so bald wie möglich in meinem Büro sehen."
"Wird hier ein Film gedreht?" will eine Piepsstimme hinter ihnen wissen. Ein um
die Augen verquollenes Gesicht bemerkt: "Damit könnten sie recht haben."
"Das war kein Zufall. Das war geplant." In Roths kratziger Stimme ist ein Anflug
von Zorn. Er sieht Kratzenstein voll ins Gesicht.
"Genau in dem Moment, als die Schwirtz um die Kurve fuhr, kam ihr der
Abschleppwagen entgegen. Keine Sekunde zu früh." Dann schweigt er und
Kratzenstein sieht keinen Grund, ihn durch Fragen zum Weiterreden zu bewegen.
"Kommen Sie." Die beiden gehen ein paar Meter, um sich dem Geschwätz zu
entziehen. Plötzlich bleibt Roth stehen und die Augen in dem kalkweißen Gesicht
ruhen auf dem Polizisten: "Ganz ehrlich, glauben Sie an einen Unfall?"
"Ich weiß nicht recht. Keine Ahnung", antwortet Kratzenstein und weiß in diesem
Augenblick, dass er meilenweit von der Wahrheit entfernt ist.
***
Ein paar Minuten stehen Paul Kratzenstein und Carlheinz Roth schweigend
beeinander. Fast versinkt der Journalist wieder in Erinnerungen, doch der
Polizist holt ihn schnell wieder in die Gegenwart zurück: "Da drüben will jemand
was von Ihnen.... Ach, da kommt ja der Koritzius. Was macht der denn hier?
Koritzius wirkt wie jemand, dem man ein Spiel aufgezwungen hat, von dessen
Regeln er noch keine Ahnung hat. Die Gläser seiner Brille funkeln in der Sonne.
"Ich war zufällig in Mülheim. Da habe ich das großaufgebot von Kollegen
vorbeirasen sehen und bin einfach hinterher", erklärt Koritzius, ohne dass ihn
jemand danach gefragt hat. "Die Kollegen haben bereits eine Meldung gekriegt,
dass der Abschleppwagen gestohlen wurde und gerade leer in Buchheim aufgefunden
wurde", erklärt er weiter. "Der wird jetzt nach Fingerbdrücken untersucht. Ich
möchte wetten, dass keine gefunden werden", lamentiert er.
Kratzenstein seufzt. Roth preßt die Lippen zusammen, löst sich von den beiden
und geht gedankenverloren auf Heinz Rothermund zu, der einige Fotos gemacht hat.
Auch ihm brennt etwas anderes auf der Seele. "Schöne Scheiße!" seufzt er. Seine
Stimme schwankt ein wenig. "Vorhin ist eine Meldung über den Ticker gelaufen,
dass Bremen am 1. Oktober unsere Redaktion dichtmacht." Roths Gesicht verrät
keine große Überraschung. Nur halb bekommt er die Fassungslosigkeit seines
Kollegen mit: "Das kann ich nicht verstehen, wo die mir doch was anderes gesagt
haben. Aber vielleicht war das alles nur ein Aufflackern vor dem Aus...Hey, wo
wollen Sie denn hin?"
"Nach Hause", antwortet Roth und ergänzt in Gedanken: Da wartet der Frust auf
mich. Er scheint auf alles vorbereitet zu sein.
Bloß nicht auf das, was ihn erwartet.
***
In der Taxe will ein Mann mit milchweißer Haut dem Fahrgast ein Gespräch
aufzwingen: "Schrecklich, was da passiert ist. Wissen Sie, was da genau gelaufen
ist?" Doch der Fahrer ist dem von Depressionen geplagten Journalisten keine
Antwort wert.
Am Hohenstaufenpark steigt Roth aus und geht mit zögernden Schritten über die
Straße zu seiner Wohnung hin. Das milde Licht der Abendsonne durchflutet den
Ring.
In Carlheinz Roth ist tiefe Traurigkeit. Sein Gesicht ist blass, die Lippen
blutleer. Er krallt sich an einer Marlboro fest und sortiert seine Erinnerungen:
Sie war die Einzige, die Meuschel und Weiß so gut kannte, wie nur wenige... Es
gibt doch noch eine Gerechtigkeit. Er verwirft den Gedanken. Der Sex im
Stadtwald... Der Gang über den Ring...Die Flucht aus dem Hotel. Er hat Tränen in
den Augen, während er in seiner Wohnung eine CD auflegt: Black Pearl von den
Checkmates. Ihr Lieblingslied reißt wieder die Bilder aus dem dunkel seines
Kurzzeitgedächtnissen: Stadtwald...Ring...Hotel... Roth scheint seine
Selbstverpflichtung zum positiven Denken total verloren zu haben:
Scheißescheißescheiße!
Er hört nicht das Quietschen einer Tür und die Schritte auf dem Flur. Plötzlich
spürt er einen leichten Luftzug im Nacken und dreht sich um: Sein Herz bleibt
stehen, als er in eiskalte Augen und eine Pistolenmündung blickt. Seine Augen
weiten sich in dem Moment des Entsetzens. In seiner Kehle bildet sich ein
Schrei. Aber er kann nicht entweichen. Bewegungslos sitzt er da. Dann hebt er
instinktiv beide Arme und stammelt: "Du?"
"Gibt's was Neues?", fragt eine Stimme mit einer solchen Selbstverständlichkeit,
als würde sie aus einem Roman von John Grisham, John le Carré oder Johannes
Mario Simmel vorlesen.
19
Nach einer Stunde weiß Paul Kratzenstein nicht mehr, was er noch am Tatort soll.
Die Spurensicherung hat längst ihre Arbeit aufgenommen. Von der Frau am Steuer
ist nur noch eine verkohlte Leiche übrig geblieben, die am Straßenrand liegt,
abgedeckt von einer braunen Decke.
"Fahren Sie zurück ins Präsidium?", will Hans-Werner Koritzius von ihm wissen.
Kratzenstein schaut ihn nachdenklich an: "Ja, aber erst muss ich noch etwas in
der Stadt erledigen", sagt er vieldeutig.
Sein Ziel ist ein Bürohaus am Zülpicher Platz. Im Flur schwirren einige Töchter
der Neuzeit mit Disketten in der Hand hin und her. Er versucht ein Lächeln.
Vor der Praxistür von Regine Schwirtz erwartet ihn ein schmächtiges Kerlchen:
"Haben Sie auch einen Termin hier? Verstehe nicht, dass die Frau Doktor nicht da
ist. Da ist nur ihre Sekretärin drin, die überhaupt keinen Bescheid weiß",
klingt es aufgeregt.
Paul Kratzenstein drückt auf die Klingel. Eine Frau mit tizianrotem Haar
erscheint: "Haben Sie einen Termin?" Der Polizist verneint und zeigt seinen
Ausweis. Die Frau schaut ihn unverwandt an: "Und was wollen Sie?"
"Kann ich einen Moment reinkommen?"
Sie lächelt gezwungen: "Muss ich das tun?"
Kratzenstein sieht sie an, ohne zu lächeln: "Sie müssen nicht. Aber es wäre
besser für Sie. Wer sind Sie überhaupt? Wo ist Frau Dr. Schwirtz?"
"Ich bin Heike Walter. Wo die Frau Doktor ist? Keine Ahnung. Vorhin hat ihre
Freundin die Schüssel geholt, um den Wagen wegzubringen...Warum ich das nicht
machen durfte?", fragt sich die Rothaarige und macht einen Schritt zur Seite,
damit die hagere Gestalt eintreten kann. Kratzenstein sagt nichts dazu, sieht
sich kurz im Flur um. Die Tür direkt vor ihm steht offen. Es ist die vom
Sekretariat. Er geht hinein. Schon wieder klingelt es an der Flurtür. "Ich bin
gleich wieder da", verspricht die Frau und verschwindet.
Kratzenstein lehnt sich an den Schreibtisch, überlegt einen kurzen Augenblick.
Dann öffnet er den grauen Karteischrank und blättert hastig die Karten aus Pappe
durch: M...Meuschel. Er zuckt etwas zusammen, hat keine Ahnung, was das soll.
Verwundert schaut er weiter. Als er auch die Karte von Weiß sieht, kommt ihm ein
Gedanke. Ein Schatten huscht über sein Gesicht. Sofort spürt er das Rasen seines
Herzens. Eine Ahnung hängt in der Luft.
Normalerweise hat er für übereilte Entscheidungen nichts übrig. Er greift zum
Telefon und ruft ein paar 100 Meter weiter an. Dabei trommelt er gegen den
Toshiba-Laptop. Tüt...Tüt...Tüt...Niemand meldet sich.
"Was suchen Sie da?" Die Rothaarige ist hinter ihm, richtet den angenagten
Kugelschreiber auf ihn.
Kratzenstein zuckt zusammen: "Was? ...Ich habe schon gefunden, was ich gesucht
habe."
20
Mit der einen Hand umklammert die hochgewachsene Frau die Lehne eines Stuhls, in
der anderen hält sie eine Pistole. "Los, los, was gibt's Neues?" Sie ist grell
geschminkt und hat etwas Herausforderndes an sich. Aus ihrem Blick spricht so
etwas wie absoluter Wahnsinn.
Carlheinz Roth starrt sie an. Er kann sich keinen Reim auf die letzten Stunden
machen: "Aber ich dachte,..."
"Dass ich tot bin?" lacht sie gequält.
Roth spürt Alkohol in ihrem Atem. Er schaut ängstlich zur Tür. Dann will er
aufstehen. Doch Regine Schwirtz, die seinem Blick gefolgt ist, stellt sich
sofort in den Weg: "Diesmal kannst du nicht abhauen!" Sie lacht das Lachen einer
Irren: "Ich tot? Das habe ich nur eingefädelt, um dich ein wenig zu schocken.
Hast du wirklich geglaubt, ich sässe im Corsa? Ha. Ich habe den Abschleppwagen
gefahren. Ha." Er lässt seine Schultern hängen.
Er braucht einige Sekunden, um alles zu verkraften. Mit einem Ruck sitzt er
wieder kerzengerade da: "Aber...Wer ist die Leiche?"
Ihre Blick gleitet über seine roten Sofas. Dabei atmet sie scharf ein und tut
so, als wäre ihr nichts so gleichgültig wie der Mord. "Eine Bekannte von mir.
Mechthild Orden heißt sie. Auch so eine Schnüfflerin. Zum Glück nicht von der
Polizei, aber trotzdem..." bricht sie ab, lacht wieder und gesteht weiter: "Die
habe ich angerufen und sie gebeten, mir meinen Wagen zu bringen. Ha."
Der Reporter zögert einen Augenblick. "Darf ich dich noch was fragen?", hustet
er hoffnungsvoll, wegen des zu erwartenden Zeitschindens. Seine Gedanken rasen
von einem Bekannten zum anderen: Niemand wird ihn jetzt vermissen...Niemand wird
sich zeigen. Niemand vorbeikommen.
Ihre Augenbrauen sind hochgezogen. "Warum?" fragt sie überrascht, aber
keineswegs ärgerlich. Mit einem Schuh stößt sie die Zimmertür zu: "Ich habe
nicht viel Zeit. Wir wollen ..".
"Wir?"
Ihr Blick wird fahrig: "Das ist mein Problem. Oder kannst du dir nicht
vorstellen, dass mir jemand geholfen hat?"
Sofort schüttelt er den Kopf. Roths intelligentes Gesicht zeigt, dass er
angestrengt versucht, eine passende Frage zu finden. Vergeblich. Der Reporter
kehrt zu seiner naiven Rolle zurück: "Doch...Wer war es?"
Ihre linke Hand liegt nicht mehr auf dem Stuhl, sie ist zu einer Faust geballt:
"Mir hat niemand geholfen. Ich bin doch nicht so ein Waschlappen wie du!
"Ich ein Waschlappen?" Roth lächelt, fühlt sich aber in ihrer Gegenwart
überhaupt nicht wohl.
"Ja, du bist ein Waschlappen!" donnert sie gegen sein Trommelfell. "Du hast mir
im Hotel den Laufpass gegeben. Aus Angst vor Abhängkeiten, Enttäuschungen und
Wahrheiten. Aber, mein Lieber, so einfach geht das nicht. Mir einfach alle
Schuld geben, mit diesem Taschenspielertrick kannst du nicht Deine eigenen
Schuldgefühle besänftigen."
Ein zaghaftes Nicken ist seine Reaktion, obwohl er keine Ahnung hat, was sie
genau meint. Aber er findet einen Rettungsanker. "Der Meuschel und der Weiß.
Hast du die auch umgebracht?"
Regine Schwirtz ist sichtlich enttäuscht. "Meinst du, die haben sich selbst
...?"
"Aber warum, zum Teufel, Regine, warum?" Er fürchtet, sie kann seinen Herzschlag
hören.
Die Antwort kommt mit fester Stimme: "Der Meuschel war mein Patient. Weil er M
war", erklärt sie, was aber nur für sie wichtig ist.
Die muss behandelt werden. Sofort lässt er den Gedanken fallen. Die muss büßen!
"M?"
"Ja, Masochist. Ich kann diese Typen nicht außtehen. Die sind doch die total
verlogenen Sadisten. Sie treiben mich zur Raserei."
Roth zittert leicht. Ihm ist so kalt, dass er aufstehen möchte, um sich eine
Jacke zu holen. Aber er versucht es nicht. Weil er weiß, dass es nicht die
Temperaturen sind, die ihm zu schaffen machen. Seine Wohnung würde so kalt wie
ein Grab bleiben. Absolute Psychokacke, geht ihm durch den Kopf, während er
mühsam ein "Warum?" hervorbringt und fragend zu ihr hinübersieht.
Regine Schwirtz atmet tief durch. "Sie zwingen die anderen Menschen, genau das
zu tun, was sie wollen. Das ist wahrer Sadismus. Solltest du eigentlich wissen."
Ihr um Verständnis ringender Blick hängt an ihm.
Ziemlich fassungslos schaut Roth sie an. Immer mehr spürt er, dass er überhaupt
nicht an sie herankommt und nur Phrasen hört. Für einen Moment weiß er nicht,
was er sagen soll. Er möchte gerne den Mordgedanken zur Seite legen. Doch sofort
ist er wieder da. Manche Gedanken haben Magneten: "Den Meuschel, den hast du im
Hotel ermordet?"
Das Telefon klingelt und sie blickt hoch: "Nicht drangehen!" Dann tut sie wieder
so, als ginge sie das nichts an. "Ja...Er hatte einen Termin bei mir." Er wollte
nur mit Worten Grenzen überschreiten." Sie lächelt etwas. "Aber ich spürte keine
Lust auf Gespräche. Zum Glück rief er noch mal an und wollte auf meinem
Anrufbeantworter den Termin bestätigen. Da habe ich mich getraut, einfach
abgenommen und ihm gesagt, ich würde zu ihm ins Hotel kommen..."
"...Ins Holiday Inn." Roth wirft ihr einen irritierten Blick zu.
Mit einem Mal sieht sie durch ihn hindurch, hängt ihren Erinnerungen nach.
"Nein." Ihre Stimme klingt leicht hysterisch. "Dort war er nicht abgestiegen.
Aber in seinem Hotel kannte ich mich nicht so gut aus. Da habe ich ihm einen
Vorschlag gemacht und er ist sofort umgezogen. Im Holiday Inn habe ich ihm erst
das geboten, wonach er sich sehnte. Aber dann wollte ich auch was davon
haben..."
"...du wolltest auch was davon haben?" Er wiederholt alles wie ein Papagei, als
könne er sich nichts "unter was davon haben" vorstellen. Sein Blick flackert im
Raum herum. "Und er hat nicht mitgespielt?"
Sie sieht ihn direkt an: "Dieses Schwein! Dieses Schwein war nicht bereit, S zu
sein. Und mir zu geben, was ich brauche", klingt es bitter.
"Warum hast du die Leiche ans Mülheimer Rheinufer geschafft?"
"Um die Polizei in die Irre zu führen."
"Wie Deinen Mann?" Roth schaut gleichgültig auf das Gesicht, das vor Wut rot
anläuft.
Sie reißt die Augen auf. Funkelt ihn böse an. "Mein Mann? Was weißt du von ihm?"
Roth unterdrückt ein Lächeln. "Ja, ich habe mit ihm gesprochen." Zum Glück,
ergänzt er in Gedanken.
"Bei dem habe ich mich verguckt. Der wollte nichts anderes als Blümchensex. Am
Anfang habe ich mitgespielt. Und er dachte wohl, das ist alles, was passieren
kann. Aber dann habe ich ihm eine andere Welt gezeigt. Das hat der gar nicht
richtig geschallt. Und wollte nur weg von mir...Hinterher konnte ich lange Zeit
nicht mehr das tun, was für mich am besten ist." Sie preßt die Lippen zusammen.
"Und was war mit Axel Weiß?" Roth sieht, dass das Gesicht seiner Geliebten einen
inneren Kampf widerspiegelt: Genugtuung wetteifert mit Panik.
Regine Schwirtz runzelt die Stirn: "Der war wegen der gleichen Sache bei mir in
Behandlung. Erst haben wir nur miteinander geredet. Dann haben wir es auch
miteinander gemacht." Ihr Augen bekommen für einen Moment einen warmen Glanz.
Sie scheint sich in ihre Gedanken zu stürzen.
"Aber er wollte keinen Rollentausch?" Von ferne grummelt es. Die ersten
Regentropfen streicheln träge die Scheibe. Ein nahendes Unwetter ist die
passende Kulisse.
"Wollte er nicht. Darum musste er sterben...Dass du ihn finden durftest, hast du
mir und dem Polizeifunk zu verdanken. Mir!" Regine Schwirtz lässt sich viel Zeit
für den nächsten Satz: "Aber bei dem kam noch etwas anderes hinzu", klingt es
plötzlich kleinlaut.
"Und was?" fragt er und spürt, dass sie drauf und dran ist, auszupacken. Kühle
Luft dringt durch das offene Fenster in das Zimmer.
"Dieser Waschlappen wollte mich erpressen. Ha. Er hat vermutet, dass ich den
Meuschel umgebracht habe. Nie hätte er verstanden, dass der Meuschel es verdient
hat....Ich dachte mir, wenn ich ihn auch so zurichte, wird die Sache
rätselhafter."
Und ich wäre das nächste Opfer gewesen, analysiert er. Sagt aber etwas ganz
anderes: "Und darum auch dieses Interview."
Die Ärztin fuchtelt mit der Pistole in der Luft herum, als wolle sie alle
Erinnerungen vertreiben. "Aber du bist nicht darauf reingefallen." Roth versucht
bescheiden zu grinsen. Sie reagiert nicht darauf. Ihr Vorrat an Geduld scheint
aufgebraucht zu sein. "Das reicht!" entscheidet sie und sieht ihn total
entschlossen an.
Der Reporter blickt sie an: "Regine, ich will die Wahrheit..."
"Was willst du damit?" fragt sie mit Schärfe. "Deine Wahrheit ist nicht alles,
oder? Das hier ist eine große Sache!...Warum bist du eigentlich Journalist
geworden? Wahrscheinlich weil du zu feige warst, um zu den Bullen zu gehen! Ha."
Sie scheint noch etwas sagen, zu wollen, überlegt es sich dann aber anders.
Roth sieht in ihr Gesicht. Sein zuverlässiges Lächeln ist längst in sich
zusammengefallen. Für einen Augenblick denkt er, in ihren Augen eine gewisse
Erleichterung zu erkennen. Sie tut ihm sogar leid. "Regine! Stelle dich! du bist
krank."
"Schnauze!!!" tobt sie, ohne Roth einen Blick zu gönnen. "Das ist...mein
Problem."
Carlheinz Roth beißt sich auf die Unterlippe.
Er hat ein größeres.
21
Paul Kratzenstein rennt aus dem Haus zum Zülpicher Platz. Er biegt links ab und
läuft über die Straße. Weiter in Richtung Rudolfplatz. Er muss sich durch einen
Wust von Leuten wälzen, die gerade aus einer Bahn klettern. Eine innere Stimme
sagt ihm, dass Carlheinz Roth in großer Gefahr ist. Sein Blick fällt nach oben:
Die Sonne versteckt sich hinter einer dicken Wolkenbank.
Der Hohenstaufenring ist zu beiden Seiten von Geschäften übersät. In allen
herrscht Hochbetrieb. Trotz der Hitze. Oder vielleicht wegen der Hitze. Denn die
meisten Läden leisten sich den Luxus einer Klimaanlage. Kratzenstein sehnt sich
nach einem kühlen Luftzug. Er hat Sterne vor den Augen. Sich selbst gegenüber
entschuldigt er das mit seinem Streß. Kratzenstein schüttelt den Kopf, um jedes
Schuldbewusstsein zu vertreiben.
Doch die Anstrengung bringt ihn noch weiter ins Schwitzen. Vor BielenbergModen
spürt er Stiche in der linken Brust. Seine Hände und sein Gesicht sind
schneeweiß. Er stößt fast gegen eine Mülltonne. Eine Frau mit einer
titanberänderten Halbbrille springt zur Seite. Kratzenstein schaut ihr gerade in
die Augen. Weiter! Weiter! Weiter! schreit er in sich hinein. Und beugt sich ein
wenig vor, meint, so noch schneller laufen zu können. Am Hotel Esplanade torkelt
er leicht. Kratzenstein hat auch einen Krampf in der Wade. Er lehnt sich einen
Moment an das heiße Fensterglas, nimmt die Metallbrille ab und schließt die
Augen. Sofort sieht er Franz Keitel vor sich und hört ihn sagen: Mein Bauch sagt
mit, dass Dein Täter, wenn es überhaupt ein Mann ist, es nicht nur aus
Leidenschaft getan hat. Ein Gefühl übermannt ihn. Wut. Er rappelt sich wieder
auf. Das Adrenalin treibt ihn:
Weiter! Weiter! Weiter!
Während er über die Kreuzung mit der Schaevenstraße rennt, steigt seine
Anspannung noch. Er nimmt das Schlimmste an und will es verhindern. Dabei
berührt er die Pistole im Halfter unter seinem Leinensakko. Und krallt erbittert
die Faust auf der Brust. In seinen Ohren tönen wieder die Worte: Wenn es
überhaupt ein Mann ist... Kratzenstein konzentriert alle Energie und Willenkraft
darauf, noch schneller zu laufen. Sein Überlebensinstinkt funktioniert.
Weiter! Weiter! Weiter!
Vor Bang & Olufsen wedelt ein Hund mit dem Schwanz und springt im Kreis um ihn
herum. Kratzenstein brüllt: "Weg da!!!" Sofort gehorcht der Kläffer.
Der Puls des Polizisten wird immer schneller. Er kämpft gegen eine aufsteigende
Übelkeit an.
Nach zwei Minuten ist er am Café Wahlen. Eine Frau mittleren Alters, die schon
ihre Haare zu einem Zopf zusammengebunden hat, kommt gerade aus dem Hausflur.
Paul Kratzenstein rempelt sie fast um. Keuchend springt er die ersten Treppen
hoch. Ein Moment des Schwindelns lässt ihn ruhen. Nach drei kräftigen Atemzügen
ist er vorüber. Auch jetzt sagt er sich wieder, dass Roth aufpassen wird. Aber
er kann sich nicht richtig davon überzeugen. Dann hangelt er sich zum nächsten
Stock. Und spürt wieder die Welle der Schwäche. Aber schnell kann er sich dazu
zwingen, sie zu bewältigen.
Weiter! Weiter! Weiter!
Der ganze Flur stinkt nach Bohnerwachs und Angstschweiß. Ab dem vierten Stock
setzt er bedächtig einen Fuß vor den anderen. Kratzenstein beherrscht sein
Aufgeben.
Endlich ist er oben. Da ist die Tür von Roths Wohnung. Nichts ist zu hören.
Kratzenstein zieht seine Pistole, entsichert sie und schießt das Schloss kaputt.
Sofort springt die Tür auf. Sie führt in einen länglichen Flur, von dem wieder
sechs Türen abgehen. Nur eine ist angelehnt. Von dort kommt ihm ein "Schnauze!"
entgegen. Kratzenstein stößt die Tür auf, hält seine Pistole im Anschlag und
brüllt: "Polizei!!! Waffe weg!"
Eine völlig verstörte Frau dreht sich um. Entsetzten flattert in ihren Augen. Im
ersten Moment weiß sie nicht, was los ist. Keinen Laut kann sie von sich geben.
Kratzenstein wirft einen prüfenden Blick auf ihre Waffe. Sie ist alt und noch
gesichert. Könnte sie damit umgehen, hätte sie sie schon längst benutzt.
Regine Schwirtz nestelt an der Sicherung ihrer Pistole. Geistesgegenwärtig packt
Roth sie an den Schultern und stößt sie gegen die Bücherwand. Ihr Kopf schlägt
polternd gegen das Holz. Regine Schwirtz sackt zusammen. Kratzenstein hat seine
Pistole noch immer in der Hand. Ihre ist auf den Boden gefallen. Roth kickt sie
unter das Sofa.
Kratzenstein hechtet auf die Frau zu. Preßt ihren Körper auf den Boden, drückt
seine Beine auf ihre Arme: "Es ist vorbei." Dann steht er auf, hält ihr seine
Waffe an den Kopf: "Auf den Rücken legen! Die Hände nach hinten." Sie gehorcht.
Im gleichen Moment legen sich Handschellen um ihre Gelenke. Sie macht den
Eindruck, als ob sie darauf gewartet hat.
Kratzenstein spürt das Aufbäumen seines Körpers gegen das Aus.
Der Polizist und der Journalist schauen sich für einen Moment in die Augen.
Schließlich reibt sich Kratzenstein die Schläfen: "Ich habe gerade schon
befürchtet, Sie würden mir Danke sagen." Roth lehnt sich zitternd an seinen
Glasschrank. Er sieht eine schlaffe, faltige Haut, die ihm sonst noch nie
aufgefallen ist. Er denkt sich nichts dabei. "Wie sind sie darauf gekommen, dass
die Schwirtz hier ist?"
Kratzenstein bewegt sich langsam einen Meter vor und spricht noch langsamer:
"Sie ist in einen merkwürdigen Mordversuch verwickelt. Seit dem Gespräche mit
unserem Psychologen ist mein Verdacht gegen sie noch weiter gewachsen. Aber ich
konnte nichts beweisen." Er beobachtet sie aus den Augenwinkeln, bereit, sich
bei dem kleinsten Fluchtversuch auf sie zu stürzen. "Vorhin habe ich bei ihr die
Karteikarten von Meuschel und Weiß gefunden, die Sie geklaut haben. Plötzlich
waren sie wieder da. Da habe ich mir erst gedacht, jemand hat sie wieder
ausgefüllt. Vielleicht die Sekretärin. Nein, aber dann fiel mir ein. Jemand, der
alle Diagnosen genau kennt, kann das nur sein. Nicht die Sekretärin. Jemand
wollte auf jedem Fall verhindern, dass wir einen direkten Zusammenhang zwischen
den Toten sehen. Und dieses Interesse kann nur einer haben. Sie", sagt er und
deutet auf die Frau mit den schwarzen Rändern unter den Augen.
"Aber woher wusste sie, dass die Karten verschwunden waren?" Roth beobachtet
Regine Schwirtz aus den Augenwinkeln. Sie kauert auf dem Boden. Nimmt auch das
ausdruckslos entgegen. Er hat es aufgegeben, ihr Fragen zu stellen. Denn mit den
meisten Antworten könnte er nichts anfangen.
Kratzenstein erwidert den Blick mit bestimmendem Lächeln. Sein Intellekt
arbeitet auf Hochtouren. "Das hat ihr jemand gesteckt, der Bescheid wusste. Mit
wem haben Sie darüber gesprochen? außer mit Koritzius?"
Roth legt seine Erinnerungen frei: "Nur mit Koritzius... Aber ist der ein
Mörder?"
Kratzenstein schüttelt den Kopf: "Nein! Aber er hat von den Mordplänen gewusst."
Regine Schwirtz preßt die Lippen zusammen und hört: "Koritzius hat sich immer
mehr von seinen Gefühlen abgenabelt. Vielleicht wollte er auch so ein Romanheld
sein wie der Marlowe. So cool. Das haute nicht ganz hin. Beim Autofahrer hatte
er Gefühle. große Ängste. Das wusste seine Psychotherapeutin. Und jetzt wurde er
von seiner Frau verlassen und hat es ihr gesagt. Völlig verzweifelt. Und da
gestand er auch plötzlich alle seine heimlichen Sehnsüchte. Sie ist ein
SeelenProfi und hat blitzschnell alles richtig eingeordnet. Sie wollte ihn zu
ihrem Werkzeug machen. Er sollte bei dem Mord in Dünnwald den Abschleppwagen
steuern. Der war genau an einer Stelle geparkt, von der man die Straße
überblicken konnte. Aber die Angst vor Autofahrten im Regen hat Koritzius davor
bewahrt, selbst mitzumachen. So fuhr er erst zum Freibad, als die Sonne wieder
schien und alles vorbei war. Da konnte er nichts mehr verhindern. Koritzius hat
mir alles gestanden. Auf ihn kommt jetzt einiges zu. Zunächst einmal braucht er
jetzt unbedingt eine Behandlung. Aber eine seriöse." Die Psychotante zuckt
resignierend die Schultern. "Stimmt doch?" fragt Kratzenstein. "Ja ." Ihre
Stimme ist total ausdruckslos.
So weit, so gut.
"Da frage ich mich, was eigentlich die Sache mit Pik7 sollte?" Roth steckt sich
eine Marlboro an. Kratzenstein nimmt sich auch eine, trotz des
AberSierauchendoch nichtmehrBlicks.
Der Polizist macht ein paar tiefe Züge. "Gar nichts. Das ist eine ganz andere
..." würgt Kratzenstein hervor, fasst sich an sein Herz und ringt nach Atem. Am
ganzen Körper ist ihm der Schweiß ausgebrochen. Ein Zittern jagt durch Arme und
Beine. Roth ist wie gelähmt, sieht Kratzenstein beide Hände gegen die Brust
pressen und zusammenbrechen. Die Zigarette fällt auf den braunen Teppichboden.
Augenblicke später will sich der Detektiv noch einmal aufrichten, aber er sinkt
nach wenigen Zentimetern sofort zurück. Und krümmt sich zusammen.
Regine Schwirtz dreht sich um. Roth beugt sich über ihn, fühlt den Puls und
runzelt die Brauen.
Dabei lächelt die Psychotante wie jemand, der feststellt, dass sich alle
Erwartungen erfüllt haben.